Presseberichte
Press Notices
... über Konzerte, Konferenzen, Festivals und andere Aktivitäten, an denen das Jazzinstitut Darmstadt beteiligt ist.
... about concerts, conferences, festivals and other activities in which the Jazzinstitut Darmstadt is involved.
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Content of this page:2009
Kunst und Leidenschaft. Konzert: Felix Wahnschaffe spielt mit seinem Darmstadt-Quartett im Jazzinstitut
(Darmstädter Echo, 20. April 2009)Im Grenzgebiet der Künste. Bilanz: Nasse Lappen, poetisches Trommeln und eine gelungene Jugendmusikwerkstatt bei den Darmstädter Frühjahrskursen für Neue Musik in der Akademie für Tonkunst
(Darmstädter Echo, 20. April 2009)Wohlklang auf der Flöte. Jazz: Stephanie Wagners Quintett "Quinsch“ stellt sein erstes Album vor
(Darmstädter Echo, 23. Februar 2009)Zwischen Form und Freiheit. Das Vijay Iyer Trio im Darmstädter Jazz Talk: Vielschichtige Musik mit erstaunlicher Tiefe
(Darmstädter Echo, 10. Februar 2009)Rhythmische Trialoge. Jazz Talk: Vijay Iyer im Darmstädter Jazzinstitut
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Februar 2009 )Alte Dame mit Stimme. Jazz-Talk: Die Sängerin Sheila Jordan und das Christof-Sänger-Trio in der Knabenschule
(Darmstädter Echo, 26. Januar 2009)Trompete auf Samtpfoten. Jazz-Institut: Das Quartett „The Camatta“ unternimmt in Darmstadt eine Weltreise in Tönen
(Darmstädter Echo, 12. Januar 2009)
2008
Melodien mit einem Schuss Lässigkeit. Jazz: Die "Black and White Cooperation" präsentiert ihr neues Album "Synergies" – Frenetischer Beifall der Besucher im Gewölbekeller für unprätentiös-professionellen Auftritt
(Darmstädter Echo, 18. Dezember 2008)Die Kunst, Musik zu verpacken. Ausstellung: Julia Hülsmann Trio zu Gast in der Reihe "Jazz Talk" des Darmstädter Jazzinstituts – Eröffnung der Schau "Cover-Design für ECM" des Wiesbadener Foto-Künstlers Thomas Wunsch
(Darmstädter Echo, 24. November 2008)Ein Tausendsassa an Tasten. Jazzkonzert: Pawel Kaczmarczyks Quartett "Audiofeeling" im Darmstädter Jazzinstitut und Fotoausstellung "Polski Jazz"
(Darmstädter Echo, 17. Oktober 2008)Bass auf dem Bauernhof. Tourauftakt: Dieter Ilg beginnt seine Konzertreise im Darmstädter Jazzinstitut
(Darmstädter Echo, 13. Oktober 2008)Mit Bohrer und Knarre. Jazzkonzert: Das Trio "Hyperactive Kid" baut in Darmstadt packende Spannungsfelder auf (Darmstädter Echo, 8. September 2008)
Mikesch macht Musik. Jazz-Conceptions: Abschluss einer Woche mit Workshops und Konzerten in Darmstadt
(Darmstädter Echo, 30. Juni 2008)Aus Freude am Jazz.Darmstadt Profis und Musikbegeisterte üben bei Conceptions gemeinsam
(Frankfurter Rundschau, 30. Juni 2008)"Leichtigkeit des Spielerischen". Darmstädter Musikpreis für Jazzpianist Uli Partheil
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juni 2008)Mit dem Bauch hören. Am Tag der Verleihung wird der Preisträger mit seinem „Playtime“-Trio auftreten
(Darmstädter Echo, 26. Juni 2008)Eine Schule für eigene Ideen. Jazz Conceptions: Zum 17. Mal gestalten Dozenten und Teilnehmer eine Woche voll Kursen, Seminaren und Konzerten
(Darmstädter Echo, 25. Juni 2008)Jazz. Der Groove von Bessungen. Wolfram Knauer betreibt das in seiner Art einzigartige Darmstädter Jazzinstitut
(Frankfurter Rundschau, 18. Juni 2008)Labor aus der Tasche. Musik-Solo: Der Sänger Michael Schiefel stellt sich im Darmstädter Jazzinstitut vor
(Darmstädter Echo, 16. Juni 2008)Unterwegs nach Schlitz. Verbände: Der Darmstädter Hartmut Gerhold ist neuer Präsident des Landesmusikrates
(Darmstädter Echo, 14. Juni 2008)Wunderblume vom Balkan. Jazz: Eine Schäferin, die die Einsamkeit der Städte kennt: Die Albanerin Elina Duni breitet mit ihrem Quartett folkloristische Fundsachen im Darmstädter Gewölbekeller aus
(Darmstädter Echo, 23. Mai 2008)Mit Luft und Spucke. Jazz aus Frankreich: Jean-Marc Foltz stellt sich mit seinem Trio in Darmstadt vor
(Darmstädter Echo, 28. März 2008)Konzert. Der Schrei der Bassklarinette (Jean-Marc Foltz)
(Frankfurter Rundschau, 26. März 2008)Die Verdichter. "Die Enttäuschung" im Darmstädter Jazzinstitut
(Frankfurter Rundschau, 4. Februar 2008)Aki Takasé im Jazzinstitut
(Darmstädter Echo, 14. Januar 2008)
2007
Töne wie kleine Perlen. Jazz -Talk: Frei von Trends und Klischees: Alexander von Schlippenbachs Trio stellt sich im Darmstädter Gewölbekeller vor (Darmstädter Echo, 10. Dezember 2007)
Konzert. Jazzer auf Winterreise [Alexander von Schlippenbach Trio] (Frankfurter Rundschau, 7. Dezember 2007)
Wer? Wann? Was? Lothar Scharf, Schlagzeuger, Maler: Klangtöne und Farbtöne (Darmstädter Echo, 7. Dezember 2007)
Mit Überraschungen. Jazz: Felix Wahnschaffes „Rosa Rauschen“ im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts (Darmstädter Echo, 26. November 2007)
Im Wechselspiel. Jazztalk: Roger Hanschel stellt sein neues Quartett "Heavy Rotation" in Darmstadt vor (Darmstädter Echo, 23. Oktober 2007)
Wer? Wann? Was? CD: Saxophonist hält sein weltweites Afrika in Darmstadt fest (Darmstädter Echo, 10.Oct.2007)
"Jihad ist von der gleichen Geisteshaltung wie Kant". Beim 10. Jazzforum Darmstadt wurden vor allem Begriffe entzaubert - bis dann der Heilige Krieg beschworen wurde (Frankfurter Rundschau, 10. Oktober 2007)
Weit stehen die Tore offen. Ein Symposium und die produktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Musikkulturen (Darmstädter Echo, 9. Oktober 2007)
Improvisation statt Lehrplan. Jazz Conceptions: Die Workshops der 16. Seminarwoche untermauern den Stellenwert Darmstadts in der Musikszene (Darmstädter Echo, 17. Juli 2007)
Was Töne erzählen. Jazzkonzert: Christina Fuchs entwirft in Darmstadt ein farbenprächtiges Kaleidoskop (Darmstädter Echo, 18. Juni 2007)
Suche nach Unerhörtem. Vorschau: Bernd Köppen und Andreas Bär sind die Gäste im Darmstädter Jazztalk (Darmstädter Echo, 18. April 2007)
Eine handverlesene Truppe. Konzert: Sechzehn Musiker der Spitzenklasse in der Centralstation: Der Pianist George Gruntz bringt mit seiner Concert Jazz Band internationale Solisten nach Darmstadt (Darmstädter Echo, 12. April 2007)
Eine Familie mit künstlerischen Ambitionen. Jazz-Talk: Barbara Dennerleins Solokonzert zur Ausstellung ihres Vaters Hans Dennerlein im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 26. März 2007)
Einklang mit dem Herzen. Vortrag: „Ich höre, also bin ich“ – Jadranka Marijan-Berendt im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 21. März 2007)
Ein Abenteuerspielplatz. Jazz: Das "Olaf Ton"-Quintett geht auch im Gewölbekeller ohne Vorbehalte zur Sache (Darmstädter Echo, 19. März 2007)
Ein Freigeist improvisiert. Jazz: Mit starken Partnern: Achim Kaufmanns Trio gastiert im Darmstädter Gewölbekeller – Drei Individualisten, die auf Kontrapunkte statt Harmonie setzen (Darmstädter Echo, 19. Februar 2007)
Ulrich Gumpert (Raimund Dillmann, 18. Februar 2007)
Keine andere Sprache. Das Ulrich Gumpert Quartett beim Jazz-Talk-Konzert in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 14. Februar 2007)
Siena Jazz, incontro con il musicologo tedesco Wolfram Knauer (InToscana.it, 1. Februar 2007)
Freiheit und Disziplin. Porträt-Konzert: Wolfram Knauer stellt die Saxofonistin Ingrid Laubrock aus London vor (Darmstädter Echo, 22. Januar 2007)
Echte falsche Zöpfe. Literatur und Musik: Horst Schäfer liest im Darmstädter Jazz-Institut Texte von Lichtenberg (Darmstädter Echo, 8. Januar 2007)
2006
Der Sohn spielt mit. Gespräch zur Musik: Das Ed Kröger Quartet bringt Swing und Groove in den Gewölbekeller (Darmstädter Echo, 11. Dezember 2006)
SWR – NOW Jazz Magazin – Buchrezension: Jazz goes Pop goes Jazz (SWR, 3. Dezember 2006)
Deutschlandfunk – Jazzfacts – Buchrezension: Jazz goes Pop goes Jazz (Deutschlandfunk, 1. Dezember 2006)
International beachtete Jazz-Grundlagenlektüre für Fans und Forscher. "Selbst in den USA spricht man von Darmstadt“ (Bessunger Neue Nachrichten, 24. November 2006)
Jazzinstitut genießt weltweit Renommee. Selbst Musikexperten in den USA schätzen das Haus / Buch "Jazz goes Pop goes Jazz" erschienen (Frankfurter Rundschau, 16. November 2006)
Eine Trompete fürs Archiv. Buchvorstellung (Darmstädter Echo, 16. November 2006)
Improvisationstalent und technische Perfektion. Jazz-Gespräch: Der Posaunist Nils Wogram und sein Projekt „Root 70“ präsentieren sich und ihre Musik in Darmstadt (Darmstädter Echo, 14. November 2006)
Welt der Schwingungen. Musik im Gespräch: Der Perkussionist Hakim Ludin im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 23. Oktober 2006)
Aus der Krabbelstube nach Harvard. Jury kürt im zweiten Jahr Komponistin Karola Obermüller (Darmstädter Echo, 28. Juli 2006)
Gong auf dem Scheitel. Das Abschlusskonzert von Jürgen Wuchners Jazz Conceptions (Frankfurter Rundschau, 24. Juli 2006)
Die nächste Generation macht sich bemerkbar. Workshops: In der Tradition der Väter: Bilanz der 15. Darmstädter Jazz-Conceptions (Darmstädter Echo, 24. Juli 2006)
Der Jazz hat ihn bleibend infiziert. Porträt: Er spielt und lehrt: Der Bassist Jürgen Wuchner ist ein sehr aktives Urgestein der Darmstädter Musikszene (Darmstädter Echo, 20. Juli 2006)
Big-Band-Nachwuchs im Profi-Training. Jazz Conceptions: Die Veranstaltungen haben auch im 15. Jahr ihr Flair nicht verloren – Mehr Teilnehmer als je zuvor (Darmstädter Echo, 19. Juli 2006)
Zeigt her eure Töne. Ausblick: Vom 17. bis zum 22. Juli sind in diesem Jahr die Darmstädter Jazz-Conceptions (Darmstädter Echo, 18. Juli 2006)
Ein Stück Freiheit. Jazztalk: Friedhelm Schönfeld, Günter „Baby“ Sommer und Jürgen Wuchner in Darmstadt (Darmstädter Echo, 26. Juni 2006)
Frauke Kühner Quartet, 2. Juni 2006 (Fotos)
„Das Besondere sind unsere Arrangements“. Jazz: Combos und Big Bands Darmstädter Gymnasien geben gemeinsames Konzert (Darmstädter Echo, 26. Mai 2006)
Abschied von New Orleans. Jazz: Vom Mississippi an den Neckar: Trevor Richards plaudert und spielt in Darmstadt (Darmstädter Echo, 26. Mai 2006)
Trevor Richards Trio, 24. Mai 2006 (Fotos)
Im Dschungel der Töne. Neue Musik: Die 60. Arbeitstagung der Musikerzieher in Darmstadt sucht die Verbindung zwischen Theorie und Praxis – Auch Kinder erkunden neue Klangwelten (Darmstädter Echo, 24. April 2006)
„Oma Heinz“ kann’s. Ausblick: Sextett aus dem Saarland spielt im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts (Darmstädter Echo, 13. April 2006)
jazzahead! 2006 ... Viel Resonanz für die Jazzmesse in Bremen (Berliner Zeitung, 31. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Und wo steht Ihr Schuppen? Hundert Aussteller trafen sich in Bremen zur ersten deutschen Jazzmesse. Auf der „jazzahead“ konnten sie mal über alles reden – auch übers fehlende Geld (Die Zeit online, 30. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Weiter so! Jazzahead! Preisverleihung an Manfred Eicher (Jazz Echo, 30. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Daheim, in der Welt. Die Musikmesse jazzahead! proklamierte in Bremen die neue Exportfähigkeit des deutschen Jazz (Süddeutsche Zeitung, 28. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Das Ende des Jammerns. Die erste deutsche Jazz-Fachmesse, JazzAhead in Bremen, will für die nationale Szene eine bessere internationale Resonanz erreichen (Frankfurter Rundschau, 28. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Fisch mit Gräte. „jazzahead!“: Erste deutsche Jazzmesse in Bremen (Der Tagesspiegel, 28. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Hinaus in die Welt mit euch! Auf der Bremer Messe jazzahead stellte sich die deutsche Szene am vergangenen Wochenende dem Urteil internationaler Experten (die tageszeitung, 28. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Neues Forum für den Jazz. „Jazzahead“ will dafür sorgen, dass sich der Jazz besser verkauft (Kölner Stadt Anzeiger, 28. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Das neue Produkt: Jazz. Bei der bundesweit ersten Jazzmesse in Bremen entwickelt die Szene neues Selbstbewusstsein im Gewand der Privatwirtschaft (die tageszeitung, 27. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Plattform für deutschen Jazz. Jazzahead - 1. Deutsche Jazzmesse in Bremen (DeutschlandRadio Kultur, 26. März 2006)
jazzahead! 2006 ... Auf zur Bremer Jazz-Messe (Darmstädter Echo, 22. März 2006)
Grenzgänger zur Klassik. Ausblick: Der Klarinettist Lajos Dudas spielt im Duo mit Philipp van Endert im Jazz-Institut (Darmstädter Echo, 2. März 2006)
Wer? Wann? Was? Rau, aber herzlich: Fritz, der Große (Veranstalter), erinnert sich (Darmstädter Echo, 21. Februar 2006)
Brüderlicher Austausch. Ausblick: Die Posaunisten Conrad „Conny“ und Johannes Bauer im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 16. Februar 2006)
Wer? Wann? Was? Zufall der Termine: Darmstädter Klein-Invasion in Chicago (Darmstädter Echo, 15. Februar 2006)
Jazz Scholarship Journal to Launch Next Year (Jazz Times (online), 13. Februar 2006)
Extreme voran. Darmstädter Preisträgerkonzert des Vibraphonisten Christopher Dell (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2006)
Dank mit tanzenden Stöcken. Preisverleihung im Museum Künstlerkolonie (Darmstädter Echo, 27. Januar 2006)
Nur so Splitter. Ulrike Haage und Carlos Bica im Darmstädter Jazz-Institut (Frankfurter Rundschau, 23. Januar 2006)
2005
Gute Aussichten für den deutschen Jazz (Berliner Zeitung, 16. Dezember 2005)
Swingen für den Standort Deutschland. Berliner prägen das Bremer "jazzahead"-Festival (Berliner Morgenpost, 15. Dezember 2005)
Er hat die Jazz-Szene geprägt. Auszeichnung: Preis wird nicht öffentlich ausgeschrieben. Christopher Dell erhält den Darmstädter Musikpreis 2005 (Darmstädter Echo, 15. Dezember 2005)
Verheißungsvoll. Eva Kruse, Michael Wollny und Eric Schäfer als Trio \[em\] in Darmstadt zu Gast beim Jazzinstitut (Frankfurter Rundschau, 12. Dezember 2005)
Michael Wollny im Jazz-Institut (Darmstädter Echo, 12. Dezember 2005)
Austarierte Stille. Christopher Dells 3 D im Darmstädter Jazzinstitut (Frankfurter Rundschau, 5. Dezember 2005)
Stephan Schmolck und Electric Bundle im Darmstädter Jazzinstitut. Die Bilanz elektrisch empfundener Schwingungen und Spannungen (unveröffentlichte Rezension, November 2005)
Talente im Wohlfühltempo: Jazz mit dem Gerd-Schumacher-Quintett (Darmstädter Echo, 7. November 2005)
Zeitfenster für die Töne. Konzert: Christopher Dell gastiert mit einem Soloprogramm im Jazzinstitut in Darmstadt (Darmstädter Echo, 1. November 2005)
Darmstädter Jazz-Projekt „Outline 05“ soll eine Institution werden (Darmstädter Echo, 17. Oktober 2005)
Was gute Musiker machen. Jazz und Popularmusik - ein Darmstädter Symposium (Frankfurter Rundschau, 5. Oktober 2005)
Sind neue Hosen neoliberal? Das Darmstädter Jazzforum untersucht das Verhältnis zum Pop (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Oktober 2005)
Pop gibt die Würze. 9. Darmstädter Jazzforum: Extreme treffen aufeinander: Symposium über den Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik (Darmstädter Echo, 4. Oktober 2005)
Institut mit Swing im Blut - Sammeln, sichten und sortieren: 15 Jahre Jazz-Forschung in Darmstadt (Pepper, 01. Oktober 2005)
Die Chance liegt in der Umgestaltung. „Was macht Musik populär?“ – Martin Pfleiderer eröffnet das Symposium der Tagung (Darmstädter Echo, 30. September 2005)
"Brückenschlag" im Jagdschloß. Seit 15 Jahren versucht das Darmstädter Jazz-Institut Wissenschaft und Praxis zu vereinen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. September 2005)
Eine Brücke aus Tönen. Jazzinstitut Darmstadt: 15 Jahre besteht die Institution – Forum zum Verhältnis des Jazz zur Popularmusik vom 29. September bis 2. Oktober (Darmstädter Echo, 23. September 2005)
Er scheint ins Instrument kriechen zu wollen – "Der Pate des Klaviers" Walter Noris mit beeindruckendem Solo-Konzert des K3-Kulturkanals Rheinland-Pfalz ... (Allgemeine Zeitung Mainz, 7. September 2005)
Auf Charlie Parkers Spuren. Jazz: The 64 Jazz Quartet und das Ensemble Art Hoc gastieren im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 6. September 2005)
Eine Woche lang von früh bis spät jammen. 55 Musiker nahmen in der Knabenschule an den 14. Darmstädter Jazz Conceptions teil / Workshops und Konzerte (Frankfurter Rundschau, 1. August 2005)
Datterich in Tönen. Jazz Conceptions: Auch die 14. Auflage des musikalischen Workshops kann faszinieren (Darmstädter Echo, 1. August 2005)
JAZZINSTITUT DARMSTADT. Neuer Verein plant "German Jazz Meeting" (Frankfurter Rundschau, 30. Juli 2005)
Kleine Meldungen (German Jazz Meeting) (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli 2005)
Jazz-Meeting gegründet (Darmstädter Echo, 30. Juli 2005)
Der Jazz und seine schönsten Augenblicke (Wilfried Heckmann Ausstellung) (Darmstädter Echo, 30. Juli 2005)
Neue Galerie öffnet im Jazzinstitut. Symposion zum Thema "Verrat oder Chance?" / Diskussion über Jazz und Popularmusik (FAZ, 28. Juli 2005)
Neue Galerie im Jazzinstitut. Fotos von Winfried Heckmann (Frankfurter Rundschau, 27. Juli 2005)
Nach Herzenslust zusammenspielen. „Jazz Conceptions“: Zum Musizieren und Fachsimpeln treffen sich bis Samstag (30.) Musiker zu Kursen und Konzerten (Darmstädter Echo, 27. Juli 2005)
Ein Piano-Pendler. Jazzkonzert: Der Mainzer Olaf Taranczewski spielt mit seinem Trio in Darmstadt (Darmstädter Echo, 22. Juli 2005)
Widmungen mit der Posaune (outpoint) (Darmstädter Echo, 13. Juni 2005)
Klassiker in die Knie gezwungen (Ernst Ludwig Petrowsky & Uschi Brüning) (Darmstädter Echo, 23. Mai 2005)
Charleston Jazz Initiative Officially Launches With 'Return to the Source;' Hosts International Jazz Historians and Musicians at Avery. Multi-Year Effort Seeks to Establish Key Influence of Charleston Musicians in Foundation of American Jazz (Yahoo News, 20. Mai 2005)
Jazzinstitut erhält Fotosammlung (Darmstädter Echo, 2. Mai 2005)
Avantgarde aus Berlin. Jazz: Sie suchen nach neuen Wegen: Das „Christian Weidner Trio“ in Darmstadt (Darmstädter Echo, 18. April 2005)
Schön harmonisch. Jazz: „Snake Resort“ musizieren im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 4. April 2005)
Jazzinstitut: Talk mit dem Degen-Trio (Darmstädter Echo, 21. März 2005)
„Oh-lala“, wie schön! (Ben's Belinga African Quartet) (Darmstädter Echo, 18. März 2005)
Wider die deutsche Depression (Peter Brötzmann, Mats Gustafsson, Ken Vandermark "Sonore") (Darmstädter Echo, 21. Februar 2005)
Unorthodoxe Klangräume. Jazz: Das „Thomas Honecker Quartett“ zu Gast im Gewölbekeller: Musik von erfahrenen Akteuren, die sich schon lange kennen (Darmstädter Echo, 7. Februar 2005)
Jazz und Erinnerungen. Gesprächskonzert: Der Saxofonist Gerd Dudek spielt im Gewölbekeller und blickt zurück auf seine vierzig Jahre Musikgeschichte (Darmstädter Echo, 24. Januar 2005)
Gesucht und gefunden. Jazzkonzert: Quartett mit Gustl Mayer, Partheil, Wuchner und Copeland im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 17. Januar 2005)
2004
Eine Legende zu Gast im Keller. Jazz-Talk: Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte in einer Person: Walter Norris erzählt Episoden aus seinem Leben als Pianist in berühmten Formationen (Darmstädter Echo, 13. Dezember 2004)
Faszinierende Töne. Konzert: Ein Jazz-Trio experimentiert auf traditionellen Instrumenten: So können Tuba, Schlagzeug und Klavier ganz anders klingen als gewohnt [Uwe Oberg, Carl Ludwig Hübsch, Michael Griner] (Darmstädter Echo, 26. November 2004)
Warme Töne aus Sibirien (Igor Shirokov Quartet) (Darmstädter Echo, 22. November 2004)
Vater und Tochter im Quartett (Carolyn & Hermann Breuer Quartett) (Darmstädter Echo, 8. November 2004)
Geschichten aus der Hauptstadt. Vor allem gut zuhören lässt es sich in einer Ausstellung zum Jazz in Gestalt des "Frankfurt Sound" (Frankfurter Rundschau, 25. Oktober 2004)
Jazz-Impulse aus dem Internet [Henning Wolter Trio & Eric Vloeimans] (Darmstädter Echo, 20. September 2004)
Reiz des Zusammenspiels [Gerd Putscheff & Annemarie Roelofs] (Darmstädter Echo, 13. September 2004)
Besuch bei Duyster: Jazz-Archiv spitzt Ohren (Darmstädter Echo, 3. Septenber 2004)
Miniaturen voll Intensität. Jazz: Undertone Project gastiert im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 30. August 2004)
Viola per Soundrohrpost. Ferienkurse für neue Musik: Konzerte, Gemeinschaftsprojekt Darmstadt – Warschau (Darmstädter Echo, 21. August 2004)
Der geteilte Raum. Deutsch-polnisches Projekt in der Darmstädter Centralstation (Frankfurter Rundschau, 20. August 2004)
Die hohe Kunst der Improvisation. Jazzinstitut: Neue Veröffentlichungen und Einblick in die aktuelle Arbeit (Darmstädter Echo, 17. August 2004)
Musik für jede Kragenweite. 13. Jazz Conceptions: Eine Bilanz der Workshop-Woche in der Bessunger Knabenschule (Darmstädter Echo, 26. Juli 2004)
Geschichten um den Jazz (Darmstädter Echo, 16. Juli 2004)
Tadellos zur kleinen Jazz-Prüfung. Eine Ausstellung des Jazzinstituts über den etwas elitären "hot circle darmstadt" schreibt städtische Kulturgeschichte (Frankfurter Rundschau, 8. Juli 2004)
Wo Wunderbäume wachsen. Duo-Projekt: Der Pianist Christoph Spendel und der Darmstädter Geiger Gerd Putscheff im Gewölbekeller des Jazzinstituts (Darmstädter Echo, 3. Juli 2004)
Die Band swingt auf dem Pferdewagen. Ausstellung: Jazzinstitut erinnert im Weißen Turm an „Hot Circle “, einen Klub, der Darmstädter Jazzgeschichte schrieb (Darmstädter Echo, 2. Juli 2004)
Ferienkurse für Neue Musik. Auftrag: Übergreifendes Improvisations-Projekt (Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2004)
Für alles offen. Ausblick: Kooperationsprojekt zwischen Warschau und Darmstadt bei den Ferienkursen (Darmstädter Echo, 25. Juni 2004)
Mit Freuden traurig. Konzert und Gespräch: Friedhelm Schönfeld und Ekkehard Jost im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 21. Juni 2004)
Respektloser Vogel in Kobaltblau. Leszek Mozdzer interpretiert im Darmstädter Jazzinstitut Chopin höchst eigenwillig (Frankfurter Rundschau, 14. Juni 2004)
Chopin als Jazzer. Konzerte: Musiker aus Polen und Russland gastieren in Darmstadt [Leszek Mozdzer] (Darmstädter Echo, 14. Juni 2004)
Kurios, originell und traditionell [Gilbert Paeffgen] (Darmstädter Echo, 7. Juni 2004)
Kontrolle und Ekstase. Evan Parker, Barry Guy und Paul Lytton denken Musik vor allem intensiv - diesmal in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 1. Juni 2004)
Wie man die Ohren täuschen kann [Parker Lytton Guy] (Darmstädter Echo, 28. Mai 2004)
„Mehr mit weniger Noten sagen“ [Karl Berger] (Darmstädter Echo, 10. Mai 2004)
Hohe Ansprüche. Konzert - Kathrin Lemke und ihr Quartett "JazzXclamation" spielen im Gewölbekeller (Darmstädter Echo, 27. April 2004)
Reguliertes Chaos. Jazz: Ein Konzert beendet den Workshop mit dem Posaunisten Johannes Bauer (Darmstädter Echo, 19. April 2004)
Fantastisch ist die Wirklichkeit. Ausblick: Uraufführung einer Literaturvertonung – Uli Partheils Playtime mit Rüdiger Gieselmann einem Konzert für Sprecher und Jazz-Trio nach Texten von Eduardo Galeano (Darmstädter Echo, 11. März 2004)
Abenteuer zwischen den Stilen (Darmstädter Echo, 9. März 2004)
Duo halbiert. Michael Naura zu Gast im Darmstädter Jazzinstitut - mit Ersatz für den erkrankten Partner Schlüter (Frankfurter Rundschau, 18. Februar 2004)
Von Keller zu Keller. Jazz im Gespräch: Michael Naura spielt und erzählt im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 16. Februar 2004)
Wenn Gesang Experiment ist (Darmstädter Echo, 9. Februar 2004)
Porträt der Woche. Der Doktor und der heiße Jazz (Frankfurter Rundschau, 3. Februar 2004)
Längst nicht mehr alleine. Walgesang und Wege ins Freie: Ekkehard Jost und Jürgen Wuchner feiern Geburtstag im Darmstädter Jazzinstitut (Frankfurter Rundschau, 28. Januar 2004)
Wassermänner jazzen. Geburtstagskonzert: Ekkehard Jost und Jürgen Wuchner feiern im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 24. Januar 2004)
Was ist Patamusik? Norbert Stein und sein originell besetztes Quintett Pata Masters im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts (Frankfurter Rundschau, 20. Januar 2004)
2003
Jazz? Gestrichen! Das Quartett String Thing beim Gesprächskonzert im Darmstädter Jazzinstitut (Frankfurter Rundschau, 16. Dezember 2003)
Den Streicherklang aufgemöbelt (Darmstädter Echo, 15. Dezember 2003)
Kunst des Kaputtspielens. Konzert: Das „Tradition Trio“ spielt Free Jazz im Darmstädter Gewölbekeller (Darmstädter Echo, 5. Dezember 2003)
Gründlichkeit und Risiko. Christopher Dell und John Schröder gehen im Jazzinstitut Darmstadt auf Klangexkursion (Frankfurter Rundschau, 24. November 2003)
Bravour auf Tasten (Konzert Michiel Braam) (Darmstädter Echo, 18. November 2003)
Der Jazz, das Chamäleon (Zur Ausstellung "Jazz Changes") (Darmstädter Echo, 6. November 2003)
Des Staunens entkleidet. „improvisieren...“, 8. Darmstädter Jazzforum 2003 (Jazzzeitung, November 2003)
Jazz-Ausstellung. Eine Musik und ihre 100-jährige Geschichte (Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2003)
Wirbel an den Trommeln. Jazz: Das Markus-Fleischer-Quartett mit Schlagzeugstar Adam Nussbaum (Darmstädter Echo, 22. Oktober 2003)
die jazzkolumne. Unfreiheiten der Improvisation (die tageszeitung, 21. Oktober 2003)
Zwei exzellente Jazz-Trios (Darmstädter Echo, 20. Oktober 2003)
Trommeleien auf der Teekiste (Darmstädter Echo, 13. Oktober 2003)
8. Darmstädter Jazzforum (Frankfurter Rundschau, 30. September 2003)
Gestalten, zuhören, handeln. Symposium: Das achte Darmstädter Jazzforum behandelt die Kunst der Improvisation – Konzerte illustrieren die Theorie (Darmstädter Echo, 30. September 2003)
Geplant? Gesteuert? Irgendwann wird der Weg zum Ziel. Beim Darmstädter Jazzforum zum Thema "Improvisieren" wurde diskutiert und musiziert - mit Eric Boeren, Joachim Kühn, dem Italian Instabile Orchestra (Frankfurter Rundschau, 29. September 2003)
Improvisation als Kunst. Darmstädter Jazzforum (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. September2003)
Geschlechterkampf mit Charlie. Joseph von Westphalen und erstaunlich viele Frauen im Darmstädter Jazzinstitut (Frankfurter Rundschau, 24.Sep.2003)
Morgen: Frauen und Jazz (Frankfurter Rundschau, 18. September 2003)
Gelassen zur Freiheit. Zusammenarbeit bei den 12. Jazz Conceptions, einem Workshop für Jazz, in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 29. Juli 2003)
Das Saxofon prägt den Klang. „Jazz Conceptions“: Die musikalischen Sommer-Workshops enden mit zwei gelungenen Konzerten von Teilnehmern und Dozenten (Darmstädter Echo, 28. Juli 2003)
In wechselnden Besetzungen. „Jazz Conceptions“: Die Kurse und Konzerte des Ferienkurses haben begonnen – Über fünfzig Teilnehmer lernen bei sechs renommierten Dozenten (Darmstädter Echo, 23. Juli 2003)
Mit altem Schwung. Jazz: Wiedervereinigt für den „Kultursommer Südhessen“: Das „Frank Runhof Quintett“ (Darmstädter Echo, 23. Juni 2003)
Harte Arbeit am leichten Stoff. Peter Fessler solo im Jazzinstitut Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 16. Juni 2003)
Auf Freundschaftskurs. Jazz und Rock: Die Gruppe „KC“ trifft im Konzert das „Gerd Schumacher Quintett“ (Darmstädter Echo, 12. Mai 2003)
Lupenrein. Jazz mit Geige in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 6. Mai 2003)
Feine Mitbringsel. Blues und Jazz: „Bootleggin’ Hobos“ im An Sibin und „The Art of the Duo“ im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 5. Mai 2003)
Friedensglocken. Hakim Ludin in Darmstadt (19. April 2003)
Musik der Welt – Weltmusik? Tagung: Musikerzieher suchen in Darmstadt Begegnung mit anderen Kulturen (Darmstädter Echo, 17. April 2003)
Ungestümer Jazz aus dem Bauch (Darmstädter Echo, 15. April 2003)
Mannschaftsspiele. Darmstadt als Musik-Innenstadt zur Arbeitstagung des Instituts für Neue Musik (Frankfurter Rundschau, 15. April 2003)
Swingen, bis der Schweiß tropft. Jazz-Legenden: Das „International Trio“ mit Trevor Richards, Christian Azzi und Reimer von Essen in Darmstadt (Darmstädter Echo, 9. April 2003)
Wer hat an der Uhr gedreht? - Die Jazzsaxofonistin Angelika Niescier in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 17. März 2003)
Schnell und schwermütig (Darmstädter Echo, 15. März 2003)
Stimme und Saxophon (Darmstädtzer Echo, 10. März 2003)
Jazz ohne Kontrabass. „Electrified“: Das Trio überzeugt mit bizarren und virtuosen Klängen (Darmstädter Echo, 15. Februar 2003)
Klingende Kisten. Sammlung: Darmstädter Jazzinstitut erhält Sammlung der Berliner FMP-Produktion (Darmstädter Echo, 14. Februar 2003)
Leben in Tönen. Jazz: Tenorsaxofonist Olaf Kübler als Gast des 25. Gesprächskonzerts im Bessunger Kavaliershaus-Keller (Darmstädter Echo, 27. Januar 2003)
Monk und Oldtime-Jazz. Konzert: Partheils Playtime feiert Jazz-Genie, En Haufe Leit sorgt für Party-Stimmung (Darmstädter Echo, 20. Januar 2003)
Zwiegespräch mit Steinen. Der amerikanische Free Jazzer Charles Gayle in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 14. Januar 2003)
Clochard-Clown am Saxofon. Jazz: Freies mit Charles Gayle im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 13. Januar 2003)
2002
Metamorphosen der Hand. Simon Nabatov beim "Jazz Talk" in Darmstadt (Frankfurter Rundschau, 17. Dezember 2002)
Gedankenvirtuose: Der Jazz-Pianist Simon Nabatov in Darmstadt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Dezember 2002)
Meister der Verwandlung. Der Pianist Simon Nabatov sucht bei seinem Konzert in Darmstadt einen Königsweg zwischen den Musikkulturen (Darmstädter Echo, 16. Dezember 2002)
Rezension: Jazz und Gesellschaft, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 7, Wolfram Knauer (Hg) (WDR5, 12. Dezember 2002)
Für offene Ohren. Ehrung: Beim 11. Hessischen Jazz-Podium erhält Wolfram Knauer den Hessischen Jazzpreis (Darmstädter Echo, 25. November 2002)
Was aus einer Sammlung entstehen kann. Wolfram Knauer, der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, erhält den Jazzpreis des Landes Hessen (Frankfurter Rundschau, 21. November 2002)
Vom Klang der Körper. Jazz: Der Avantgarde-Interpret Gunter Hampel mit seinem Trio und zwei Tänzern zu Gast im Bessunger Gewölbekeller: Musik wird zur begeisternden Performance (Darmstädter Echo, 21. Oktober 2002)
Alle Blicke auf dem Saxofon (Darmstädter Echo, 14. Oktober 2002)
Ist Improvisation noch relevant? Beiträge zur Jazzforschung: Um Musik und Gesellschaft geht es im neuesten Band (Darmstädter Echo, 5. Oktober 2002)
Konzert zum Jubiläum (Darmstädter Echo, 5. Oktober 2002)
Wiege des Jazz. Jazz: Blickpunkt New Orleans: Ausstellung und Konzerte im Darmstädter Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 14. September 2002)
Geben und nehmen. Jazz: Christopher Dell und Bülent Ates improvisieren im Jazzinstitut Darmstadt (Darmstädter Echo, 4. September 2002)
Kubanischer Jazz ohne Gitarren (Darmstädter Echo, 13. August 2002)
Funkenflug. Jazz-Konzert der Dozenten (Frankfurter Rundschau, 16. Juli 2002)
Mit voller Fahrt durch die Jazz-Geschichte. 11. Jazz-Conceptions: Früchte des eifrigen Probens: Workshops überzeugen (Darmstädter Echo, 15. Juli 2002)
Hardbop, ganz frisch (Lothar Scharf Quintett) (Darmstädter Echo, 26. Juni 2002)
Skurriles aus der Jazz-Szene (Darmstädter Echo, 22. Juni 2002)
Jazzpreis an Wolfram Knauer (Darmstädter Echo, 11. Juni 2002)
Hessischer Jazzpreis. Auszeichnung für Knauer (Frankfurter Rundschau, 11. Juni 2002)
Heil im Querdenken. Jazzinstitut - Christopher Dell spielt und denkt über die Improvisation nach (Darmstädter Echo, 18. Mai 2002)
Die Berliner Saxofonistin Sandra Weckert und Band beim Jazz-Talk im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 6. Mai 2002)
Repression kann keinen Swing vertragen. "Schlechte Zeiten für gute Musik?": Symposien und Konzerte zum Verhältnis von freier Musik und totalitärem Staat (Frankfurter Rundschau, 2. Mai 2002)
Exzentrik im Gewölbe. Jazz: Ein ungewöhnliches Hörerlebnis: das Gastspiel der Berliner Avantgarde-Band „Das Rosa Rauschen“ um Felix Wahnschaffe (Darmstädter Echo, 26. April 2002)
Jazz: Howard Levy und Michael Rießler im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 22. April 2002)
Schöne Geräusche. Jazzkonzert: Johannes Bauer mit seinem Workshop-Ensemble im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 2. März 2002)
Alternativen zum Karneval: Zwei Bands im Halbneun-Theater, ein Duo mit experimenteller Musik im Keller des Jazzinstituts (Darmstädter Echo, 11. Februar 2002)
Schlagzeuger Favre zu Gast im Jazzinstitut (Darmstädter Echo, 22. Januar 2002)
2001
Herb Geller plaudert über „West-Coast-Jazz“ und NDR-Big-Band (Darmstädter Echo, 17. Dezember 2001)
Edel sei der Jazzer, hilfreich und gut. Sozialfall oder sozial: Das Darmstädter Jazzforum sucht die gesellschaftliche Relevanz des Jazz (FAZ, 4. Oktober 2001)
7. Darmstädter Jazzforum "Jazz und Gesellschaft" (Deutschlandfunk, 5. Oktober 2001)
Relaxt und selbstkritisch. Das 7. Darmstädter Jazzforum mit dem New Jungle Orchestra (Frankfurter Rundschau, 2. Oktober 2001)
Kühle Drinks zu heißen Rhythmen. Uli Partheils Trio „Playtime“ spielt kubanische Folklore vor dem Jazzinstitut (28. August 2001)
Notizen von den „10. Darmstädter Jazz Conceptions“ (11. Juli 2001)
Ausstellung "Jazzaspekte" in Darmstadt (11. Juli 2001)
Ferne Freiheit - John Tchicai mit Quartett (26. Juni 2001)
In aller Welt zu Hause, John Tchicai mit Quartett in der Reihe JazzProfile (25. Juni 2001)
Atemberaubende Collage. Ekkehard Jost mit der "Transalpin-Express-Band" beim Jazz-Talk (9. Juni 2001)
Fotos vom Konzert der "Transalpin Express Band" am 7. Juni 2001
Fotos vom Konzert des International Trio mit Ralph Sutton am 8. April 2001
Die Mitte namens „Underkarl“. Jazzquartett aus Köln wird im Gewölbekeller stürmisch gefeiert (31. März 2001)
Nach schwerer Krankheit startet Pianist Joe Haider einen Neubeginn (19. März 2001)
Darmstädter Echo, 20. April 2009
Kunst und Leidenschaft. Konzert: Felix Wahnschaffe spielt mit seinem Darmstadt-Quartett im Jazzinstitut
DARMSTADT. Felix Wahnschaffe ist Berliner Urgestein. Vor zwei Jahren gastierte er auf Einladung des Darmstädter Fördervereins Jazz erstmals mit seinem Quartett „Rosa Rauschen“ im Gewölbekeller des Jazzinstituts und fand große Resonanz. Da er inzwischen Familienbande mit Darmstadt geknüpft hat, lag es nahe, auch hier eine ähnlich zusammengesetzte Band zu rekrutieren.
