6. Darmstädter
Jazzforum
"Duke Ellington und die
Folgen"
Symposium und Konzerte
aus Anlaß des 100. Geburtstags von
Edward Kennedy "Duke"
Ellington
Eine Veranstaltung des
Jazz-Instituts Darmstadt
Symposium vom 30. September
bis 2. Oktober im John-F.-Kennedy-Haus
Konzerte am 1. und 2.
Oktober in der Centralstation
Konzertbeginn jeweils
20:30 Uhr
|
100 Jahre Jazz – 100
Jahre Ellington
Der Jazz kommt in die Jahre. Die Centenariumsfeiern
begannen 1997 mit dem 100. Geburtstag des Sopransaxophonisten Sidney Bechet.
Louis Armstrong und Count Basie und die anderen Heroen der frühen
Jazzjahre werden folgen, aber kaum eine Hundertjahrfeier wird solche Auswirkungen
haben wie die des am 29. April 1899 in Washington, D.C., geborenen Edward
Kennedy Ellington, der der Jazz- und Musikwelt des 20. Jahrhunderts mit
seinen Kompositionen und Aufnahmen einen einzigartigen Stempel aufgedrückt
hat. Ellington-Feiern haben in diesem Jahr bereits an vielerlei Orten stattgefunden:
In Washington trafen sich um den Geburtstag des Maestro herum die Duke
Ellington Societies, Ellington-Sammler, -Kenner und -Forscher aus der ganzen
Welt. Die wohl bedeutendste amerikanische Repertoire-Band, das Lincoln
Center Jazz Orchestra, führte unter der Leitung des Ellington-Anhängers
Wynton Marsalis etliche Suiten und andere Kompositionen des Duke auf. Plattenfirmen
haben in ihren Archiven gewühlt und aufwendige Gesamtausgaben ihrer
Ellington-Schätze herausgegeben – oft inklusive Aufnahmen, die bislang
noch nie zu hören gewesen waren. Neue Ellington-Biographien kamen
auf den Markt, die Einzelheiten seines Lebens und seines musikalischen
Schaffens beleuchten, die selbst Ellington-Kennern bislang unbekannt waren.
6. Darmstädter Jazzforum.
Das Symposium:
Das 6. Darmstädter Jazzforum reiht
sich in die Geburtstagsfeierlichkeiten mit einem Symposium und einer Konzertreihe
ein, die in der internationalen Konkurrenz durchaus mithalten können.
Nachdem sich die bisherigen Darmstädter Jazzforen vor allem sachbezogenen
Themen gewidmet hatten ("Jazz und Komposition", "Jazz in Europa", "Jazz
in Deutschland", "Jazz und Sprache, Sprache und Jazz"), steht 1999 zum
ersten Mal eine Persönlichkeit selbst im Mittelpunkt. Für das
Symposium wurden Experten gewonnen, die das Phänomen Duke Ellington
von allen Seiten beleuchten werden: seine Rolle als Komponist, als Arrangeur,
als Bandleader, als Pianist, als Inspiration für seine exzellenten
Solisten sowie für viele ihm nachfolgende Musiker. Neben Musik- und
Literaturwissenschaftlern werden dabei auch Musiker selbst zu Worte kommen,
neben der rein theoretischen Analyse seines Schaffens wird also auch der
Praxisbezug betont.
6. Darmstädter Jazzforum.
Die Konzerte
Die abendlichen Konzerte beleuchten die
Arbeit des Duke aus drei Blickwinkeln. Wir haben dabei bewußt drei
völlig unterschiedliche Sichten gewählt: eine Bigband, die mit
dem Soundmaterial arbeiten kann, das auch Ellington vorschwebte, einen
virtuosen Solisten, der Ellingtons Standards seiner eigenen Interpretation
unterziehen wird und ein Quartett, dessen Ellington-Bezug mehr in der ästhetischen
Haltung als in der Repertoirewahl zu suchen ist. Konkret: Die WDR
Big Band wird unter Leitung von Bill Dobbins ein Programm selten zu hörenden
Werke Ellingtons spielen, in der zweiten Konzerthälfte Nicht-Ellington-Kompositionen,
die den Einfluß des Duke, aber auch die Alternativen in der Bigband-Komposition
präsentieren. Der Pianist Martial Solal wird in einem Soloprogramm
Ellington-Stücke seiner eigenen Interpretation unterziehen, gewagte
harmonische und rhythmische Umdeutungen wagen, die Ellington in Solals
Licht erscheinen lassen. Das Quartett des französischen Klarinettisten
Louis Sclavis schließlich wird voraussichtlich kein einziges Stück
des Duke intonieren. Sclavis allerdings, der vor einigen Jahren mit einem
eigenen Ellington-Projekt unterwegs war, bekennt sich durchaus zum Vorbild
Duke Ellington. Und so steht die Individualität seiner Musik in der
Tradition des Mannes, dem der Sound seiner Musiker immer am wichtigsten
war.
