Symposium
DONNERSTAG, 1. Oktober, 14-18 Uhr
14:00 Uhr: Eröffnung des Symposiums und der Ausstellung "Albert in Frankfurt" mit Fotos von Hermann Wygoda
14:30 Uhr: "Die Posaune des Jazz"
Zur Eröffnung des Symposiums zeigen wir Ausschnitte aus dem Film von Thorsten Jeß und Bruno Paulot.
15:00 Uhr: Wolfgang Sandner (Frankfurt/Main)
Ein Prototyp und Sonderfall: Albert Mangelsdorff, Jazzmusiker in Deutschland
Die Frage lautet: Müssen Genies arbeiten? Die Antwort lautet: Ja, wenn sie aus Deutschland kommen. Albert Mangelsdorff war ein bodenständiger Künstler. Auch so konnte er zu internationaler Größe finden.
Wolfgang Sandner (geb. 1942) war bis 2007 Musikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die er weiterhin als Autor tätig ist. Von 2002 bis 2008 war er Professor für Musikkritik an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt. Seitdem lehrt er an der Universität Marburg Aufführungsanalyse. Sein Arbeitsschwerpunkt bildet die Musik des 19., 20. und 21. Jahrhunderts, mit besonderem Gewicht auf populäre und grenzüberschreitende Kunstformen.
16:00 Uhr: Rüdiger Ritter (Berlin)
Krzysztof Komeda – der polnische Albert Mangelsdorff?
Bereits beim "Urknall" des modernen polnischen Jazz, nämlich dem Zweiten Internationalen Jazz-Festival im polnischen Sopot (14. – 21. Juli 1957), begegneten sie sich – der deutsche Jazz-Posaunist Albert Mangelsdorff und der polnische Jazz-Pianist Krzysztof Komeda. Beide nahmen in den Jazz-Szenen ihrer Länder eine Schlüsselstellung ein. Wenn Mangelsdorffs "Tension" aus dem Jahre 1963 einen wichtigen Meilenstein bei der Emanzipierung einer eigenständigen europäischen Jazz-Stilistik markiert, so spielt Komedas Platte "Astigmatic" von 1965 eine ganz ähnliche Rolle im polnischen Jazz. Ebenso wie Mangelsdorff durch seine Kombination von künstlerischer Freiheit und Innovationsfreudigkeit tonangebend wurde, so wurde auch Komeda durch diese Eigenschaften zu einer Gründungsfigur der polnischen Jazz-Szene. Ihre eigentliche Bedeutung erhielten die Innovationen beider Musiker aber erst dadurch, dass sie sofort zu einer Verflechtung der je eigenen nationalen Szenen mit der internationalen Jazz-Community führten – symbolisiert etwa durch das Auftreten Mangelsdorffs auf dem Newport Jazz Festival einerseits und durch die Etablierung des Warschauer Jazz Jamboree andererseits (unter maßgeblicher Beteiligung Komedas).
Rüdiger Ritter (geb. 1966) ist Historiker und Musikwissenschaftler. Nach dem Studium in Mainz, Köln, Dijon, Wolgograd und Krakau promovierte er über "Musik für die Nation. Der polnische Komponist Stanisław Moniuszko (1819-1872) in der polnischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert". Er wirkte mit an den Forschungsprojekten "Deutsch-russische Fremdenbilder" (Leitung: Lew Kopelew, Köln/Wuppertal), "Kollektive Identität und Geschichte in Belarus, Polen, Litauen und der Ukraine" (Leitung: Zdzisław Krasnodębski, Bremen) sowie am Forschungsprojekt "Amerikaner in Bremerhaven" am Museum der 50er Jahre Bremerhaven (Leitung: Kerstin v. Freytag Löringhoff). Derzeit ist er als Koordinator des Projekts "Widerständigkeit durch Kulturtransfer. Jazz im 'Ostblock’" tätig (Leitung: Gertrud Pickhan, FU Berlin), wirkt außerdem als Chorleiter und Organist an St. Dionys, Bremerhaven.