So spielte er am Freitag mit seinem „Darmstadt Quartett“ in ähnlicher Zusammensetzung wie mit dem Berliner Quartett – nur saßen an diesem Abend Uli Partheil am Klavier, Jürgen Wuchner am Bass und Holger Nesweda am Schlagzeug. Man hörte es dieser Band kaum an, dass sie sich kurzfristig zusammenfand. Dabei trat der gewohnte Kompositionsablauf mit Thema-Improvisation-Thema wieder mehr in den Vordergrund, die vom Altsaxofonisten und Komponisten sonst forcierte Harmonik im Stil Bachs wich den herkömmlichen Jazz-Harmonien, durch welche die Poesie von Wahnschaffes Tondichtungen dennoch hindurchschimmerte.
Hier gingen die durchgängig eigenen Kompositionen des ersten Teils meist unmerklich in Improvisationen über. Nach einer eher komplizierten Einleitung des Bandleaders folgten meist spontane Einfälle von Uli Partheil und Jürgen Wuchner, ehe sich Wahnschaffe ins Zeug legte und die Melodien rasch ausklingen ließ.
Eine Ausnahme bildete „Pnom Peng“ mit einer langen Schlussphrase des Altsaxofonisten, die durch das gedrückte Pedal des Pianisten fast wie ein domartiges Gebilde wirkte. Ob der Titel „Largo“ an Händels 250. Todestag erinnern sollte, war nur zu vermuten.
Der zweite Teil nach der Pause hatte das Flair einer Jazzwerkstatt, zu viel Unterschiedliches stand nebeneinander: ein Hauch Südafrika hier, eigene Kompositionen der Mitmusiker dort, vor allem von Jürgen Wuchner, außerdem Jazzstandards wie „Sophisticated Lady“ oder „Moonlight in Vermont“.
Alles wirkte energiegeladen und impulsiv und wurde von Wahnschaffe sehr körperbetont vorgetragen, wenn er im Takt rhythmisch nach vorne wippte oder sich steil nach hinten streckte, um wie in Trance seine Töne zu blasen. Ein Quartett, das Spielleidenschaft und Können vereint. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 20. April 2009
Im Grenzgebiet der Künste. Bilanz: Nasse Lappen, poetisches Trommeln und eine gelungene Jugendmusikwerkstatt bei den Darmstädter Frühjahrskursen für Neue Musik in der Akademie für Tonkunst
DARMSTADT. Ist die Neue Musik aus den Fugen geraten? Verwischen sich ihre Grenzen zu Literatur, Bildender Kunst und Architektur? Leidet sie an „Verfransung“ und „Auszehrung“? Auf solche Fragen suchte die 63. Frühjahrstagung des in Darmstadt beheimateten Instituts für Neue Musik und Musikerziehung eine Antwort. In der Akademie für Tonkunst umkreisten zwanzig Referenten an drei Tagen in einem von Jörn Peter Hiekel geleiteten Symposion vor dicht gedrängten Zuhörerreihen das Thema „Neue Musik und andere Künste“. Die Diagnose fiel positiv aus trotz der Verfransungstendenzen, die schon Theodor W. Adorno festgestellt und die nun der Philosoph Albrecht Werner wieder in die Diskussion eingebracht hatte. Zum einen wurde der Entgrenzungsprozess in mehreren geschichtlichen Exkursen als folgerichtig und notwendig dargestellt, zum anderen begrüßten Musikpädagogen wie Wolfgang Lessing und Ursula Brandstätter die Vernetzung der Künste, weil sich aus ihr Chancen für eine Sensibilisierung der musikalischen Wahrnehmung und für eine Öffnung zum Neuen hin ergeben.
Eine Besonderheit der Tagung war die Einbeziehung von mehreren Komponisten ins Gespräch, so dass man gleichsam Blicke in deren Werkstatt werfen konnte. Dabei wurde deutlich, wie intensiv sich heute schöpferische Musiker mit den Schwesterkünsten befassen. Sie holen sich dort nicht nur Anregungen, sondern versetzen sich in deren Denkweisen hinein. Eine zentrale Rolle spielen dabei die modernen Medien, die den Aneignungs- und Vermittlungsvorgang stützen. So arbeitet die Komponistin Isabel Mundry beispielsweise interdisziplinär, wenn sie ihre Musik gezielt für die Räume einer bestimmten Ausstellung schreibt oder wenn sie mit dem Mikrofon aufgenommene Geräusche ihrem Werk anverwandelt.
Der Komponist Beat Furrer pflegt einen ganz eigenen Umgang mit Texten. Diese werden nicht mehr im herkömmlichen Sinn „vertont“, sondern auf ihre semantischen und klanglichen Möglichkeiten hin abgeklopft, so in den hier vorgestellten Werken „Begehren“ und „Fama“. Nicolaus A. Huber ist ein Tüftler, der sich von Zeugnissen der Bildenden Kunst, seien es ägyptische Reliefbilder oder Filme von Andy Warhol, zum musikalischen Denken anregen lässt. Bis in kleinste Zahlenverhältnisse und feinste Materialunterschiede hinein sucht er sich seine persönliche Klangwelt aufzubauen.
Bei den abendlichen Konzerten im Großen Saal der Akademie machte man gleichsam die Probe aufs Exempel. Beispielhaft der Auftritt des Freiburger Ensembles Aventure im Konzert III am Freitag. Da wurde Neue Musik derart prägnant und zugleich temperamentvoll präsentiert, dass jede Schwellenangst verflog. Nicolaus A. Hubers Trio „O dieses Licht!“ nach Gottfried Benn, Beat Furrers „presto“ für Flöte und Klavier sowie das Stück „Lotófagos“ für Sopran und Kontrabass des gleichen Komponisten waren interpretatorische Höhepunkte dieser Frühjahrstagung.
Solche Qualität wurde im Konzert II nicht erreicht. Da gerieten die technischen Möglichkeiten fast schon zum Selbstzweck. So lässt Peter Ablinger nasse Lappen abtropfen, die damit Glasröhren auf aleatorische Weise zum Klingen bringen. Kirsten Reese übt sich in Geduld mit Kugelspielchen, zu deren Projektion eine Akkordeonistin kärglich improvisiert. Da überzeugten schon eher Katja Kölle mit ihrer hölzernen Bodeninstallation, auf der ein Darsteller sein „Staccato“ vollführte, und Max Eastley mit seinen raffinierten Klangskulpturen, deren Einsatz allerdings zeitlich überstrapaziert wurde.
Einen Höhepunkt gab es noch einmal im abschließenden Nachtkonzert, das am Samstag im Gewölbekeller des Jazzinstituts stattfand. Der Gitarrist Jürgen Ruck spielte bei sieben Komponisten in Auftrag gegebene „Caprichos Goyescos“, die den alptraumhaften, fantastischen Charakter der Radierungen Goyas beredt und brillant zum Ausdruck brachten. Überflüssig wirkten nur die Sprechtexte, die der Komponist Clemens Gadenstätter dem Gitarristen als „Zugabe“ abverlangt. Anschließend erlebte man ein „Betrommeltes Sprachvergnügen“, bei dem sich der Lyriker Dieter M. Gräf mit dem Schlagzeuger Günter Baby Sommer traf. Eine fesselnde Begegnung lakonisch-kritischer Texte mit den differenzierten Sounds und Rhythmen des virtuosen Perkussionisten.
Dass im Institut auch an zukünftige Musiker und Hörer gedacht wird, verdeutlichte die Abschlusspräsentation der „Jugendmusikwerkstatt“ im Großen Saal der Akademie. Eine Gruppe von sieben Kindern und Jugendlichen war von verschiedenen Dozenten binnen drei Tagen auf verschiedenen Gebieten geschult worden, wobei das Tagungsmotto die Richtung vorgab. Das „poetische Trommeln“ auf Congas, die Verwendung der Sprache als „Musikinstrument“, Grenzgänge zwischen den Bereichen von Musik und bildender Kunst sowie das Musikmachen mittels Stühlen „im Raum“ – da zeigte sich, wie man auf einfache und doch überaus effektive Weise junge Leute für neue Klangwelten gewinnen kann.
Mit Recht lobte Helmut Bieler-Wendt, der Vorsitzende des Instituts, diese gelungenen Aktionen. Für die 64. Frühjahrstagung im April 2010 kündigte er eine Fortführung der diesjährigen Thematik an: „Neue Musik und andere Künste II; Film, Musiktheater, Tanz“ lautet der Arbeitstitel. (Klaus Trapp)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 23. Februar 2009
Wohlklang auf der Flöte
Jazz: Stephanie Wagners Quintett "Quinsch“ stellt sein erstes Album vorDARMSTADT. Die Flöte führte bis Mitte des letzten Jahrhunderts in der Jazzmusik ein Schattendasein hinter der Klarinette, dann trat die Klarinette allmählich zurück, und die Flöte übernahm ihre Funktion als schmiegsames Höheninstrument. Elektronische Verstärkung und Erweiterung der Blastechnik eröffneten neue Möglichkeiten. Die in Seeheim-Jugenheim lebende Flötistin Stephanie Wagner gehört zu denen, die mit Hilfe von Neben- und Überblaseffekten eine Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt haben. Mit ihrem Ensemble "Quinsch“ gastierte sie am Freitag im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut und stellte ihr Debüt-Album „Fade in“ vor.
Als Musikpädagogin hat sich Stephanie Wagner seit ihrer Diplomarbeit "Die Flöte im Jazz“ intensiv mit diesem Instrument beschäftigt. Aus der Vielzahl von Eigenkompositionen stellte „Quinsch“ bei diesem Konzert Einiges vor. Der besondere Sound des Quintetts entsteht durch die Kombination der Flöte mit dem Tenorsaxofon. Hier hat Stephanie Wagner in Steffen Weber den idealen Partner zur Verwirklichung ihrer Ideen gefunden. Als Basis dient meist eine Hardbop-Struktur, häufig von Latin-Grooves untermalt, die unisono von den beiden Bläsern vorgetragen wird. Dem Gerippe wird durch ausgedehnte Solistik Leben eingehaucht, wobei vor allem Steffen Weber zur Freude der zahlreichen Besucher gelegentlich über die Stränge schlägt und sich in Coltrane-Manier ekstatischen Höhepunkten nähert.
Kontrollierter präsentiert sich Stephanie Wagner auf Quer- und Altflöte, auch in der Improvisation dem Wohlklang verbunden. Zum Gelingen des Projekts trägt eine Rhythmusgruppe bei, die im Rhein-Main-Gebiet ihresgleichen sucht. Pianist Steffen Stütz, Kontrabassist Udo Brenner und Schlagzeuger Jens Biehl bilden nicht nur das Rückgrat der Darmstädter Bigband, sondern haben sich auch als Begleiter von Sängerinnen und mit eigenen Formationen profiliert.
Dieses Trio beweist, dass sicheres Zusammenspiel keineswegs in Routine münden muss. "Quinsch“ steuert sicher und scheinbar lässig durch knifflige Arrangements, niemals das Jazzelement Swing außer acht lassend und daher höchst unterhaltsam. (Hans-Dieter Vötter)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 10. Februar 2009
Zwischen Form und Freiheit
Das Vijay Iyer Trio im Darmstädter Jazz Talk: Vielschichtige Musik mit erstaunlicher TiefeDARMSTADT. Der amerikanische Pianist Vijay Iyer und sein Trio waren jetzt Gäste des Darmstädter Jazzinstituts. Iyers Alben zählen zu den besten Veröffentlichungen des Genres, was auch dadurch bedingt ist, dass er mit einem vertrauten Personenkreis zusammenarbeitet.
Das reicht beispielsweise von seinem Landsmann Rudresh Mahanthappa bis zu Stephan Crumb am Kontrabass und Marcus Gilmore am Schlagzeug, die seit zehn und sechs Jahren seine Begleiter und auch in Darmstadt dabei sind. Von Anfang an herrscht Klarheit.Iyer dominiert musikalisch wie kompositorisch. Seine originellen, harmonisch komplexen, rhythmisch innovativen und überraschenden Motive, die zwischen Form und Freiheit changieren, fordern spontanes Reagieren auf Augenhöhe heraus. So folgt Schlagzeuger Gilmore mit seinen Schlägen auf Trommeln, Becken und Hi-Hat dem Pianisten wie in Trance. Bassist Crumb setzt scheinbar unbeeindruckt und mit dem Rücken zum Klavier stoisch die Saiten seines Mini-Basses wie Pfeiler in die Zwischenräume. Drei Pulse, die in einem eng umschlungenen Drive integriert sind.
Crumb ist einer, der den Blues verinnerlicht hat. Immer wieder klingt an, was Vijay Iyer im Jazz Talk zwischen den Sets als „Reflexion der Realität“ bezeichnet, der den Schmelztiegel der Kulturen in New York mit dem Jazz assoziiert. Diese Musik atmet Kreativität. Dabei spielen „Blood“ und „Sutra“ eine besondere Rolle: Begriffe, die für Iyer Wohlergehen, Verwandtschaft, Identität, Ungestüm und Hingabe bedeuten. Sie symbolisieren aber auch den berühmten roten Faden traditioneller Praktiken wie Künsten in der Heilung, in der Mathematik oder des Yoga. So entsteht eine vielschichtige Musik von erstaunlicher Tiefe, die scheinbar Disparates zu einem eigenen Sound bündelt. Dazu gehören die ganze Geschichte des Jazzpiano und die Leitbilder Monk, Ellington, Andrew Hill und Cecil Taylor, Steve Reich, Ligeti, Bartok. Dazu kommen rhythmische Figuren aus Rock, Electronica, afrikanischer Musik und indische Ursprünge.
Alles ergibt eine Ursuppe, die Iyer mit seinem Trio so interessant und wertvoll macht. In der Galerie des Jazzinstitutes ist eine Ausstellung der Bessunger Künstlerin Regina Basaran mit dem Thema „Jazz ist Braun Blau“ zu sehen. Es sind die dominierenden Farben der Collage-Bilder, in denen sie malerisch Jazzmusikern auf der Tonspur ist. Klassische Jazzszenen aus Fotografien verschmelzen mit der Farbe in Breitformat. Der Schlagzeuger Marcus Gilmore konnte dennoch auf einem Bild das Set seines berühmten Großvaters Roy Haynes entdecken (bis 22. März, wochentags von 10 bis 17 Uhr).
(Ulfert Goeman)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Februar 2009
Rhythmische Trialoge
"Jazz Talk": Vijay Iyer im Darmstädter JazzinstitutOb das Jazz ist? Keine Ahnung. "Für mich heißt Jazz, meine Realität zu reflektieren." Nicht mehr und nicht weniger. Das mag man Understatement nennen bei einem Pianisten, der nicht erst seit seinem letzten, im vergangenen Jahr erschienenen Album "Tragicomic" als eines der vielversprechendsten Talente des jungen zeitgenössischen Jazz abseits des Mainstreams gehandelt wird.
Zumindest im Gewölbekeller des rührigen Darmstädter Jazzinstituts herrscht beim Auftritt seines Trios - einem von nur drei Konzerten Vijay Iyers in Deutschland - nicht der geringste Zweifel. Das ist Jazz auf der Höhe der Zeit, jenseits eingefahrener Konventionen. Wenn der New Yorker zunächst klassische, an Debussy geschulte Harmonien in den Raum entlässt, Marcus Gilmore am Schlagzeug den Rhythmus aufnimmt und zu Drum-'n'-Bass-Synkopen steigert, während Stephan Crump am Bass vermittelt, wenn Iyers rechte Hand Minimal Music improvisiert, Gilmore sich zurücknimmt und Crump derweil zum Bogen greift, wenn also innerhalb eines einzigen Stücks Anklänge an Klassik und Neue Musik, Dub, Reggae und elektronische Beats zusammenfinden, dann klingt das erst einmal schlichtweg abenteuerlich. Aber die "rhythmischen Trialoge", als die der Leiter des Jazzinstituts im Bessunger Kavaliershaus, Wolfram Knauer, im zweiten "Jazz Talk" des Jahres die Musik des Trios treffend charakterisiert, sind nie Selbstzweck, sondern eigene, höchst anspruchsvolle Form.Eine akademische Form des Jazz, die aufgrund ihrer komplexen Struktur wenig Raum lässt für Improvisationen. Im Zusammenspiel dreier grandioser Instrumentalisten aber entfaltet sie wie von selbst einen sehr eigenen Groove. "Mich haben immer jene Leute interessiert, die das Verständnis des Jazz zum Explodieren gebracht haben", so Iyer. Dementsprechend reichen seine Einflüsse von Duke Ellington über Thelonious Monk und Andrew Hill, von Miles Davis und Cecil Taylor bis Sun Ra, in der klassischen Musik von Debussy bis Ligeti, von afrikanischer Rhythmik bis zur Musik Indiens, der Heimat seiner Eltern, und zu Hip Hop, Soul und Funk. Jazz? Ob das Jazz sei oder nicht, so Iyers Paraphrase von Ellingtons bekanntem Statement, spiele im Grunde keine Rolle. Nur, ob es gute Musik sei oder nicht. "It's just about creativity." Und Rhythmus. Denn vor allem um Experimente mit Rhythmen dreht sich die Musik Iyers, der in Yale Mathematik und Physik studierte, bevor er sich der Musik verschrieb.
Dass ihm in seinem Trio mit dem gerade einmal 22 Jahre alten Gilmour, einem Enkel Roy Haynes', der auch sein erster Lehrer war, und mit Crump, der mit Johnny Clyde Copeland ebenso zusammen gespielt hat wie mit Gordon Gano von den "Violent Femmes" oder Dave McDonald von "Portishead", zwei Musiker zur Seite stehen, die ebenso an Stilen und Genres interessiert sind wie er, spürt man in jedem Stück. Das "exploding the narrative in Jazz improvisation", von dem Iyer einmal gesprochen hat, hier wird es aufregend Klang. Akademisch? Intellektuell? Mag sein. Doch Iyer hat nicht ohne Grund eine Doktorarbeit darüber geschrieben: "It's also a physical thing."
(Christoph Schütte)[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 26. Januar 2009
Alte Dame mit Stimme. Jazz-Talk: Die Sängerin Sheila Jordan und das Christof-Sänger-Trio in der Knabenschule
DARMSTADT. Sheila Jordan steht für die Geschichte des Jazz. Wie sie selbst lächelnd verkündet, ist das Geburtsjahr der Zeichentrickmaus auch das ihrige: Geboren in der Autostadt Detroit, studierte die Sängerin beim Jazzer Lennie Tristano, bestritt ihren Lebensunterhalt aber ausschließlich durch bürgerliche Jobs. Sie musizierte in Detroit mit Bebop-Bands sowie mit einem Vokaltrio schon in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im New Yorker Greenwich Village-Club sang sie in den Fünfzigern bei Stars wie Charlie Parker, Thelonious Monk, Max Roach und Sonny Rollins. Am Freitag trat Sheila Jordan in einer gemeinsamen Initiative des Jazzinstituts und der Bessunger Knabenschule in deren ehemaliger Schulaula auf.
Dort wird Jordan begleitet vom Christof-Sänger-Trio, nach der Pause kommt der Posaunist und Sänger Allen Jacobson dazu. Die Sängerin beginnt mit einem Blues, in dessen Text sie verpackt, was ihr momentan am Herzen liegt. Sie swingt sich behutsam in den Abend, flicht in das folgende „How Deep is the Ocean“ geschickt einige Textzeilen von „How High the Moon“ ein, demonstriert ihren trompetenartigen Scat. Den schreibt sie zwar in „Oh, Lady, Be Good!“ bescheiden Ella Fitzgerald zu, hat ihn aber vor Dave Lambert und Jon Hendricks eigens entwickelt .
Warmherzigkeit, Natürlichkeit und Bescheidenheit scheinen Sheila Jordans hervorstechende Eigenschaften. In den folgenden Stücken von Abbey Lincoln, Lennie Tristano, Kenny Dorham und Bobby Timmons stellt sie die verschiedenen Stadien ihres Werdegangs vor. Jordan profitiert dabei von den veritablen Künsten Christof Sängers am Klavier, Martin Gjakonovskis am Bass und Kay Lübkes am Schlagzeug: Sie sind alle selbst hervorragende Solisten und dezente Begleiter.
Im Jazz-Talk nach der Pause blüht die Sängerin sichtlich auf. Sie lässt ihr Leben Revue passieren und setzt im folgenden musikalischen Teil dort an, wo sie aufhört hat: bei Heroen wie Charlie Parker. Sie brilliert mit einem Indianergesang in dem McCartney-Song „Blackbird“, singt die Ballade „Autumn in New York“ mit einer Vokal-Coda und Charlie Parkers schnelles „Confirmation“ mit einer selbst eingebauten Betextung. Dabei kommt der Posaunist Allen Jacobson zu seiner aufheiternden Performance, den Jordan in einem Bebop-Scat-Dialog als hervorragenden Musiker, witzigen Sänger, Autochauffeur und Roadmanager besingt.
Am Ende ihres Vortrages steht wieder der Blues: Jordan zeichnet in innigen Worten einen kurzen Abriss ihrer Persönlichkeit und dankt ihren Mitspielern sowie dem Publikum. Die Zugabe „Crossing“ ist laut Jordan die Kennzeichnung eines Kreuzungspunktes im Leben, an dem das Singen ihrem Leben den Sinn gab. Die vielen Zuhörer sind sichtlich betroffen und gepackt. Sie erleben eine Sternstunde der Jazzgeschichte. (Ulfert Goeman)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 12. Januar 2009
Trompete auf Samtpfoten. Jazz-Institut: Das Quartett „The Camatta“ unternimmt in Darmstadt eine Weltreise in Tönen
DARMSTADT. Tonale Mosaiksteinchen fügte die Jazzgruppe „The Camatta“ am Fitag im Gewölbekeller des Jazz-Instituts zu einem heterogenen Klangbild zusammen, das nicht in Fragmente zerfiel. Das Quartett, das sich während des Studiums der Musiker an der Folkwang-Hochschule in Essen formierte, lud die vielen Besucher zu einer Welt-Tour des Jazz ein.
Dabei bleibt der Weg immer das Ziel. Das Stück „Cat“ entführt das Publikum in die Häuserschluchten einer Großstadt, wo eine Katze flink um hohe Gebäude streicht. Nils Ostendorf streut ein samtpfötig tastendes Trompetensolo bei, Simon Camatta sorgt am Schlagzeug für rhythmische Bewegung. Die Posaune von Matthias Müller klingt leicht drohend, bevor Ostendorf nach einem nervösen Intermezzo das gar nicht schmusige Tier akustisch davonschleichen lässt.
In dem eher als Soundcollage angelegten „Blackout“ gehen die vier Musiker auf die Suche nach der verlorenen Melodie. Nils Ostendorfs brodelnde Trompetenklänge erinnern an Insektenschwärme, die Matthias Müller mit schlitternden Posaunentonfolgen verjagt. Simon Camatta setzt mit schmetternden Schlagzeugattacken den gestochen scharf akzentuierten Schlusspunkt unter ein Klangfurioso, das auf ungeteilte Zustimmung stößt. Einen ironisch intendierten akustischen Kontrapunkt setzt Paolo Dinuzzi, wenn er das selbstkomponierte „No Jazz“ auf seinem elektronischen Bass wie eine folkig angehauchte balladeske Etüde anlegt. Untermalt wird dieses leise und introvertiert beginnende Stück von melancholisch lauernden Trompetenmelodielinien und verhaltenen Schlagzeuglauten, die Camatta mit Schlegeln und Besen erzeugt.
Die Band „The Camatta“, bei der Simon Camatta mit launigen Ansagen und dem Einsatz diverser Klangerzeuger wie Fahrradketten und Kalebassen aufmerken lässt, zeigt bei ihrem Auftritt im Darmstädter Jazz-Institut eine große Bandbreite des zeitgenössischen Jazz.
Auch der Humor kommt bei dem beeindruckenden Konzert nicht zu kurz, wenn die Band in ironischer Umkehrung der erwarteten Reihenfolge die Reprise des Stückes „Fuse“ an den Anfang stellt. (Frank Speckhardt)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 18. Dezember 2008
Melodien mit einem Schuss Lässigkeit. Jazz: Die "Black and White Cooperation" präsentiert ihr neues Album "Synergies" – Frenetischer Beifall der Besucher im Gewölbekeller für unprätentiös-professionellen Auftritt
DARMSTADT. Das Jazz-Quartett „Black and White Cooperation“ ist in Darmstadt viel zu selten zu hören. Das hängt damit zusammen, dass die Bandmitglieder allesamt mit entfernt liegenden Projekten beschäftigt sind, obwohl sie in der Stadt am Woog ihren Lebensmittelpunkt besitzen.
Im November trafen sie sich zu einer intensiven Probephase im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut und als Ergebnis entstand eine neue CD, die unter dem Titel „Synergies“ ab März 2009 im Handel sein wird. Am Dienstag war Gelegenheit, am selben Ort vorab an einer Art „Pre-Release-Party“ teilzunehmen, bei der die Kompositionen live zu hören waren.
Das Ensemble um die Gründungsmitglieder Anke Schimpf und Tom Nicholas hat konzeptionell wenig verändert: Nach wie vor steht ein wohlklingender Instrumentalsound im Vordergrund. Die Musikdozentin Anke Schimpf ist mit Alt-, Sopransaxofon und Querflöte für die Melodielinien zuständig und entledigt sich dieser Aufgabe mit Bravour und jenem Schuss Lässigkeit, die swingenden Jazz ausmacht.
Am Piano folgt ihr Georg Göb, im Hauptberuf Musikpädagoge, mit elegant-flüssigen Läufen und unterstreicht den entspannenden Charakter der musikalischen Interaktion. Hierzu trägt auch E-Bassist Christoph Paulsen, der zusätzlich als Plattenproduzent fungiert, nachhaltig bei. Die eigentliche Würze aber liefert der Perkussionist Tom Nicholas. Der immer gut aufgelegte farbige Amerikaner (und Wahl-Darmstädter) erfreute das Publikum mit stets neuen kreativen Einfällen.
Egal, ob im mittelschnellen Mainstream, bei einer karibischen Rumba oder kubanischer Salsa, stets hatte er den rechten dezent-geschmackvollen Groove zur Hand. Dadurch entwickelten sich die erwünschten Synergien im Zusammenwirken mit den Partnern, die der Präsentation Spannung verleihen. Das überträgt sich auf die Gäste, und die Gruppe erhält für ihre unprätentiös-professionelle Musizierweise frenetischen Beifall. (Hans-Dieter Vötter)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Die Kunst, Musik zu verpacken. Ausstellung: Julia Hülsmann Trio zu Gast in der Reihe "Jazz Talk" des Darmstädter Jazzinstituts – Eröffnung der Schau "Cover-Design für ECM" des Wiesbadener Foto-Künstlers Thomas Wunsch
DARMSTADT. In der Reihe "Jazz Talk" war am Freitag die Pianistin Julia Hülsmann mit ihrem Trio zu Gast im Jazzinstitut Darmstadt.
Klammheimlich hat sich diese Band von einer Begleitformation zu einer eigenständigen Einheit entwickelt hat. Projekte mit bekannten Gesangskünstlern wie Rebekka Bakken oder Roger Cicero machten Julia Hülsmann als sensible Pianistin bekannt. Die poetische Leichtigkeit ihrer Lyrik-Vertonungen erregte nicht nur in Fachkreisen Aufmerksamkeit. Schließlich war es Manfred Eicher, ein international anerkannter Plattenproduzent, der die Berlinerin für sein Label ECM ("Edition of Contemporary Music") entdeckte. ECM gilt als eines der weltweit anspruchsvollsten Labels und hat mit Chick Corea, Keith Jarrett oder Gary Burton die Meister des zeitgenössischen Jazz unter Vertrag. Soeben erschienen ist dort "The End of a Summer", die CD des Julia Hülsmann Trios. Mit Kontrabassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Köbberling fasst die Pianistin die heitere Trauer des Spätsommers in Töne. Das seit 1997 bestehende Trio musiziert in traumhafter Interaktion und verzichtet auf alles Ornamentale und vordergründig Virtuose. Die gelassen vorgestellten, eigenwilligen Kompositionen der Mitwirkenden entwickeln einen spröden Charme.
Im Gespräch mit Institutsdirektor Wolfram Knauer nennt Julia Hülsmann neben Bill Evans und Keith Jarrett auch den Pianisten John Taylor als wichtigen Einfluss. Sie schildert ihre Eindrücke von den Aufnahmen im legendären Osloer "Rainbow Studio" in Anwesenheit von Manfred Eicher. Hierher berufen zu werden gilt als der Ritterschlag für Jazzmusiker. Julia Hülsmann war seit Jahren die erste deutsche Interpretin, der diese Ehre zuteil wurde.
Weltberühmt ist ECM auch für die Verpackung der Tonträger, die das künstlerische Niveau des Inhalts optisch widerspiegelt. Einer der wichtigsten "Cover-Künstler" ist der Wiesbadener Fotograf Thomas Wunsch, dessen Ausstellung "Coverdesign für ECM" in der Galerie des Jazzinstituts vor dem Konzert eröffnet wurde. (Hans Dieter Vötter)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 17. Oktober 2008
Ein Tausendsassa an Tasten. Jazzkonzert: Pawel Kaczmarczyks Quartett "Audiofeeling" im Darmstädter Jazzinstitut und Fotoausstellung "Polski Jazz"
DARMSTADT. Neben dem Jazztalk hat sich in Darmstadt auch die Reihe „Forum international“ etabliert. Mit den Kulturinstituten der jeweiligen Herkunftsländer werden bislang unbekannte europäische Bands präsentiert, die aber bereits in ihrer Heimat für Wirbel gesorgt haben. Mit dem Deutschen Poleninstitut als Partner stellte sich am vergangenen Mittwoch Paweł Kaczmarczyks Quartett "Audiofeeling“ vor, das gegenwärtig mit Radek Nowicki (Saxofone), Wojciech Pulcyn (Kontrabass) und Sebastian Frankiewicz (Schlagzeug) besetzt ist. Stilistisch stehen die vier dem Post-Coltrane-Jazz nahe.
Kaczmarczyk zählt zu den profiliertesten Pianisten der aktuellen polnischen Jazzszene. Er prägt den Stil des Quartetts, ist für die meisten Kompositionen verantwortlich und ist ein Tausendsassa an den Tasten. Er kann enorm zart und lyrisch artikulieren, versteht augenblicklich in kleinsten Nuancen die Spannung zu steigern und zum Bersten zu bringen, wenn er mit seinem langen Arm über den Flügel greift. Dann schlägt er einzelne Saiten an, die Hände scheinen über den Tasten zu schweben, während die Finger krakenhaft zupacken. Mit seinen Begleitern an Bass und Schlagzeug versteht er sich blind. Der Bassist kultiviert ein lässiges Bogenspiel, das eine klassische Schulung verrät. Der Schlagzeuger benutzt nur ein kleines Arsenal. Seine beiden Becken sind des schnelleren Zugriffs wegen auf Trommelhöhe heruntergeschraubt. In dem zweiteiligen Programm von über zwei Stunden legen die vier jungen Polen eine Visitenkarte ab, die charakteristisch ist für den modernen Jazz in diesem Land: er ist lyrisch, emotional, expressiv und überaus experimentierfreudig.
Kurz vor dem Konzert wurde in den Räumen des Jazzinstituts eine Fotoausstellung mit Bildern des Jazzfotografen Marek A. Karewicz eröffnet, der die frühen Jahre und die wichtigsten Stationen der Emanzipation des polnischen Jazz von 1957 bis Ende der siebziger Jahre dokumentiert hat und zu den bedeutendsten Jazzfotografen Polens gehört. Karewiczs Bilder halten die florierende Zeit dieser Musik fest, als erstmals nach dem Krieg auch deutsche Jazzmusiker wie die Mangelsdorff-Brüder nach Polen kamen. Das erste Sopot-Jazz-Festival von 1956 wird als Schlüsselereignis der polnischen Jazzgeschichte angesehen. Ausgestellt sind nur Schwarzweißbilder bis 1970 – überwiegend polnische Jazzmusiker, die heute einen klingenden Namen besitzen wie Stanko, Namyslowski,
Komeda oder Urbaniak. Die Ausstellung war vor einem Jahr in Berlin zu sehen und kommt jetzt im Rahmen des Berliner Forschungsprojektes "Jazz im Ostblock – Widerständigkeit durch Kulturtransfer“ nach Darmstadt. An dem interdisziplinären Forschungsprojekt sind Historiker, Musikwissenschaftler sowie Soziologen aus Ungarn, der Slowakei, Polens und Deutschlands beteiligt, die in unterschiedlichen Ansätzen versuchen, die Rolle des Jazz in den staatssozialistischen Gesellschaften Ostmitteleuropas herauszuarbeiten. (Ulfert Goeman)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 13. Oktober 2008
Bass auf dem Bauernhof. Tourauftakt: Dieter Ilg beginnt seine Konzertreise im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Obwohl seit geraumer Zeit in der internationalen Jazzszene zuhause, hat sich der Kontrabassist und Komponist Dieter Ilg lange zurückgehalten, ehe er sich entschloss, mit einem Solo-Projekt auf Tour zu gehen. Am Freitag startete er seine erste Solo-Tournee von zunächst acht Konzerten im Jazzinstitut Darmstadt und stellte gleichzeitig sein Album „Bass“ vor.