|
| Symposium vom 30. September
bis 2. Oktober 1999:
Beim Symposium im Vortragssaal des John-F.-Kennedy-Hauses
werden unter anderem die folgenden Themen in Referaten und Diskussionen
angesprochen:
Donnerstag, 30. Oktober:
14.30 Uhr: Begrüßung
und Eröffnung des Jazzforums durch Oberbürgermeister Peter Benz
15.00 Uhr: "Reminiscing in Tempo".
Tradition und musikästhetische Ideale in Ellingtons
kompositorischem Oeuvre, Wolfram Knauer
(Darmstadt)
16.00 Uhr: "Es waren die schönsten
Zeiten". Zur Rezeption afro-amerikanischer Musik in der Nachkriegszeit
Bernd Hoffmann (Köln)
Freitag, 1. Oktober:
10.00 Uhr: "Money Jungle".
Dimensionen eines Assoziationsraumes, Peter Niklas Wilson (Hamburg)
11.00 Uhr: "Open Letter to Duke".
Was Charles Mingus an Duke Ellington schrieb, Ekkehard Jost (Gießen)
15.00 Uhr: "Piano in the Foreground?".
Zum Klavierstil Duke Ellingtons, Franz Krieger (Graz, Österreich)
16.00 Uhr: "Soundideale im Klavierspiel
nach Ellington", Volker Spicker (Langgöns)
Samstag, 2. Oktober:
10.00 Uhr: "Die kulturelle
Dynamik der afroamerikanischen Musik". Duke Ellingtons Kulturbegriff und
seine Bedeutung in
der afro-amerikanischen Literatur; Günter
Lenz (Berlin)
11.00 Uhr: "Mood Indigo". Die harmonische
Sprache Duke Ellingtons; Bill Dobbins (Köln)
15.00 Uhr: "Scores of Scores".
Manuscripts at the Billy Strayhorn and Duke Ellington Collections; Walter
van de Leur
(Venlo, Niederland)
16.00 Uhr: "Far East of the Blues".
Ellington und Weltmusik; Martin Pfleiderer (Hamburg)
|
Konzert
Freitag, 1. Oktober 1999,
20:30 Uhr
Louis Sclavis
Quartett:
Besetzung: Louis Sclavis (Klarinette,
Saxophon), Jean-Luc Cappozzo (Trompete), Bruno Chevillon (Baß), François
Merville (Schlagzeug)
Die Klarinette spielte in der französischen
Musik immer eine wichtige Rolle – am Hof der französischen Monarchen,
in der Marschkapellentradition, im Jazzidiom Sidney Bechets und seiner
Nachfolger, aber auch im zeitgenössischen Jazz. Zu nennen wären
hier Michel Portal, Sylvain Kassap, Jacques DiDonato, Michael Riessler
(den man in diesem Zusammenhang getrost als Halbfranzosen werten darf),
vor allem aber Louis Sclavis, der mittlerweile zu den wichtigsten Klarinettisten
des zeitgenössischen europäischen Jazz zählt. Der 1953 geborene
Sclavis stammt aus dem Kreis der ARFI ("Association à la recherche
d'un folklore imaginaire"), einer Musikerinitiative aus Lyon, die in den
70er Jahren ihr Konzept einer "imaginären Folklore" entwickelte und
damit den europäischen Jazz in eine neue Richtung führte. Die
seltsam bekannt wirkenden unbekannten Weiten jener "imaginären Folklore"
aber hat Sclavis inzwischen durch global-inspirierte Kompositionsprojekte
ersetzt, in denen afrikanische Einflüsse genauso zu finden sind wie
folkloristische Elemente aus der Bretagne oder dem Balkan, Bebop-Themen,
barocke Zitate aus Zeiten Rameaus und Ellingtonsche Klangfarben. Dem Duke
übrigens setzte Sclavis 1990 ein Denkmal in seinem Projekt "Ellington
on the Air". Ellington allerdings spielt nicht nur in solchen speziellen
Programmen eine Rolle, sondern auch in Sclavis' Kompositionsverständnis.
Wie bei Ellington steht bei Sclavis das Durchdringen von Komposition und
Improvisation im Mittelpunkt. Wie Ellington pocht er auf die pure Individualität.
Wie bei Ellington haben viele seiner Stücke tanzbare Qualitäten.