17:00 Uhr: René Grohnert (Essen)
Bilder zur Musik. Jazzplakate zwischen Ankündigung und Erinnerung
Das Jazzplakat war von Anfang an ein spezielles Medium – zu spezieller Musik. Die Entwürfe dieser Blätter wurden oft von "Überzeugungstätern" übernommen, von Gestaltern also, die selbst der Musik, speziell der Jazzmusik, sehr nahe waren. So entstanden besondere Plakate, die mit besonderem Verständnis die Zielgruppe der Jazzfans – sozusagen in ihrer eigenen Sprache – zu überraschen wussten. So entstanden die Bilder zur Musik. Diese Plakate haben sich zwischen Ankündigung und Erinnerung bei wichtigen Jazzereignissen etabliert. Die Plakate lassen das Konzert bereits auf der Straße beginnen und noch lange nicht enden, wenn die Plakate ihren Weg als Erinnerungsstücke in die Zimmer der Jazzenthusiasten gefunden haben. An Beispielen aus dem Plakatwerk von Günther Kieser und Niklaus Troxler wird die Bandbreite der gestalterischen Möglichkeiten vorgestellt – der eine oder andere Seitenblick ordnet die gestalterische Qualität in die allgemeine Plakatentwicklung ein.
René Grohnert (geb. 1956) sudierte Museologie in Leipzig und Kunstgeschichte in Halle a.d. Saale, arbeitete als Kurator der Plakatsammlung am Museum für Deutsche Geschichte / Deutsches Historisches Museum in Berlin und war Mitbegründer des Verlags PlakatKonzepte in Hannover. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift PlakatJournal und seit 2005 Leiter des Deutschen Plakat Museums in Essen.
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FREITAG, 2. Oktober, 10-18 Uhr
10:00 Uhr: Wolfram Knauer (Darmstadt)
Es sungen drei Engel. Zum Umgang von Jazzmusikern mit deutscher Musiktradition
Die Emanzipation des deutschen Jazz in den 60er Jahren ging einher mit der Folkbewegung, in der die Jugendlichen jener Zeit sich auf eine Art romantischer Suche nach ideologiefreier Authentizität machten. Während Jazzmusiker anderer Länder in den späten 60er und 70er Jahren auch die eigene volksmusikalische Tradition als Grundlage von oder Klangfarbe für musikalische Projekte nutzten, hielten sich deutsche Musiker über lange Jahre eher fern von deutscher Folklore – teils weil diese einst durch die Nazis vereinnahmt worden waren, teils, weil eine volkstümliche Schlagerindustrie sie für ihre Zwecke ausschlachtete. Albert Mangelsdorff verneigte sich vor allem mit seiner Version von "Es sungen drei Engel" vor dem deutschen Volksliedrepertoire. Aber auch anderswo scheint in der Liedhaftigkeit seiner Melodik eine bewusste oder unbewusste Auseinandersetzung mit dem Volkslied durch. Neben Mangelsdorff verweist der Beitrag auf andere Musiker, die sich der deutschen musikalischen Vergangenheit als Inspiration einer wie auch immer gebrochenen Identitätssuche annahmen, Georg Gräwe etwa, Uli Gumpert oder das Zentralquartett.
Wolfram Knauer (geb. 1958) leitet seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt, lehrte daneben an mehreren deutschen Hochschulen und Universitäten. Er ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung und im Herausgebergremium der internationalen Fachzeitschrift Jazz Perspectives. Knauer ist Autor etlicher wissenschaftlicher Beiträge in Büchern und Fachzeitschriften und lehrte 2008 als Louis Armstrong Professor of Jazz Studies an der Columbia University in New York.
11:00 Uhr: Martin Pfleiderer (Weimar)
Singin' the Blues. Vokale Expressivität im instrumentalen Jazz
Für den expressiv-emotionalen Gehalt einer Jazzaufführung sind nicht nur die gespielten Melodien und Rhythmen wichtig, sondern ebenso die individuelle Klanggestaltung des jeweiligen Musikers. Durch den expressiven "Sound" eines Musikers entsteht dabei nicht selten der Eindruck, als ob er mit der "Stimme" seines Instruments zum Publikum spricht, ihm etwas erzählt, es an seinen Stimmungen und Emotionen teilhaben lässt und mitunter sogar Einblicke in seine Persönlichkeit gibt. Den vokalen Ausdrucksqualitäten im instrumentalen Jazz möchte ich mich zunächst mit einem historischen Überblick über die Eigenheiten des Gebrauchs der Stimme in der populären Musik und im Jazz annähern und mich sodann dem stimmnahen Ausdruck von Bläsern im Jazz zuwenden. Zwei Exkurse führen in die emotionspsychologischen Grundlagen des nicht-sprachlichen vokalen Ausdrucks und in musikanalytische Möglichkeiten der Beschreibung und Darstellung von Klanggestaltung und Sound ein. Sodann sollen die vokalen Klangqualitäten im instrumentalen Jazz anhand von Aufnahmen verschiedener Jazzmusiker, u.a. von Albert Mangelsdorff und Heinz Sauer, untersucht werden.