Ilgs Soloprojekt bietet Bass-Spielen pur, ohne Effektgeräte, Soundprozessoren oder Mixerkonsolen. Nur selten fügt er ganz nebenbei eine kehlige, mal miauende und grunzende Stimme hinzu, etwa wenn er in seiner Komposition „Animal Farm“ die verschiedenen Klänge auf einem Bauernhof hörbar werden lässt.
Bereits seit geraumer Zeit zeigt er ein Faible für deutsche wie internationale Volkslieder, denen er neues Leben einhaucht, wenn er sie reharmonisiert und mit eigenen Wendungen und Deutungen inhaltlich anreichert. Dazu gehören das Eröffnungsstück „Guter Mond, du gehst so stille“ ebenso wie vor dem Jazz-Talk mit Wolfram Knauer das Handwerksburschenlied „Es, es, es und es“, hier eine pulsierende Tour de force für Solo-Stehbass, dort eine traurig-schöne Ballade.
Nicht nur im Traditional „I Fall In Love Too Easily“ ist Ilgs Flageolettspiel beispielhaft – auch im längsten Stück des Abends, das sich aus „Hanami“ (Kirschblüte) und „Tsuyu“ (Tau) zusammensetzt, zwei koreanischen Volksweisen, die zu einer Einheit zusammenfließen.
Auf dem T.C. Boyle gewidmeten „Savannah Samurai“ überzeugt der Groove des Kontrabassisten genau so wie in den beiden Zugaben „E-Blues“ mit seinem Zwölftonschema sowie in dem alten amerikanischen Standard „All The Things You Are“, von Ilg bewusst ausladend und etwas verwischend gespielt.
Als ein ganz modern artikulierender Geschichtenerzähler ist Dieter Ilg inzwischen ein echter Klassiker des Bassspiels. Er versteht es meisterhaft, ins Unbekannte abzutauchen und dann doch zu den vertrauten Pfaden zurückzufinden. Das macht ihn in der Jazzszene so beliebt und unverwechselbar. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 8. September 2008
Mit Bohrer und Knarre. Jazzkonzert: Das Trio "Hyperactive Kid" baut in Darmstadt packende Spannungsfelder auf
DARMSTADT. Beim diesjährigen German Jazz Meeting in Bremen waren die Drei ein Publikumsmagnet: das von der Besetzung her etwas ungewöhnliche, doch von der Basis her konventionelle Jazztrio "Hyperactive Kid" mit Philipp Gropper (Tenor-,Sopransaxofon), Ronny Graupe (Gitarren) und Christian Lillinger (Schlagzeug). Der außergewöhnliche Name und das exemplarische Spiel lassen sofort an die emotionalen hyperkinetischen Störungen denken, die mit unüberlegten Handlungen, leichter Ablenkbarkeit, geringem Durchhaltevermögen, leicht aufbrausendem Wesen und Hyperaktivität einhergehen.
Dass all dies auch in positiven Bahnen ablaufen kann, zeigen die Drei am Freitag auf Einladung des Darmstädter Fördervereins Jazz im Gewölbekeller des Jazzinstituts. Seit gut vier Jahren bastelt das Trio an einem Konzept, das freien Jazz propagiert, der scheinbar ziellos dahinströmt, doch in Wahrheit auf’s Feinste durchdacht ist. Bereits im Eröffnungsstück „Pierdola Saska“, was „Du dummer kleiner Trottel“ heißen soll, kündigt sich dieses Konzept an.
Die Komposition "Herbst" bietet eine bunte Herbstpalette an, präsentiert aber auch ungewöhnliche Perkussionsgeräte wie Küchenquirl, Handbohrer oder Holzknarre, bietet statische Ruhe neben heftiger Ungeduld. Dann schwelgt man im folgenden Titel im Wohlklang eines Jimmy-Giuffre-Trios, um kurz darauf ein mit Rock sowie mit Drum’n’Bass gewürztes John-Lurie-Menu zu genießen.
Ein polyrhythmisches Perkussions-Allerlei erinnert in Auswahl und Anschlag an den Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer. Er ist einer der Mentoren (und Lehrer) – neben Joachim Kühn und Manfred Schoof –, die das Potenzial dieser Band erkannten. So entsteht eine sinnlich-lebendige Musik, die sich ständig ändert. Spiel und Gegenspiel stehen im Vordergrund, die Musik ist gleichzeitig harsch und melodiös, die gegenseitige Verzahnung perfekt. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 30. Juni 2008
Mikesch macht Musik. Jazz-Conceptions: Abschluss einer Woche mit Workshops und Konzerten in Darmstadt
DARMSTADT. Wenn eine Veranstaltung in ihre 17. Auflage geht, muss ihr etwas Besonderes anhaften. So steht es auch mit den Darmstädter Jazz-Conceptions, die in der vergangenen Woche mit ihren Sessions und Konzerten aufwarteten und wie immer große Resonanz fanden. Das zeigten besonders die Abschlusskonzerte am Wochenende in der Bessunger Knabenschule, als Teilnehmer und Dozenten vorführten, was sie zuvor in fünf Tagen Gruppenarbeit einstudiert hatten. Dabei ist zu bedenken, dass es sich um reine Ensemble-Workshops handelt, die am ersten Tag der Arbeitswoche nach Vorstellung der Dozenten spontan zusammengestellt wurden. Dass die Improvisation innerhalb der Gruppe die Basis ist, versteht sich von selbst, darüber hinaus aber sind Zusammenspiel, das Einander-Zuhören, das Ausloten gemeinsamer Ideen, die musikalische Kommunikation ebenso entscheidend. Das macht den musikalischen Ablauf erst spannend.
Neben Jürgen Wuchner, Initiator dieser Jazz-Conceptions, und dem Stamm-Dozenten Christopher Dell waren in diesem Jahr Christopher Thewes (Posaune), Adam Pieronczyk (Tenorsaxophon), Uwe Oberg (Klavier), Philipp van Endert (Gitarre) und Michael Griener (Schlagzeug) die lehrenden Musiker, die einerseits die Tradition dieser Veranstaltung weiterführten, aber auch mit neuen Ideen bereicherten.
Die Abschlusskonzerte waren der schlagende Beweis dafür, dass die Lehrinhalte angekommen sind, Teilnehmer wie Besucher der Konzerte spannende Momente erlebt haben. Das zeigte sich schon am Donnerstag im Jazzinstitut, als die Dozenten sich in einer freien Improvisation zusammenfanden. Der Freitag war der Tag der Ergebnisse aus den Gruppensessions – zunächst derer von Jürgen Wuchner, eines Oktetts, das in Stücken von Dave Brubeck, Jimmy Giuffre sowie des Bassisten Standards neben Patchwork-Kompositionen wirken ließ. Philipp van Enderts fix formierte Band profitierte davon, dass sie gleich mit vier Gitarristen aufwarten konnte. Sie brillierte mit feinen Arrangements van Enderts in Stücken des Amerikaners Bret Wilmott, wobei die jüngsten Teilnehmer dieser Conceptions, zwei Dreizehnjährige an Klavier und Schlagzeug, besondere Akzente setzten.
Christopher Dell liebt man in Darmstadt wegen seiner skurrilen Ideen und deren Umsetzung. Er arbeitete wie ein Moritatenerzähler mit einer Tafel voller Regie-Anweisungen, quasi unter dem programmatischen Titel „Nie ein flotter Beat“. Adam Pieronczyks Ensemble wartete mit der kleinsten Besetzung auf: vier weiteren Saxofonen. Der Tenorsaxofonist löste das Problem mit einer Rhythmusbegleitung aus dem Laptop.
Während Kollege Christof Thewes in seinem Ensemble auch Geige und Flöte einzubauen wusste und ganz entspannt jammte, bot Michael Grieners Ensemble wiederum ein kleines, aber feines Programm: Stücke von Peter Kowald, Ernst-Ludwig Petrowsky und eine Melodie von Kater Mikesch aus der Augsburger Puppenkiste. Dies zeigte eindrücklich, wie man mit einfacher Spielweise und Taktaufbau etwas Großes bewirken kann.
In gewisser Weise traf dies auch auf Uwe Obergs Großensemble zu, das in einer zweiteiligen Eigenkomposition und in einem Stück des amerikanischen Sopransaxofonisten Steve Lacy aus der Stille Töne und Klänge gebar, die sich verdichteten, rhythmisierten und wieder in Stille zurückfanden.
Naturgemäß zog dann das Abschlusskonzert der Dozenten viele aktive Musiker und Jazzfreunde aus dem Rhein-Main-Gebiet an, die sich darüber freuen konnten, wie sich die Lehrer in Eigenkompositionen zu einer harmonischen Band zusammenfanden. (Ulfert Goeman)
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Frankfurter Rundschau, 30. Juni 2008
Aus Freude am Jazz.Darmstadt Profis und Musikbegeisterte üben bei Conceptions gemeinsam
Im Freizeitlook stehen oder sitzen 18 Musiker auf der Bühne der Bessunger Knabenschule. Notenmaterial haben sie kaum. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die meisten Mitglieder des großen Ensembles erst seit wenigen Tagen kennen. Ein hemdsärmeliger Mensch fuchtelt mit den Armen herum, bis er die Künstler schließlich ihrem eigenen Spiel überlässt.
Die Bilder sind typisch für die Darmstädter Jazz Conceptions. Seit 1992 ruft die Stadt Menschen mit Spaß an Jazz und Musik in der ersten Ferienwoche zur gemeinsamen Erfahrung auf, zum Lernen, Üben, Spielen. Dieses Jahr waren es 42 Teilnehmer im Alter zwischen 13 und über 70 Jahren.
"Eine anstrengende Woche, besonders für die Blechbläser", lacht Kontrabassist und Organisator Jürgen Wuchner vor dem Dozentenkonzert am Samstag in der Knabenschule. Sechs namhafte Jazzer hat er in diesem Jahr als Dozenten gewinnen können, darunter den Hessischen Jazzpreisträger 2007, den Pianisten Uwe Oberg. Die Darmstädter Conceptions gehören mittlerweile zu den wichtigsten Workshops ihrer Art in Deutschland.
Der frühe Schulferienbeginn und die Fußball-Europameisterschaft habe sich in diesem Jahr ein wenig nachteilig auf Beteiligung und Besucherzahl ausgewirkt. Vor allem die Studenten unter den Jazzern steckten mitten in den Klausuren und hätten nicht kommen können, bedauert Wuchner. Ansonsten aber "geht es ständig aufwärts". Der Erfolg macht Wuchner für die Zukunft optimistisch: "Die erste Anmeldung für 2009 liegt schon vor." (Frank W. Methlow)
[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juni 2008
"Leichtigkeit des Spielerischen". Darmstädter Musikpreis für Jazzpianist Uli Partheil
Der Jazzpianist und -komponist Uli Partheil erhält den Darmstädter Musikpreis 2008. Vor allem mit seinem Trio "Playtime" habe Partheil das Musikleben der Stadt in den vergangenen 20 Jahren entscheidend mitgeprägt, begründete die Jury ihre gestern bekanntgegebene Entscheidung. Seine Virtuosität ordne der 1968 in Darmstadt geborene Pianist dabei immer der Musikalität unter. Auch komplexe Improvisationen besäßen bei ihm "die Leichtigkeit des Spielerischen". Spürbar sei, so die Juroren weiter, "überall die Verwurzelung im Blues". Zum Tragen kämen zudem Einflüsse von Duke Ellington und Thelonious Monk sowie lateinamerikanischer und klassischer Musik. Durch seine Verbindung zu Darmstadt bleibe Partheil aber stets "geerdet", sagte Wolfram Knauer als Jurymitglied und Direktor des Darmstädter Jazzinstituts.
Seine Ausbildung begann der Preisträger zunächst mit klassischem Klavierspiel an der Darmstädter Akademie für Tonkunst bei Peter Schmalfuss und Jürgen Sörup. An der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim folgte ein Studium der Fächer Jazz-Piano und Kompositions-Arrangement. Mitte der achtziger Jahre gründete Partheil dann sein erstes Trio, für das er auch Kompositionen schrieb. Für Aufsehen sorgte er zuletzt mit seinem Projekt "Musikgeschichten - Musik von Uli Partheil zu Texten des uruguayischen Schriftstellers, Historikers und Kulturkritikers Eduardo Galeano" sowie zuvor mit "Trinkle Tinkle - The Music of Thelonious Monk" und "Klassikern der kubanischen Musik des 20. Jahrhunderts".
Derzeit arbeite er an Programmen, die sich mit "Country and Western Music" und Musik von Duke Ellington beschäftigten, sagte Partheil. Auszüge aus dem Ellington-Programm soll es auch im Konzert zur Preisverleihung am 17. November in der Darmstädter Centralstation zu hören geben, wo er im "Playtime"-Trio mit dem Schlagzeuger Holger Nesweda und dem Bassisten Hanns Höhn auftreten wird. Der Darmstädter Musikpreis wurde vor vier Jahren vom Darmstädter Förderkreis Kultur initiiert, ist mit 5000 Euro dotiert und wird von der Sparkasse Darmstadt finanziert. (gui.)
[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 26. Juni 2008
Mit dem Bauch hören. Am Tag der Verleihung wird der Preisträger mit seinem „Playtime“-Trio auftreten
EIN BESSUNGER bekommt den Darmstädter Musikpreis 2008: Der Jazz-Pianist Uli Partheil nimmt die Auszeichnung am 17. November in der Centralstation entgegen. (Foto: Günther Jockel)
DARMSTADT. Alle bisherigen Träger des Darmstädter Musikpreises waren der Stadt in besonderer Weise verbunden. Aber keiner ist so fest in ihrem Musikleben verwurzelt wie Uli Partheil: Der Jazzpianist ist eine feste Größe in der Jazz-Szene der Stadt.
Nicht nur durch seine Auftritte: Auch als Dozent an der Jazz- und Pop-School, bei den Jazz-Conceptions und bei vielerlei Schulprojekten bereichert er das Musikleben mit seiner Erfahrung. In diesem Jahr erhält er den Darmstädter Musikpreis, der vom Förderkreis Kultur und der Sparkasse Darmstadt zum vierten Mal vergeben wird.
Sparkassenchef Georg Sellner sprach am Mittwoch bei der Bekanntgabe der mit 5000 Euro dotierten Auszeichnung von der Bedeutung der Kunstförderung für sein Institut, das damit auch die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur als „weichen Standortfaktor“ dokumentiere.
Dies könne auch als Signal an andere Kultureinrichtungen verstanden werden, was die Jurymitglieder Wolfram Knauer (Jazz-Institut), Solf Schaefer (Internationales Musikinstitut) und Cord Meijering (Akademie für Tonkunst) gewiss aufmerksam registriert haben werden.
Uli Partheil wurde 1968 in Darmstadt geboren. Als erstes Instrument spielte er mit fünf die Melodika, später erhielt er Orgelunterricht bei Karl Macholdt in Ober-Ramstadt. Nach einer klassischen Ausbildung an der Akademie für Tonkunst folgte ein Jazz-Studium bei Joerg Reiter sowie ein Kompositions- und Arrangement-Studium an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim.
Seit Anfang der neunziger Jahre musiziert Partheil mit vielen namhaften Kollegen, darunter Jürgen Wuchner, Janusz Stefanski und Ack Van Rooyen.
Die Jury-Entscheidung sei „von allen Mitgliedern mit vollem Herzen“ getroffen worden, sagte der Förderkreis-Vorsitzende Peter Benz. Bei der Preisverleihung am 17. November in der Centralstation wird Partheil, der seine ersten Auftritte in Darmstadt Mitte der Achtziger in der „Goldenen Krone“ hatte, mit seinem „Playtime“-Trio auftreten.
Wahrscheinlich spielt er Auszüge aus seinen derzeit entstehenden Kompositionen, die auf Duke Ellington Bezug nehmen – und auf den Dichter Pablo Neruda, dessen Texte in diesem Projekt vertont werden sollen. (Johannes Breckner)
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Darmstädter Echo, 25. Juni 2008
Eine Schule für eigene Ideen. Jazz Conceptions: Zum 17. Mal gestalten Dozenten und Teilnehmer eine Woche voll Kursen, Seminaren und Konzerten
DARMSTADT Das Eröffnungskonzert am Montag war wie in den Jahren zuvor der Einspielabend für Dozenten wie Teilnehmer. In der Halle „603qm“ stellte man sich mit bekannten Stücken des Jazzrepertoires von Charlie Parker, Kenny Dorham oder auch Sonny Rollins vor, spielte beherzt vor einer großen Jazzgemeinde auf und baute dabei etwaige Berührungsängste ab.
Seit 1992 gibt es die Darmstädter Jazz Conceptions, deren Veranstalter der Trägerverein der Bessunger Knabenschule und das Darmstädter Jazzinstitut sind. Man will zum 17. Mal musizieren. Das beweist, dass das Konzept erfolgreich ist, zumal mit den Jahren auch das Renommee der Veranstaltungsreihe gewachsen ist. Die Entwicklung des einwöchigen Workshops verlief kontinuierlich, die Teilnehmerzahl pendelte sich auf einen Wert ein. In diesem Jahr sind erstmals wieder weniger Musiker dabei, weil der Zeitpunkt wegen der unterschiedlichen Ferientermine in den Bundesländern möglicherweise zu früh lag. Die kreative Atmosphäre ist geblieben.
Jürgen Wuchner, der Initiator und Motor der Jazz Conceptions, konnte wieder eine Reihe neuer bekannter Jazzdozenten dazu gewinnen. So sind neben den bewährten und beliebten Kräften wie Christopher Dell (Vibrafon) und Christof Thewes (Posaune) und Wuchner selbst am Bass noch Adam Pieronczyk (Saxofon), Philipp van Endert (Gitarre), Uwe Oberg (Klavier und Großensemble) und Michael Griener (Schlagzeug) mit von der Partie. Alle haben als aktive Musiker einen klingenden Namen. Tenorsaxofonist Pieronczyk etwa ist auf seinem Instrument Supertechniker, Strukturalist und kühler Expressionist in einem; er war vor drei Jahren in der Alten Oper einer der Stars des Frankfurter Polish-German-Konzerts. Gitarrist Philipp van Endert ist im Köln-Düsseldorfer Raum eine feste und bekannte Größe, die Darmstädter Jazzgemeinde kennt ihn von einem Duo-Auftritt mit dem Klarinettisten Lajos Dudas.
Pianist Uwe Oberg, Initiator der Wiesbadener Freejazz-Szene und Hessischer Jazzpreisträger des vergangenen Jahres, ist Grenzgänger zwischen strukturellem und freiem Spiel. Oberg leitet dieses Jahr das Großensemble, wechselt dabei sicher zwischen freien und gebundenen Teilen, Klangflächen und swingenden Passagen. Schlagzeuger Michael Griener ging vor Jahren von Nürnberg nach Berlin, ist dort viel gefragter Begleitmusiker, unterrichtet an der Musikhochschule Dresden sowie der Jazzschule in Berlin. Ihnen allen ist daran gelegen, Ideen in die Ensembles zu bringen, die ja sozusagen zufällig durch die bloße Anmeldung der Teilnehmer zueinander gefunden haben. Man will den Teilnehmern ein weites Feld eigener Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Dabei gilt es auch, Ungleichgewichte des instrumentalen Bedarfs – meist fehlt es an Bassisten und Schlagzeugern – auszugleichen.
Ort der Ensemble-Workshops ist erneut die Bessunger Knabenschule, die die Musiker auch organisatorisch wie kulinarisch betreut. Abend- und Publikumsveranstaltungen sind heute (Mittwoch) um 20.30 Uhr im Achteckhaus in der Mauerstraße, morgen – ebenfalls um 20.30 Uhr – im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut an der Bessunger Straße 88d sowie am Freitag und Samstag ab 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule. Freitags ist das Abschlusskonzert der Teilnehmer, man plant sechs Gruppen mit sechs verschiedenen musikalischen Konzepten vorzustellen. Samstags spielen die Dozenten; eingebettet ist ein Seminar mit dem Jazzinstitutsleiter Wolfram Knauer, der Rolle und Wirken der kleinen Jazz-Avantgarden in ihrer jeweiligen Zeit vorstellen will. (Ulfert Goeman)
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Frankfurter Rundschau, 18. Juni 2008
Jazz. Der Groove von Bessungen. Wolfram Knauer betreibt das in seiner Art einzigartige Darmstädter Jazzinstitut
Wer sich mit Jazz beschäftigt, der landet unweigerlich bei Wolfram Knauer. Wenn nicht persönlich, dann auf der Homepage seines Institutes. Knauer leitet das Darmstädter Jazzinstitut, die einzige Einrichtung dieser Art in Europa.
Täglich bekommt er E-Mails von Journalisten, Musikwissenschaftlern, Musikern, Filmemachern, Produzenten. Der 50-Jährige kokettiert gern mit einer internationalen Rangliste: Es gibt das Institut of Jazz Studies New Jersey, das New Orleans Archiv "und dann kommen schon wir".
Das Institut, untergebracht in einem barocken Jagdschloss im Stadtteil rBessungen, beherbergt ein Online-Archiv und die größte Jazz-Sammlung Deutschlands. 60.000 Tonträger, 40.000 Zeitschriften, 4000 Fachbücher und 40.000 Fotos dokumentieren die deutsche und internationale Geschichte der Musikgattung.
Knauer, eigentlich "Kieler Sprotte", hat das Archiv vor 18 Jahren aufgebaut. Es ist das kleinste der städtischen Kulturinstitute und der jahrzehntelangen Musiktradition Darmstadts verpflichtet.
Er und drei Mitarbeiter archivieren und knüpfen Verbindungen in alle Welt. Sie veranstalten Konzerte im Gewölbekeller, reisen zu Tagungen und beteiligen sich an Festivals. Knauer versteht sich als "Lobbyist" für den Jazz, der in Deutschland noch immer den Ruf des Elitären und der Minderheiten-Musik habe.
In der internationalen Jazz-Szene hat Knauer einen Namen. Seit Januar hat der Musikwissenschaftler seinen Arbeitsplatz teilweise nach New York verlegt. Als erster Nichtamerikaner hat er derzeit die "Louis-Armstrong-Professur" an der New Yorker Columbia University inne. Als Gastprofessor lehrt er über den Jazz in Europa. Auch das Thema ist eine Premiere. "Europäischer Jazz wird in den USA kaum wahrgenommen".
Naiv und erfrischendMit seinen Studenten, einem interdisziplinären Völkchen aus Musikern, Literaturstudenten, Theologen und Historikern, hat er unter anderem die Frage debattiert: "Wem gehört der Jazz?" Eine für Europäer vielleicht befremdliche Debatte, in den USA dagegen eine Diskussion mit hohen Empfindlichkeiten.
"Von den Afroamerikanern erfunden, den Weißen kommerzialisiert und jetzt kommen auch noch die Europäer", fasst Knauer zusammen. Mit seiner unbekümmerten europäischen und direkten norddeutschen Art hat der 50-Jährige viel Schwung in univesitäre Debatten gebracht. "Ich habe viel offene Fragen gestellt, die man im ,politisch korrekten' Amerika so nie gestellt hätte. Das war naiv, aber auch erfrischend".
Gewohnt hat Knauer vier Monate in Harlem, dem New Yorker Stadtteil mit der ältesten Jazz-Tradition. Er hat die in der Szene so wichtigen Kontakte und Netzwerke geknüpft und seine Abende in Jazz-Clubs verbracht. "Es war eine Klasse Erfahrung." Und auch dort ist er dann wieder auf Darmstadt gestoßen. In Harlem soll ein Center of Jazz-Studies entstehen. Auf der Broschüre der Gründer prangte - als Vorbild - das barocke Jagdschloss, das Logo des Jazzinstitutes. (Astrid Ludwig)
[Website der Quelle: http://www.fr-online.de]
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Darmstädter Echo, 16. Juni 2008
Labor aus der Tasche. Musik-Solo: Der Sänger Michael Schiefel stellt sich im Darmstädter Jazzinstitut vor
DARMSTADT. Loop ist die Bezeichnung für ein Stück Musik, das ständig wiederholt wird. In der Regel handelt es sich um eine Tonschleife, die meist auf einen oder mehrere Takte begrenzt ist, ein wichtiges Stilmittel beispielsweise für den Hip-Hop. Damit ist der Loop für den Jazzsänger Michael Schiefel ideal, wenn er sein Solo mit Inhalt und Volumen füllt, ohne auf Begleiter, gar ein Orchester zugreifen zu müssen. Am Freitag war Schiefel der Star des Jazz-Talks im Darmstädter Jazzinstitut.
In Münster geboren und gegenwärtig Professor für Jazzgesang an der Musikhochschule Weimar, lebt er seit geraumer Zeit in Berlin, wo er bei David Friedman, Jerry Granelli und Lauren Newton studierte. Bei seinem Lehrer entdeckte er ein nicht gebrauchtes Loop-Gerät eines Schweizer Bastlers, das ihn faszinierte und ihm Gelegenheit bot, seine Solo-Arbeit auf eine ganz andere Ebene zu heben. Das führte vor fast zehn Jahren zu einer ersten mehrspurigen Tonaufnahme. In den folgenden Jahren hat Schiefel mittels verfeinerter Technik und entsprechender Unterstützung sämtliche Funktionsdetails in einem „Controller“ mit dem Aussehen einer großen Keksdose zusammengefasst. Darin steht ihm die Ausrüstung zur Verfügung, um die Stimme zu vervielfältigen, zu verfremden, die Akkordfolge zu ändern, Ansagen oder Hall hinzuzugeben, einen Chorus einzubauen oder Quarten- oder Quintensprünge live zu produzieren.
Aus zunächst kurzen Melodiefragmenten, rhythmischen Taktvorgaben, Begleitakkorden und Schiefels Vokalakrobatik entsteht ein orchestrales Arrangement, wechseln die Tonarten, sind Soli von Bass oder Schlagzeug einbezogen. Live wirken die Abläufe und Arrangements wesentlich freier, wird die zwischen Tenor und Alt changierende Stimme Schiefels zu einem mehrköpfigen Elektronik-Gesangs-Ensemble. Dabei schimmert etwa in den Balladen die Stimme Ella Fitzgeralds durch, mit einer makellosen Interpretation durch alle Register bis zum Falsett, mit absolutem Timing und perfektem Vibrato. Schiefels Vokalisen zeigen in der instrumentalen Stimmführung auch Parallelen zu Bobby McFerrin.
„Don’t Touch My Animals“, „Boys Don’t Cry“ oder „My Home is My Tent“ zeigen einerseits das Stimmwunder Michael Schiefel mit seinem Hang zum Countertenor, andererseits aber auch den genialen Klangtüftler. Ein aufschlussreicher Exkurs mit Klapprechner und Loop-Controller in ein Klanglabor, das in eine Tasche passt. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 14. Juni 2008
Unterwegs nach Schlitz. Verbände: Der Darmstädter Hartmut Gerhold ist neuer Präsident des Landesmusikrates
DARMSTADT. Vor kurzem erst ist Hartmut Gerhold aus Südkorea zurückgekehrt. Mit einer Professur für Flöte und Kammermusik hatte er die Aufbauarbeit an der neuen „German School of Music“ an der Kangnam-Universität in der Nähe von Seoul unterstützt. An Ruhestand ist für den 68 Jahre alten Darmstädter freilich noch nicht zu denken: Der Landesmusikrat hat ihn in seiner jüngsten Sitzung für eine Amtszeit von mindestens drei Jahren zum Präsidenten gewählt. Gerhold tritt die Nachfolge von Gerhard Becker an, der dem Dachverband aller hessischen Musikverbände 17 Jahre lang vorgestanden hatte.
Die erste Aufgabe, die der neue Präsident zu bewältigen hat, ist der Umzug der Geschäftsstelle: Der Landesmusikrat, derzeit noch in Frankfurt zuhause, zieht ins oberhessische Schlitz, an den Sitz der Landesmusikakademie, deren Träger er ist. Darüber hinaus will Gerhold sich um die Verbesserung der finanziellen Lage kümmern, die ein größeres Angebot ermöglichen soll – es gibt wenig Landesmusikräte, die so knapp ausgestattet sind wie der in Hessen, der als Institution und für bestimmte Projekte vor allem vom Land finanziert wird.
Dem neugewählten Präsidium gehört auch Wolfram Knauer an, Direktor des Jazz-Instituts in Darmstadt. Mit der Zusammensetzung des Gremiums ist Gerhold sehr zufrieden: Nicht nur verschiedene Altersgruppen, sondern auch verschiedene Musikrichtungen und die Regionen des Landes sind im Präsidium vertreten.
Hartmut Gerhold war 1991 nach Darmstadt gekommen als Direktor der Akademie für Tonkunst, die er bis 2004 leitete. Zuvor hatte er als Flötist in mehreren Orchestern und Kammermusikensembles mitgewirkt, ehe er 1978 Direktor des Städtischen Konservatoriums Osnabrück wurde. Neben seiner solistischen und lehrenden Tätigkeit war Gerhold auch in den Organisationen des Musiklebens tätig. Der Deutsche Musikrat hat ihn zu seinem Ehrenmitglied ernannt. (job)
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Darmstädter Echo, 23. Mai 2008
Wunderblume vom Balkan. Jazz: Eine Schäferin, die die Einsamkeit der Städte kennt: Die Albanerin Elina Duni breitet mit ihrem Quartett folkloristische Fundsachen im Darmstädter Gewölbekeller aus
DARMSTADT. Neben dem „Jazz-Talk“, der für das Jazzinstitut Darmstadt zu einer Art Gütesiegel wurde, hat sich das „Forum international“ dort als zweite Veranstaltungsreihe etabliert, die sich dem europäischen Jazz widmet. Am Mittwoch gastierte das Elina-Duni-Quartett aus der Schweiz im Darmstädter Gewölbekeller des Instituts. Sängerin Duni stammt aus Albanien, kam mit elf Jahren mit ihrer Mutter nach Genf, studierte am Conservatoire de Musique de Genève und am Collège de Saussure klassisches Klavier und entdeckte dabei den Jazz. In Metropolen wie New York lernte sie die Einsamkeit von Großstädten kennen und wandte sich 2004, als sie ihr Quartett mit dem Pianisten Colin Vallon, dem Bassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Norbert Pfammater gründete, in Bern ganz dem Jazz zu.
Auf ihrer aktuellen CD „Baresha“ (Die Schäferin) ebenso wie bei ihrem Auftritt im Darmstädter Jazzinstitut überzeugt Elina Deni mit ihren meist nur mündlich überlieferten Melodien aus der auf dem Balkan gesammelten Folklore: Stücke wie „Lule“, in dem es um eine Blume geht, die sich in einen Schmetterling verwandelt und damit nie greifbar wird, oder „Kiparissin“, das von einer Zypresse handelt mit allerhand Absurditäten daneben, überzeugen durch Dichte und Ausdruck. Dabei überraschen nicht nur die Sängerin, die ihre Stimme ganz tief modulieren kann, sondern auch ihre Begleiter. Pianist Vallon bringt ein Arsenal von Verfremdungsutensilien wie Papier, Klammern und kleinen Spieluhrmagneten in seinen Klavierkorpus ein, Schlagzeuger Pfammater klemmt eine runde Rahmentrommel auf sein größtes Becken, um besonders zart Akzente setzen zu können. Bänz Oester hat seine tiefste Bass-Saite steil hinauf bis zum Schneckenende ziehen lassen, um sein musikalisches Spektrum auszuweiten.
Neben albanischen, griechischen und bulgarischen Melodien und Rhythmen stehen auch Songs der französischen Chanson-Ikonen Serge Gainsbourg und Leó Ferré auf dem Programm – melancholisch und sehr verhalten. Aus Geräuschen, Tönen, Klängen erwachsen aber auch fröhliche Lieder wie „Baresha“, das aus dem Kosovo stammt, oder eines aus Albanien, in dem eine kesse Lolita Verehrer wie Zuhörer verzaubert.
Die Galerie des Jazzinstituts (Bessunger Straße 88d) zeigt bis 30. Juli die Ausstellung „Pieces of Jazz“: klassische, auf Leinen aufgezogene Bilder des Andernacher Jazzfotografen Karl-Heinz Schmitt, der bei der Bildgestaltung mit einer Beschränkung auf Details das Fluidum des Augenblicks und die spezielle Aura der Jazzmusiker einfängt – montags bis donnerstags 10 bis 17 Uhr, freitags 10 bis 14 Uhr. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 28. März 2008
Mit Luft und Spucke. Jazz aus Frankreich: Jean-Marc Foltz stellt sich mit seinem Trio in Darmstadt vor
DARMSTADT. Jean-Marc Foltz ist ein Liebhaber der Bassklarinette. Der Musiker, der als Vertreter der jungen französischen Jazzszene am Mittwoch im „Forum international“ des Jazzinstituts Darmstadt zu Gast war, schätzt dieses Instrument wegen seines ungewohnten Klangs. 1968 in Straßburg geboren, gehört Foltz der freien Jazzszene an. Nach inzwischen mehr als 14 Veröffentlichungen ist ihm mit der Gründung seines Trios mit dem Bassisten Sebastien Boisseau und dem Schlagzeuger Christophe Marguet vor drei Jahren so etwas wie der europäische Durchbruch gelungen, mit mehreren Auftritten in Deutschland wie im Vorjahr beim Northsea Jazz Festival.
Das Spiel des Bassklarinettisten Foltz hat denselben urtümlichen Klang, wie man ihn etwa von Eric Dolphy kennt. Die komplexen und gleichzeitig luftigen Stücke umhüllt stets eine sphärische Komponente, die vom Bass Boisseaus und dem wirbelnden Schlagzeug Marguets geerdet wird. Seltener greift Jean-Marc Foltz auch zur normalen Klarinette, nutzt sie aber meist genau so ungewöhnlich, wenn er sich etwa im Gewölbekeller des Jazz-Instituts auf die Erde kniet, den Trichter nach oben richtet und dem Instrument mit viel Luft und Spucke Laute wie fallende Kugeln oder aufsteigende Blasen entlockt.
Trotz gewisser Parallelen zur deutschen Jazzszene entdeckt man bei dem Elsässer Jean-Marc Foltz ganz individuelle Eigenarten. So macht das Konzert neugierig auf weitere Eindrücke aus der europäischen Jazzszene, beispielsweise einem weiteren Konzert, das Elina Deni Ende Mai nach Darmstadt führen wird. (Ulfert Goeman)
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Frankfurter Rundschau, 26. März 2008
Konzert. Schrei der Bassklarinette
Jean-Marc Foltz hat nicht einmal die 40 überschritten, aber schon eine lange Vergangenheit. Der Klarinettist arbeitete in jungen Jahren mit bekannten zeitgenössischen Komponisten wie Pierre Boulez und Franco Donatoni zusammen, ehe er sich Anfang der neunziger Jahre von der klassischen Moderne verabschiedete und dem Jazz zuwandte. Der französische Musiker bereicherte mit seiner Bassklarinette allerlei Formationen nicht nur im französischen Raum. Mit seinem Trio, zu dem der Bassist Sébastien Boisseau und der Schlagzeuger Christophe Marguet gehören, setzt Foltz seine Vorstellungen von Improvisation am konsequentesten um. "Die Bassklarinette brummt nachdenklich, klagt und fordert, hüpft vor Freude, vibriert vor Anspannung, bis sie sich in einem urwüchsigen Schrei entlädt. Jean-Marc Foltz' instrumentales Können lässt fraglos all diese emotionalen Volten in seiner Musik zu", urteilt das Jazzinstitut Darmstadt, das das Trio jetzt eingeladen hat. Mit Unterstützung des Burau d'export de la musique française und des Institut français Frankfurt. Der Kultur-Export liegt den Franzosen bekanntlich sehr am Herzen. (vo)
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Frankfurter Rundschau, 4. Februar 2008
Die Verdichter. "Die Enttäuschung" im Darmstädter JazzinstitutAuch der Jazz ist nur ein Spiel. Ein hoch komplexes zwar, ein mehrfach gebrochenes, mit Regeln, die nicht jedem sofort zugänglich sind, aber eben doch: ein Spiel. Die Enttäuschung, ein Quartett aus Rudi Mahall, Axel Dörner, Uli Jennessen und Jan Roder, gehört zu den eindrucksvollsten Verfechter dieser Theorie. Sie jonglieren mit Bausteinen, die die Geschichte ihnen überlassen hat, sie brechen sie in immer kleinere Einheiten auf, kleben sie in absichtlich verquerer Reihenfolge aneinander, sie maskieren sich als Slapstick-Komödianten, als wollten sie verschleiern, wie virtuos, wie durchdacht, wie ausdifferenziert und artifiziell ihre Musik ist.