Wie Ellington schließlich versteht sich Sclavis nur bedingt als Jazzmusiker,
sieht sich zwischen den stilistischen Stühle – oder, um mit Ellington
zu reden, "beyond category". Als bewußt europäischer Musiker
verkörpert Sclavis darüber hinaus die Emanzipation des europäischen
Jazz von seinen amerikanischen Vorbildern. Sein Bezug zu Ellington ist
da dann vor allem ein ästhetischer. Sclavis erläutert: "Ich habe
Duke Ellington immer geliebt. Natürlich beeindruckt mich die Art und
Weise, wie er die Klarinette in seinen Orchestrationen einsetzt. Ich liebe
aber auch den ungemeinen Reichtum seiner Arrangements, die geheimnisvolle
Alchemie seiner Klangvorstellungen, den Einsatz von Timbres. Mich fasziniert
die Originalität der rhythmischen Entwicklung in seiner Musik." Wer
also in den Themen oder Improvisationen nach klaren melodischen Bezügen
zu Ellington sucht, wird sich vergeblich bemühen. Wer aber in Ellingtons
Musik nicht nur einprägsame Themen, unerwartete Klangfarben, überzeugende
Arrangements hört, sondern darüber hinaus den Wagemut eines Experimentators,
der seiner Zeit oft Jahrzehnte voraus war, der mag verstehen, daß
Sclavis im Rahmen einer Konzertreihe mit dem Obertitel "Ellington und die
Folgen" einen spannenden Platz einnimmt.
Martial Solal:
Der 1927 in Algerien geborene Pianist Martial
Solal wurde nach seiner Umsiedlung nach Paris Anfang der 50er Jahre zu
einem der wichtigsten Pianisten Frankreichs. Noch heute sind Pianistenkollegen
von den historischen wie aktuellen Aufnahmen des Tastenvirtuosen begeistert.
Solal begann seine Karriere als Pianist in der Band des Gitarristen Django
Reinhardt, spielte in den 50er Jahren mit durchreisenden amerikanischen
Solisten wie Lucky Thompson, Don Byas, Stan Getz, J.J. Johnson, Kenny Clarke,
aber auch mit traditionellen Musikern wie Sidney Bechet. In den 60er Jahren
war Solal an Avantgarde-Projekten des Komponisten André Hodeir beteiligt,
spielte außerdem beispielsweise mit einem Trio, dem zwei Kontrabassisten
angehörten. Nebenbei schrieb er Filmmusiken und leitete seine eigene
Bigband. In den 70er Jahren trat er in erfolgreichen kammermusikalischen
Duo-Konzerten mit dem Saxophonisten Lee Konitz auf, arbeitete daneben in
Besetzungen zwischen Solo, Trio und Bigband. Musiker sind von seiner virtuosen
Technik genauso begeistert wie von den schnellsten Reaktionen – auf die
Ideen anderer Musiker genauso wie auf seine eigenen improvisatorischen
Manöver. Da gibt es unerwartete harmonische Ausweicher, abenteuerliche
rhythmische Passagen, humorvoll-virtuos eingestreute Zitate, eine klavierstilistische
Bandbreite zwischen Harlem Stride, Bebop und Czerni. Vor allem ist Solal
ein Meister im Spiel mit der Überraschung – im Melodischen genauso
wie im Harmonischen. Dies und seine pianistische Virtuosität – jene
perfekten rasant-perlenden Stakkato-Läufe beispielsweise – machen
ihn zu einem der faszinierendsten Pianisten des Jazz, einem europäischen
Musiker, der den Vergleich mit dem Ursprungsland dieser Musik, Amerika,
nie zu scheuen hatte. Dem trägt auch die Tatsache Rechnung, daß
Martial Solal 1999 mit dem Jazzpar Prize als dritter europäischer
und erster nicht englischsprachiger Musiker den weltweit renommiertesten
Jazzpreis zuerkannt bekam. In seinem Konzert beim 6. Darmstädter Jazzforum
wird sich Martial Solal den Kompositionen Duke Ellingtons widmen, dessen
Musik er eigentlich erst recht spät für sich entdeckte. Ellington-Standards
und weniger bekannte Werke des Meisters werden sich dabei – ganz im Sinne
des Duke – in Solals ureigener Klaviersprache völlig neu entdecken
lassen.
|
Konzert
Samstag, 2. Oktober 1999,
20:30 Uhr
WDR Big Band,
Leitung: Bill Dobbins
Die deutschen Rundfunkorchester sind dem
breiten Publikum vor allem aus Fernsehshows bekannt. Samstagabend-Quizsendungen
der 60er und 70er Jahre kamen nicht ohne die Bigbands aus – vor allem jene
des Norddeutschen Rundfunks, des Hessischen Rundfunks, des RIAS Berlin
oder des Westdeutschen Rundfunks. Die Musiker dieser Klangkörper stammten
größtenteils aus dem Jazz, mußten in der Bigband alles
zwischen seichter Tanzmusik, James-Last-Sound und Schlagerbegleitung spielen,
daneben aber auch komplexe moderne Bigband-Arrangements. Letztere liegen
den Leitern der Orchester naturgemäß am meisten am Herzen, und
in letzteren werden auch die Fähigkeiten der Musiker am besten gefordert.