Martin Pfleiderer (geb. 1967) ist Musikwissenschaftler und Musiker. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Universität Gießen und wurde dort 1998 mit einer Studie zur Rezeption afrikanischer und asiatischer Musik im Jazz promoviert. Von 1999-2005 war er wissenschaftlicher Assistent für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg, wo er 2006 mit einer Untersuchung zur Rhythmusgestaltung in populärer Musik habilitiert wurde. Nach zahlreichen Lehraufträgen u.a. in Hamburg, Krems und Basel und einer Vertretung der Professur für Theorie, Ästhetik und Geschichte populärer Musik an der Universität Paderborn (2007/08) wurde er 2009 auf die Professur für Geschichte des Jazz und der populären Musik an der Hochschule für Musik in Weimar berufen.
12:00 Uhr: Kai Stefan Lothwesen (Frankfurt/Main)
Emanzipation, Jazz-Dissidenten und Paradigmenwechsel. Anmerkungen zur Diversität des europäischen Jazz.
Ekkehard Jost erkannte identitätsbildene Auswirkungen der Free Jazz-Bewegung der 1960er Jahre, die eine breite Individualisierung unterschiedlichster Stile nach sich zog (vgl. Jost 1987, 12). Bert Noglik identifizierte Jazz-Dissidenten, deren genealogische Hintergründe zu einer Bereicherung des Jazz durch neue stilistische Einflüsse geführt haben (vgl. Noglik 1987, 180 u. 1990, 211). Peter Niklas Wilson konstatierte schließlich den Paradigmenwechsel einer neuen Generation improvisierender Musiker hin zu einem stilistisch eigenständigen und nur in Randfeldern jazzverwandten Idiom (vgl. Wilson 2004, 231). Derartige Befunde markieren Entwicklungspunkte und implizite Strategien des europäischen Jazz, anhand derer Bedingungen der stilistischen Vielfalt zu erörtern sind. Mit einem Fokus auf dem Free Jazz werden in diesem Beitrag unterschiedliche Bedeutungsebenen des Begriffs der Diversität beleuchtet. Als Leitmotiv dient die Frage nach charakteristischen Merkmalen und Möglichkeiten einer freien Spielweise des Jazz in Europa. Dabei wird die Beziehung zu Formen neuer komponierter Musik und deren Integration im Vordergrund stehen.
Kai Stefan Lothwesen (geb. 1972) studierte Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und wurde an der Universität Hamburg im Fach Systematische Musikwissenschaft promoviert (2006). Bereits während des Studiums arbeitete er als freier Mitarbeiter in der Hörfunkabteilung Neue Musik des Hessischen Rundfunks, im Anschluss folgten Beschäftigungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an den Universitäten in Gießen, Siegen, Hamburg und Frankfurt und seit August 2008 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Themen der Musikpsychologie, der Musiksoziologie sowie gegenwärtiger Musikkulturen.
12-15 Uhr: Mittagspause
15:00 Uhr: Harald Kisiedu (New York)
European Freedom. Zum Verhältnis zwischen Musik und Politik bei Peter Brötzmann
Innerhalb der Geschichtsschreibung des europäischen Jazz der 60er Jahre kommt dem Begriff der Emanzipation, der von wenigen Ausnahmen abgesehen übereinstimmend als Akt der Befreiung von der vermeintlichen Vorherrschaft des US-amerikanischem Jazz gedeutet wird, eine Schlüsselfunktion zu. In diesem Beitrag soll der Versuch unternommen werden, dieses Konzept der Emanzipation anhand einer Untersuchung des Spannungsfeldes von Ästhetik und Politik in der Musik Peter Brötzmanns der 60er Jahre zu problematisieren. Dabei gehe ich der Frage nach, in welchem Verhältnis die Emanzipation des westdeutschen Jazz zu anderen emanzipatorischen Projekten dieser Epoche steht. Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen dient die These, dass Brötzmanns Haltung gegenüber der Vorstellung einer vermeintlichen Hegemonie des US-amerikanischen Jazz sowie der Auffassung von Musik als Medium der Kulturkritik zur Durchsetzung grundlegender politisch-sozialer Veränderungen von einer tiefgreifenden Ambivalenz geprägt ist. Darüber hinaus soll die kritische Rezeption der Musik Brötzmanns der 60er Jahre außerhalb des deutschsprachigen Raums beleuchtet werden. Im Zentrum steht dabei die Frage nach dem Blick "von außen” auf die Eigenständigkeit und Identität des europäischen Jazz sowie seines Verhältnisses zum afro-amerikanischen "Free Jazz”. Abschließend wende ich mich der Konstruktion des vermeintlich spezifisch "Deutschen” im Schaffen Brötzmanns innerhalb der kritischen Rezeption seiner Musik zu.