Zwei ihrer Stücke heißen "Vorwärts-Rückwärts", und noch nicht einmal Rudi Mahall kann sich diese Dopplung erklären. Eine Trilogie klärt die Fragen: Wer kommt mehr von der Klassik, wer kommt mehr vom Jazz, wer kommt mehr vom Sozialamt? Gespielt haben sie in Darmstadt nur das letzte Stück.Der Gewölbekeller unterm Jazzinstitut ist voll. Das ist zunächst Ausdruck der hartnäckigen Arbeit der Darmstädter Jazzszene, durch die auch zeitgenössischer Jazz seine Hörer findet. Und natürlich ist der Zuspruch der Band geschuldet, die zum besten gehört, was man in Deutschland derzeit finden kann. Mahall und Dörner sind die Treiber der Musik, unruhige Motoren, ständig in Bewegung. Selten greift ihr Spiel weit aus. Sie sind Verdichter, die in ihre rhythmisch intrikaten Aphorismen so viel hineinpacken, dass einem fast schwindlig wird.
Stille hingegen ist kein wesentlicher Begriff bei der Enttäuschung. Manchmal ist das schade. Manchmal ist es aber einfach egal. Dann sitzt man da, schaut und hört ihnen zu, dem Zirkusdirektor mit dem lustigen Backenbart mitsamt seiner kleinen Kapelle - und denkt sich: Der Jazz ist nur ein Spiel. Aber was für ein schönes. (Tim Gorbauch)[Website der Quelle: http://www.fr-online.de]
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Darmstädter Echo, 14. Januar 2008
Aki Takasé im Jazzinstitut
DARMSTADT. Keine Musik ist frei von Vorbildern. Ornette Coleman, einer der Väter des Free Jazz, ohne dort eigentlich ein Radikaler gewesen zu sein, baute eine Brücke von Parkers Bebop zur jazzhistorischen Moderne. „Lasst uns die Musik spielen, nicht den Hintergrund“, war seine Devise, und er dachte dabei vor allem an die Freiheit eigener Improvisationen. Genau das haben sich die Pianistin Aki Takasé und die Altsaxofonistin/Klarinettistin Silke Eberhard vorgenommen und sich mit den frühen Kompositionen Colemans auseinandergesetzt. Am Freitag stellten sie im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstitutes rund 20 Stücke vor.
Takasé, Grand Dame des europäischen Jazz und mittlerweile mehr als 20 Jahre in Deutschland zuhause, ist in ihrem Klavierspiel von Persönlichkeiten wie Bill Evans, Bud Powell und Herbie Hancock, aber auch von Ravel, Debussy und Bartók geprägt. Ihre Musik pendelt zwischen nervigem Wohlklang und schrill-rauen Free-Jazz-Klängen. Die Themen verarbeitet sie geduldig, aber äußerst variantenreich. Immer wieder überraschen raffinierte Verbindungen heterogenster Materialien, Strukturen und Stilelemente. Pointillistische Klangtupfer wechseln sich ab mit Clustern, swingenden Passagen und Ruhepunkten, von denen sie sagt, dass sie zu ihrer japanischen Wesensart gehören. Im Zusammenspiel mit Silke Eberhard, einer geschliffen artikulierende Musikerin und einer ihrer Schülerinnen, hat sie die kongeniale Duo-Partnerin.
Sie haben jene Stücke des Jazz-Innovators gewählt, die er in seinem pianolosen Quartett mit Don Cherry, Charlie Haden und Billy Higgins entwickelte. Damit haben sie Zugang zu einer Musik, die einst provozierte, heute aber süchtig macht, wie etwa „Lonely Woman“. Hinzu kommen Stücke, die sehr kurz sind wie „Free“ oder „Eventually“, weil die Themen sofort Impulse zur Improvisation geben. So haben Takasé und Eberhard Möglichkeiten zu Ausdeutung, Reflexion, Fortführung und Anreicherung. Bei der Interpretation von Colemans „Focus On Sanity“ kommt einem ein Vergleich von Archie Shepp in den Sinn, der hier von einem Volkstanz spricht, den ein extrem präpariertes Klavier anpeilt, um ihn dann heftig knatternd auszulöschen. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 10. Dezember 2007
Töne wie kleine Perlen. Jazz -Talk: Frei von Trends und Klischees: Alexander von Schlippenbachs Trio stellt sich im Darmstädter Gewölbekeller vor
DARMSTADT. Alexander von Schlippenbach ist ein Großer des europäischen Free Jazz. Am Freitag war er als Talk-Gast im Gewölbekeller des Darmstädter Jazz-Instituts zu Gast. Als Pianist, Komponist und lange Zeit Leiter des Globe Unity Orchestra hat er über 40 Jahre lang die Möglichkeiten freier Musikpraktiken im Bigband-Kontext ausgelotet. Sein Jazz ist spontan und konstruktivistisch, wobei die Arrangements weit gefasste Instrumenten- und Personen-Konstellationen sind. Dasselbe übertrug er – in einfacherer Weise – auch auf seine Kleinformationen.
Deren bedeutendste, das Trio mit dem englischen Tenorsaxofonisten Evan Parker und dem Schlagzeuger Paul Lovens, stellte er jetzt vor. Was von Schlippenbach seit über 30 Jahren immer wieder, meist auf „sogenannten Winterreisen“, in überzeugender Eintracht vorstellt, spiegelte auch im Jazzinstitut, was er von freien Improvisationen hält. Sein Motiv und sein Antrieb stammen aus der afroamerikanischen Tradition und den jazztypischen Auslegungen etwa eines Thelonious Monk und Cecil Taylor. Von Schlippenbachs Musik bleibt dabei frei von Trends, Stilerscheinungen oder Klischees: Die beiden langen Stücke zehrten von High-Energy-Playing, clusterartigen Akkordballungen und perkussiven Kraftakten am Klavier, kompromisslosen Tönen des Tenorsaxofonisten, einem strömenden Fluss innerer Spannung und von der Entspannung der Töne. Hinzu kommt die eindringlich-melodische Spielweise von Paul Lovens, der ein karges Drum-Set bedient. Mit zwei Becken, High-Hat, Bassdrum und zwei Snare-Trommeln, auf denen sich Blechdeckel und Beckenteile tummeln, entfaltet er unglaublichen Ton-Reichtum. Alle drei Musiker scheinen ihren eigenen rhythmischen Puls zu haben, zeigen aber in jedem Detail ein perfektes Aufeinanderhören und –reagieren.
Dass dann aus einem präpariertem Klavier mit Tönen wie aus einer verstimmten Spieldose Thelonious Monks’ bekannte Komposition „Evidence“ wie eine Chimäre auftaucht, untermauert die von Schlippenbach im Gespräch geäußerte Meinung, dass dieses Stück eine schlichte kleine Perle ist, die man immer wieder tragen sollte. Free Jazz kann auch thematisch-bildhaft sein. (Ulfert Goeman)
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Frankfurter Rundschau, 7. Dezember 2007
Konzert. Jazzer auf Winterreise
Im Grunde muss man zu ihnen nichts mehr sagen. Ihre Namen sind Klang genug: Alexander von Schlippenbach, Klavier. Evan Parker, Saxofon. Paul Lovens, Schlagzeug. Sie alle sind Monumente des freien Jazz, zu dritt halten sie es seit fast 30 Jahren miteinander aus. Das Schlippenbach Trio gehört damit nicht nur zu den beständigsten Formationen eines kritisch gedachten Jazz, es zählt auch zu den wichtigsten. Denn das Maß an Vertrautheit, das die Musiker erreicht haben, mündete nie in Routine. Neugier ist dafür wichtig, mehr wohl aber die Fähigkeit, sich selbst gegenüber kritisch zu bleiben. Mit wachem Ohr durchforsten sie seit Jahrzehnten das Material, hellhörig auch bei den Klischees des Free Jazz.
Die Musik kann dabei in alle Richtungen gehen. Sie kann ganz ruhig sein, ganz filigran und offen, sie kann sich aber genauso anspannen und expansiv ihre Grenzen testen. Entscheidend ist die Spannung, die Intensität. Und die ist nach wie vor konkurrenzlos. Natürlich sind die Mittel dafür nicht mehr neu. Das Skandalöse ist der Musik über die Jahre abhanden gekommen. Aber das Eigensinnig-Sperrige hat sich das Trio bewahrt. Es ist die Idee eines selbstständigen und seiner selbst bewussten europäischen Jazz.Alle Jahre wieder gehen Schlippenbach, Parker und Lovens im Dezember auf Tour. Das ist ihre Winterreise. Kurz vor Weihnachten versorgen sie uns mit ihrem nie abreißenden Energiestrom, verlässlich und doch nie gleich. Und wieder einmal empfängt sie der Gewölbekeller unterm Jazzinstitut, diese mit Stein ummauerte Bastion des guten Geschmacks in Darmstadt.
Das Konzert ist als JazzTalk annonciert. Zusätzlich zur Musik wird Institutsleiter Wolfram Knauer mit Alexander von Schlippenbach über Monk, über die zeitgenössische Moderne und über Improvisation ohne Netz und doppelten Boden sprechen. (Tim Gorbauch)[Website der Quelle: http://www.fr-online.de]
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Darmstädter Echo, 7. Dezember 2007
Wer? Wann? Was? Lothar Scharf, Schlagzeuger, Maler: Klangtöne und Farbtöne
Lothar Scharf (65), studierter Schlagzeuger zwischen Klassik (einst im Ausbildungsort Berlin) und Jazz (lebenslang): Ihn in Darmstadt vorzustellen, hieße Darmbachwasser in den Woog zu gießen. Obwohl Scharf, wiewohl hier geboren, in seiner langen Laufbahn in vielen Ländern dieser Erde vorstellig wurde. Dort sein Musik-Talent verschwenderisch vergoss. Stets aber zurückkehrte, um in seinem geliebten Watzeviertel zu wohnen – und die lokale Musikszene mit seinen internationalen Erfahrungen zu befruchten und bereichern.
Trotz seines Bekanntheitsgrades gibt es eine Seite von Lothar Scharf, die überwiegend nur engere Freunde oder Bekannte kennen. Der gelernte Schauwerbegestalter („mein allererster Ausbildungsberuf in Darmstadt“) ist auch Maler. Dabei hat er sich schon lang einer Königsdisziplin verschrieben, die zu den schwierigsten Ausdrucksformen bildender Kunst gehört – dem Aquarell. Darunter: Viele maritime Motive, denn Scharf ist überdies passionierter Segler. Lotse Lothar mit dem Pinsel sozusagen, dessen musikalisches alter ego per Trommelstock Jazzgrößen rhythmisch durch intelligente, feinsinnige Improvisationen lotst.
Wer ihn spielen sieht, kann zu der gefühlten Einsicht kommen, dass ihm in beiden Kunstformen eine übereinstimmende Grundhaltung die Hände führt. Natürlich kann Scharf scharf loslegen an seiner Trommelbatterie, die im Musikerjargon einst „Schießbude“ hieß. Aber auch da versteht er sich auf leise Töne an den Becken, die insgeheim mit Pastelltupfern auf dem Papier harmonieren.
Seine Klangreisen führten ihn in den sechziger Jahren über die Berliner Sinfoniker bis zum Jazzen quer durch Afrika, der Weltwiege rhythmischer Empfindsamkeit: „Das Goethe-Institut hatte uns 1966 da hingeschickt. Albert Mangelsdorff durfte zur selben Zeit nach Asien; Klaus Doldinger nach Südamerika. Ich war mit meinen Kollegen acht Wochen lang quer durch Afrika unterwegs: fuhr insgesamt 56 000 Kilometer mit dem Zug.“ So simmern auch afrikanische Motive durch Scharfs Aquarelle.
Wer beide erleben will, den diplomierten Musiker und autodidaktischen Maler, kann dies am Sonntag (9.) im Bessunger Jazz-Institut tun (Näheres dazu in der Bildunterschrift). Lothar Scharf stimmt nur eines aktuell traurig: „Dass vor zwei Wochen der große Choreograph Maurice Béjart gestorben ist. Für ihn hab’ ich einst auch getrommelt: in Beethovens Neunter für 100 Ballett-Tänzer.“ (Bert Hensel)
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Darmstädter Echo, 26. November 2007
Mit Überraschungen. Jazz: Felix Wahnschaffes „Rosa Rauschen“ im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts
DARMSTADT. Am vergangenen Freitag gastierte das Jazzquartett um den Berliner Altsaxofonisten Felix Wahnschaffe auf Einladung des Darmstädter Fördervereins für Jazz im Gewölbekeller des Jazzinstituts. Ein erstes Album dieser Band trug den Untertitel „Im Reich der Tondichtung“. Das trifft exakt das gegenwärtige Quartett mit John Schröder (Gitarre, Klavier), Oliver Potratz (Kontrabass) und Eric Schäfer (Schlagzeug), dem es nicht um einen schematischen Ablauf Thema – Improvisation – Thema geht, sondern um kompliziertere Formen und Harmonien, gepaart mit der herkömmlichen Harmonik des Jazz.
Alle Stücke gehen beinahe unmerklich in Improvisation über, so dass man beim ersten Hören nicht erkennen kann, wo die Themen enden und die Improvisationen beginnen. Der Altsaxofonist Wahnschaffe, der in der Regel die Themen vorträgt, erinnert in seiner Spielweise an die Jazzlegende Lee Konitz. John Schröder, der seit Jahren wieder sein Erstinstrument, die Gitarre, spielt, besticht durch Präzision und aufrüttelnde Rauheit. Dass Eric Schäfer am Schlagzeug seit Jahren einer der besten seines Faches ist, beweist er durch druckvolle Spielweise. Bassist Oliver Potratz glänzt am Anfang mit einem längeren Solo, hält sich dann aber meist zurück.
Nicht nur Wahnschaffes Komposition „Shockproof“ erinnert an die achtziger Jahre, in denen der Cooljazz eine Form des Revivals erlebte. Dennoch sind auch modernere Einflüsse wie Hip-Hop oder Reggae-Rhythmen zu hören. Und am Ende wird sogar ein immer wieder neu zu entdeckender Blues gespielt – hier nur ein Vehikel, um in andere Rhythmen abzugleiten. Überraschend ist, dass in drei Stücken nach der Pause John Schröder auch auf dem Klavier improvisiert, dem er wegweisende Passagen mit rasenden Läufen und donnernden Clustern zu entlocken vermag. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 23. Oktober 2007
Im Wechselspiel. Jazztalk: Roger Hanschel stellt sein neues Quartett „Heavy Rotation“ in Darmstadt vor
DARMSTADT. Einige kennen Roger Hanschel, der jetzt als Talk-Gast im Darmstädter Jazzinstitut auftrat, als Mitglied der Kölner Saxofon-Mafia. Doch ist dies nur ein Part, den der Musiker ausfüllt: Er hat zudem seine Solo- und Trio-Projekte – beispielsweise das „Triosphere“ mit Steffen Schorn und Dirk Mündelein und das Duo mit der Sängerin Gabriele Hasler, dessen Projekt „Frösche und Teebeutel“ in Zusammenarbeit mit dem Büchner-Preisträger Oskar Pastior im Darmstädter Staatstheater dargeboten wurde.
In seiner neuen Formation, dem Quartett „Heavy Rotation“ mit dem Gitarristen Markus Segschneider, Dietmar Fuhr am Kontrabass und Daniel Schröteler am Schlagzeug, verbindet sich zeitgenössischer Jazz mit dem expressivem Reichtum klassischer Konzeption und dem Geist des Rock. Dies wurde deutlich bei „Years of the Fifth Period“. Allen Stücken drückt er seinen Stempel auf, eine Notierung ist obligatorisch, doch interpretatorische Freiheiten bleiben erhalten; dazu kommt Kontrapunktik im Wechselspiel mit einer Gegenstimme. Dieser Widerpart ist in der Regel Segschneider auf der E-Gitarre – etwa in „Inner Voices of Love“, den seinen Söhnen gewidmeten Kompositionen „Jandor“ und „Vin“ oder auch den Gabriele Hasler zugedachten Stücken „Fragrant Vegetation“ oder „Loving High“. Hervorzuheben ist die engagierte Rhythmusfraktion der Band. Schröteler arbeitet mit verschiedenen Klangkörpern und Schlagtechniken, Fuhr spielt mit dem Bogen und zupft gleichermaßen virtuos: Roger Hanschel und „Heavy Rotation“ haben im Jazz etwas zu sagen. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 10. Oktober 2007
Wer? Wann? Was? CD: Saxophonist hält sein weltweites Afrika in Darmstadt fest
Ben (Spitzname aus Schulzeiten) Belinga (52), Saxophonist aus Kamerun. Tatsächlich hört er auf den Vornamen André, was nicht ungewöhnlich ist – in seinem afrikanischen Herkunftsland, wo Französisch eine Hauptsprache ist. Dass der Rest der Welt auf Belinga hört, weil der Mann ein Hörgenuss ist, schien bis vor kurzem vielleicht unerhört. Ist nun aber hörenswert hörbar. Durch eine Live-Platte, die der atemraubend in sein Instrument röhrende Musiker in Darmstadt einspielte.Wie auf der Kulturszene-Seite dieser Zeitung am Montag gemeldet, gastierte Belinga zum Abschluss des 10. Darmstädter Jazzforums am Sonntag in der Bessunger Knabenschule. Dort erklangen Kompositionen mit großen improvisatorischen Freiräumen. Die meisten von ihnen waren schon im März dieses Jahres aufgenommen worden. Und zwar im intimen Gewölbekeller des international angesehenen Jazz-Instituts in Bessungen, das nun zu dem thematisch breitgefächerten Forum eingeladen hatte.
Wem das aktuelle Erlebnis noch in den Ohren nachschwingt, mag sich das Ergebnis der Darmstadt-Session vom März gönnen. Die nun erschienene CD „African Jazz – Live “. Aufgenommen von Achim Albrecht (51), produziert von Christoph Paulssen (44) und Belingas umtriebiger Musikagentin Barbara Lamprecht (54).
Wie kam’s dazu, dass es zu so etwas kommt? Paulssen: „Ein Schulkamerad von mir hatte Belinga im Fürstenlager Auerbach gehört, war völlig hingerissen – und kam mit Barbara Lamprecht ins Gespräch. Die sagte ihm: ,Wir suchen einen Produzenten.‘ Da empfahl er Achim als Aufnahmeleiter und mich.“
Paulssen, erfahrenes Über-Ohr unterschiedlichster Stilrichtungen, war dann auch ganz baff: „Wie dieser Mann den Jazz aus Amerika und Europa mit Klängen der Karibik ins Afrikanische übersetzt, hat mich tief beeindruckt. Ohne uns groß einzumischen, wollten wir die Essenz seiner urwüchsigen Kraft einfangen. Wenn Belinga das Saxophon an die Lippen setzt, denkt man ja manchmal: Der spielt das mit allen seinen geballten Muskeln.“
Wobei freilich keine Kraftmeierei herauskommt. Gewiss: Bei einem Stück wie „Be cool“ schnaubt Belinga ins Instrument wie ein Walross. Der Titel mag eine Ermahnung ans Publikum sein, deswegen nicht gleich völlig außer Rand und Band zu geraten.
Zugleich pflegt der Künstler aber auch jene herrlichen Hochton-Fiepser, die an Altmeister wie Junior Walker oder King Curtis gemahnen. Anspieltipps: „Senga“, „Harplus“. Wunderbar auch die Ausklangmelodie „Idiba“.
Ben heißt übersetzt „Der Sohn von“. Dass Belinga seine Truppe „Ben’s Belinga“ – mit angelsächsischem Genitiv – nennt, lässt vermuten: Der Sohn von Papa Belinga hält jeden Ton für die Geburt eines edlen Kindes. Stramme Jungs wie zauberhafte Töchter.
Eine solche ist auch seine gute Agenten-Fee Barbara Lamprecht. Ihrerseits Tochter des renommierten Schauspielers Günter Lamprecht (77). Wie sie ins Musikgeschäft kam und warum sie Darmstadt weiter im Visier hat: demnächst in dieser Kolumne. (Bert Hensel)
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Frankfurter Rundschau, 10. Oktober 2007
"Jihad ist von der gleichen Geisteshaltung wie Kant". Beim 10. Jazzforum Darmstadt wurden vor allem Begriffe entzaubert - bis dann der Heilige Krieg beschworen wurde
Beim Entwurf seines Vortrages über Thomasz Stanko geriet Wolfram Knauer ins Stocken. Der Stil des polnischen Trompeters war erfasst, die Eigenheiten seiner Tonbildung, die Verbindung zu Miles Davis. Hinsichtlich der abgrundtiefen Melancholie bei Stanko aber kam Knauer nicht weiter. Ist diese vielleicht doch einer nationalen Eigenheit geschuldet; bei einem Musiker, den ansonsten mit den Traditionen seines Landes nichts verbindet?
Anruf beim deutschen Polen-Institut, wie das Jazzinstitut, das Knauer leitet, in Darmstadt, mit der Bitte um Aufklärung über die polnische Melancholie. Der dortige Referenten parierte die Frage mit einer Antwort, die bei den Teilnehmern des 10. Jazzforums Heiterkeit erzeugte. Als Kind hatte jener den - norwegischen - Musiker Jan Garbarek favorisiert: "Ich dachte immer, Garbarek muß ein Pole sein."
Das war zunächst nichts weiter als eine leichte Irritation. Es sollte ein Beben folgen. Martin Pfleiderer (Hamburg) gründete seinen Vortrag "Zur Ästhetik des Jazz im Zeitalter der Globalisierung" auf Überlegungen von Philosophen wie Martin Seel und Allan Moore. Von letzterem zog er ein dreigliederiges Modell heran, das darauf hinausläuft, dass "Authentizität" einer Sache oder einer Person jeweils subjektiv zugeschrieben wird und nicht deren objektive Eigenschaft ist. Das würde aber auch bedeuten, dass selbst eine boygroup als "authentisch" wahrgenommen werden könne.Dieses Adjektiv war hinfort ohne Schmunzeln oder Gelächter nicht mehr zu haben. Der Kongreß hatte, zumal bei einem Generalthema wie "The World meets Jazz", einen seiner Schlüsselbegriffe entzaubert - mit Konsequenzen, zu der nicht alle im Auditorium sich entschließen mochten.
Schon vorher aber handelten die besten Vorträge just von solchen Entzauberungen. Günther Huesmann (Berlin) entfaltete ein Kapitel aus dem Werk des New Yorker Konzeptmusikers John Zorn, das an Umfang und Systematik mit dem von Frank Zappa gleichzuziehen scheint. Nach Zorn's Zeichensystem-Improvisationen (Cobra) und seiner Erneuerung jüdischer Musik (Masada) ging es in Darmstadt um "John Zorn und den japanischen Traditionsbegriff" - ein Unternehmen, das bei größten Integrationsbemühungen (Zorn spricht Japanisch, hat 10 Jahre in Tokio gelebt, dort mit zahlreichen Musikern gearbeitet) frappierend wenig hervorgebracht hat, was das Adjektiv "authentisch" verdient. Huesmann zitiert Zorn mit dem Resümee: "Ich habe mich nirgendwo entfremdeter gefühlt als in Tokio."
Den Entzauberer vom Dienst gab einmal mehr der Musikethnologe Maximilian Hendler aus Graz. Nach der Legende von New Orleans als einzigem Geburtsort des Jazz, oder der Improvisation als dessen Alleinstellungsmerkmal, wandte er sich diesmal einem entlegenen Detail zu, der Rollen-Polyphonie im frühen New Orleans Jazz. Keiner seiner Zuhörer hatte je die Beispiele von Blasmusik gehört, die Hendler aus Surinam, Martinique, Madagaskar und Sumatra präsentierte; alle irgendwie jazzoid, aber nicht Jazz, alle mit derselben polyphonen Linienführung. Warum das so ist? Hendler rätselte über die Ursachen, er schloß freilich aus, dass die Kulturen sich gegenseitig beeinflußt haben könnten.
"The World meets Jazz", der Tagungstitel leitet sich aus den "Jazz meets the World"-Aktivitäten ab, mit denen Joachim-Ernst Berendt nach 1962 über zwei Jahrzehnte der Szene entscheidende Impulse gab. Mit dem Vibraphonisten/Pianisten Karl Berger (72) war in Darmstadt ein musikalischer Zeitzeuge präsent, der insbesondere über die Zeit ab 1965 sprach, seine Arbeit mit Trompeter Don Cherry. Berger, der in den 90er Jahren eine Professur an der Frankfurter Musikhochschule hatte, schilderte die Anfänge jenes "multi kulti" (wie der Titel eines Albums von Cherry lautet) als "naives" und in uralter Tradition orales Herantasten an Melodien, die Don Cherry im Radio aufgeschnappt habe.
Die Musikkulturen sind nach seiner Überzeugung über das System der Obertöne miteinander verbunden. In den Workshops, die er mit seiner Frau Ingrid Sertso in Woodstock, New York, aber auch weltweit gibt, werden Melodien erst gesungen, dann instrumental ausgeführt.
Allenfalls in diesem Punkt traf sich Berger's sanfter Subjektivimus mit einem bulligen, egonzentrischen Ausbruch zuvor, der atemlosen Wort-Performance von Gilad Atzmon. Jüngst hat er seine Klischeewelt um den Begriff des "Jihad" erweitert. In der Universität Denver, im April dieses Jahres, lautete die entsprechende Aussage noch: "Jazz und Jihad sind für mich ähnliche Formen der Hingabe." In Darmstadt sattelte er ordentlich drauf: "Jihad ist von der gleichen Geisteshaltung wie Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger." Auf den Einwand, die seien schwerlich mit dem Kampfbegriff von Massenmördern in Verbindung zu bringen, verwies Atzmon auf die ursprüngliche Bedeutung von Jihad im Koran, die nicht von Gewalt, sondern nur von totaler Hingabe spreche.
Gilad Atzmon, der seit 1994 in London lebt, ist offenkundig jener Satz von Ludwig Wittgenstein unvertraut, die Bedeutung von Begriffen erweise sich durch ihre Anwendung im Alltag. (Michael Rüsenberg)
[Website der Quelle: http://fr-online.de]
Zurück zum Seitenanfang / Back to top of the pageUnd hier ist der Originaltext von Michael Rüsenberg, der in der Frankfurter Rundschau leicht gekürzt erschien:
Michael Rüsenberg: 10. Jazzforum Darmstadt
Beim Entwurf seines Vortrages über Thomasz Stanko geriet Wolfram Knauer ins Stocken. Der Stil des polnischen Trompeters war erfasst, die Eigenheiten seiner Tonbildung, die Verbindung zu Miles Davis. Hinsichtlich der abgrundtiefen Melancholie bei Stanko aber kam der Leiter des Jazzinstitutes nicht weiter. Ist diese vielleicht doch einer nationalen Eigenheit geschuldet; bei einem Musiker, den ansonsten mit den Traditionen seines Landes nichts verbindet?
Anruf beim deutschen Polen-Institut, gleichfalls in Darmstadt, mit der Bitte um Aufklärung über die polnische Melancholie. Die Frage gefiel dem dortigen Referenten. Er parierte sie mit einer Antwort, die von den Teilnehmern des 10. Jazzforums mit Heiterkeit quittiert wurde. Als Kind hatte jener, so zitiert ihn Knauer, den - norwegischen - Musiker Jan Garbarek favorisiert: „Ich dachte immer, Garbarek muß ein Pole sein.“
Das war zunächst nichts weiter als eine leichte Irritation in der Kartographie der emotionalen Expressionen, auf welche die Jazzwelt so gerne Bezug nimmt.
Es sollte ein Beben folgen. Martin Pfleiderer (Hamburg) gründete seinen Vortrag „Zur Ästhetik des Jazz im Zeitalter der Globalisierung“ auf Überlegungen von Philosophen wie Martin Seel und Allan Moore. Von letzterem zog er ein dreigliederiges Modell heran, das darauf hinausläuft, dass „Authentizität“ einer Sache oder einer Person jeweils subjektiv zugeschrieben wird und nicht deren objektive Eigenschaft ist. Das würde aber auch bedeuten - Pfleiderer artikulierte diesen Gedanken mit sichtlichem Unbehagen -, dass selbst eine boygroup als „authentisch“ wahrgenommen werden könne.
Dieses Adjektiv war hinfort ohne Schmunzeln oder Gelächter nicht mehr zu haben. Der Kongreß hatte, zumal bei einem Generalthema wie „The World meets Jazz“, einen seiner Schlüsselbegriffe entzaubert - unfreiwillig und mit Konsequenzen, zu der nicht alle im Auditorium sich entschließen mochten.
Schon vorher aber handelten die besten Vorträge just von solchen Entzauberungen. Günther Huesmann (Berlin) entfaltete zum dritten Male in diesem Jahr ein Kapitel aus dem OEuvre des New Yorker Konzeptmusikers John Zorn, das an Umfang und Systematik mit dem von Frank Zappa gleichzuziehen scheint. Nach Zorn´s Zeichensystem-Improvisationen (Cobra) und seiner Erneuerung jüdischer Musik (Masada) ging es in Darmstadt um „John Zorn und den japanischen Traditionsbegriff“ - ein Unternehmen, das bei größten Integrationsbemühungen (Zorn spricht Japanisch, hat 10 Jahre in Tokio gelebt, dort mit zahlreichen Musikern gearbeitet) frappierend wenig hervorgebracht hat, was die Eigenschaft „authentisch“ verdient. Im Gegenteil, Huesmann zitiert Zorn, den an Japan mehr der Underground als die Kirschblüte faszinierte, mit dem Resümee: „Ich habe mich nirgendwo entfremdeter gefühlt als in Tokio.“
Den Entzauberer vom Dienst gab einmal mehr der Musikethnologe Maximilian Hendler aus Graz. Nach der Legende von New Orleans als einzigem Geburtsort des Jazz, oder der Improvisation als dessen Alleinstellungsmerkmal, wandte er sich diesmal einem scheinbar entlegenen Detail zu, der Rollen-Polyphonie im frühen New Orleans Jazz.
Keiner seiner Zuhörer hatte je die Beispiele von Blasmusik gehört, die Hendler aus Surinam, Martinique, Madagaskar und Sumatra präsentierte; alle irgendwie jazzoid, aber nicht Jazz, alle mit derselben polyphonen Linienführung. Warum das so ist? Hendler rätselte über die Ursachen, er schloß freilich aus, dass die Kulturen sich gegenseitig beeinflußt haben könnten.
Gerhard Putschögel (Frankfurt) hingegen konnte politisch-kulturelle Gründe benennen für die von ihm sorgfältig analysierte, späte Begegnung zweier Traditionen, die manche Gemeinsamkeit teilen: die andalusische (Flamenco) und die afro-amerikanische (Jazz). Anderen Referenten waren die Vorzüge eindeutiger Handwerksmittel offenbar unbekannt, sie setzten auf subjektive Selektion und hemdsärmelige Kategorienbildung.
„The World meets Jazz“, der Tagungstitel leitet sich aus den „Jazz meets the World“-Aktivitäten ab, mit denen Joachim-Ernst Berendt nach 1962 über zwei Jahrzehnte der Szene entscheidende Impulse gab. Mit dem Vibraphonisten / Pianisten Karl Berger (72) war in Darmstadt ein musikalischer Zeitzeuge präsent, der insbesondere über die Zeit ab 1965 sprach, seine Arbeit mit - dem auch von Berendt geförderten - Trompeter Don Cherry. Berger, der in den 90er Jahren eine Professur an der Frankfurter Musikhochschule hatte, schilderte die Anfänge jenes „multi kulti“ (wie der Titel eines späteren Albums von Don Cherry lautet) als „naives“, begriffsloses und in uralter Tradition orales Herantasten an Melodien, die Don Cherry im Radio aufgeschnappt habe.
Die Musikkulturen sind nach seiner Überzeugung über das System der Obertöne miteinander verbunden. In den Workshops, die er mit seiner Frau Ingrid Sertso in Woodstock, New York, aber auch weltweit gibt, werden Melodien erst gesungen, dann instrumental ausgeführt.
Allenfalls in diesem Punkt traf sich Berger´s sanfter Subjektivimus mit einem bulligen, egonzentrischen Ausbruch zuvor, der atemlosen Wort-Performance von Gilad Atzmon. Bei jeder Gelegenheit gibt er den israelischen Dissidenten, der sich nicht nur für die Musik der Araber interessiert. Als Jazzmusiker hat alles Recht der Welt für sein holzschnittartiges Tableau, die Gattung sei von einer „rebellischen“ zu einer „langweiligen, bourgeoisen Kunstform“ geworden - solange er seinen künstlerischen Appetit damit zu füttern vermag.
Jüngst aber hat er seine Klischeewelt um den Begriff des „Jihad“ erweitert. In der Universität Denver, im April dieses Jahres, lautete die entsprechende Aussage noch: „Jazz und Jihad sind für mich ähnliche Formen der Hingabe.“
In Darmstadt sattelte er ordentlich drauf: „Jihad ist von der gleichen Geisteshaltung wie Kant, Schopenhauer, Nitzsche, Heidegger“. Auf den Vorhalt, deutsche Geistesgrößen seien schwerlich mit dem Kampfbegriff von Massenmördern in Verbindung zu bringen, verwies Atzmon auf die ursprüngliche Bedeutung von Jihad im Koran, die nicht von Gewalt, sondern nur von totaler Hingabe spreche.
In seinem Rundumschlag hatte er zuvor beklagt, die Europäer hätten, außer den Genannten, keine Philosophen mehr hervorgebracht. Gilad Atzmon, der seit 1994 in London lebt, ist offenkundig jener Satz von Ludwig Wittgenstein unvertraut, die Bedeutung von Begriffen erweise sich durch ihre Anwendung im Alltag. Ein modischer Meinungsrausch, der aus Kokettieren statt Argumentieren sich speist, kann so etwas nicht berücksichtigen.
Darmstädter Echo, 9. Oktober 2007
Weit stehen die Tore offen. Ein Symposium und die produktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Musikkulturen
DARMSTADT. Gehen wir zurück in die Geschichte des Jazz, die etwa 100 Jahre alt ist. Entstanden ist dieser Stil im Kreuzungspunkt unterschiedlicher Musikkulturen, wobei die afroamerikanischen und die europäischen die dominanten waren. Der Begriff einer Weltmusik fiel damals noch nicht, genauso wenig der einer Ethnomusik.
Der Jazz ging aus Begegnungen hervor, wobei unterschiedliche Annäherungen zu einer neuen Stilrichtung führten, die sich als schlüssig und aussagekräftig erwies. Der kreative Austausch der Ideen und Spielweisen führte offensichtlich zu etwas Neuem. Joachim Ernst Berendt, ein kreativer Vordenker im Jazz, hielt vor gut 40 Jahren eine noch weiter gehende Öffnung des Jazz gegenüber Musiktraditionen wie den indischen, japanischen oder spanischen für möglich.
Beim viertägigen 10. Darmstädter Jazzforum des Jazzinstituts mit Referaten, Ausstellung, Workshop und vielen Konzerten stand die Umkehr von Berendts Idee im Vordergrund. Wie reagiert die Welt auf den Jazz? Sind diese Begegnungen mit anderen Weltmusiken gelungen, oder beruhten sie nur auf Missverständnissen?
Im Symposium erläuterte Gerd Putschögl an konkreten Beispielen, dass etwa die Verbindung von Flamenco und Jazz in der Person von Chano Dominguez immer enger wird. Günther Huesmann erkannte im Falle des Altsaxofonisten, Komponisten und Labelproduzenten John Zorn starke Einflüsse der traditionellen wie modernen städtischen Kultur Japans, während Ralf Dombrowski die Auseinandersetzung mit dem Orient im Hinblick auf Authentizität und Akkulturation als oft gescheitert ansah.