Die WDR Big Band ist heute der wohl produktivste Klangkörper auf diesem
Sektor. Unter Leitung von Jerry van Rooyen und seit 1994 Bill Dobbins hat
sie dem Live- wie Rundfunkpublikum ein anspruchsvolles Bigband-Repertoire
zwischen Tradition und Avantgarde angeboten, das in Europa seinesgleichen
sucht. Natürlich steht die Band in einer Stadt wie Köln in namhafter
Orchesternachfolge: Hier schließlich hatte Kurt Edelhagen zwischen
1957 und 1973 Akzente gesetzt, hier lag die Geburts- und Keimzelle der
Kenny Clarke/Francy Boland Big Band, die in den spätern 60er und 70er
Jahren zum wichtigsten europäischen Großensemble avancierte.
Die WDR Big Band schmort dabei nie im eigenen Saft, sondern lädt sich
am laufenden Band Solisten und Gastarrangeure aus aller Welt ein. Die Liste
wäre zu lang, um sie auch nur ansatzweise aufzuzählen. Projekte
mit Vince Mendoza und Lalo Schifrin, mit Bob Brookmeyer und Lee Konitz,
mit ... aber da sind wir schon mitten in der Aufzählung, die leicht
den Rest dieses Textes füllen könnte. Zu Ellington hat die WDR
Big Band eine besondere Beziehung – nun ja, dieses Statement würde
wahrscheinlich auf jedes Orchester dieses Genre genauso zutreffen. Ellington
als Komponist, Arrangeur, Bandleader und Pianist war einer der bedeutendsten,
zugleich aber auch einer der am wenigsten imitierten Musiker des Jazz.
Wo Louis Armstrong, Charlie Parker, Miles Davis oder John Coltrane jede
Menge Nachahmer fanden, wo jede zweite Bigband Arrangements aus dem Repertoire
von Count Basie oder Thad Jones spielte, da tauchten die Original-Charts
Ellingtons höchstens in dafür prädestinierten Repertoireorchestern
auf, die sich beispielsweise in den USA der Jazzgeschichte widmen. Bill
Dobbins, Leiter der WDR Big Band, betont die Bedeutung solcher Repertoire-Orchester
für seine eigene Faszination mit der Musik des Duke: "Ich habe die
kommunikative Kraft in Ellingtons Musik zum ersten Mal kennengelernt, als
wir Ende der 70er Jahre mit dem National Jazz Ensemble unter Chuck Israel
einige seiner Kompositionen spielten. Es war mir unbegreiflich, wie ich
im Amerika des 20. Jahrhunderts aufwachsen konnte, ohne daß mir zuvor
die Bedeutung dieser Musik bewußt gewesen wäre. Natürlich
hatte ich ab und zu mal eine Ellington-Platte gehört, war dabei aber
meist mehr von den humorvollen Dämpfereinsätzen der Blechbläser,
dem unmodernen Vibrato der Saxophone und dem traditionellen Ansatz der
Rhythmusgruppe beeindruckt als vom wirklichen musikalischen Gehalt und
der Entwicklung in der Musik. Ich hörte irgendwie mehr die musikalische
Verpackung als die Musik selbst. Als mir die Musik Ellingtons bewußt
wurde, dachte ich mir, so muß sich wohl Mendelssohn gefühlt
haben, als er das OEuvre Johann Sebastian Bachs entdeckte, das mehr als
ein halbes Jahrhundert lang kaum beachtet worden war." In seiner Funktion
als Leiter der WDR Big Band beschäftigt sich Dobbins jetzt ausführlich
mit Ellingtons Musik. Schon 1994 gab das Orchester bei der Kölner
Triennale ein Konzert mit Werken aus verschiedenen Epochen des Ellington'schen
Schaffens. Beim 6. Darmstädter Jazzforum wird Bill Dobbins die Originalpartituren
bislang von der WDR Big Band noch nicht gespielter Ellington-Kompositionen
vorstellen, im zweiten Teil des Konzerts dann Werke von Komponisten aufführen,
die teils in Opposition zu Ellington zu hören sind, teils seinen kompositorischen
Einfluß deutlich machen sollen.
|
| Eintrittspreise:
|
Weitere Informationen sind erhältlich
beim...
|