Harald Kisiedu (geb. 1967) studierte Politische Wissenschaft und Germanistik an der Universität Hamburg und ist Doktorand der Historischen Musikwissenschaft an der Columbia University. Momentan arbeitet er an einer Dissertation über transnationale Netzwerke schwarzer Musik im 20. Jahrhundert. Als Saxophonist spielte er mit Hannibal Lokumbe, Branford Marsalis und George Lewis.
16:00 Uhr: William Bares (Cambridge, Mass.)
From "Blue Eyed Soul" to "Blaue Augen": Problems and Possibilities in "Young German Jazz"
Global jazz scholar E Taylor Atkins has coined the term "jazz nationalism” to describe the many ways musical communities across the world use jazz to connect with their own national musical/folk roots. For musically omnivorous jazz musicians, drawing upon local musical forms as a means of personal expression seems natural and innocent enough. However in the context of the new inter-European and transatlantic culture wars, it can generate considerable tension. How do young German jazz musicians negotiate the paradox of musical indebtedness to and affinities for American music on the one hand, and the desire to be free of America on the other? And how do Americans reconcile their history of artistic leadership in jazz with the recognition that global communities are now developing and nurturing their own jazz aesthetics? Drawing upon musical analysis and ethnographic fieldwork conducted in Berlin over the past several years, this presentation considers these broader issues while posing several questions specific to Germany: (1) what form does jazz nationalism take in the present German context?; (2) how do younger generations of German jazz musicians relate to their German forebears (e.g., Mangelsdorff)? (3) what problems does the political and musical legacy of nationalism in Germany present for young "German” jazz?; and finally (4) in what ways might German jazz nationalism productively provoke a rethinking of what feminist jazz scholar Sherrie Tucker calls America’s "Dominant Jazz Discourse?”
William Bares (geb. 1972) is currently a postdoctoral fellow at Harvard University, and completed his PhD in ethnomusicology at Harvard under the mentorship of Ingrid Monson, Harvard’s Quincy Jones Professor of African American Music. His scholarly career has been devoted to refining a framework for the study of historical and contemporary transatlantic jazz. This website <www.transatlanticjazz.com> is a reflection of his evolving interdisciplinary and international perspective.
17:00 Uhr: Silvana K. Figueroa-Dreher (Konstanz)
Was kann die Soziologie vom Jazz lernen? Die Erzeugung von sozialer Ordnung im Free Jazz-Improvisieren
Free Jazz ist für die Soziologie gerade hoch interessant, weil nicht nur neue bzw. unerforschte Handlungsformen von diesen Improvisationsprozessen abgeleitet werden können, sondern auch Formen der Interaktion und der Organisation, die ein höchst kreatives Potential für andere soziale Bereiche aufweisen. Dabei spielt die musikalische Kommunikation eine zentrale Rolle, sowie das musikalische Material und ästhetische Kriterien, die – zusammen mit anderen Faktoren – die Interaktionen bestimmen. Im Prozess des Free-Jazz-Improvisierens hält die Spannung zwischen musikalischen "Vorgegebenheiten" und Freiräumen, zwischen Erwartbarem und Unerwartetem die Musik in Gang. Folgende Fragen werden in meinem Vortrag behandelt: Wie nutzen die Musiker die musikalischen Freiräume und wie schaffen sie es, ihre Handlungen zu koordinieren, um die Musik in Gang zu halten? Wie können die Erkenntnisse, die im Bereich der soziologischen Free-Jazz-Forschung gewonnen werden, helfen, weitere soziale Bereiche zu verstehen bzw. zu bereichern?