Beispiele aus Martinique, Madagaskar oder gar Sumatra weisen nach Maximilian Hendler Analogien zum Jazz auf, geben aber keine Hinweise auf Übergänge zwischen den Kulturen. Jazz in den lateinamerikanischen Ländern (Torsten Eßer) oder im Senegal (Timothy Mangin) entpuppte sich im wesentlichen als Produkt einer Infiltration durch lokale Jazzimporte. Unterschiedliche Musiktraditionen führten regional wie individuell zu kennzeichnenden Unterschieden im musikalischen Ausdruck. Dies untermauerte Wolfram Knauer am Beispiel der Trompeter Tomasz Stanko, Enrico Rava und Harry Beckett.
Die Ausführungen Martin Pfleiderers zeichneten ein klareres Bild der Ästhetik des Jazz im Zeitalter der Globalisierung. Dabei orientierte er sich an dem Buch des Frankfurter Philosophen Martin Seel mit dem Titel „Ästhetik des Erscheinens“. Er stellt dabei fest, dass die eigenen Lebenserfahrungen der Hörer wie auch die Authentizität des Spielenden am wichtigsten sind, um Jazz sinnlich erfahren zu können.
Im Musikergespräch mit Karl Berger wurde hinsichtlich weltmusikalischer Erfahrungen deutlich, dass kollektiver Geist, Präsenz, Timing und Rhythmik, vor allem aber das Vokalisieren eminent wichtig seien. Ähnliche Begriffe sprach auch der Musiker und Buchautor Gilad Atzmon an, der zur Überzeugung gelangte, dass Musik keine Botschaft vermittelt, sondern nur durch Musik wirksam wird. Da orientalische Musik mikrotonal ist, verschließt sie sich einer Notierung. Das macht einen Mix mit dem Jazz so schwierig.
Dies zeigte sich auch in den ersten zwei Konzerten in der Centralstation, als etwa Gilad Atzmon und The Orient House Ensemble eine Lehrstunde in Inspiration, Eigendynamik und Individualität erteilte, das Berliner Quartett „Cyminology“ um die singende und improvisierende Sängerin Cymin Samawatie hypnotische, orientalische Ornamentik mit pulsierendem Jazzdrive verband. In Karl Bergers Sextett „In The Spirit Of Don Cherry“ mit Ingrid Sertso (Gesang) und Steven Bernstein (Trompete) und anderen kam es dem nun in den USA wirkenden Komponisten, Pianisten und Vibrafonisten darauf an, Cherrys einzigartiges Schaffen noch einmal zu beleuchten, vor allem dessen Spontan-Arrangements, die seine Mitspieler anregten, Gegenstimmen zu erfinden und stets rhythmische Veränderungen herauszuarbeiten. Schließlich spielte Berger über sechs Jahre in Don Cherrys Quintett. Referate und Konzerte, auch ein vielbesuchter Workshop mit dem Trompeter Steven Bernstein bildeten eine geglückte Einheit.
Zum Abschluss spielte das Ben’s Belinga Quartett in der Bessunger Knabenschule. Von dem Bandleader und Tenorsaxofonisten heißt es, er sei der legitime Nachfolger der westafrikanischen Musikerlegende Manu Dibango. Ben’s Belingas jüngstes Album entstand live im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 17. Juli 2007
Improvisation statt Lehrplan. Jazz Conceptions: Die Workshops der 16. Seminarwoche untermauern den Stellenwert Darmstadts in der Musikszene
DARMSTADT. Mit zwei eindrucksvollen Konzerten wurden am vergangenen Wochenende die 16. Darmstädter Jazz Conceptions beendet. Zuvor hatten die Teilnehmer des beliebten Ferienkurses an mehreren Abenden in wechselnden Zusammensetzungen öffentlich geprobt oder improvisiert. Improvisation bildet ohnehin das Konzept, das auf Studienpläne oder stilistische Zwänge weitgehend verzichtet.
Am Freitag, beim Auftritt der Teilnehmer-Ensembles in der Bessunger Knabenschule, stellten die Dozenten ihre Schützlinge mit den während der Seminarwoche erarbeiteten musikalischen Strukturen vor. Der Darmstädter Pianist Uli Partheil konnte in seiner Gruppe drei zwölfjährige Jungtalente vorstellen. Trompeter Daniel Albrecht, Schlagzeuger Alexander Hoffmann und Pianist Gerrit Ebbeling bewiesen in der Interpretation von Themen aus den „Lucky Luke“-Abenteuern eine für ihr Alter beachtliche musikalische Reife. In einer Suite über die Zeit vertonte die Vokalistin Gabriele Hasler mit sechs Stimmen und einer Rhythmusgruppe lautmalerische Texte von Oskar Pastior. Jürgen Wuchner, Initiator und Leiter der Jazz Conceptions, konnte in seiner Formation sogar Eigenkompositionen der jungen Akteure auf dem Sektor Latin-Jazz präsentieren.
Einen mehr intellektuellen Zugang zum Neuen Jazz bevorzugt der Vibraphonist Christopher Dell: Die Bewältigung des komplexen Materials stellte seine Akteure vor höchste Ansprüche. Weniger Kopflastigkeit brachte danach die Berliner Saxofonistin Angelika Niescier ins Spiel, deren Gruppe ihr Konzept teilweise selbst definierte und das sie temperamentvoll dirigierte. Mit Spannung erwartet wurde am Folgeabend in der Knabenschule das Groß-Ensemble unter der Leitung von Ekkehard Jost. Der Gießener Musikprofessor hatte für dieses Projekt die Werke des Avantgardisten Albert Ayler vorbereitet, und es war spannend zu sehen, wie die 18 Musiker mit den widersprüchlichen Segmenten zurecht kamen. Ayler, ein exaltierter und umstrittener Neuerer, liebte Marschmusik so, wie er das Marschieren hasste. Folkloristische Elemente stehen bei ihm in schroffem Gegensatz zur Kollektiv-Improvisation, die den Ausübenden riesigen Spaß machte. Nach diesem Höhepunkt war es an den Dozenten, einen gemeinsamen Nenner für ihren Auftritt zu finden. Das gelang bravourös, indem die jeweilige Eigenart der Protagonisten zum Zuge kam. Es entstanden divergierende Teile, in denen sich etwa die Stimmexperimente von Gabriele Hasler und das virtuose Vibraphonspiel von Christopher Dell dem groovenden Schlagzeug von Carola Grey mosaikartig anpassten.
Das Fazit nach der 16. Auflage der Workshopreihe fällt rundweg positiv aus: Die Jazz Conceptions haben den Ruf Darmstadts als Jazz-Hochburg nachhaltig untermauert. (Hans-Dieter Vötter)
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Darmstädter Echo, 18. Juni 2007
Was Töne erzählen. Jazzkonzert: Christina Fuchs entwirft in Darmstadt ein farbenprächtiges Kaleidoskop
DARMSTADT. Christina Fuchs, in München geboren, lebt seit 20 Jahren in Köln. Sie ist Saxofonistin, Komponistin und Arrangeurin mit internationalem Renommee. An der Kölner Musikhochschule studierte sie bei Joachim Ullrich und Siegfried Köpf Jazzharmonielehre, legte ihren Schwerpunkt auf Kompositions- und Tonsatzstudien und veredelte ihr Wissen in Auslandsaufenthalten bei Arrangeuren in Kanada, USA und im schweizerischen Nairs. Am vergangenen Freitag gastierte sie auf Einladung des Darmstädter Fördervereins Jazz mit ihrem noch relativ jungen Quartett im Gewölbekeller des Darmstädter Jazz-Instituts.
Christina Fuchs ist bekannt durch ihr mit Hazel Leach gegründetes und geleitetes United Women’s Orchestra, ihr Duo Kontrasax mit der Bassistin Romy Herzberg, ihre neueste CD mit der NDR-Bigband sowie durch ihr jetzt in Darmstadt vorgestelltes Quartett mit Ulla Oster (Kontrabass), Florian Stadler (Akkordeon) und Christoph Hillmann (Schlagzeug). Mit ihren Film- und Bühnenmusiken, Performances, Literaturvertonungen (etwa von Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ in einer Bühnenfassung) sowie Hörspielmusiken kommt es der Multi-Instrumentalistin Fuchs auch in ihrem gegenwärtigen Quartett darauf an, nicht bei einem begrenzten Thema zu verweilen, sondern in ihrer Musik Geschichten zu erzählen – sei es die Vertonung einer Sprichwort-Parabel von Ulla Oster („The Biter Bit“), eine Hommage an den Akkordeonisten Richard Galliano („Mr. G“) oder musikalische Kostbarkeiten wie „Nemioke“ und die einer Tänzerin gewidmete Komposition „Sayó“.
In ständigem Wechsel vom Sopran- zum Tenorsaxofon, dann wieder zur knurrigen Bassklarinette, lotet Fuchs jene Stimmungen aus, die sie „Soundscapes“ nennt, Klanglandschaften, die zunehmend an Dichte gewinnen. Dabei wechseln swingende Passagen mit Freejazz-Elementen; mal leuchten Tango-Rhythmen auf, ein anderes Mal findet man Orientalismen, so dass ein farbenprächtiges Kaleidoskop entsteht. Da wirkt die Ballade „Zoe and Me“, die Christina Fuchs ihrer dreijährigen Tochter widmet, wie ein Fels in der Brandung. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 18. April 2007
Suche nach Unerhörtem. Vorschau: Bernd Köppen und Andreas Bär sind die Gäste im Darmstädter Jazztalk
DARMSTADT. Der Pianist Bernd Köppen und der Saxofonist Andreas Bär sind Grenzgänger zwischen der klassischen Moderne und dem neuem Jazz. Ein Gespräch mit ihnen am Freitag (20.) in der Reihe „Jazztalk“ soll Widersprüche aufklären. Der 1951 in Wuppertal geborene Köppen befasste sich zunächst weniger mit Improvisation als mit komponierter zeitgenössischer Musik. Schon in jungen Jahren erfand er auf dem Klavier die verrücktesten Melodien, bekam mit sechs Jahren ersten Klavier-Unterricht und hatte mit 13 eine kleine Organistenstelle inne. Auf dem Bergischen Landeskonservatorium in Wuppertal wurden Anton Webern und Thelonious Monk seine wichtigsten Vorbilder; auch Hindemith beeindruckte ihn mit seinen Rhythmen.
Eine seiner ersten eigenen Formationen war die Gruppe „Unit“, die vom Duo bis auf Oktettgröße anwuchs, das Fundament aber war die Triobesetzung mit Piano, Bass und Schlagzeug. Als Musiker kam er weit in der Welt herum, war im norwegischen Stavanger genau so wie in Nordjapan, gab Unterricht, war Dozent, besaß ein eigenes Studio für vorberufliche Fach- und Laienausbildung. Zu seinen Musikschülern gehörte Tom Tykwer, der sich als Filmemacher einen Namen machte. Einen Vertrag als Kirchenorganist an der Neuen Reformierten Kirche Sophienstraße Wuppertal nahm er nur unter der Bedingung an, seine eigene Konzertreihe „Unerhörte Musik“ ausrichten zu können. Sein musikalisches Interesse reicht von der Gregorianik über die serielle Musik bis hin zum Blues. So hat Köppen vor drei Jahren die auch durch pianistische Improvisationen geprägten Sonaten Domenico Scarlattis aufgeführt sowie Konzerte mit Bach-Sonaten oder Schuberts „Winterreise“ gegeben.
Der Jazztalk mit Köppen und Bär am Freitag (20.) im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut in der Bessunger Straße 88 d beginnt um 20.30 Uhr. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 12. April 2007
Eine handverlesene Truppe. Konzert: Sechzehn Musiker der Spitzenklasse in der Centralstation: Der Pianist George Gruntz bringt mit seiner Concert Jazz Band internationale Solisten nach Darmstadt
DARMSTADT. „Hier würde ich auch einmal gerne auftreten“ meinte der Schweizer Pianist George Gruntz bei einem früheren Besuch der Darmstädter Centralstation, zu dem er vom Jazzinstitut eingeladen worden war. Am Dienstag war es soweit: Die George Gruntz Concert Jazz Band (GG–CJB) trat bei ihrer Jubiläumstournee dort auf.
Vor 35 Jahren hat der agile Musiker das Orchester aus der Taufe gehoben und bis auf den heutigen Tag immer wieder mit neuen Musikern und Projekten erfolgreich gemanagt. Im Juni wird Gruntz 75, und schon vor fünf Jahren erschien seine Biografie „Als weißer Neger geboren“, in der er in leuchtenden Farben sein Leben für die Jazzmusik schildert. Als Pianist hat er alle Großmeister des Jazz von Louis Armstrong bis Miles Davis begleitet, als Komponist hat er sich intensiv mit der Neuen Musik beschäftigt, und als Manager hat er neben seiner Tätigkeit als musikalischer Leiter des Zürcher Schauspielhauses die Berliner Jazztage organisiert.
Sein bevorzugtes Projekt bleibt die mehrfach ausgezeichnete GG–CJB, eine handverlesene internationale Truppe führender Jazzsolisten. Das mit 16 Musikern besetzte Orchester spielt vorwiegend Kompositionen seiner Mitglieder oder des Leiters George Gruntz, der vom Piano aus ökonomisch in die Abläufe eingreift. Er hat die Grundstimmung seines Orchesters einmal mit „serious fun“ (ernsthafter Spaß) umschrieben, ein Hinweis auf komplexe Arrangements, in denen sich vertrackte Kollektivpartien mit lebhaft swingenden Passagen abwechseln. So ist es kein Zufall, dass besonders die Werke des Bassisten Charles Mingus von der GG–CJB aufgegriffen und als Teil einer Suite über den Bebop-Giganten präsentiert wurden.
Der amerikanische Trompeter Jack Walrath, der in einer der letzten Formationen von Mingus mitwirkte, konnte sich mehrfach als Solist profilieren. Für weitere Höhepunkte des Abends sorgten der temperamentvolle italienische Saxofonist Sal Giorgianni, Marvin Stamm mit einem Feature auf dem Flügelhorn und Howard Johnson, der auf der schwerfälligen Tuba beeindruckte. Besonderes Lob gebührt zweifellos dem herausragenden französischen Schlagzeuger François Lesaux, der kurzfristig einsprang und praktisch ohne Probe die anspruchsvollen Rhythmus- und Tempowechsel meisterhaft beherrschte. (Hans-Dieter Vötter)
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Darmstädter Echo, 26. März 2007
Eine Familie mit künstlerischen Ambitionen. Jazz-Talk: Barbara Dennerleins Solokonzert zur Ausstellung ihres Vaters Hans Dennerlein im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Der Jazz-Talk des Jazzinstituts Darmstadt fiel diesmal anders aus. Bei „Dennerlein presents Dennerlein“ spielte die international bekannte Jazzorganistin Barbara Dennerlein am Freitag zur Eröffnung einer Ausstellung der Bilder ihres Vaters Hans im Gewölbekeller ein Solokonzert. Bei der Vernissage sprach Doris Schäfer davon, wie Kunst und Jazz bei Vater und Tochter sich gegenseitig befruchten: Dass man Gefühle mit Farben wie mit Tönen ausdrücken kann, zeigen die farblich strahlenden, wie explodierenden Kunstharzbilder Hans Dennerleins im Keller und unter dem Dach des Jazzinstituts.
Dennerlein beherrscht den Umgang mit Farbtönen: Er lässt Stimmungen und Emotionen auf sich einwirken, will dabei auch Musik integrieren – und natürlich spielen die Stücke seiner Tochter dabei eine herausragende Rolle. Barbara Dennerlein, die ihr Leben der Improvisation auf der Hammond- wie der großen Kirchenorgel gewidmet hat, kommt seit den achtziger Jahren, als sie im Zuge der Begleitkonzerte zur Jazzausstellung auf der Mathildenhöhe auftrat, zu Konzerten nach Darmstadt. Ihr Solo vor einer kleinen, verschworenen Fangemeinde war jetzt restlos ausverkauft; es gab Gelegenheit, sie im Spiel wie im Talk zusammen mit ihrem Vater als engagierte und beispielgebende Persönlichkeit kennenzulernen. Ihr Programm war zunächst eine Widmung an Jimmy Smith, einen ihrer Vorbilder, („The Unforgettable“) und eine Anknüpfung an ihren ersten Auftritt in Darmstadt („Rumpelstilzchen Bossa“). Es folgten viele Eigenkompositionen besonderen Flairs und besonderer Taktzeiten, die in ihrer warmen Spielweise dem Blues, dem Funk und auch dem Rock gewidmet waren.
Auch besinnlichere Stücke („Frog Dance“, „A Summer Day“, „Last Call“) flossen ein, die Stimmungen in bedächtig swingende Musik setzten. Die Musikerin arbeitet auch gern mit neuen Grooves, komplizierteren ungeraden Takten und deutlichen Taktwechseln („A Summer Day“). Den Fußbass, den sie über einen Midi dem Klang eines Kontrabasses täuschend ähnlich macht, hat sie zu einem charakteristischen Ausdrucksmittel werden lassen. Ihre Register ermöglichen es ihr, den Sound um Klänge von Vibrafon, Klavier, sogar Trompete zu erweitern und den grummelnden Ton der Hammond zu kontrastieren und zu verfeinern. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 21. März 2007
Einklang mit dem Herzen. Vortrag: „Ich höre, also bin ich“ – Jadranka Marijan-Berendt im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Mittlerweile ist es 25 Jahre her, dass sich in Darmstadt die Pläne konkretisierten, um die Jazzsammlung von Joachim Ernst Berendt herum ein internationales Jazzinstitut einzurichten. Seit nunmehr 17 Jahren wird dort erfolgreich gearbeitet. Von etlichen Jazzkritikern wurde außerdem kritisch beäugt, dass Berendt sich zuletzt konsequent der Erforschung des Klangs zugewandt hat, aber immer noch mit engem Bezug zum Jazz. Er war auf der Suche nach dem Klang des Lebens, des eigenen Körpers. Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstitutes, sprach von Berendt als einem Suchenden und leitete damit über zum Ansatz eines Referates von Jadranka Marijan-Berendt, der Witwe des verstorbenen Klangforschers. Am Montag sprach sie auf Einladung der Wirtschaftsjunioren der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt im Gewölbekeller des Jazzinstitutes und bedauerte, damals bei der Einweihung nicht dabei gewesen zu sein. Hans-Peter Schmücker vom Arbeitskreis Aktion und Kultur der IHK sah im Hören einen Ansatz zur Selbstfindung und verwies auf ein Zitat Charlie Hadens bei dessen Konzert vor fünf Jahren in der Centralstation.
Marijan-Berendt, eine ausgebildete Atem-Therapeutin, widmet sich seit 1992, als Joachim Ernst Berendts Abhandlungen wie „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“ entstanden, einer regen Seminartätigkeit. Sie geht in ihrem Vortrag von der Tatsache aus, dass das Ohr eines der am frühesten ausgebildeten und empfindlichsten Organe des Menschen ist, das bereits im Stadium von viereinhalb Monaten im Mutterleib das Rauschen des Körpers und den Pulsschlag vernimmt. Es reagiert selbst im Koma und ist im Verlauf des Sterbens das zuletzt noch funktionierende Organ.
Marijan-Berendt arbeitete während ihres Vortrags mit Gongs und Klangschalen, führte vor, wie sich die Töne in schwebende Klänge verwandeln, ließ in praktischen Übungen den Atem spürbar werden. Sie verwies dabei auf die Stille, die dazu beitragen kann, Innerstes zu erkennen, eins zu sein mit der Seele – esoterische Aspekte, die als Begriff im Referat nie benannt wurden. Charakteristische Hörbeispiele, etwa Reibungen des Jazz mit der Klassik, mit der indischen Musik, mit Obertongesänge, betonten den kommunikativen Charakter bewussten Hörens. Ein abschließendes Rilke-Gedicht verdeutlichte, dass Leben nur Sinn haben kann in einem wachsenden „reinen Raum“, im Einklang mit dem Herzen. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 19. März 2007
Ein Abenteuerspielplatz. Jazz: Das "Olaf Ton"-Quintett geht auch im Gewölbekeller ohne Vorbehalte zur Sache
DARMSTADT. Viele Jazzmusiker haben sich in den letzten Jahren nach Berlin aufgemacht, wo ein Schmelztiegel kreativer Musik entstanden ist. Unter den sich dabei bildenden Gruppen nimmt das im Jahr 2000 gegründete Quintett "„Olaf Ton" eine dominante Position ein.
Zu Recht: Schon einmal, vor fast genau drei Jahren, hatten die Jungmeister – alle sind zwischen 1971 und 1979 geboren – das Publikum im Gewölbekeller unter dem Darmstädter Jazzinstitut mit ihrer originellen Musik in Verzückung versetzt. Am Freitag konnte man an gleicher Stelle die weitere Entwicklung der Gruppe erleben.
Die Zuhörer wurden erneut von einer höchst originellen Mischung spannender Motive überrascht. "Olaf Ton" geht ohne Vorbehalte zur Sache: Zwar haben alle Bandmitglieder ein Musikstudium absolviert, zahlreiche Preise erhalten und sind auch im konventionellen Jazz erfolgreich. Doch wenn sie sich bei "Olaf Ton" zusammenfinden, begeben sie sich auf einen musikalischen Abenteuerspielplatz, auf dem viel möglich ist. Programmatisch steht dafür auch der Titel ihres letzten Albums: "Das dunkle Vermächtnis der goldenen Kuh". Da werden ältere Jazzstile mit neuen vermengt und Anleihen bei anderen Musikformen gemacht. In atemberaubender Geschwindigkeit folgt auf eine elegische Trauermusik der unerwartete Sprung zu freiem Musizieren, um dann in mächtig groovenden Hip-Hop überzugehen, dem ein abrupter Schluss folgt.
In allen Segmenten finden sich solistische Freiräume, und es wird improvisiert, was das Zeug hält. Im Zentrum steht Benjamin Weidkamp, der auch für Komposition und Moderation verantwortlich zeichnet. Er holt aus Klarinette und Altsaxofon mit Hingabe und Raffinesse Tonkaskaden hervor, die er bis zur physischen Erschöpfung variiert. Auf der Rhythmuslinie turnt derweil Christian Marien am Schlagzeug einen Spagat, der seine Vorderleute an Posaune und Trompete zu Höchstleistungen anspornt.
Bei ihrem skurril-unkonventionellen Herangehen vermitteln die jungen Musiker Freude, Humor und eine eigenartige Harmonie. (Hans-Dieter Vötter)
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Darmstädter Echo, 19. Februar 2007
Ein Freigeist improvisiert. Jazz: Mit starken Partnern: Achim Kaufmanns Trio gastiert im Darmstädter Gewölbekeller – Drei Individualisten, die auf Kontrapunkte statt Harmonie setzen
DARMSTADT. Achim Kaufmann, Henning Sieverts und Bill Elgart sind ein Jazztrio in der klassischen Besetzung Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Am Freitag gastierten sie im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut. Der seit einigen Jahren in Amsterdam lebende deutsche Pianist und Komponist Kaufmann gilt als führender Vertreter der europäischen Improvisationsszene. Die unablässige Suche des musikalischen Freigeistes nach neuen Strukturen und Dimensionen wurde 2001 mit dem SWR-Jazz-Preis belohnt.
So konträre Titel wie „Helmut Qualtinger“ oder „Stanley Park (Vancouver)“ weisen auf die Vielgestaltigkeit der Thematik hin. Technische Perfektion, gepaart mit einer starken Improvisationsbegabung, zeichnet diesen Pianisten aus. Sein Trio-Konzept erfordert starke Partner, die sich nicht als unterwürfig folgende Begleiter betrachten. Der 1942 in den USA geborene Drummer Bill Elgart ist aus diesem Holz geschnitzt. Der Amerikaner hat die Emanzipation seines Instruments vom Rhythmusgeber zum gleichrangigen Mitspieler verinnerlicht. Der Berliner Kontrabassist Henning Sieverts kam über das Cello, das er schon als Fünfjähriger spielte, zum Jazz. Er scheut sich nicht vor kurzen, ostinaten Figuren im konventionellen Bereich, zeigt dann aber seine Virtuosität im Solo.
Das Trio aus distinguierten Individualisten bietet keine leichte Kost. Wer dem Zusammenspiel aufmerksam folgt, beginnt die Philosophie von Achim Kaufmann zu verstehen: Kontrapunkt anstelle von platter Harmonie. (hdv)
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Raimund Dillmann, 18. Februar 2007
ULRICH GUMPERT war mit seinem neuen quartett in darmstadt.
und es war ein überwältigend gutes konzert!!!
mit dieser wunderbarem rhythmusgruppe:
jan roder/michael griener hat er ein echtes schnäppchen gemacht. die beiden sind perfekte begleitmusiker, swingen was das zeug hält, machen aber auch selber was los, z.b. wenn eine ballade sich zur hymne eignet und entsprechend rhythmisch unterfüttert werden muß, oder eine allzu süßliche phrase die nötige prise laut und stärke braucht.
gelegentlich fiepen und kratzen sie auch ganz klangverliebt wie strenge improvisierer, bevor sie wieder losgewittern. mit ben ababarnel-wolf hat gumpert einen, trotz seines jugendlichen alters, charismatischen frontmann am saxophon.
der bislang unbekannte tenorist ist ein begnadeter melodiker, der es unter anderem bei charles gayle und roscoe mitchell gelernt hat.
er spielt seine liedchen traumhaft schön an der kippe zum klischee vorbei, eben auf messers schneide - also dort, wo die kunst passiert.
viel ornette in der stilistik und dewey redman in der tongebung.
uli machts sichtbar freude, dazu die akkorde zu plazieren, aber auch hin und wieder fast ekstatisch über die tastatur zu rasen. manche kompositionen, fast alle von ihm - dazu noch ein bißchen don cherry, monk und coleman -, kennt man vom zentralquartett, allerdings klingt es in dieser combo kein bißchen teutonisch.
es ist eher die mit begeisterung betriebene traditionspflege, aus der sich eine teilweise hochartifizielle, zeitgenössisch interpretierte, moderne jazzmusik entwickelt. fernab vom mainstream und doch den großen amerikanischen bebop-heroen coltrane, sonny rollins etc. der sechziger jahre verwandt.
es gibt keine klangexperimente und auch keine suche nach neuen formen. alle spielen locker vom hocker das, was sie können, und worauf sie lust haben: kurz und schnörkellos wird das thema vorgestellt, dann gehts ab hinaus ins freie.
mal improvisiert der eine, mal der andere. immer vom rest der truppe mit satter harmonik (piano), melodik (saxophon!!!!) oder rhythmik (baß-schlagzeug), je nachdem, vortrefflich geerdet. nach dem mehr oder weniger langen ausflug finden alle gemeinsam
zurück zur erkennungsmelodie, so daß auch weniger geübte hörer entspannt die reise mitgehen können.
im darmstädter keller vom jazzinstitut gabs letzten freitag ovationen, in szeged haben sie kürzlich bei einem rockfestival die kids staunen lassen und es macht freude, den bei manchen schon abgeschriebenen jazzpreisträger gumpert in solch alter frische zu erleben. sicher eine der angenehmsten konzert-überraschungen der letzten zeit. große klasse!raimund
dillmann
Frankfurter Rundschau, 14. Februar 2007
Keine andere Sprache. Das Ulrich Gumpert Quartett beim Jazz-Talk-Konzert in Darmstadt
Es gibt sie also noch, die guten alten Sachen. Eine Rhythmus-Sektion zum Beispiel (mit Jan Roder, Bass, Michael Griener, Schlagzeug), die versunken und eigenständig ihre Arbeit macht, mit großer, manchmal fast unbändiger Spielfreude und allergrößter Aufmerksamkeit für Feinheiten und Kleinigkeiten in Klang und Struktur. Einen Pianisten (Ulrich Gumpert), der so viel Jazz in den Händen und im Sinn hat, dass er sich immer sehr genau überlegen muss, was er tut, bei dem das Denken und Auswählen aber trotzdem und merkwürdigerweise nicht die Freiheit und auch nicht die Ekstase einschränkt. Und einen Tenorsaxofonisten schließlich (Ben Abarbanel-Wolff), der über die Raffinessen des Handwerks verfügt, die man drauf haben muss als mit allen Wassern gewaschener Jazzmusiker des frühen 21. Jahrhunderts, der sich aber in Intonationen hineinsteigert, bei denen man an die große Zeit des New Thing erinnert wird, an Pharoah Sanders oder Albert Ayler etwa, an die guten alten Zeiten also.
Dass es so etwas gibt, noch gibt, ist wunderbar, aber auch ein bisschen erstaunlich. Denn es liegt eine unverkennbare Ungleichzeitigkeit über allem. Als müsste die Musik selbst sich auf etwas zurückbesinnen, was beinahe schon in Vergessenheit geraten ist, und in dieser Rückbesinnung eine neue Unmittelbarkeit finden. Denn ungefähr so, wie jetzt das Uli Gumpert Quartett im Gewölbekeller unter dem Darmstädter Jazz-Institut klang, so hätte freier, modaler, soundorientierter Jazz schon vor vier Jahrzehnten klingen können, wenn man von einigen Raffinessen und klanglichen Konstellationen einmal absieht und von einem manchmal durchscheinenden postmodernen Habitus.
Was das Konzert des Quartetts so intensiv macht, ist vor allem die Ernsthaftigkeit und Authentizität des Auftretens, das Hingebungsvolle im Spiel, die, man könnte fast sagen: inbrünstige Liebe zu dieser Musik. Als gäbe es nur sie und keine andere Sprache für bestimmte Ausdrucksbedürfnisse.
Ob es allerdings einen freien Jazz in der DDR je gegeben hat, da kann man sich offenbar, nachdem man Jahrzehnte lang ganz selbstverständlich davon ausgegangen ist, nicht mehr so ganz sicher sein. Uli Gumpert, der Pianist, den man einst umstandslos zu dessen Protagonisten zählte, antwortete auf Wolfram Knauers diesbezügliche Fragen meist etwas wie: "Da bin ich mir gar nicht so sicher." Wessen sollte er sich auch sicher sein: eine stärkere Orientierung an Strukturen, geringere Berührungsängste gegenüber traditionellem Material und den bewährten Parametern Harmonie und Rhythmus? All das sind, aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts, vielleicht weniger trennscharfe Ost-West-Unterscheidungslinien als Nuancen und Detailwerk in den guten alten Dingen, die schon etwas älter sind. (Hans-Jürgen Linke)
[Website der Quelle: http://www.fr-online.de]
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Siena Jazz, incontro con il musicologo tedesco Wolfram Knauer
Giovedì 1 e venerdì 2 febbraio sarà a Siena il musicologo tedesco Wolfram Knauer, direttore dell'Istituto del Jazz di Darmstadt, fulcro di attività jazzistiche a livello europeo, dove è custodito il più importante archivio sonoro del continente. Knauer incontrerà il presidente della Fondazione Siena Jazz Franco Caroni e Francesco Martinelli, direttore del Centro Studi sul Jazz "Arrigo Polillo". Il direttore dell'Istituto di Darmstadt era già stato a Siena nel novembre del 2005, quando l'istituzione senese aveva ospitato la riunione del gruppo di lavoro per la realizzazione di un volume sulla storia del jazz in Europa. La redazione, composta da rappresentanti delle istituzioni jazzistiche di dieci paesi europei e del giornalista americano James Collier, ha concluso il lavoro e la pubblicazione del volume sarà annunciata in occasione della prossima fiera Jazz Ahead di Brema. L'incontro senese servirà all'attivazione di un collegamento operativo fra i vari archivi jazzistici, con scambio di materiali e la creazione di un catalogo unico, consultabile dagli utenti attraverso una sola pagina web, progetto ambizioso che riguarderà anche la Comunità Europea, nel quadro della conservazione e della valorizzazione dei beni culturali. Saranno poi messe in atto collaborazioni tra Darmstadt e Siena, le cui istituzioni jazzistiche hanno molti punti in comune, con scambio di esperienze didattiche e di spettacolo, per una sorta di "gemellaggio artistico" che riguarderà vari musicisti e gruppi, come è già avvenuto con Avignone.
[Website der Quelle: http://www.intoscana.it]
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Darmstädter Echo, 22. Januar 2007
Freiheit und Disziplin. Porträt-Konzert: Wolfram Knauer stellt die Saxofonistin Ingrid Laubrock aus London vor
DARMSTADT. Zum ersten Jazz Talk des neuen Jahres hatte das Darmstädter Jazzinstitut am Freitag die Saxofonistin Ingrid Laubrock zu Gast. In der vom British Council geförderten Veranstaltung stellte die deutschstämmige Künstlerin zunächst ihr Quintett vor. Neben Piano, Kontrabass und Schlagzeug lässt in der Besetzung ein Cello auf ungewöhnliche Klangerlebnisse schließen. Die fünf Musiker stellen auch die aufgeschlossenen Zuhörer im ausverkauften Kellergewölbe gehörig auf die Probe. Das Kollektiv hat in vielen Jahren seines Bestehens eine verblüffende Interaktion im freien Zusammenspiel entwickelt. Es vereint spielerisch die Freiheit des Ausdrucks mit der Disziplin der zu bewältigenden Komposition und des Arrangements zur Erzielung eines eigenständigen Gruppensounds.
Im anschließenden Gespräch mit Institutsleiter Wolfram Knauer über die Wurzeln ihres musikalischen Kosmos kommen erstaunliche Fakten zum Vorschein. Seit fast achtzehn Jahren lebt die in einem westfälischen Dorf geborene Musikerin in Großbritannien; erst dort hat Laubrock mit dem Saxofonspielen begonnen. Aus der deutschen Heimat hat sie lediglich den Kirchenchor und die Blockflötenzeit in Erinnerung. Zum Jazz kam sie eigentlich aus einer Protesthaltung zur seichten Pop-Musik der achtziger Jahre.
Ihre ersten musikalischen Erfahrungen sammelt Ingrid Laubrock als Straßenmusikerin in U-Bahnhöfen. Erst nach drei Jahren nimmt sie Unterricht, dann aber gleich bei Koryphäen des Free-Jazz wie Dave Liebman oder Jean Toussaint. Sie hat auch mit brasilianischen Kollegen gespielt, aber noch nie mit deutschen. Der Auftritt im Gewölbekeller ist ihr erster in Deutschland. Dabei wird es sicher nicht bleiben: Schon ist sie für den BBC Jazz Award nominiert und erhält ein Stipendium der renommierten British Arts Foundation. (Hans-Dieter Vötter)
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Darmstädter Echo, 8. Januar 2007
Echte falsche Zöpfe. Literatur und Musik: Horst Schäfer liest im Darmstädter Jazz-Institut Texte von Lichtenberg
DARMSTADT. So voll war der Keller unter dem Kavaliershaus selten. Das mag an der ungewöhnlichen Mischung aus Jazz und Poesie gelegen haben, gewiss auch an den funkelnden Namen der Akteure und der ungebrochenen Attraktivität von Lichtenberg-Texten. Den Darmstädtern braucht man den Ober-Ramstädter Aphoristiker ebensowenig vorzustellen wie den Schauspieler Horst Schäfer oder den Kontrabassisten Jürgen Wuchner. Sie alle lockten am Freitag ein illustres Publikum literaturbegeisterter Musikliebhaber in den Keller unter dem Darmstädter Jazz-Institut nach Bessungen.
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) ist in Darmstadt zur Schule gegangen und war Zeit seines Lebens ein scharfzüngiger Beobachter: „Gott schuf den Weibern die Haare lang und um die Schultern hängend, aber ein Perückenmacher fand für gut, dieses zu ändern und sie hinaufzukämmen.“ Während Schäfer solche Aphorismen vorträgt, bearbeitet Jörg Fischer behutsam sein Schlagwerk. Dank der sauberen Intonation des Schauspielers versteht man die Worte trotzdem, auch wenn das Ohr zwischen den Reizen hin- und hergerissen ist. „Man kann, wenn man in einem schlechten Wagen sitzt, ein solches Gesicht machen, dass der Wagen gut aussieht.“ Gesichtskosmetik hat Schäfer an diesem Abend jedoch nicht nötig, denn mit dem Bassisten Wuchner und dem Schlagzeuger Fischer ist noch der Kölner Saxofonist Wollie Kaiser gekommen. Sie begleiten die Bonmots mit überraschenden Improvisationen über bekannte Motive. Schäfer hat aus den Lichtenberg-Schriften markante Sprüche über modische Torheiten zusammengetragen, beispielsweise über das Küssen oder die Kleidung: "Die Bauernmädchen gehen barfuß und die Vornehmen barbrust.“
Respektlos lässt sich Lichtenberg über die Moden aus, als hätte er die Verlogenheit und Falschheit mancher Comedy-Shows von heute vorausgesehen: " „Hinten hatte er einen falschen Zopf eingebunden und vorne ein frommes Gesicht, das nicht viel echter war.“ Der satirische Biss ist ihm nie abhanden gekommen: "Das Alter ist die tödlichste aller Krankheiten, denn man hat noch kein Beispiel, dass jemand, der davon befallen wurde, davon gekommen wäre. Und doch kann man mit Grunde dabei ausrufen: Schade, dass sie so wenige Menschen bekommen.“ (mand)
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Darmstädter Echo, 11. Dezember 2006
Der Sohn spielt mit. Gespräch zur Musik: Das Ed Kröger Quartet bringt Swing und Groove in den Gewölbekeller
DARMSTADT. Gibt es einen Unterschied zwischen dem amerikanischen Jazz und dem europäischen? Eine Frage, die am Freitag beim Darmstädter Jazz Talk diskutiert wurde. Das Darmstädter Jazzinstitut hatte eingeladen, zu Gast im Gewölbekeller war das Ed Kröger Quartet, zum Quintet verstärkt mit den Gastsolisten Ignaz Linné, einen jungen Altsaxofonisten, der Sohn des Posaunisten Kröger ist.