Silvana K. Figueroa-Dreher (geb. 1966) studierte Soziologie in Buenos Aires/Argentinien. Nach ihrer Promotion (Dr. rer. soc, Universität Konstanz) über die mediale Darstellung der politischen Korruption in Argentinien erforschte sie u. a. die Problematik der Identitätskonstruktionen in pluralistischen Gesellschaften. Aktuell befasst sie sich mit der Analyse des musikalischen Improvisierens aus interaktions- und handlungstheoretischer Perspektive. Publikationen: vgl. <www.uni-konstanz.de/soziologie/improvisation>
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SAMSTAG, 3. Oktober, 10-18 Uhr
10:00 Uhr: Harald Justin (Wien)
Albert Mangelsdorff. Autobiographisches Erzählen im Kontext
Wenn die Symbolfigur des deutschen Jazz, Albert Mangelsdorff, zum Mittel des autobiographischen Erzählens greift, dann ist dies nicht nur Small-Talk. Denn die Lektüre seiner Erzählung kann auch die Aufdeckung der konstituierenden Muster und Motive erbringen, die es brauchte, um in Deutschland zum "Jazzer" zu werden. Die Frage, welche Muster und Motive das wohl sein mögen, stellt sich ebenso wie die, welcher Begründungszusammenhang sich wohl für den deutschen Jazz heute noch daraus ergibt. Welche Zukunft haben die Werte von einst für eine junge Generation von Jazzmusikern? Der Vergleich mit weiteren Bespielen der Memoirenliteratur soll den Kontext zurechtrücken, in dem Autoren Jazzgeschichte(n) schreiben: wo ähneln sich die Geschichten, welche haben Erfolg und welche keinen, wie ist mittels des Schreibens über Jazz aktiv in die Wirklichkeit einzugreifen?
Harald Justin (geb. 1956) war Gründungsmitglied des Musikmagazins Jazzthetik und dort bis 2007 als stellvertretender Chefredakteur tätig. 2008 war er stellvertretender Chefredakteur des in Wien erscheinenden Musikmagazins jazzzeit. Daneben veröffentlichte er Artikel, Aufsätze und Bücher zu kultur-, kunst und musikhistorischen Themen. Er ist Mitglied in der Jury des European Jazz Award und lebt als Autor in Wien.
11:00 Uhr Michael Rieth (Frankfurt/Main)
Goethe und der Blues, Albert und die Anarchie, Kropotkin und die Krone . Zum Gesellschaftsentwurf von Herrschaftsfreiheit und dem Sprengen festgefügter Formen im Jazz
Der Tritonus wurde mit dem Entstehen der ersten musikalischen Systeme geächtet und als Diabolus in musica verteufelt. Wo kämen wir auch hin, wenn es keine binäre Einteilung in Dur und Moll mehr gäbe? Goethe und Zelter korrespondierten jahrzehntelang immer wieder über die nicht vorhandenen Zwischentöne, jenen Raum etwa, den es zwischen den beiden Terzen noch geben müsse. Nicht weniger verteufelt wurde der Jazz – und wird es noch, zumindest von den rigiden Anhängern einer auf Reproduktion reduzierten Repräsentationskultur. Im Jazz steckt die Aufhebung fester Formen, enger Grenzen und schablonenartiger Schubladen. Er – besonders der Free Jazz – beinhaltet den Gesellschaftsentwurf der Herrschaftsfreiheit, dessen Vorausbedingung die Freie Vereinbarung ist, musikalisch gesprochen: das Hinhören und sich Einlassen auf die anderen. Der utopische, stets anzustrebende Endzustand jeder Humanitas (auch der musikalischen) ist die An-Archie.
Michael Rieth (geb. 1944), studierte Philosophie, Kunstgeschichte u.a. in Frankfurt/Main; arbeitete als Tutor, Dramaturg, Publizist; verdiente sein Geld als Photograph, Musiker, Schauspieler, Lastwagenfahrer; veröffentlichte Theatertexte, Kabarettprogramme und Tanztheaterlibretti, Kulturreportagen, Musik- und Theaterktitiken, Funk- und Fernsehfeatures, Satiren, Kurzprosa und Lyrik; lebt als freier Autor in Frankfurt am Main.
12-14:30 Uhr: Mittagspause
14:30 Uhr: Nils Wogram (Zürich)
Albert, die Posaune und ich
Der Posaunist Nils Wogram ist einer der interessantesten Musiker der letzten 20 Jahre und wird weit über Deutschland hinaus sowohl als führender Vertreter seines Instruments wie auch wegen des Gruppensounds der verschiedenen Projekte gefeiert, in denen er mitwirkt. Zum Jazzforum hatten wir ihn eigentlich eines Konzerts wegen eingeladen, das er am heutigen Abend mit dem Nostalgia Trio geben wird, ihn dabei aber auch gefragt, ob er als Fachmann im Rahmen des Symposiums ein wenig über die Posaune, Multiphonics, über Albert Mangelsdorff, seinen Einfluss auf den Jazz und vielleicht auch auf Nils Wogram berichten könne. Nils sagte sofort zu und wird auch technischen Fragen gegenüber aufgeschlossen sein.
Nils Wogram (geb. 1972) studierte an der Musikschule Braunschweig, der New School in New York und der Musikhochschule Köln, war Mitglied des Landesjugendjazzorchesters Niedersachsen und des BundesJugendJazzorchesters (BuJazzO). Er erhielt zahlreiche Preise sowohl für sein Posaunenspiel wie auch für seine kompositorische Arbeit, darunter den Julius Hemphill Award und den SWR Jazzpreis. Seine Bandprojekte wechseln zwischen Solo, Duo (etwa mit dem Pianisten Simon Nabatov), Quartett (Root 70), Septett (mit Claudio Puntin, Steffen Schorn und anderen) oder Bigband (NDR Bigband). Er spielte auf allen wichtigen Festivals Europas (und darüber hinaus) und unterrichtet seit September 2004 am Musikkonservatorium Luzern (Schweiz).
15:30 Uhr: Jürgen Schwab (Hanau)
"50 Jahre Institutionalisierte Subkultur". Das hr-Jazzensemble, eine Bestandsaufnahme
Gegründet 1958, kommt das hr-Jazzensemble noch heute regelmäßig zu Aufnahmesitzungen im Hessischen Rundfunk zusammen. Bis zu seinem Tod von Albert Mangelsdorff geleitet, wahrt es die personelle und künstlerische Kontinuität des Frankfurter Musikerkreises um den Posaunisten. Jürgen Schwab sichtet und ordnet die in mehr als 50 Jahren entstandenen Einspielungen, von denen nur der geringste Teil bisher veröffentlicht worden ist. Sie geben beispielhaft Zeugnis von der stilistischen Entwicklung des deutschen Jazz und dokumentieren die Entstehung eines einmaligen Ensemblesounds. Als eine Wirklichkeit gewordene Utopie belegt das hr-Jazzensemble, welche Kreativität Jazzmusiker entfalten können, wenn sie ihre Kunst frei von den Zwängen des Marktes über einen langen Zeitraum entfalten können.
Jürgen Schwab (geb. 1962) studierte Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt am Main. Nach einem Studienaufenthalt am Berklee-College promovierte er bei Ekkehard Jost in Gießen ("Die Gitarre im Jazz", Regensburg 1998). Anschließend Lehraufträge an der Musikhochschule Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität, Gießen. Schwab arbeitet als freischaffender Musikjournalist u.a. für die Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks. Sein Buch "Der Frankfurt Sound – eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n)" (Frankfurt 2004) wurde vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum "Hessenbuch des Jahres 2004" gekürt. Als Gitarrist arbeitet er mit Emil Mangelsdorff, Vitold Rek und anderen aus der Frankfurter Szene zusammen. Er hat zwei CDs unter eigenem Namen veröffentlicht. Seit 2007 ist er als Dozent für Jazzgeschichte an der Folkwang-Hochschule in Essen tätig, tourt außerdem als musikalischer Begleiter von Fritz Rau.
16:30 Uhr: Michael Rüsenberg:
The Making Of "Die Albert Mangelsdorff Rolle”. Anmerkungen zur Visualität Albert Mangelsdorffs
Die einzige Jazz-Sendung im "Rockpalast”, in den frühen Morgenstunden des 3.9.2000, dauerte viereinhalb Stunden – "Die Albert Mangelsdorff Rolle”. Ausgehend von einem Konzertabend anlässlich seines 70. Geburtstages (1998) haben Christian Wagner und Michael Rüsenberg die Video-Archive nach "Mangelsdorff, Albert” durchforstet und etliches gefunden: Bekanntes, verschollen Geglaubtes, Skurriles, manches auch, das weit über die Tätigkeit eines "amtierenden Posaunenweltmeisters” hinausgeht. Denn Albert Mangelsdorff war eine sehr öffentliche Person, ein "Heiliger” (Michael Naura), der in dieser Musik-Dokumentation, nebst Kollegen, ausführlich zu Wort kommt. Ein Werkstattbericht.
Michael Rüsenberg (geb. 1948) macht Jazzradio seit 1973, hauptsächlich im WDR. Buchpublikationen zur Musiksoziologie (mit Rainer Dollase und Hans J. Stollenwerk); Adolf-Grimme-Preis 1989 für Film über die Essener Songtage 1968 (mit Joachim Rüsenberg). "Zweites Leben” als Klangkünstler (realambient.de)
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