Zur Frage: Der Unterschied liege vielleicht darin, dass man als Europäer, um sich im Gegensatz zu New York in Bremen oder Berlin wohler zu fühlen, mehr Ruhe und soziale Kontakte habe, in den USA sei das Grundtempo einfach zu hoch, war zu hören. Das erklärt vielleicht auch den unterschiedlichen Werdegang von Vater und Sohn: Die Vätergeneration des deutschen Jazz, darunter auch Ed Kröger, kam über das Spielen zum Studieren. Die jungen Leute finden über das Studium – Ignaz Linné studierte in Boston – zum Spielen.
Kröger kann mitprägen an der Jazzszene in Deutschland, er ist auch international anerkannt, hat eine bemerkenswerte Posaunenschule geschrieben und bereits mit einer illustren Schar deutscher wie internationaler Jazzmusiker zusammengespielt. Stilistisch ist er auf seiner Zugposaune von J. J. Johnson beeinflusst, dessen elegant-geschmeidigen Stil er übernommen hat. Jahrelang hat dieser Posaunist zudem ausschließlich Klavier als Hauptinstrument gespielt.
Er spiele „Modern Jazz im Sinne von Bop, Neobop und Hardbop“, erklärt er und verwirklicht es rein akustisch und ohne Mikrofon in geradezu klassischer Weise in seinem Quintet mit Ignaz Linné (Altsaxofon), Vincent Bourgeyx (Klavier), Scott White (Bass) und Heinrich Köbberling (Schlagzeug). Vorbild sind ihm und seinen Mitspielern Kompositionen von Wayne Shorter, Benny Golson und Thelonious Monk, aber auch eigene Stücke mit langen Soli der Bläser, durchlaufenden Schlagzeug-Exchanges oder kürzeren Bass-Statements.
Dabei überzeugen die geschliffenen Bläsereinsätze, die teilweise skurrilen Klaviereinwürfe und die grundsolide Rhythmusarbeit. Und gerade das eloquente Spiel auf einem im modernen Jazz nicht gerade oft zu hörenden Instrument wie der Posaune fand besondere Beachtung bei den zahlreichen Zuhörern. (Ulfert Goeman)
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Beitrag: Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik
Sendung: NOW Jazz Magazin (SWR)
Termin: 3.12.2006
Timing: ca. 5’15’’
Autorin: Nina Polaschegg
Redaktion: Reinhard KagerAnmoderation:
Alle zwei Jahre richtet das Darmstädter Jazzinstitut ein Symposium aus. Im Herbst 2005 stand das Thema Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik im Zentrum. Jetzt sind die Vorträge in einem Symposiums-Band nachzulesen. Erschienen ist das Buch im Wolke-Verlag Hofheim. Nina Polaschegg hat es gelesen.Musik1: CD It’s Later Than You Think, Cut 1 1’46’’ – 2’00’’
T: Smoke gets in your eyes, C: Jerome Kern, arr. Colin Towns, I: NDR Bigband / Norma Winston, Universal 0602517050426
Moderation 1 : ca. 2’00’’
„Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zu Popularmusik“ nennt sich dieses Buch, das Wolfram Knauer als Leiter des Darmstädter Jazzinstituts herausgegeben hat. Musikwissenschaftler, Publizisten und Veranstalter diskutierten über das Thema „Jazz und Pop – Verrat oder Chance?“. Erwartungsgemäß sehen die meisten Autoren die aktuellen Annäherungen des Jazz an den Pop eher als Chance denn als Verrat. Verrat dürfe man nur konstatieren, wenn man Kriterien entwickle, so Knauers einleitende Worte. Anfügen müsste man freilich, dass selbige Argumentationskriterien auch für die Beurteilung dieser Tendenzen als Chance entwickelt werden müssten. Diese fehlen allerdings.
Martin Pfleiderer geht den Ursprüngen der Charakteristika von Popularmusik nach. Peter Kemper unterscheidet elementare Merkmale von Pop und Jazz: konstante Wiederholungen stehen für Pop und stete Variationen (etwa in Form von Improvisation) für den Jazz. Daher hält Kemper es auch für gefährlich, leichtfertig Elemente des Pop auf den Jazz zu übertragen. Eine Chance sieht er eher in einem „Grenzgängertum“. Hier sucht er nach Kriterien, die allerdings leider nicht mit Beispielen illustriert werden.Dass sich Jazz und Pop seit dem Beginn der Jazzgeschichte immer wieder begegnet sind, wird in mehreren der Beiträge thematisiert. Erst im Laufe der 50-er Jahre entwickelte sich ein Kunstanspruch im Jazz. Zugleich trat auch eine neue Popularmusik ins Leben der Menschen: der Rock’n’Roll. Dieser beeinflusste seit den 70-er Jahren auch den Jazz. Als Veranstalter und Rundfunkautor stand Joachim Ernst Berendt quasi zwischen den Stühlen. Abwechselnd vertrat er den Kunstanspruch des Jazz, um dann doch wieder mit dem publikumsträchtigen Rock- und Popjazz zu liebäugeln. Andrew Hurley beschreibt diese Ambivalenzen.
Musik 2: CD Miles Davis „Bitches Brew“, Cut 1, 2’32’’ – 2’50’’
T: Pharaoh’s Dance, K: Joe Zawinul, I: Miles Davis, Joe Zawinul, Wayne Shorter, Lenny White, Bennie Maupin, Chick Corea, Jim Riley, CBS 66236, LC 0149Moderation 2 : ca. 2’50’’
Miles Davis gilt als einer der ersten Fusionmusiker. Er schrieb die Jazzgeschichte weiter. Aber schon bei ihm war der Fusion auch ein gewisser kommerzieller Aspekt eigen, schreibt Fabian Holt. Ein neues Genre zwischen Jazz und Pop könne auch heute entstehen. Allerdings glaubt er, dass dieses neue Genre heute eine wesentlich stärkere Nähe zum Pop haben würde als die Fusions der 70-er Jahre zum Jazz. Eine durchaus interessante These, die plausibel wird, wenn man den Aufsatz von Andreas Felber weiterdenkt. Für Felber unterscheidet sich der damalige, instrumentale Fusionjazz entscheidend vom heutigen Popjazz, der meist (wie für den Pop typisch) Sängerinnen vermarktet.Überhaupt hätten sich die Hörgewohnheiten gewandelt. Schon Wolfram Knauer erwähnte, dass den Hörern heute nicht mehr die Konzentration auf ein musikalisches Genre, also das Spezialistentum wichtig sei. Andreas Felber bezieht sich in seiner ähnlichen Argumentation auf Untersuchungen amerikanischer Kultursoziologen. Als kulturelles Statussymbol zählt nicht mehr das Opernabonnement, sondern die Betonung der Offenheit gegenüber verschiedenen stilistischen Richtungen. Hiermit das erneute Publikumsinteresse am vokalen Popjazz zu erklären, ist schlüssig, gerade wenn man Felbers Beobachtungen weiterdenkt und überlegt, ob diese Offenheit auch über die Grenzen des Popjazz bis zum traditionellen Jazz reichen kann.
Dass aber auch Popjazz unter der Rubrik Jazz verkauft und als reiner Marktfaktor gesehen wird, machte in einer dokumentierten Roundtable-Diskussion zur Marktsituation des Jazz in Deutschland Veit Bremme deutlich. Er ist Vertreter einer großen Agentur. Da kann man die Forderung des mitdiskutierenden und erfahrenen Veranstalters Rainer Michalke nicht genug betonen: ästhetische Bildung zu forcieren – und zwar die des Publikums ebenso wie jene der Musiker.
(Fazit:) Neben interessanten Diskussionsanregungen, etwa von Fabian Holt, Wolfram Knauer, Peter Kemper oder Andreas Felber, finden sich auch schlichte und informierende Beiträge – wie etwa derjenige von Frithjof Strauß. Anhand der beiden populären Labels ECM und Act beschreibt er den Erfolg von skandinavischen Jazzströmungen.
Insgesamt hätte man sich am Ende eines solchen Symposiums eine Leitidee gewünscht, anhand deren etwa Beschreibungs- und Wertungskriterien entwickelt werden könnten oder man die einzelnen Aufsätze aufeinander beziehen könnte. “Offenheit“ zu bekunden, ist heute kein Standpunkt mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Man könnte, einen Satz des Herausgebers paraphrasierend, sagen: „Offenheit“ darf nur noch bekundet werden, wenn Kriterien angeboten werden, weshalb und wann diese Kategorie mehr wäre als der Ausdruck einer kulinarischen Gleichgültigkeit.
Musik 2: CD „Isn’t this a Lovly Day, Cut 2 0’22’’ – 0’50’’
T: From This Moment on, K: Jimmy Van Heusen, Johnny Burke, I: Diana Krall, Gerald Clayton, Hamilton Orchestra, Universal / Verve 2006Abmoderation:
Nina Polaschegg stellte Ihnen den Symposiumsband „Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik“ vor. Herausgegeben hat ihn Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt. Erschienen ist er im Wolke-Verlag Hofheim. Es hat 250 Seiten und kostet
22,- Euro.
Deutschlandfunk – Jazzfacts
Sendedatum: 01.12.06
Buchrezension: Jazz goes Pop goes Jazz
Autor: Bert Noglik
Länge: 6’00“
SendemanuskriptCD RCA Victor 80th Anniversary
Vol. 2 1930 – 1939
0’11” Track 15: Benny Goodman & His Orchestra: Don’t Be That WayMusik aus der Ära der Swing-Big-Bands, Jazz, gewissermaßen vor dem Sündenfall, der mit dem Bebop in den kleinen Klubs von New York, der mit der Umdeutung einer mehrheitstauglichen Musik in eine Klangwelt von Insidern begann. Was macht den Jazz populär, wo wird er zu einer esoterischen Kunstsprache, wo zu einer stromlinienförmig angepassten Massenware. Es waren Fragen wie diese, die das Darmstädter Jazzforum beschäftigte – historische, ästhetische, wirtschaftliche und brennend aktuelle. Jazz goes Pop goes Jazz – Verrat oder Chance – das thematisiert Wolfram Knauer, der die Konferenz geleitet und den Band mit einer Vielzahl von Beiträgen zur Fragestellung herausgeben hat, bereits im Vorwort – von Verrat kann im Grunde nur die Rede sein, wenn Grundwerte vereinbart sind – als da wären – Improvisation, Individualität, gelebter Selbstausdruck. Doch wie verhält es sich mit diesen Tugenden in einer sich verändernden Musiklandschaft, in der der Jazz gegenwärtig in einen intensiven Dialog mit der Pop-Musik tritt wie schon lange nicht mehr. „Die Schubladen der CD-Warenhäuser“, so Wolfram Knauer, „werden immer fragwürdiger, wenn sich ihr Publikum vom Spezialpublikum zu einem Publikum der Grenzgänger wandelt.“ Neben Reflexionen und Analysen zum gegenwärtigen Geschehen gibt es historische Rückblicke und theoretische Grundsatzüberlegungen zum Thema Jazz und Popularität. So befasst sich ein Aufsatz von Fabian Holt mit dem Wechselspiel zwischen Jazz und Rockmusik in den sechziger Jahren. Andrew Hurley beschreibt das ambivalente Verhältnis von Joachim-Ernst Berendt zum Popularitätspotential des Jazz, wobei dessen Vision, der Jazz möge zur Überwindung der Kluft zwischen sogenannter ernster und unterhaltender Musik beitragen, auch heute so unzeitgemäß nicht anmutet. Eben da könnte eine Chance liegen, doch wer nutzt sie und wie.
CD Daer/Sieverts/Jütte: Germany 12 Points
0’15“ Track 1: Du kannst nicht immer 17 seinDas Trio des jungen deutschen Pianisten Carsten Daer auf den Spuren des Schlagerkomponisten Ralph Siegel. „Jazzmusiker“, schreibt Jürgen Schwab in seinem Beitrag „New Standards – die (gar nicht mal so) neue Lust am Covern“, „Jazzmusiker wagen sich heute vermehrt an Material, dass sie früher nicht einmal mit spitzen Fingern angefasst hätte.“ Nils Landgren covert die Songs von ABBA, „The Bad Plus“ ziehen über Hardrock-Klassiker her, Christopher Dell improvisiert über Melodien von Bert Kaempfert. Die Motive erscheinen vielfältig. Jürgen Schwab nennt einige: Materialermüdung, Programmzwänge, Marketingchancen. Auch Andreas Felber sieht Resultate des aktuellen Flirts von Jazz und Popmusik u.a. in der Erweiterung des Repertoires – Zitat: „Es wird gecovert, was das Zeug hält“. Andererseits beschreibt er den „Vocal Jazz Hype“ als eine Art Mogelpackung, als vokalen Jazz im Popgewand.
CD Rebekka Bakken: I Keep My Cool
0’15” Track 5: Love May Be HeartPeter Kemper nähert sich der Frage „Jazz Goes Pop“ im kulturphilosophischen Diskurs. „All die popinfektionösen Prozesse, die dem Jazz in den siebziger Jahren qua Miles Davis und anderer Jazzrock-Neuerer sein Fortleben sicherten,“ so Kemper, „können ihn heute gefährden.“ Aber: Miles Davis, immer noch eines der interessantesten Rollenmodelle in dieser Musik, hat die Haltung eines Jazzmusikers eigentlich nie verlassen; er hat Elemente der Rockmusik assimiliert, um sie strategisch einzusetzen, freilich auch, weil ihn die neuen Möglichkeiten des Klanges fasziniert haben. Vor allem im Typus des Grenzgängers sieht Peter Kemper eine Chance für den Jazz. Und er beschreit den Grenzgänger als einen risikofreudigen Gesellen, der mit den Abgrenzungen spielt, der die Differenzen aufbricht und die Klischees ironisiert. All das bleibt im musikpraktischen Sinne ebenso eine Gratwanderung wie in der musiktheoretischen Betrachtung. Am radikalsten beleuchtet ein DJ das Thema, DJ Spooky, der Philosoph unter den Plattenauflegern. Er begreift die DJs als moderne Griots, also als Geschichtenerzähler im Dschungel simultaner Mitteilungen, als Improvisatoren im Sinne einer modernen Comedia dell’arte, die sich digitaler, elektronischer Mittel bedient. „Ich kann“, sagt er, „vielleicht nicht kochen, aber ich weiß, wie man die Mikrowelle bedient.“
CD Thirsty Ear Blue Series – Sampler
0’10“ Track 9: DJ Spooky & Dave Lombardo: A Darker Shade Of BlakeNach der 270 Seiten umfassenden teils illusteren, teils anstrengenden, überwiegend spannenden Lektüre des Bandes „Jazz Goes Pop Goes Jazz“ bekommt man zwar keine fertigen Antworten, aber eine Vielzahl von Detailerkenntnissen, von Anregungen, über das facettenreiche Thema nachzudenken und es aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrzunehmen. Ein Fazit wird wohl keiner erwarten, zumal bei einem im Prozess befindlichen Wechselspiel zwischen Jazz und Pop-Musik. „Ob das Ergebnis der gegenseitigen Beeinflussung noch den Namen ‚Jazz’ tragen wird,“ wagt Wolfram Knauer einen Blick in die Zukunft, „bleibt abzuwarten.“
CD e.s.t.: Seven Days Of Falling
0’17“ Track 8: In My Garage
Bessunger Neue Nachrichten, 24. November 2006
International beachtete Jazz-Grundlagenlektüre für Fans und Forscher. "Selbst in den USA spricht man von Darmstadt“
(mow). „Der Jazz war mal die Popmusik der dreißiger Jahre“, sagte Wolfram Knauer, Direktor des Darmstädter Jazz-Instituts. Warum sich das auseinanderentwickelt hat, untersuchte das Institut Ende September 2005 während des 9. Darmstädter Jazz-
Forums. Vor wenigen Tagen erschien nun die Sammlung der Referate als Buchband in der Reihe "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung“.Das Buch ist laut Jazz-Institut das erste auf dem Markt, das sich der Beziehung zwischen Jazz und Pop widme. Neben den Ursachen der Trennung von Jazz und Pop wurde untersucht, was Musik populär macht. "Da wir auch immer darauf achten, Kollegen aus der Praxis dabei zu haben, sind die Diskussionen unheimlich lebendig“, beschrieb Knauer die Atmosphäre der Tagungen. Inzwischen sei die Nachfrage nach englischsprachigen "Beiträgen zur Jazzforschung“ gestiegen, so daß geplant ist, die Reihe zu übersetzen. Ein sogenannter "Best of“-Band wird den Anfang machen.
Oberbürgermeister Walter Hoffmann lobte bei der Buchvorstellung im Jazz-Institut im Kavaliershaus des Bessunger Jagdhofs die Buchreihe als "eine international beachtete Grundlagenlektüre für Fans und Forscher.“ Und die Arbeit des Instituts sei international weit geachtet. "Selbst amerikanische Forscher wenden sich nach Darmstadt“, sagte der OB. "Selbst, wenn in den USA vom Jazz-Institut gesprochen wird, sprechen die Leute von Darmstadt“, bestätigte Wolfram Knauer die Außenwirkung des Instituts.
Arndt Weidler vom Jazz-Institut berichtete von weiteren Arbeiten seines Instituts. So hatte er mit der "Bundeskonferenz Jazz“ den Bundestag-Kulturausschuß besucht und dort über die deutsche Jazz-Szene berichtet: "Der Szene geht es im Augenblick gut und sie professionalisiert sich zunehmend.“
Etwas, was auch Direktor Knauer vom letzten "German Jazz Meeting“ bestätigen kann: „Es ist eine Musikergeneration herangewachsen, die weiß, daß man die Leute mitreißen muß.“ Allerdings würden andere Länder ihre Musiker besser vermarkten. "Die föderale Struktur Deutschlands macht es schwieriger.“
Der Mühltaler Musiker Holger Henning bestätigte: "Die Vermarktung bleibt an den Musikern selber hängen. Schweden subventioniert seine Musiker, Frankreich hat sogar ein Musik-Exportbüro.“
Allerdings habe Deutschland eine hervorragende Infrastruktur, erklärt Knauer. In Deutschland gäbe es viele kleine Spielorte. "In
Frankreich ist für Jazz nach Straßburg der nächste Ort erst Paris.“Neben dem Darmstädter Jazz-Forum alle zwei Jahre veranstaltet das Jazz-Institut Workshops wie mit der Bessunger Knabenschule. Wolfram Knauer hofft mit seiner Arbeit, dem Jazz den Schein des Elitären zu nehmen, denn das sei "ein ganz spezifisch deutsches Problem“. Daran sei auch die GEMA, die die Musikerrechte verwertet, mit beteiligt. Knauer erklärte, daß die GEMA E-Musik (ernste Musik) besser entlohne als die U-Musik (Unterhaltungsmusik). "Nur was niedergeschrieben ist, wird als Kunst wahrgenommen. Improvisation zählt nichts.“ Das beeinflußte schließlich auch das Verhalten und „die Musiker haben schwarze Pullover angezogen.“
Aber man kann Jazz auch "mit dem Bauch hören.“ Und ob man Jazz auf englisch wie "Dschäzz“ oder deutsch "Jazz“ ausspreche, sei auch egal.
Das Buch: Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik, herausgegeben von Wolfram
Knauer, Hofheim 2006 (Wolke Verlag), ISBN 3-936000-03-4, Preis: 22 Euro.[Website der Quelle: http://ralf-hellriegel-verlag.de]
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Frankfurter Rundschau, 16. November 2006:
Jazzinstitut genießt weltweit Renommee. Selbst Musikexperten in den USA schätzen das Haus / Buch "Jazz goes Pop goes Jazz" erschienen
Das Jazzinstitut ist weltweit das drittgrößte Dokumentationszentrum seiner Art. Die Buchreihe "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung" stößt in der Expertenwelt auf große Resonanz. Nun ist Band neun erschienen,d er sich dem gespaltenen Verhältnis von Jazz zu Pop widmet.
Darmstadt - "Verrat! Oder Chance?" So war das 9. Darmstädter Jazzforum überschrieben. Musikwissenschaftler, kritiker und Jazzmusiker - darunter der Journalist Peter Kemper oder der Pop-Ästhetiker Diedrich Diederichsen - beschäftigten sich in diesem Symposium mit dem Verhältnis von Jazz zur Populärmusik. Nun liegen ihre Beiträge als Buch mit dem Titel "Jazz goes Pop goes Jazz" vor.
Weltweites Renommee genießt nicht nur die Schriftenreihe "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung". "Selbst amerikanische Forder wenden sich an Darmstadt", sagt Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann (SPD) und füght scherzend hinzu: "Wir versuchen uns kulturell stärker ins Rhein-Main-Gebiet auszurichten - das Jazzinstitut ist schon einige Schritte weiter."
Nicht allein die Forschung und die Pflege des umfangreichen Archivs mit Büchern, Zeitschriften, Tonträgern und Bildmaterial ist Aufgabe des 1990 gegründeten Instituts. "Die Verbindung von Theorie und Praxis ist uns sehr wichtig", betont Institutsleiter Wolfram Knauer. Dazu gehören regelmäßige Konzerte und der Musiker-Austausch.
"Das Kavaliershaus in Bessungen ist kein Elfenbeinturm", sagt er in Anspielung auf die ehemalige Funktion des herrschaftlichen Hauses, in dem die Einrichtung ihre Räume bezieht. Alle zwei Jahre gibt das Institut den "Wegweiser Jazz" heraus. Darin sind Hunderte von Adressen von Veranstaltern, Festivals oder Bands verzeichnet.
Im kommenden Jahr wird die vom Jazzinstitut konzipierte Ausstellung "Deutscher Jazz/German Jazz" von München aus um die Welt ziehen. Sie wird in 30 Ländern zu sehen sein.(Frank Schuster)
[Website der Quelle: http://www.fr-online.de]
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Darmstädter Echo, 16. November 2006:
Eine Trompete fürs Archiv. Buchvorstellung: Wissenschaftler und Musiker diskutieren in einem neuen Band der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung die oft kritisierten Verbindungen zur Popmusik
DARMSTADT. Das Jazzinstitut Darmstadt und Oberbürgermeister Walter Hoffmann haben gestern den neunten Band der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung vorgestellt. Unter dem Titel „Jazz Goes Pop Goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik“ fragen die Autoren, ob der Wechsel von Musikern zwischen dem eher als Kunstform gesehenen Jazz und dem Pop als Verrat oder als Chance gesehen werden solle, um mehr Menschen für den Jazz zu interessieren.
Der Band fasst die Beiträge des neunten Darmstädter Jazzforums vom Herbst 2005 zusammen. Bei der Tagung, die das Institut alle zwei Jahre in Darmstadt veranstaltet, kamen neben Wissenschaftlern wie Martin Pfleiderer und Andrew Hurley auch Musiker zu Wort, die jetzt auch im Buch über ihre Erfahrungen berichten. Im Beitrag „Bunte Musik“ schreibt Doris Schröder vom Jazzinstitut über Bilder zum Jazz, so dass auch die bildende Kunst im Band vertreten ist. Der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann bezeichnete die Darmstädter Beiträge als „international anerkannte Lektüre“, die für Fans und Wissenschaftler gleichermaßen geeignet sei.
Der Leiter des Jazzinstituts, Wolfram Knauer, konnte dem Bürgermeister einen Neuzugang für das Archiv präsentieren: die Trompete des Frankfurters Carlo Bohländer. Der Trompeter gilt als einer der ersten Jazztheoretiker Deutschlands, war Lehrer von Albert Mangelsdorff und spielte fünf Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs das erste Jazzkonzert Deutschlands nach 1945. Knauer sagte, das Archiv sei das größte seiner Art in Europa und für jeden zugänglich. Auch aus den USA habe es schon Anfragen gegeben. Neben der Archivtätigkeit zeichnet sich das Jazzinstitut auch durch seine regelmäßigen Konzerte im Gewölbekeller aus. Diese Verbindung zwischen wissenschaftlicher Arbeit und Livemusik bleibt laut Knauer auch im nächsten Jahr gewährleistet: Das Forum mit dem Titel „The World Meets Jazz“ vom 4. bis 7. Oktober 2007 ist bereits in Vorbereitung. Dabei werden, so Knauer, „die Dialekte des Jazz in aller Welt“, im Mittelpunkt stehen.
Als Beispiel für die zahlreichen Kooperationen des Instituts und die „Lobbyarbeit“ für den deutschen Jazz nannte Knauer die Ausstellung „Deutscher Jazz / German Jazz“. Sie wurde von Doris Schröder konzipiert, und die deutschen Goetheinstitute werden sie ab 2007 in vielen Ländern der Welt, unter anderem in Brasilien und in den USA, zeigen. (mst)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 14. November 2006:
Improvisationstalent und technische Perfektion. Jazz-Gespräch: Der Posaunist Nils Wogram und sein Projekt „Root 70“ präsentieren sich und ihre Musik in Darmstadt
DARMSTADT. Im Zentrum des Jazz-Talk im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazz-Institut standen am Freitag der 1972 in Braunschweig geborene Posaunist Nils Wogram und sein Projekt „Root 70“.
Hinter dem Namen steht eine Gruppe junger Jazzmusiker, die ihre persönliche Nähe in einem homogenen Bandsound abbilden. Bandleader Nils Wogram schickt sich dabei an, in die Fußstapfen des im vorigen Jahr verstorbenen Albert Mangelsdorff zu treten. Zusammen mit dem aus Neuseeland stammenden Altsaxofonisten Hayden Chrisholm erzielt er melodische Strukturen, die an die legendären Experimente der Amerikaner Gerry Mulligan mit Bob Brookmeyer oder Chet Baker aus der fünfziger und sechziger Jahren erinnern.
„Root 70“ führt die kammermusikalische Tradition des Cool-Jazz weiter und öffnet das Spektrum für zeitgenössische Harmonieeffekte. Voll integriert in die Abläufe sind der in London lebende Kontrabassist Phil Donkin und der junge amerikanische Schlagzeuger Ted Poor.
Im Gespräch mit Wolfram Knauer, dem Direktor des Jazz-Instituts, stellte sich dann heraus, dass dieses Ensemble schon aus geographischen Gründen wenig Zeit zum Einüben bestimmter Sequenzen hat, was aber auf der anderen Seite Improvisationstalent und technische Perfektion in den Vordergrund der Musik rückt. Darüber verfügt das Quartett in hohem Maße, sei es bei balladesken, kontemplativen Kompositionen oder lebhaften, vom Bebop bestimmten Passagen. Es fehlt nichts vom Instrumentarium kreativer Jazzmusiker: Häufige Rhythmuswechsel, komplexe Unisono-Passagen der Blasinstrumente und solistische Exkursionen aller Mitwirkenden wechseln sich in spannender Weise ab. Dabei wird auf Mikrofone weitgehend verzichtet und die Zimmerlautstärke selten verletzt.
Zwar stammen die Stücke fast alle aus der Feder des Bandleaders, sie werden aber schnell zum gemeinsamen Eigentum der Gruppe. „Wir versuchen, nicht als vier Einzelspieler aufzutreten, sondern einen Sound zu schaffen, bei dem sich die einzelnen Stimmen gut mischen“, sagt Nils Wogram.
Im zweiten Teil des Konzerts betrat dann überraschend noch ein Cellist die Bühne: Das wies auf den künftigen Weg der Gruppe hin, die sich von der Hereinnahme zusätzlicher Streicher weitere Impulse erwartet. (hdv)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 23. Oktober 2006:
Welt der Schwingungen. Musik im Gespräch: Der Perkussionist Hakim Ludin im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Hakim Ludin kommt aus einem Land, dessen zeitweilige Herrscher Musik jeglicher Form zu unterdrücken suchten. Als er 16 Jahre alt war, lernte er in Kabul bei einem südindischen Meister die hohe Kunst des Tablaspielens. Als er vor über 30 Jahren nach Deutschland kam, war die Begeisterung für die Musik groß. Die Ausbildung zum Orchestermusiker war ein erster Schritt, doch seine spirituelle Energie wies ihm neue Wege. Sein Auftritt am Freitag beim „Jazztalk“ im Darmstädter Jazzinstitut war eine gelungene und begeisternde Einführung in die vielgestaltige Welt der Perkussion, der begleitenden und heilenden Schwingungen.
Anschaulich führte der Solo-Perkussionist vor, wie Melodie und Rhythmus schon in der kleinsten Rahmentrommel mit den obligatorischen zwei Schellen vorhanden sind, einer sogenannten Handtrommel mit Schlangenhaut, die zumeist nur mit einer Fingerkuppe gespielt wird. In Afghanistan bauten die Könige einmal Gärten, in denen die Frauen große Rahmentrommeln spielten, die mit Ziegenfellen gespannt waren. Punktuelle rhythmische Schläge und von den wirbelnden Händen verursachte Wellen entzückten das Ohr.
Neben den inzwischen weit verbreiteten Wassertrommeln aus Kürbissen gibt es etwa die Cabazas, afro-brasilianische Rasseln mit einem Netz aus Perlen. Doch ist es vor allem die Cajon, die für Ludin bei der Begleitung etwa von Konstantin Wecker, Hannes Wader und Bettina Castano eine herausragende Rolle spielt. Eigentlich handelt es sich nur um eine Holzbox, auf der man sitzt, die man von vorne bearbeitet. Sie hat einen weiten Weg vom indischen Kathak zum spanischen Flamenco zurückgelegt. Die Veränderungen der Tonhöhen traut man ihr überhaupt nicht zu. Zum Ende dürfen dann die Congas nicht fehlen, die der kubanischen Clave-Musik besonderes Flair verleihen, und die unterschiedlich großen Bongotrommeln, die primär ein Zwiegespräch zwischen Mann und Frau nachempfinden und mit allen anderen Perkussionsinstrumenten für Frieden, Respekt und Toleranz stehen. So empfinden es Ludin und auch seine beeindruckten Zuhörer. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 28. Juli 2006:
Aus der Krabbelstube nach Harvard. Jury kürt im zweiten Jahr Komponistin Karola Obermüller
DARMSTADT. „Ausschlaggebend ist die Gesamtwahrnehmung einer Person“, begründete Cord Meijering, Direktor der Akademie für Tonkunst, gestern die Entscheidung, den Darmstädter Musikpreis in diesem Jahr an die Komponistin Karola Obermüller zu vergeben. Als die Jury ihre beiden Musikbeispiele gehört habe, habe man sich schnell auf sie als Empfängerin der diesjährigen Auszeichnung geeinigt, erklärte der ehemalige Oberbürgermeister Peter Benz, Vorsitzender des Förderkreises Kultur.
Gemeinsam mit der Sparkasse Darmstadt lobt der Förderkreis den Preis seit dem vergangenen Jahr jährlich aus, erster Preisträger war der Vibraphonist Christopher Dell. Man habe den vielen Literaturpreisen einen allgemeinen Musikpreis entgegensetzen wollen, sagt Benz. Bisher gebe es nur alle zwei Jahre den Kranichsteiner Musikpreis, der an die Internationalen Ferienkurse gebunden sei. Nominiert werden können nicht nur Komponisten und Solisten, sondern auch Ensembles oder Musikwissenschaftler. Der Preis wird nicht ausgeschrieben.
Sieben Jurymitglieder bringen Vorschläge ein. Im Komitee sitzen neben Benz und Meijering der Generalmusikdirektor des Staatstheaters Stefan Blunier, der Geschäftsführer der Centralstation Michael Bode-Böckenhauer, der Direktor des Jazz-Instituts Wolfram Knauer, der Direktor des Internationalen Musikinstituts Solf Schaefer und Kulturamtsleiter Helmut Stütz.
Nach ihrer Nominierung gibt es für die selbstbewusste junge Frau wahrlich „Nichts Fettes, Nichts Süßes“ – so der Titel der ersten Komposition, die die Jury überzeugte –, sondern Bares: Der Darmstädter Musikpreis ist mit 5000 Euro dotiert. Obermüller erhält die Auszeichnung am 17. November 2006 bei einem Preisträgerkonzert im Kundencenter der Sparkasse in der Rheinstraße.
Anstatt „Wutfetzen“ – so heißt das zweite überzeugende Stück – gab es für die 1977 in Darmstadt geborene Komponistin, die ohnehin gerne lacht, also nur Grund zur Freude. Für sie schaffe der Preis eine noch engere Verbindung zur Heimatstadt. „Seit ich in Amerika lebe, bin ich Darmstadt viel näher“, sagt sie. „Ich bin jetzt für drei Monate hier und entdecke Darmstadt ganz neu.“
Vielleicht hat sie in den letzten Jahren einfach auch einen anderen Blick entwickelt, nachdem sie viel in der Welt herumgekommen ist. Jurymitglied Solf Schaefer erinnerte die Komponistin an ihre kindlichen Anfänge in der „musikalischen Krabbelstube“, einer inzwischen seit 15 Jahren bestehenden Kinderkompositionsklasse an der Darmstädter Akademie für Tonkunst. Schon dort sei sie bei ihrer theoretischen, Gesangs-, Gehör- und Instrumentalausbildung angenehm aufgefallen.
Nach ihrem Abitur studierte Karola Obermüller Komposition in Nürnberg bei Volker Blumenthaler, hängte ein Aufbaustudium in Saarbrücken bei Theo Brandmüller dran und absolvierte das Konzertexamen Komposition 2003 mit Auszeichnung. Dirigieren und Elektronische Musik studierte sie am Mozarteum in Salzburg bei Adriana Hölszky. Studienaufenthalte führten sie nach Indien und Paris. Noch 2003 erhielt Obermüller ein Stipendium für ein Promotionsstudium in Komposition an der Harvard University in Amerika, wo sie als Promotionsarbeit eine Oper vorbereitet und in ihren Studien sowohl indische als auch elektronische Musik vertiefte.
Doch was für Musik macht sie eigentlich? „Neue Musik“, setzt sie an, gerät ins Stocken, „es ist ein bisschen schwierig mit der Begrifflichkeit.“ Immerhin, ihre Musik werde auch da gespielt, wo klassische Musik gespielt werde. Meijering hilft aus: einfach zeitgenössische Kammermusik und Opernmusik. Sehr vage Beschreibungen für den, der noch nichts von Karola Obermüller gehört hat. Einen Eindruck von ihrer Musik kann man sich am 19. August bei dem Abschlusskonzert der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in der Orangerie verschaffen. Dort stellt sie ihr Kammermusikstück „Helical“ vor. (Andrea Stütz)
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Frankfurter Rundschau, 24. Juli 2006:
Gong auf dem Scheitel. Das Abschlusskonzert von Jürgen Wuchners Jazz Conceptions
Jürgen Wuchner schwitzt, Jürgen Wuchner ächzt - dem stämmigen Bassisten wird an diesem Abend eine Menge auf den Buckel gepackt. Die Organisation der 15. Auflage der Jazz Conceptions, die stemmt er ohnehin. Aber im Abschlusskonzert der Workshop-Woche, die seit 1992 vom Trägerverein der Bessunger Knabenschule und dem Jazzinstitut Darmstadt angeboten wird, kommt es dann richtig hart: drückende, schwüle Hitze über der Stadt und ein Finale mit voll besetztem Haus.
Wuchner ist im Dauereinsatz, wenn sich wie jedes Jahr Dozenten, Kursteilnehmer und Jazzkundige in der Bessunger Knabenschule treffen zum letzten Konzert der Jazz Conceptions: Er spielt, organisiert und moderiert. In kleinen und großen Ensembles haben die Teilnehmer tagsüber mit den Dozenten gearbeitet, eine Woche lang wurde danach jeweils in Darmstädter Clubs gejammt - eine kreative, aber auch nervöse Arbeits-Atmosphäre, die auch am Abschlussabend noch spürbar ist.
Der Witz der Wiederholungstäter
Zur Einstimmung versammelt Wuchner die Mitglieder seines Bigband-Workshops, darunter jede Menge "Wiederholungstäter". So nennt Wuchner alle, die den Conceptions seit Jahren die Treue halten. Das doppelte Dutzend, das da vor dem emsigen Dirigenten auf der Bühne hockt und steht, ist eine verkappte Working Band des Bassisten, die sich mit Akribie und Übermut der kauzigen Stücke ihres spiritus rector annimmt. Die Axt im Haus erspart Mathilde den Anruf bei der Oma zum Beispiel. Solcherlei subtile Titel kennt man sonst vom HR-Jazzensemble und Heinz Sauer.
Eine rhythmisch vertrackte Melange aus Ensemblestück und Marschmusik ist das, versetzt mit ulkigen Tango-Klängen, Solo reiht sich an Solo, Querflöte, Bassklarinette, Tenor…und alles bei mehr als 30 Grad im kleinen Schulsaal.
Die hat es auch nach der Pause, wenn ein illustres Quintett - der Gastgeber jetzt am Kontrabass - einen knapp 20-minütigen Ausflug ins freie Spiel wagt. Mit einer Handtuchattacke auf Becken und Gongs startet Günther Baby Sommer, Christopher Dell legt wunderbare Tupfer aufs Vibraphon, parliert mit der Stromgitarre von Frank Möbus, und über all dem schweben die Rufe von Christoph Thewes, der als einziger Bläser im Rund viel Raum für seine Posaune hat.
Sommer platziert einen seiner schmucken Gongs auf den grauen Scheitel und sieht unversehens aus wie Don Quichotte. Schlägt den Gong an mit bitterer Miene. Ein Clown mit überaus ernsten musikalischen Absichten. Unerbittlich treibt er an im düsteren Billy-Holiday-Song, der folgt. Ute Jeutter erzählt von den seltsamen Früchten in Alabamas Bäumen, singt auch das gespenstische Weird Nightmare von Charles Mingus und vom altvertrauten Pork Pie Hat.
Soweit, so gut, aber es fehlt immer noch einer der Dozenten: Reimer von Essen, der Leiter der Barrelhouse Jazzband. Ein Klarinettist des Oldtime Jazz inmitten der freien Geister? Kaum ist er auf der Bühne, spielt man sich unbekümmert durch I got rhythm', blickt weiter noch zurück in die Jazzhistorie mit dem ältesten Stück des Abends: After you're gone, ein Blues aus dem Jahr 1918, der so frisch klingt, als hätten ihn Creamer und Layton gerade eben komponiert.
Vom Publikum zuerst ungläubig belächelt, wird das Sextett mit frenetischem Beifall gefeiert - so also kann er klingen, der gute alte Jazz aus Dixieland. Von Essen feixt und beugt sich übers Mikrophon: "Von mir kennen Sie das ja, aber hätten Sie gedacht, dass die das auch können?" (Gerd Döring)
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Darmstädter Echo, 24. Juli 2006:
Die nächste Generation macht sich bemerkbar. Workshops: In der Tradition der Väter: Bilanz der 15. Darmstädter Jazz-Conceptions
DARMSTADT. Die Zahl der Teilnehmer ist gestiegen – höher als erwartet. Das hat den Rang der Darmstädter Jazz-Conceptions, deren 15. Auflage am Wochenende zu Ende ging, unter vergleichbaren Workshops in Deutschland bestätigt. Für die Jugend ab dem elften Lebensjahr hat Veranstalter Jürgen Wuchner einen eigenen Teilnehmerkurs eingerichtet. Bei keinen Jazz-Conceptions zuvor ist es so deutlich geworden, dass inzwischen eine zweite Generation herangewachsen ist, die in die Fußstapfen ihrer Väter tritt. So wie Alex Hoffmann, der wie sein Vater Thomas das Schlagzeug als sein Instrument entdeckt hat, oder Leopold Heldmann an den Keyboards, der sich von seinem Vater Thomas am Bass inspirieren ließ. Ähnlich verhält es sich mit Leander Lenz am Bass oder Edgar Kraft am Schlagzeug, die die Väter-Tradition fortführen.
Wuchners Herangehensweise, neue Klangformen zu schaffen und mit ungewohnten rhythmischen Verläufen spannender zu gestalten, hat besonders in diesem Jahre Früchte getragen. Das scheint den Teilnehmern besonders zu liegen, auch auf die Dozentenkollegen abzufärben, auf Christof Thewes, Günter „Baby“ Sommer und auch auf Christopher Dell, die ähnliche Wege beschreiten.
Erfreulich war, was in den Teilnehmerkonzerten am Freitag und dem abschließenden Konzert am Samstag beim Großensemble und dem Dozentenkonzert in der Bessunger Knabenschule an Substanz erkennbar wurde. Bei Sommers Komposition „Im Schatten der Linde“ war der Frust der großen Hitze wie weggeblasen, seine Materialstücke „5 Miniaturen“ atmeten den Geist großer Dirigierbegabung und Begeisterungsfähigkeit, nicht nur „A Hard Night’s Day“ vermittelte in Christof Thewes Workshopband etwas von dessen großer Erfindungsgabe an Sounds und Farben.
Schwieriger war es für das junge Ensemble von Frank Möbus, ohne führende Hand bei der Darbietung die Bindung zu finden. Die Einsätze wirkten manchmal zu zögerlich. Auffällig war das Interesse an intensiveren Zwiegesprächen mehrerer Instrumente gleichzeitig in der Improvisation. Christopher Dell baute in sein Opus „Ein Genie sieht rot“ aktuelle Szenen aus und nach der Fußball-Weltmeisterschaft szenisch ein. Die Ensembles um Gastdozentin Ute Jeutte lockten mit Sprachbewegung und konventionellerem George-Gershwin-Repertoire, ihr abschließendes Hancock-Feature galt verschmitzt einmal mehr der engagierten Veranstalter-Crew der Bessunger Knabenschule.
Zu begrüßen war das inzwischen etablierte Nischen-Element des Traditional Jazz, das in Reimer von Essen den idealen Dozenten fand. Er schafft es, die Ungezwungenheit und Freude an dieser Musizierform lebendig weiterzugeben. Sein „Bessunger Knabenschulblues“, nach eigenem Bekunden erst zwei Tage zuvor komponiert, unterstrich dies eindrucksvoll.
Für das Großensemble mit rund 20 Teilnehmern hatte Jürgen Wuchner drei Stücke einstudiert, die mit den bekannt farbigen Sounds, einer ungewöhnlichen Besetzung und rhythmischer Finesse aufwarteten. Die Dozenten fanden zum Abschluss ihren persönlichen Zugang zu freier Spielweise, zur Jazz-Satire („Baby“ Sommer), exaltiertem Spiel (Christopher Dell), Billie Holiday (Sommer-Jeutte), ehe ein Blues aus New Orleans das verbindende Element der Stile betonte und die Jazz-Conceptions abschloss. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 20. Juli 2006:
Der Jazz hat ihn bleibend infiziert. Porträt: Er spielt und lehrt: Der Bassist Jürgen Wuchner ist ein sehr aktives Urgestein der Darmstädter Musikszene
DARMSTADT. Zu Jürgen Wuchner kam die Musik ins Haus. Der Vater des 58 Jahre alten Jazzmusikers führte in Kleinostheim bei Aschaffenburg eine Gaststätte: Viele kleine Tische und Kunststoffstühle zeigt ein Foto des gediegenen Lokals und, um drei Stufen erhöht, eine Bühne. Dort erklangen jedes Wochenende Schlager, Rock und Swing.
Das faszinierte den Jungen. Er selbst ging zunächst den klassischen Weg, erhielt Klavierunterricht. Wuchner gründete dann aber bald am Musikgymnasium eine Schüler-Coverband, der etwas Entscheidendes fehlte: der Bass. Er tauschte eine Gitarre ein, legte noch etwas Geld drauf und war fortan der Mann, der in der Bandmusik die Fundamente legte. Weil er Bauingenieur werden wollte, kam der Abiturient nach Darmstadt, letztlich studierte er hier jedoch klassischen Kontrabass an der Akademie für Tonkunst. Bernd Müller vom Orchester des Staatstheaters gab den Instrumentalunterricht, aber auch Dietrich Boekle und Johannes Fritsch zählten zu Wuchners Lehrern. „Das waren ja alles Komponisten, da konnte man etwas aufschnappen.“ An der Frankfurter Musikhochschule spielte er in einer Bigband: Den Kontakt stiftete der Darmstädter Komponist Hans Ulrich Engelmann. Später tauchte der Bassist ein in die Frankfurter Jazzszene, spielte mit Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer und Ralf Hübner. Und er besuchte ab den sechziger Jahren die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. Jedes Konzert habe ihm Gelegenheit geboten, etwas zu lernen und „zu verstehen, was die meinen“, sagt er. Lange Jahre spielte Wuchner auch mit österreichischen Musikern, unter anderem mit dem Tenorsaxophonisten Hans Koller und dem Vienna Art Orchestra. Mit diesen Formationen gastierte er auf vielen europäischen Festivals. Es folgten Tourneen für das Goethe-Institut bis nach Asien.
Ende der Achtziger ließ der Musiker sich schließlich in Bessungen nieder. „Einer der schönsten Stadtteile der Welt“, wie er findet. Er komponiert für seine eigenen Gruppen, für Projekte und Workshops: Wuchner gründete unter anderem mit Uli Partheil die „Jazz and Popschool“, ist Initiator und Dozent der Jazz Conceptions sowie Dozent für Jazzbass an der Akademie für Tonkunst. Er entwickle Ideen für Songs oder Liedformen, schreibe Improvisationsanleitungen, komponiere Elemente, Spielmaterial, sagt er .
Formen des Standardjazz meide er, will nicht zu viel festlegen. Darin fühlt er sich dem Freejazz verbunden: „Der Idealfall ist, wenn drei Musiker auf die Bühne gehen, nie darüber gesprochen haben, was sie machen, und es funktioniert.“ Von der Neuen Musik habe er sich abgeschaut, wie man Formen auflöst, neue Klangfarben oder rhythmische Verläufe entdeckt. So fallen drei Dinge auf, wenn man Wuchners Musik hört: Oft gibt es charakteristische Bassmotive oder ausgedehnte Intros, etwa in „Welcome to Guantanamo“ beziehungsweise „Pension Datterich“. Vieles – beispielsweise die Stücke der CD „Der Hahn ist tot“ – klingt experimentell, und die Reaktion der Spieler aufeinander ist oft konstitutives Moment.
Es gibt ungebrochen fröhliche Musik wie „Los ninos horribles“ und gedämpfte Stücke wie „Tempo Rubato“. Auch politisch darf es mal sein, aber dann mit ironischem Unterton. Aber immer ist es Jazz, den er schreibt. Denn: „Wer einmal damit infiziert ist, kommt nicht mehr davon los.“
Jürgen Wuchner ist einer der sechs Dozenten der laufenden Darmstädter Jazz Conceptions, die die Tage musikalischen Lernens abends an verschiedenen Darmstädter Spielorten mit einem Konzert ausklingen lassen: Heute (20.) beginnt die Session um 20.30 Uhr im „603 qm“ (Alexanderstraße 2), morgen (21.) um 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule. Am Samstag (22.) ist um 20.30 Uhr das Abschlusskonzert in der Bessunger Knabenschule mit den Großensembles sowie dem Dozentenkonzert. (Melanie Neumann)
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Darmstädter Echo, 19. Juli 2006:
Big-Band-Nachwuchs im Profi-Training. Jazz Conceptions: Die Veranstaltungen haben auch im 15. Jahr ihr Flair nicht verloren – Mehr Teilnehmer als je zuvor
DARMSTADT. Die Bessunger Knabenschule ist auch im 15. Jahr Ort der Darmstädter Jazz Conceptions – wir haben berichtet. Die Veranstaltungen haben in dieser Zeit nichts von ihrem Flair verloren. Im Gegenteil, man kann dieses Mal mit einer Rekord-Teilnehmerzahl aufwarten. Erstmals wird auch ein „Special für junge Musiker“ angeboten: ein Workshop für ein Ensemble mit jungen Musikern zwischen elf und 17 Jahren, der sich besonders an Schüler richtet, die bereits über mehrjährige Instrumentalerfahrungen verfügen. Sie sind in der Regel Mitglieder von Schul-Bigbands. Betreut werden sie in den täglich drei bis vier Stunden von Frank Möbus, Dozent für Gitarre an der Musikhochschule Weimar.
Die renommierten Dozenten stellen weniger den Instrumentalunterricht als vielmehr Ensemblearbeit mit den unterschiedlichsten Materialien und die Planung musikalischer Abläufe in den Vordergrund. Das verschafft den Teilnehmern einen unverstellten Einblick in die Werkstatt einer Musik, bei der die Improvisation eine bedeutende Rolle spielt. Neben Jürgen Wuchner (Kontrabass), dem Initiator der Veranstaltung, stehen Christopher Dell (Vibrafon), Reiner von Essen (Klarinette), Frank Möbus (Gitarre), Günter „Baby“ Sommer (Schlagzeug) und Christoph Thewes (Posaune) als Lehrer zur Verfügung. Dazu konnte mit Ute Jeutte eine Kraft gewonnen werden, die neben ihrem Ensemble-Workshop einen zweiten speziell für Sänger anbietet. In diesen bringt sie ihre Erfahrungen mit der Kinesiologie, der Lehre von den Bewegungsabläufen, ein.
Begleitet wurde der erste Tag der Vokal-, Jugend- und Ensemble-Workshops in der Bessunger Knabenschule von einer spontanen abendlichen Session im Achteckhaus in der Darmstädter Mauerstraße, wo ein Teil der Dozenten seine Instrumente auspackte und die Teilnehmer der Workshops in Fahrt brachte. (Ulfert Goeman)
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Darmstädter Echo, 18. Juli 2006:
Zeigt her eure Töne. Ausblick: Vom 17. bis zum 22. Juli sind in diesem Jahr die Darmstädter Jazz-Conceptions
DARMSTADT. Zu den renommiertesten Jazz-Workshops in Deutschland zählen die Darmstädter Jazz-Conceptions, die diesmal vom 17. bis 22. Juli in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt, Ludwigshöhstraße 42, sind. Organisiert werden sie vom Jazz-Institut Darmstadt. Erfolgreich sind sie wegen ihres Konzepts und der Atmosphäre, die sich im Lauf des Workshops zwischen Lehrern und Schülern entwickelt. Die Teilnehmer erhalten keinen verschulten Instrumentalunterricht, sondern werden von Anfang an in gemischte Ensembles zusammengefasst, die mit den jeweiligen Dozenten improviseren, musikalische Abläufe planen und über die Musik diskutieren.
Das Erprobte wird dann abends an verschiedenen Spielorten in Darmstadt vorgeführt: am 17. Juli (Montag) um 20 Uhr im Achteckigen Haus, Mauerstraße 17; 18. Juli um 20 Uhr im Herrngartencafé, anschließend in der Goldenen Krone; 19. Juli um 20.30 Uhr im Jazzinstitut, Bessunger Straße 88 d; 20. Juli um 20.30 Uhr auf „603 qm“, Alexanderstraße 2; 21. Juli um 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule, Abschluss der Ensembles; am 22. Juli (Samstag) ist um 20.30 Uhr, ebenfalls in der Knabenschule, das Abschlusskonzert mit den Großensembles sowie das Dozentenkonzert. Die Dozenten sind: Christopher Dell (Vibraphon), Reimer von Essen (Klarinette), Ute Jeutter (Gesang), Frank Möbus (Gitarre), Günter „Baby“ Sommer (Schlagzeug), Christoph Thewes (Posaune) und Jürgen Wuchner (Bass).
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Darmstädter Echo, 26. Juni 2006:
Ein Stück Freiheit. Jazztalk: Friedhelm Schönfeld, Günter „Baby“ Sommer und Jürgen Wuchner in Darmstadt
DARMSTADT. Als vor zwei Jahren der Berliner Tenorsaxofonist und Bandleader Friedhelm Schönfeld ein erstes Mal im Darmstädter Jazzinstitut zu Gast war, ließ er in seiner Spielweise (auch auf der Flöte) erkennen, wie er sich nach der Wende in das musikalische Geschehen Gesamtdeutschlands einbrachte. Einige der Zuhörer von damals erinnern sich an das folgenreiche Wirken des Schönfeld-Trios im Osten Berlins der sechziger Jahre, als der Tenorsaxofonist den dort zunächst verpönten Jazz über den verschleiernden Weg der Unterhaltungsmusik in die DDR einsickern ließ. Friedhelm Schönfeld saß im Berliner Rundfunktanzorchester, dessen Erweiterung zur Big Band die Weichen stellte. Dann gründete er sein Trio mit Günter „Baby“ Sommer am Schlagzeug.
Die Initiatoren des 52. Darmstädter Jazztalks wollten dieses legendäre Jazztrio um Schönfeld am vergangenen Freitag im Gewölbekeller des Jazzinstituts wieder aufleben lassen. Klaus Koch war nicht mehr dabei, er starb vor sechs Jahren. Er wurde durch den Darmstädter Kontrabassisten Jürgen Wuchner vertreten.
Das Spiel dieser drei Musiker erinnert nicht nur an Ornette Coleman, sondern auch an Albert Ayler und John Coltrane, und an Bedeutung gewinnt ein rhythmisch betonter Spielfluss. Programmatische Titel wie „Rare Union“ oder „Ein Lied, das keines war“ werden nach allen Seiten hin regelrecht ausgeleuchtet. Ein Song wie „Ballade“, der zu eifrigerem Notenlesen animieren soll, oder „What’s Music Now“, entstanden aus einem Klangexperiment mit einem klassischen Cellisten, zeigen auch heute noch wirkungsvoll, welche Sprengkraft freier Jazz in der damaligen DDR in sich barg.
Ungewöhnliche Intervalle schaffen immer noch Spannungen. So gerät der Wiederbelebungsversuch eines einst legendären Trios zu einer Neufindung. Songs wie „Der freie Otto“, „Heimweh“ oder „Solmas“ mit einem monotonen, aber hypnotisch pochenden Bass und ungewöhnlich lebhaftem Schlagzeug-Gerangel Sommers sind beredt genug. (Ulfert Goeman)
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Frauke Kühner Quartet, 2. Juni 2006:
Frauke Kühner spielte mit ihrem Quartett Stücke von Ornette Coleman, Standards und Eigenkompositionen. Das swingte enorm, verband mitreißende Themen mit Improvisationen, die sich ins Freie vortasteten, die mit viel Energie und vor allem mit offenen Ohren gespielt wurden -- das gegenseitige Aufeinanderhören stand im Mittelpunkt eines begeisternden Abends.
Frauke Kühner (ts), Udo Brenner (b), Jörg Fischer (d), Thomas Honecker (g)
Darmstädter Echo, 26. Mai 2006:
„Das Besondere sind unsere Arrangements“. Jazz: Combos und Big Bands Darmstädter Gymnasien geben gemeinsames Konzert
Jede von ihnen hat einen unverwechselbaren Sound, die sechs Bands, die am Dienstag das Jazzkonzert Darmstädter Schulen gestalteten. Mit ihren Combos und Big Bands waren die Bertolt-Brecht-Schule, die Edith-Stein-Schule, die Viktoriaschule, das Schuldorf Bergstraße, die Justus-Liebig-Schule und die Lichtenbergschule in der Orangerie vertreten. Ihre musikalische Bandbreite reichte von Jazz, Swing, Blues, Bossa Nova bis hin zu Interpretationen von Pop-Songs.
Vor 18 Jahren habe das Jazz-Institut Darmstadt das Konzert ins Leben gerufen, erklärte Rainer Wieczorek, Lehrer an der Brecht-Schule. Der Jazz-Fan hat mit seiner Jazz-AG unter anderem Stücke des südafrikanischen Komponisten Abdullah Ibrahim einstudiert. Mit viel Spielfreude interpretierten die Schüler der elften bis 13. Klassen „Blues For A Hip King“ und den „Marabu Blue“. „Das Besondere sind unsere eigenen Arrangements“, sagte Wieczorek stolz.
Satte Klangfülle boten die 30 Musiker der Big Band der Edith-Stein-Schule. Aus dem großen Repertoire der Band hatten die Leiter Oliver Nickel und Johannes Maurer „Free Ride“, den Ray-Charles-Klassiker „Georgia“, Children of Sanchez“ und „Spain“ von Chick Corea ausgewählt. Die Big-Band der Viktoriaschule unter Emmely Plass war mit dem „Basin Street Blues“, dem „C-Jam-Blues“, mit „Give Me Just One Night“ und „Pink Panther“ zu hören. Zu den virtuosen Solisten des Konzertabends gehörte Saxophonistin Laura Demolière vom Schuldorf Bergstraße. Die schwierigen Harmonien im Solo bei „Easy Street“ von Bob Minzer seien ihr „schön elegant gelungen“, lobte Musiklehrer Friedhelm Unger. Die Big Band des Schuldorfs spielte außerdem „Chicken“, „Night Train“ und „Oye Como Va“, wobei immer wieder Musiker mit Soli hervortraten.
„Wir haben ein paar Klassiker ausgesucht“, kündigte Christoph Schöpsdau, Musiklehrer an der Justus-Liebig-Schule an, deren Ton-Technik-AG während des Konzerts für gute Klangqualität sorgte. Nach dem „Bandstand Boogie“ spielten die zwölf Mitglieder der Lio-Big-Band den Bossa-Nova-Hit „The Girl From Ipanema“. Das Jazz-Rock-Stück „Spinning Wheel“ hatte nicht nur die Lio-Big-Band im Programm, sondern in einem unterschiedlichen Arrangement auch die Jazz-Combo der Lichtenbergschule. „Ein gutes Stück kann man auch zwei Mal hören“, sagte Musiklehrer Thomas John. (sil)
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Darmstädter Echo, 26. Mai 2006:
Abschied von New Orleans. Jazz: Vom Mississippi an den Neckar: Trevor Richards plaudert und spielt in Darmstadt
DARMSTADT. Der 1945 in England geborene Schlagzeuger Trevor Richards stand am Mittwoch im Mittelpunkt eines Gesprächskonzerts im Darmstädter Jazzinstitut. Ungewöhnlich war dabei die Einleitung durch einen Film von Klaus Tröster mit dem Titel „Missing New Orleans (Rottweil liegt nicht am Mississippi)“, der den Jazzmusiker in seinem Sommerdomizil am Neckar porträtiert. Seit 40 Jahren wohnt er aber schon in New Orleans, der Stadt, deren Faszination er nach seinem ersten Besuch erlag. Damals hatte er Gelegenheit, die letzten noch lebenden Pioniere des Traditional Jazz wie George Lewis oder Punch Miller kennenzulernen und mit ihnen zu spielen. Der legendäre Schlagzeuger Zutty Singleton vererbte ihm sogar sein Instrument, auf dem Richards meist spielt und das er auch in den Gewölbekeller mitgebracht hatte.
An gleicher Stätte war Richards mit seinem Trio schon vor fünf Jahren aufgetreten – damals mit dem mittlerweile gestorbenen Pianisten Ralph Sutton, der zu den wichtigsten Vertretern des Harlem-Stride-Stils gerechnet wird. Das „Trevor Richards Trio“ wurde von seinem Namensgeber 1972 gegründet, ist personell variabel, aber besteht immer aus Klavier, Klarinette und Schlagzeug. Diese musikalische Einheit wurde einst von Benny Goodman perfektioniert und ist seit dem berühmten „Carnegie Hall Concert“ unsterblich.
Diesmal bestach auf der Klarinette der junge Franzose Olivier Franc, wenngleich er öfter zum verwandten Sopransaxofon griff. Damit fühlt er sich am wohlsten, kann sein mächtiges Vibrato ausspielen und befindet sich damit auf den Spuren seines großen Vorbildes Sidney Bechet. Pianist Simon Holliday beherrscht gleichermaßen die alten Stile Ragtime und Boogie Woogie. Seine Gesangseinlagen überzeugten und sein unbegleitetes Solo über „Echoes of Spring“ geriet zu einem Höhepunkt des Abends.
Richards wirbelte kraftvoll-dynamisch über Trommeln und Becken. Im Gespräch mit Institutsleiter Wolfram Knauer machte er klar, warum er sein vom Wirbelsturm zerstörtes Haus in New Orleans nicht wieder aufbauen wird. Mit dem nun ständigen Wohnsitz in Rottweil bleibt das „Trevor Richards Trio“ dem deutschen Publikum erhalten. Etwas wehmütig stimmten die Musiker denn auch zum Abschluss den Standard „Do you know what it means to miss New Orleans“ an. (Hans-Dieter Vötter)
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Trevor Richards Trio, 24. Mai 2006:
Das Trevor Richards Trio spielt "klassischen" Jazz in kammermusikalischer Besetzung. Olivier Franc, Sohn des Klarinettisten René Franc, der einst selbst bei Sidney Bechet Unterricht erhalten hatte, spielte das Original-Sopransaxophon von Sidney Bechet, aber auch Klarinette - und das nicht nur auf der Bühne, sondern vor dem Konzert auch auf dem Platz vorm Jazzinstitut vor Kindern aus der Nachbarschaft. Zu Beginn des Konzerts war die Erstaufführung des Films "Rottweil liegt nicht am Mississippi" zu sehen, einer Dokumentation über die Arbeit Trevor Richards vom Regisseur Klaus Tröster. Im JazzTalk dieses Abends erzählten Tröster und Richards vom Entstehen des Films und Trevor außerdem von den Schäden, die der Hurricane Katrina an seinem Haus in New Orleans hinterlassen hatte. Im Mittelpunkt aber stand die Musik, mitreißende Bechet-Märsche und Standards des traditionellen Jazz, bei denen das singende Sopransaxophon den Heroen dieses Instruments erneut heraufbeschworen.
Simon Holiday (p), Olivier Franc (sop,cl), Trevor Richards (d)
Darmstädter Echo, 24. April 2006:
Im Dschungel der Töne. Neue Musik: Die 60. Arbeitstagung der Musikerzieher in Darmstadt sucht die Verbindung zwischen Theorie und Praxis – Auch Kinder erkunden neue Klangwelten
DARMSTADT. „Orientierungen – Wege im Pluralismus der Gegenwartsmusik“ bot die 60. Arbeitstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung an, die am Sonntag in der Darmstädter Akademie für Tonkunst zu Ende ging. Und tatsächlich erscheint die moderne Musik so unübersichtlich, dass Musiker und Hörer Orientierungshilfen schätzen. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl der Kursteilnehmer bestätigt diese Erfahrung.
Das Tagungsthema wurde in sechs Schwerpunkte gegliedert, die in Vorträgen und Diskussionen abgehandelt wurden. In den Vordergrund schob sich die Problematik der Globalisierung, die auch vor der Musikentwicklung nicht Halt macht. Damit in Verbindung steht die Frage nach den Möglichkeiten, die sich aus der Begegnung fremder Kulturen ergeben. Diese Diskussion hängt wiederum eng zusammen mit der gesellschaftspolitischen Aufgabe der Integration. Chancen und Enttäuschungen liegen hier dicht beieinander.
Die breit angelegte Diskussion um das Schlagwort einer „zweiten Moderne“, die aus dem Unbehagen an der Postmoderne resultiert, erwies sich indes als weniger ergiebig. Dankbar waren die Zuhörer des von Jörn Peter Hiekel umsichtig geleiteten Kongresses für musikalische Informationen, etwa über das Komponieren mit Mikro-Intervallen. Und auch die Grenzgänge zu anderen Musikrichtungen wie dem Rock, dem Jazz und der improvisierten Musik fanden offene Ohren, selbst wenn die Hörbeispiele meist aufschlussreicher waren als die etwas zähen Referate.
Die abendlichen Konzerte, auf Vorträge und Diskussionen abgestimmt, rückten zwei Komponisten-Jubilare in den Fokus: Hans Zender, der im Herbst 70 Jahre alt wird, und Johannes Fritsch, der mit einer Laudatio zum 65. Geburtstag bedacht wurde. Von Zender wurde „Mnemosyne, Hölderlin lesen IV“ für Stimme und Streichquartett aufgeführt, ein Werk, das eindringlich zwischen Sprachkunst und Musik vermittelt. Von Fritsch wurde ein Streichtrio uraufgeführt, in dem der Komponist sich auf die Suche in den Feldern von Mikro-Intervallen begibt.
Das hervorragende Helios-Streichquartett bot daneben kurzweilige Stücke von Caspar Johannes Walter, Georg-Friedrich Haas und Jean-Luc Hervé. Im Mittelpunkt eines Abends mit Klängen für chinesische und westliche Instrumente standen die brillanten Interpreten Wu Wei (Sheng, eine Mundorgel) und Yeh Jiuan-Reng (Zheng, eine Wölbbrettzither). Fesselnd war die Gegenüberstellung von traditioneller chinesischer Musik mit modernen Stücken von Wolfgang Suppan, Sandeep Bhagwati, Simeon Pironkoff, Christian Utz und chinesischen Komponisten. Das auf neue Musik spezialisierte „Ensemble on_line“ aus Wien war hier mit von der Partie.
Der letzte Konzertabend machte mit neuer Klaviermusik bekannt, wobei vor allem Daniel N. Seels „Nacht-Stücke“ und Frank Gerhardts „Musik für zwei Klaviere“ in der Interpretation des Duos Oliver Kern und Daniel N. Seel überzeugten. Die Stimmkünstlerin Lauren Newton gab mit „Sound Song Nr. 1“ – tänzelnd, röchelnd, singend - einen Vorgeschmack auf ihren späteren Auftritt im Jazz-Institut. Und das dreiköpfige „Kammerflimmer Kollektief“ aus Karlsruhe unternahm reizvolle Grenzgänge zwischen Musique concrète und Jazz.
Einen ganz besonderen Akzent setzte die „Kinder-Uni“. Mit zwölf Kindern waren Projekte zur Neuen Musik erarbeitet worden, die zum Abschluss der Tagung vorgeführt wurden. Vom Froschkonzert und Vogelgezwitscher bis zum Faschingszug und Glockengeläut oder der vertonten chinesischen Erzählung reichte das bunte Angebot. Hörer und Spieler von morgen wurden auf diese Weise in eine noch ungewohnte Klangwelt eingeführt. (Klaus Trapp)
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Darmstädter Echo, 13. April 2006:
„Oma Heinz“ kann’s. Ausblick: Sextett aus dem Saarland spielt im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts
DARMSTADT. Nachwuchsarbeit wird beim Förderverein Jazz in Darmstadt groß geschrieben, daher erhalten regelmäßig unbekannte Gruppen die Möglichkeit, ihre Projekte im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut vorzustellen. Am Karfreitag (14.) wird „Oma Heinz“, ein Sextett aus dem Saarland, dort seinen Einstand geben.
Die jungen Musiker verfügen über Bigband-Erfahrung, bringen aber auch eigene Ideen in das Ensemble ein. Komposition und Arrangement liegen allerdings in den Händen von Pianist Oliver Maas und Posaunist Philipp Schug. Da aber die Improvisation eine bedeutende Rolle spielt, ist mit einer spannenden Präsentation zu rechnen, in der klar strukturierte Teile mit freier Kollektiv-Improvisation kombiniert werden.
Der mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug klassisch besetzten Rhythmusgruppe kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn die meisten Stücke sind am Groove orientiert, ohne dabei ins Seichte abzugleiten.
Das Sextett „Oma Heinz“ kommt am Freitag (14.) um 20.30 Uhr auf Einladung des Fördervereins Jazz in den Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut in die Bessunger Straße 88 d. (hdv)
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Berliner Zeitung, 31. März 2006:
Viel Resonanz für die Jazzmesse in Bremen
Bei der ersten deutschen Jazzmesse jazzahead, die am letzten Wochenende in Bremen stattfand, gab es auch eine Ausstellung zur Geschichte des Jazz in Deutschland, die in Kooperation mit dem Goethe-Institut in den kommenden fünf Jahren auf Welttournee geht. Das Jazzinstitut Darmstadt hat auf fünfzehn Transparenten die wichtigsten Jazzkapitel des Landes fokussiert. Auf dem dreizehnten geht es um den Jazz in der Hauptstadt. Ein großformatiges Foto von DJ Spooky bei seinem JazzFest-Auftritt im Tränenpalast vor drei Jahren suggeriert, hier ist der Jazz hip und bunt, auf die Zukunft gerichtet. Die angesagtesten Jazzbands der Republik kommen derzeit aus Berlin: so lautet auch, kurz gesagt, das Fazit des ersten German Jazz Meeting, das im Rahmen der Messe stattfand.
Von den vierzehn dafür ausgewählten Bands operieren zehn von Berlin aus. Der Saxofonist Daniel Erdmann wohnt mittlerweile zwar in Paris, doch Erdmann 3000 sei ganz eindeutig eine Berliner Band, sagt er. Der Vibrafonist Christopher Dell war jahrelang das Aushängeschild der Darmstädter Szene, doch mit seinem Institut für Improvisation ist er inzwischen nach Berlin umgezogen.
Die Bands waren vor einem Jahr von einer Expertenjury ausgewählt worden, um den aktuellen deutschen Jazz zu repräsentieren. Vorgaben gab es kaum, außer, dass sie in der Lage sein sollten, dem Niveau internationaler Festivals zu genügen. Dabei geht es nicht nur um deutschen Kulturexport - in den Jazz investieren, heißt in die Zukunft dieses Landes zu investieren, so die Devise der Organisatoren. Die Bundeskonferenz Jazz, die das German Jazz Meeting angeschoben hat, bemüht sich seit Jahren darum, die Bundespolitik für die nationale Jazzszene zu öffnen, ganz nach dem Vorbild der Dutch Jazz Connection, zu der im Zweijahresturnus ausländische Festivalmacher und Journalisten nach Amsterdam eingeladen werden, um holländische Jazzbands zu begutachten und sie dann möglichst auf ihren jeweiligen Festivals zu präsentieren.
In Deutschland brauchte es Jahre, bis man sich auf Bundesebene bereit fand, Mittel für eine solche Veranstaltung locker zu machen. Dass aktueller deutscher Jazz im Ausland kaum bemerkt wird, hat offenbar mit der mangelnden Präsentation in den entsprechenden Veranstalter- und Mediennetzwerken zu tun. Zumindest konnte man diesen Eindruck in Bremen gewinnen, denn die versammelten Festivalmacher aus Russland, China, Australien und USA - insgesamt waren mehr als 50 Experten aus 27 Ländern eingeflogen worden - taten freudig überrascht über die Qualität und die Energie der auftretenden Jazzer. Ob nun Aki Takase, Nils Wogram und Rudi Mahall oder Angelika Niescier, Eric Schaefer und Michael Schiefel - je nach geschmacklicher Ausrichtung fanden die Gutachter großes Lob. Für die einen klingt Schiefel mit seiner Interpretation von "Goldener Reiter" typisch deutsch, andere wundern sich über die Abwesenheit deutscher Folklore im aktuellen Jazz - eine verlässliche Definition des deutschen Sound musste aus naheliegenden Gründen vertagt werden.
[Website der Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung]
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Die Zeit (online), 30. März 2006:
Und wo steht Ihr Schuppen?
Hundert Aussteller trafen sich in Bremen zur ersten deutschen Jazzmesse. Auf der „jazzahead“ konnten sie mal über alles reden – auch übers fehlende GeldDie Fronten waren nicht immer klar beim Management Symposium „manexchangement“, das im Rahmen der ersten deutschen Jazzmesse „jazzahead" jüngst in Bremen stattfand. Wer ist Leader, wer macht Dienst nach Vorschrift – solche Fragen passen zu einem Unternehmen der IT-Branche ebenso wie zu der Organisationsstruktur einer Radio-BigBand. Gut 30 Teilnehmende aus dem gehobenem Wirtschaftsmanagement diskutierten, was Referierende aus Wirtschaft, Jazz und Wissenschaft vorstellten. Jürgen L. Born, Vorsitzender der Geschäftsführung von Werder Bremen, machte gleich zu Beginn klar, was den Jazz wesentlich vom Fußball unterscheide: Gelbe und rote Karte, Elfmeter und „blinde Linienrichter“ kenne man im Jazz wohl genauso wenig wie das Fair Play auf dem grünen Rasen. Rhythmus, Technik und Taktik bräuchten hingegen Team wie Band. Der Komponist und Arrangeur Peter Herborn, Professor an der Folkwang Hochschule in Essen, wies auf einen anderen nicht ungewichtigen Unterschied zwischen Thema und Auditorium hin: „Sie verdienen Geld, und wir verlieren es“, sagte der BigBand-Leiter, „Jazz ist ein wegbrechender Markt. Die Frage wäre doch: Was raten Sie uns?“
Macht Wandel alt, was kann die krisenhafte Zuspitzung von Ressourcen bewirken, zählen Erfahrung und Reife der Mitspieler oder muss die Basis ständig verjüngt werden – nicht auf alle Fragen gab es klare Antworten. Es gibt viele Dispositionen in Jazz und Wirtschaft, die einfach nicht kompatibel sind. Einig war man sich jedoch darin, dass der Jazz positiv für die Persönlichkeitsentwicklung sei, „im Jazz kann man sich nicht verstecken“. Der Bassist Sigi Busch, Professor an der Berliner Universität der Künste, referierte über das kreative Feld im Jazz. Wenn Charlie Parker abends zu einer Jam-Session aufbrach, nannte er das „goin´ to the woodshelter“ – „Und wo steht dieser Holzschuppen bei Ihnen?“, fragte Busch die jazzaffinen Wirtschaftexperten, die sich für 1100 Euro pro Tag und Person angemeldet hatten.
Das Symposium war nur eines von fünf so genannten Modulen bei der ersten jazzahead – an die 100 Aussteller stellten in Bremen ihre aktuellen Jazzprodukte vor. Neben Podiumsdiskussionen zur Lage des deutschen Jazz', Nachwuchspräsentationen der Jazzhochschulen und Abendkonzerten mit John Scofield und Bugge Wesseltoft, war besonders das erste German Jazz Meeting hier bestens platziert. Inspiriert von vergleichbaren Veranstaltungen in Holland, Frankreich, England, Finnland und Australien hatte man über 50 Festivalmacher und Journalisten aus 27 Ländern nach Bremen eingeladen, um sie mit kurzen Konzerten über die 14 aktuellen Highlights der deutschen Szene zu informieren.
Die Frage, wie man sich im Jazz auch ökonomisch zurechtfinden kann, war Dauerbrenner in den verschiedenen Diskussionsveranstaltungen. Der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, wies daraufhin, dass nicht nur in Deutschland die meisten Jazz-Spielstätten von Ehrenamtlichen betrieben werden – das Prinzip der Selbstausbeutung prägt weltweit das Jazzleben. Ähnliches bestätigten auch die Musiker auf dem jazzahead-Podium „young lions – erfolgreiche Musiker berichten“ – bis er ein Level internationaler Anerkennung erreichte, habe er zigtausend Euro in die Produktion seiner Musik investiert, berichtete Nils Wogram. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt“, sagte der Posaunist, die Differenz zwischen Dienstleistung und künstlerischem Ansatz sei zu beachten und Mischfinanzierung notwendig, um kreativ arbeiten zu können.
Nils Wogram, der Saxofonist Daniel Erdmann, der Bassklarinettist Rudi Mahall und die Saxofonistin Angelika Niescier sind nur einige Solisten, die den internationalen Festivalmachern in Bremen äußerst positiv auffielen. Die Messe Bremen meldet einstweilen einen unerwarteten Erfolg der ersten jazzahead, im nächsten Jahr soll es weitergehen. (Christian Broecking)
[Website der Quelle: http://www.zeit.de]
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Weiter so!
Jazzahead! Preisverleihung an Manfred EicherEs war ein Experiment. Mit der ersten Musikmesse jazzahead! in Bremen sollte ein Zeichen für die neue Solidarität der Szene in Zeiten von Absatzkrise und Globalisierung gesetzt werden. Die Rechnung ging auf, denn die mit dem Konzert von John Scofields Ray Charles-Projekt am vergangenen Sonntag zu Ende gegangene Großveranstaltung stieß durchweg auf positive bis euphorische Resonanz. Aus Kreisen des Kulturstaatsministers Bernd Neumann hörte man in offiziellen Statements, dass sich die Bundesregierung in Zukunft mehr um die Belange des Jazz in Deutschland kümmern wolle. Verschiedene Panels mit Labelspezialisten, Radioleuten oder Festivalbetreibern signalisierten das Ende der Larmoyanz, ein Preis wie der jazzahead! Skoda Award ehrte den Münchner Ausnahmeproduzenten Manfred Eicher.
Als wirklich wegweisend erwies sich das in die dreieinhalbtätige Veranstaltung eingebettete German Jazz Meeting. In 14 Kurzkonzerten präsentierten sich deutsche Spitzenjazzgruppen wie Michael Schiefels Jazz Indeed, Nils Wograms Root 70 oder Christopher Dells Dra dem internationalen Publikum nach dem Vorbild nationaler Jazzmeetings europäischer Nachbarn und wurden prompt von den anwesenden Agenten und Professionals überallhin in die Welt eingeladen. Solche Initiativen sind mehr als Gold wert und markieren wohlmöglich den Anfang einer neuen internationalen Akzeptanz des deutschen Jazz. Warum soll nicht auch den Musikern gelingen, was die Bildenden Künstler der Young German Art während der vergangenen Jahre erfolgreich geschafft haben ...
[Website der Quelle: http://www.jazzecho.de]
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Süddeutsche Zeitung, 28. März 2006:
Daheim, in der Welt
Die Musikmesse jazzahead! proklamierte in Bremen die neue Exportfähigkeit des deutschen JazzAuf Taten folgten Worte. Im Auftrag von Kulturstaatsminister Bernd Neumann ließ dessen rechte Hand Prof. Herrmann Schäfer am Rande der Veranstaltung verlautbaren, dass sich die Bundesregierung in Zukunft mehr um die Belange des Jazz in Deutschland kümmern werde. Wie diese Sorge um das zarte und launische musikalische Gewächs inhaltlich aussehen könnte, blieb zwar offen. Aber immerhin, Zeichen wurden gesetzt und das an sich ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wenn dem Jazz hierzulande seit dem Tod des kulturpolitischen Strategen Joachim Ernst Berendt etwas fehlt, dann ist es effiziente Lobbyarbeit. Gründe dafür gibt es viele. Manche sind geschichtlich bedingt, hängen entfernt mit den noch immer in unreflektierten Hirnen nachwirkenden Spätfolgen der rassistischen Nazi-Propaganda und zeitlich etwas näher mit den Rezeptionsbarrieren zusammen, die die Loslösung der Künstler von den Unterhaltungsbedürfnissen des Publikums in den sechziger Jahren generierten. Es sind Folgen gern gepflegter Vorurteile von Komplexität und Ungenießbarkeit, die den Originalgenies auf der Bühne Exklusivität garantierten und deren Antipoden die Möglichkeit zur pauschalen Ablehnung boten.
Das wiederum aber führte während der vergangenen zwei Jahrzehnte zu der absurden Situation, dass zwar genügend kreative Musiker und Einzelszenen existieren, die aber mangels Tradition der Interessenvertretung, häufig auch aus Unwissen der Entscheidungsträger um die tatsächlichen Ausdrucksformen des Jazz kaum noch Foren haben, ihre Ideen in größerem Rahmen vorzustellen. Nimmt man die Absatzkrise des Tonträgermarktes und die tendenzielle Lustfeindlichkeit deutschen Kulturgenusses in dieses Aporieszenario hinzu ? ?Es gibt kaum schöne Konnotationen in Deutschland außer Goethe und Intellekt?, meinte der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt Wolfram Knauer mit einem Seitenblick auf das mediterrane Savoir Vivre der südlichen europäischen Nachbarn ? bleibt dem Jazz eigentlich nur der Strick.
Oder die Offensive. Lamenti sind im Zeitalter der Kürzungen überflüssig, auf Mildtätigkeit solventer Mäzene kann keiner hoffen. Gleichzeitig nimmt die Konkurrenz zu. Rund um Deutschland prosperiert der Jazz und findet Unterstützung auf der Ebene von Politik und Gesellschaft. Frankreich, Holland, Skandinavien machen es seit Jahren vor, wie man mit nationalen Präsentationen der eigenen Künstler dafür sorgt, dass die Schützlinge wahrgenommen werden und auf internationalen Festivals vertreten sind. Dabei geht es nicht um die zwei, drei Namen, die eh den Sprung in die Musikgeschichte schaffen, sondern um die Darstellung einer ganzen Szene, die ein Land als innovativ, clever, zeitgemäß im Bewusstsein der anderen etabliert.
Peter Schulze, der künstlerische Leiter des Jazzfestes Berlin, ging daher schon seit Jahren schwanger mit der Idee eines German Jazz Meetings, das konkurrenzfähige Künstler aus deutschen Landen in einer kompakten Veranstaltung öffentlich vorstellt. Als sich mit dem Jazzfan und Leiter der Bremer Messe Hans Peter Schneider jemand fand, der die Infrastruktur für eine umfassende Darstellung der Szene bieten konnte, außerdem das Goethe-Institut und einige Sponsoren Mitarbeit signalisierten, waren die Voraussetzungen für die erste jazzahead!-Messe als Branchentreffpunkt gegeben. Mit großem Werbeetat wurde den Einzelkämpfern bei Labels und Agenturen, in Hochschulen und Redaktionen bundesweit die Relevanz der Veranstaltung solange klar gemacht, bis sie auch tatsächlich erschienen, sich auf Podien setzten, diskutierten, über Fragen jazzig inspirierten Managements Gedanken machten, Stände buchten, Künstler mitbrachten. Die Skepsis wich der Zuversicht mit zunehmender Zahl der Teilnehmer, die sich nicht nur aus den üblichen Verdächtigen des Business zusammensetzte, sondern auch Politiker, Wirtschaftsgrößen oder einfach Jazzhörer umfasste.
So geht es also doch. Die Messe schafft Öffentlichkeit und die ersten Wirkungen waren schon zu spüren, in Form von offiziellen politischen Statements, einer kollektiven Euphorie sonst eher distanzierter Einzelkulturtäter oder schlicht in Haufen von Visitenkarten, die die in 14 Kurzauftritten antretenden Musiker des in die Konferenz eingebetteten German Jazz Meetings nach ihren Auftritten von den internationalen Professionals in die Hand gedrückt bekamen. Zurecht übrigens. Der Posaunist Nils Wogram beispielsweise erwies sich mit seinem Quartett 'Root 70' als pfiffiger Erbe von Albert Mangelsdorff, der voll kreativer Inbrunst die modernistischen Stilerrungenschaften vom Blues bis Free dekonstruierte und wieder remontierte. Sensationell gar war der Vibrafonist, Virtuose und Architekturphilosoph Christopher Dell, der es mit seinem Trio 'Dra' schaffte, neumusikalische Motivik mit struktureller Freiheit und körperbetontem Groove zu verknüpfen. Intellekt hat eben doch lustvolle Konnotationen und kann Spaß machen, wenn Ernst und Humor sich clever ergänzen. Vielleicht ist das überhaupt die Eigenheit eines deutschen Jazzstils und damit eine Botschaft, die man von Bremen aus in die Welt tragen kann. (Ralf Dombrowski)
[Website der Quelle: http://www.sueddeutsche.de]
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Frankfurter Rundschau, 28. März 2006:
Das Ende des Jammerns
Die erste deutsche Jazz-Fachmesse, JazzAhead in Bremen, will für die nationale Szene eine bessere internationale Resonanz erreichenOb man es nun "Aktuelle Musik aus Europa Made in Germany" nennt oder doch einfach Jazz - beim ersten German Jazz Meeting im Rahmen der Fachmesse "jazzahead" in Bremen wollte man die herausragenden Vertreter der hiesigen Szene präsentieren. Eine Experten-Jury hatte schon vor einem Jahr ihre Favoriten benannt, die 14 meist genannten Acts standen jetzt in Bremen auf der Bühne.
Von der Anstrengung jedoch, den in jüngster Zeit in Deutschland entstehenden Jazz in den Focus der internationalen Aufmerksamkeit zu rücken, könnte Rainer Michalke von der Bundeskonferenz Jazz stundenlang erzählen. "Jazz ist eine wichtige Investition in die kulturelle Zukunft, vor allem in einem Land, wo Beethoven einem die Luft zum Atmen nimmt.", sagt er im Hinblick auf den noch mangelhaften staatlichen Support für heute entstehende Musik.
Ein Aktenordner für den Jazz
Der neue Leiter des internationalen Jazzfestival Moers hat sich gemeinsam mit Arndt Weidler vom Jazzinstitut Darmstadt und Peter Schulze vom JazzFest Berlin intensiv bemüht, auf Bundesebene Mittel für eine nationale Leistungsschau aufzutun - die Erfahrung, dass der Jazz in den Entscheidungsstrukturen der Bundespolitik "keinen Aktenordner hatte", war bis vor kurzem noch die Ausgangslage. Das änderte sich zaghaft, als die Messe Bremen ankündigte, die erste "jazzahead" zu veranstalten.
Im Umfeld mehrerer so genannter Module, von Nachwuchspräsentationen der Jazzhochschulen bis hin zu einem Managerworkshop und publikumswirksamen Abendkonzerten mit John Scofield und Bugge Wesseltoft, war das erste German Jazz Meeting, nun mit finanzieller Zuwendung und Unterstützung der Bundeskultur und Goethe-Institute ausgestattet, bestens platziert. Inspiriert von vergleichbaren Veranstaltungen in Holland, Frankreich, England, Finnland und Australien hatte man über 60 Festivalmacher und Journalisten aus 27 Ländern eingeladen, um sie über die aktuellen deutschen Jazzhighlights zu informieren.
Der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, referiert, dass nicht nur in Deutschland die meisten Jazz-Spielstätten von Ehrenamtlichen betrieben werden - das Prinzip der Selbstausbeutung prägt weltweit das Jazzleben. Ähnliches bestätigen auch die Musiker auf dem Podium "young lions - erfolgreiche Musiker berichten": Bis er ein Level internationaler Anerkennung erreichte, habe er zigtausend Euro in die Produktion seiner Musik investiert, berichtet der Posaunist Nils Wogram. Die Sängerin Lisa Bassenge nennt es einen Glücksfall, als sie über die Arbeit ihrer Plattenfirma und Agentur spricht - ein Auftritt in der Harald Schmidt-Show bescherte ihr nationale Aufmerksamkeit und entsprechende Festivalauftritte. Doch es bleibt harte Arbeit, so der Tenor, und nicht jeder kann Erfolg haben, auch wenn in jüngster Zeit sehr viel für den Nachwuchs getan wird - das Kölner Label Double Moon hat zusammen mit der Zeitschrift Jazz Thing gerade die zehnte CD der Reihe Next Generation herausgebracht, und vom Münchner Label ACT kam die fünfte "young german jazz"-CD auf den Markt. Publikum ist jedoch ein knappes Gut geblieben, und das will gepflegt werden. Deshalb plädieren die Musiker auch für so genannte Working Bands - man will sich nicht auf kurzlebige Produzentenprojekte einlassen. Dass unter den ausgewählten Ensembles zehn mittlerweile von Berlin aus operieren, verweist auf eine weitere Eigentümlichkeit: In der Hauptstadt gibt es zwar keine wichtigen Plattenlabels und Fachzeitschriften in Sachen Jazz, aber offenbar die besten Arbeitsbedingungen für die aktuelle Szene.
Musikerparadies Berlin
Der 32-jährige Saxofonist Daniel Erdmann, mit seiner Band Erdmann 3000 einer der herausragenden Acts beim German Jazz Meeting, zog mit seiner Familie vor vier Jahren nach Paris, ist aber weiterhin regelmäßig in Berlin präsent. Gerade aus der Distanz der Seine-Metropole erscheint ihm Berlin als künstlerfreundliche Stadt. Es sei leicht, dort als Künstler zu leben, die Mieten billig, die Clubs willig - da mit Jazz auch andernorts kein Geld zu verdienen sei, könne man sich in Berlin konzentrierter kreativen Experimenten widmen. Seine Musik klingt komplex, frei und sehr flexibel, und anders im Fluss auch als die sehr strukturorientierten Stücke von Der Rote Bereich, der sich ebenfalls dem international besetzten Auditorium vorstellte. Titel wie 1-05-1/2, durchaus nicht untypisch für Berliner Bands, verhalten sich ähnlich abstrakt wie die Musik selbst.
Doch dass die Konzerte dieser Bands seltene Ereignisse sind, könnte sich schon bald ändern. Festival-Veranstalter aus Willisau, Skopje, Guangzhou und Ouagadougou zeigten sich von Erdmann 3000 begeistert, der gezielte Export von aktuellem deutschen Jazz kann also beginnen. Nils Wogram, der Bassklarinettist Rudi Mahall und die Saxofonistin Angelika Niescier sind einige weitere Solisten, die den internationalen Festivalmachern positiv auffielen.
Die Messe Bremen meldet einstweilen einen unerwarteten Erfolg der ersten "jazzahead". Tatsächlich hatte man es beim German Jazz Meeting, das fortan im Zwei-Jahres-Turnus stattfinden soll, mit einem Glücksfall aus organisatorischem Geschick und musikalischer Qualität zu tun. War zuvor von einigen Musikern befürchtet worden, dass 20 Minuten nicht reichen würden, um ihre künstlerische Leistung vorzuführen, schafften genau das alle in der vorgeschriebenen Zeit. Kurzweilig, anspruchsvoll, mit großer Energie - ein großer Wurf nach Jahren des offiziösen Dahinjammerns. Eine längerfristige Investition in den aktuellen deutschen Jazz ist dringend angezeigt - die Akte kann geöffnet werden. (Christian Broecking)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Der Tagesspiegel, 28. März 2006:
Fisch mit Gräte
„jazzahead!“: Erste deutsche Jazzmesse in BremenEs hat mit Fischen funktioniert, mit Oldtimern und Booten. Warum also nicht auch mit Jazz? So trafen sich am Wochenende Labels, Veranstalter, Organisationen und Musiker im Bremer Kongresszentrum zur ersten deutschen Jazzmesse „jazzahead!“. Marketing funktioniert schließlich immer gleich, nur was bei den Fischen die Gräten sind, ist beim Jazz der Free Jazz. Für den Kulturbetrieb übersetzt Wolfram Knauer vom Jazz-Institut Darmstadt das so: „Irgendwann hat der Jazz vergessen, sein Publikum mitzunehmen. Eine pseudo-elitäre Haltung setzte sich durch. Kunst müsse komplex und schwierig sein und bedürfe nicht des Präsentierens und Erklärens.“ Als Ergebnis macht Jazz heute drei Prozent der Plattenumsätze aus. Um so größer war nun der Aufwand, diesem Imageproblem entgegenzuwirken: Ein mit 15 000 Euro dotierter „jazzahead!-Skoda-Award“ wurde an Manfred Eicher vergeben, den Chef des Labels ECM, bei den Konzerten wurden Stars wie die portugiesische Sängerin Maria João, die John Scofield Band und der Trompeter Randy Brecker aufgeboten.
Der Zeitpunkt scheint gut gewählt: Maß sich guter europäischer Jazz bislang am amerikanischen Vorbild, sehen Kenner, darunter der britische Jazz-Journalist Stuart Nicholson, dieses Verhältnis inzwischen umgekehrt. „Jazz ist eine Sprache, bei der sich jetzt lokale Dialekte herausbilden“, erklärte der Autor des kürzlich erschienenen Buches: „Is Jazz dead (or has it moved to a new adress)?“ in Bremen. Das kreative Zentrum dieser Musik habe sich nach Europa verschoben, so seine These. Folgerichtig war das Streitgespräch mit Bill Shoemaker vom amerikanischen Downbeat-Jazzmagazin von gegenseitiger Abneigung geprägt.
Für Nicholsons These spricht der Erfolg von „Nordic Tune“ aus Skandinavien. Junge deutsche Musiker aber haben sich auf den internationalen Jazz-Festivals kaum etabliert. Aus diesem Grund versteht sich „jazzahead!“ als Sprungbrett der deutschen Szene. „German Jazz Meeting“ lautet der Name des eigens gegründeten Vereins, der das Messeprogramm organisierte. An zwei Tagen zog eine Parade aus 14 Formationen vorbei und präsentierte Festivaldirektoren, Journalisten und Agenturen das Potenzial dieser Musik. Auch für das Publikum hatte dieser Teil der Messe die größte Anziehungskraft. Hin- und hergerissen zwischen Neuer Musik, Jazztradition, HipHop und Techno begeisterten Projekte wie „Erdmann 3000“ und der „Rote Bereich“, der gefühlvolle Gesang der Jazz-Chansonette Lisa Bassenge oder das knallharte Berliner Projekt „Lychee Lassi“. Aber auch die am Hardbop orientierte Spielweise von Bands wie sublim oder die dancefloor-taugliche Performance von Turbo Pascale zeigten die Bandbreite der Szene.
Das beste Argument für Jazz ist noch immer die Musik selbst. Wenn man dann die Konzerte Richtung Messehalle verließ, vorbei an nüchternen Ständen mit Kekstellern, beschlich einen das Gefühl, dass hier überalterte Institutionen Wiederbelebung durch eine junge Szene suchten. Der Messeerfolg wird sich letztlich an Umsatzzahlen messen lassen. Die Vermittlung von Aufbruchstimmung ist gelungen. Während das „German Jazz Meeting“ alle zwei Jahre stattfinden soll, ist für 2007 eine Jazzmesse mit dem Schwerpunkt Filmmusik und einer stärkeren Ausrichtung an europäischem Jazz geplant. (Andreas Kötter)[Website der Quelle: http://www.tagesspiegel.de]
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die tageszeitung (TAZ), 28. März 2006:
Hinaus in die Welt mit euch!
Auf der Bremer Messe jazzahead stellte sich die deutsche Szene am vergangenen Wochenende dem Urteil internationaler Experten"Garbage", sagt Bill Shoemaker, wenn man ihn nach seiner Meinung über Stuart Nicholson neues Buch "Is Jazz Dead? (Or has it moved to a new adress)" (Routledge, 270 S., 19,95 Dollar) fragt. Genauso hatte der schwarze Jazzpublizist Stanley Crouch schon vor drei Jahren geantwortet, als Nicholson seine These von der neuen europäischen Jazzpower zum ersten Mal vorstellte, in der New York Times. Doch zwischen Shoemaker, Crouch und Nicholson liegen Welten. Crouch verkündet, dass aus Europa keine Bereicherung des Jazz komme, ja, nicht kommen könne - der Puls der afroamerikanischen Ästhetik fehle und norwegische Folklore oder die Klangwelt des Balkans habe mit Jazz nichts zu tun. Der englische Jazzautor Nicholson kritisiert, dass die amerikanische Jazzöffentlichkeit es verpasst habe, auf die Globalisierung zu reagieren.
Der amerikanische Jazzpublizist Shoemaker hingegen setzt sich nicht nur in seinem Internet-Magazin www.pointofdeparture.org für einen anderen Blick auf die europäische Szene ein. Von ihm stammen auch die Porträts europäischer Protagonisten wie Enrico Rava, Peter Brötzmann und Evan Parker in der vor zehn Jahren noch als eher konservativ eingeschätzten US-Zeitschrift Jazz Times. Mittlerweile habe sich die Wahrnehmung der europäischen Jazzszene in den USA etwas gewandelt, berichtet Shoemaker - damals habe kaum einer gewusst, wie man über europäischen Jazz schreiben solle.
Bei der ersten deutschen Jazzmesse "jazzahead", die vom 23. bis 26. März in Bremen stattfand, gehörten Nicholson und Shoemaker zu einer hoch kompetenten Riege internationaler Festivalveranstalter und Journalisten, die man mit Hilfe von Bundeskulturmitteln eingeladen hatte, um aktuellen, in Deutschland gespielten Jazz zu begutachten. Das Festival im Rahmen der ersten jazzahead heißt "German Jazz Meeting", eine Experten-Jury hatte dafür 14 Bands ausgewählt, die in der Lage sein sollten, sich auch auf internationalem Niveau präsentieren zu können. Und so skeptisch man sich auch näherte - es hat geklappt. Die Veranstalter vermelden großen Erfolg und die internationalen Gäste - über 60 Jazzfachleute aus 27 Ländern - zeigten sich von der schlau inszenierten Musik begeistert.
Besonders die Pianistin Aki Takase, der Posaunist Nils Wogram, der Bassklarinettist Rudi Mahall, der Saxofonist Daniel Erdmann und die Saxofonistin Angelika Niescier wurden immer wieder genannt, wenn man die Festivalmacher aus China, USA oder Mazedonien fragte, was besonders gefällt. Ken Pickering aus Vancouver, Leiter eines der weltweit größten Jazzfestivals, kannte zwar den in Berlin lebenden Rudi Mahall schon, Bands wie Der Rote Bereich hat er aber noch nicht in Kanada präsentiert. Das könnte sich nun ändern - doch dafür braucht es nicht nur internationale Festival-Netzwerke, sondern auch die Bereitschaft der deutschen Kulturpolitik, in die Jazzszene zu investieren. Auch Pickerings Kollege John Gilbreath vom Earshot Jazz Festival in Seattle weist darauf hin, dass es auf den langen Atem ankomme. Nur für einen Gig reist keiner in die USA - wer touren will, braucht Visa und Infrastruktur, und das koste nun mal Zeit, Nerven und Geld. Bei ihm in Seattle spielte am Samstag gerade das ICP Orchestra aus Amsterdam, wo man mit dem Dutch Jazz Meeting schon seit Jahren erfolgreich den holländischen Jazz einem internationalen Fachpublikum präsentiert. Und so könnte es nun auch mit dem German Jazz Meeting gehen - in Bremen zeigte sich die Szene sehr vielfältig, wagemutig und flexibel.
Ratlosigkeit herrscht jedoch, wenn es darum geht, den identitären Kern der hiesigen Szene zu benennen, das, was an dieser Musik das Deutsche sein könnte. Folkloristische Festlegungen wie in Italien oder Norwegen sind kaum auszumachen, auch mit der dadaesken Seriosität der holländischen Szene hat die Musik nichts zu tun. Shoemaker fühlt sich eher an rhythmische und harmonische Experimente erinnert, wie sie der amerikanische Komponist George Russell Ende der Fünfziger initiierte - mit neuen Formen, Inhalten und Verweisen - ein Up-Date des experimentellen Jazz sozusagen.
Dass weltweit junge Menschen heute das Grundvokabular des US-Jazz beherrschen, bezeichnet Nicholson in seinem Bremer Buchvortrag als Globalisierungseffekt. In der globalen Jazzcommunity hätten sich Subkulturen herausgebildet, die jeweils mit ihrer soziokulturellen Umgebung eng vernetzt sind. Er nennt eine Konzept-CD wie "Great German Songbook" (ACT), auf der sechs junge, durchaus angesagte deutsche Jazzmusiker wie der Schlagzeuger Eric Schäfer und der Saxofonist Florian Trübsbach staubige Stücke wie "Kauf dir einen bunten Luftballon" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" interpretieren - für Nicholson ein Beispiel dafür, wie man die "große Tradition des deutschen Songs als eigene kulturelle Identität in der Musik" wiederfinde.
Was dann doch sehr kurz gegriffen ist. Doch dass Nicholsons Welt recht einfach gestrickt erscheint, dürfte damit zu tun habe, dass ihm der offene Zugang zur aktuellen Musik abgeht - von Wogram, Mahall, Erdmann und Takase gibt es in Nicholsons Buch keine Spur. Wenn man zudem noch die experimentierfreudigen amerikanischen Musiker ignoriert, tue man der europäischen Szene sowieso keinen Gefallen, fügt Shoemaker noch hinzu. Wer so recherchiert, werde lediglich Opfer seiner Sturheit. (Christian Broecking)[Website der Quelle: http://www.taz.de]
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Kölner Stadt-Anzeiger, 28. März 2006:
Neues Forum für den Jazz
„Jazzahead“ will dafür sorgen, dass sich der Jazz besser verkauftMehr als 3500 Teilnehmer zählte „Jazzahead“, die erste deutsche Jazzmesse in Bremen. Sie bot Machern und Vermarktern ein dreitägiges Forum. Der Tenor: Jazz muss sich besser verkaufen. Noch immer fristet er bei den CD-Verkaufszahlen mit unter zehn Prozent Marktanteil ein eher marginales Dasein und gilt als schwer zugänglich, elitär und eher intellektuelles Vergnügen. Selbst gut ausgebildete Jazzmusiker fristen häufig ein unbefriedigendes ökonomisches Dasein. Zumindest in Deutschland, wie auf der dreitägigen Messe im Messe- und Kongresszentrum in Bremen zu vernehmen war.
Die Jazzmesse unter der künstlerischen Leitung von Ulrich Beckerhoff, dem Direktor der Essener Folkwang-Musikhochschule, bot Musikern, Musikhochschulen, Verbänden, Agenturen, Produzenten, Medienvertretern, Konzertveranstaltern und Clubbesitzern die Möglichkeiten, sich zu präsentieren und in Kontakt zu kommen. In anderen europäischen Ländern, speziell Skandinavien oder Frankreich, habe der Jazz einen anderen Stellenwert, hieß es immer wieder. Dort begreife man ihn eher als Musikrichtung, die zum Improvisieren, Ausprobieren und vor allem zur musikalischen Kommunikation zwischen den Stilen einlädt. Das sei durchaus eine fröhliche Angelegenheit und sowohl „massentauglich“ als auch der öffentlichen Förderung würdig, sagt Reiner Michalke, Geschäftsführer des Kölner Stadtgarten und künstlerischer Leiter des MoersFestivals 2006.
Kölner Großaufgebot
Bei der Premiere durften an zwei Nachmittagen insgesamt 14 deutsche Formationen ihr Können präsentieren. Allein sieben Bands kamen aus Köln, darunter Nils Wograms „Root 70“, Turbo Pascale, das Florian Ross Trio und die Gruppe „Sublim“ um Angelika Niescier. Begeistert wurde auch der freche Sound der Berliner Bands „Erm“ um Michael Wollny und „Der Rote Bereich“ um Rudi Mahall aufgenommen sowie Aki Takases Fats-Waller-Projekt. Auch die Musikhochschule Köln zeigte sich zufrieden mit ihrer Teilnahme: Es hat viele Anfragen zum Studium gegeben. (Beate Schenk)[Website der Quelle: http://www.ksta.de]
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die tageszeitung (TAZ), 27. März 2006:
Das neue Produkt: Jazz
Bei der bundesweit ersten Jazzmesse in Bremen entwickelt die Szene neues Selbstbewusstsein im Gewand der PrivatwirtschaftNichts ist klar, und das macht die Sache so interessant. Liegt es am Publikum, dass der Jazz in Deutschland zunehmend zum Mauerblümchen wird? Oder an der Lustfeindlichkeit puristischer Musiker, die meinen, Notenständer und Hornbrille sind genug der Inszenierung? Oder liegt es gar an der Marktwirtschaft, die die Musiker so sehr zu Brotjobs zwingt, dass am Ende keine Zeit mehr für die Kunst ist? Die Harald Schmidt-Show zum Beispiel: Einige der besten Kölner Jazzer hat sie absorbiert - die spielen jetzt für gutes Geld im Fernsehen, für künstlerische Projekte aber sind sie verloren. Der Grund liegt nahe: "Im normalen Spielbetrieb ist kein Geld unterwegs. Das Publikum kann's nicht generieren und es gibt keine direkten Subventionen", sagt Reiner Michalke, Leiter des renommierten Moers-Festivals.
Mehr öffentliches Geld, mehr Kunst - mag sein, aber was sich die Musiker auf der Messe "Jazzahead" in Bremen zu sagen hatten, geht über die alte Subventionsklage weit hinaus. Dafür sorgt schon der Rahmen: Es ist das erste Mal, dass sich die Szene auf einer Messe trifft, also offensiv übersetzt in die Welt der Privatwirtschaft und der Profitinteressen. Mit einer Rolltreppe fährt man im Congress Centrum Bremen nach oben und lässt sich den Weg zeigen von freundlichen Angestellten im Service-Outfit. Es gibt Bistrotische, deren Aschenbecher geleert werden und einen dicken Teppichboden, der eine angenehm gedämpfte Gesprächs-Atmosphäre zwischen den rund 80 Ständen herstellt. Denn darum geht es auf der Jazzmesse: Um das Kontakte-Knüpfen, Karten-Austauschen und Projekte-Planen. Wie bei jeder anderen Messe auch.
Zudem aber geht es um Live-Musik: Es gibt Abendkonzerte mit Stars wie John Scofield oder Maria Joao und es gibt das "German Jazz Meeting" als ein "Modul" der Messe: Dabei präsentieren sich 14 deutsche Formationen in je zwanzig Minuten. Zum Zug kommen dabei interessante KünstlerInnen wie Nils Wogram oder Lisa Bassenge, die bereits eine gewisse Bekanntheit haben, möglicherweise aber noch richtig Karriere machen. Die Band-Auswahl hat als künstlerischer Leiter der Trompeten-Professor Ulrich Beckerhoff getroffen.
In ihrer ersten Ausgabe, so scheint es, ist die Jazzmesse eine Veranstaltung, auf der sich vor allem die etablierteren Kreise treffen. Einen Preis hat man auch in's Leben gerufen, und den bekommt mit dem Produzenten Manfred Eicher einer der großen alten Herren der Szene: Eicher hat Musiker wie Keith Jarrett und Arvo Pärt produziert und sagt beim "Star Talk" auf dem Podium Sätze wie: "Wir sind Music Travellers. Es befriedigt mich nur, wenn bei den Aufnahmen etwas anderes passiert als im Konzert." Es passt ganz gut zu Eichers Mobilitäts-Credo, dass der Preis von einer Autofirma gesponsert wurde.
"Star Talk", Visitenkarten-Zirkus - für manche MusikerIn, die (noch) nicht so weit ist, klingt das wohl eher bedrohlich. "Ich glaube, manche sind aus Überzeugung nicht hergekommen", sagt Meike Goosmann aus Berlin. Für sie ist die Messe ein erster Schritt, ihr Bandprojekt auf professionellere Beine zu stellen: Demnächst soll eine CD erscheinen, nun hat sie Vorab-CDs der Aufnahmen dabei, um Veranstalter, Agenten und Journalisten zu versorgen. "Ich finde die Idee der Messe sehr gut. Das mit der Selbstvermarktung finde ich trotzdem schwierig: zu den Leuten hinzugehen und sich ins Gespräch zu bringen ist mir nicht so angenehm." Aber: "Du hast es hier wesentlich einfacher zu kommunizieren, als am Telefon."
Zumal die Jazzmesse auf dem Boden geblieben ist: Neben Ständen der Plattenfirmen, Studios und der Fachpresse sind auch die Verbände, Initiativen und Hochschulen vertreten und alle, ob Studio-Boss oder Konzertagent, wirken entspannt. "Das Produkt heißt Jazz - wir schieben es auf die europäische Ebene" sagt Ulrich Beckerhoff. Glauben darf man, dass mit der Produkt-Idee nicht gemeint ist, ab jetzt leicht konsumierbare Stangenware zu produzieren. Vielmehr geht es um eine neue Offenheit und ein neues Selbstbewusstsein. Beides kann dem Jazz nur gut tun. (Klaus Irler)Ist es "Dschääs"?
Eine Frage des BewusstseinsÜber Jazz reden, ist schön. Viele Leute tun es oft und lang, und bei der Aussprache scheiden sich ganz nebenbei die Geister: Die einen reden vom "Dschääs", bei den anderen heißt es eingedeutscht: "Jatz". Wann aber spricht man vom "Dschääs" und wann vom "Jatz"? Die taz hat auf der Jazzmesse in Bremen nachgefragt.
Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts Darmstadt: "Wenn die Zunge weiter vorne sein muss für den Anschluss des Satzes, spricht man von ,Dschääs'. Eine inhaltliche Unterscheidung gibt es nicht."
Reiner Michalke, Leiter des Moers-Festivals: "Ich habe immer ,Dschääs' gesagt, weil es ein amerikanischer Begriff ist. Ich sage ja auch nicht ,Danz'-Musik, wenn ich ,Däänz'-Musik meine."
Stefan Nauheimer, Agentur Fischermann: "Für mich ist ,Jatz' etwas Abfälliges. Das ist ein bisschen Oldschool-mäßig, meint eher Swing und Dixie. ,Dschääs' ist die Kunstform."
Nicos, Jazz-Piano Student an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater: "'Jatz' verwende ich, wenn ich jemanden nachmache, der auf ganz traditionell tut. Selber würde ich nicht ,Jatz' sagen."
Hans-Martin, Trompeter aus Essen: "Das ist wie mit der Rechtschreibreform: Das Fußvolk entscheidet. Wobei es in Dortmund mal einen Laden gab, der hieß ,Jatz'. Der hat nicht durchgehalten, glaube ich."
Sabina Hank, Salzburger Komponistin: "Ich kenne ,Jatz' nur von alten Dixieland-Fanatikern. Das ist mir sehr verhasst." (kli)[Website der Quelle: http://www.taz.de]
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DeutschlandRadio Kultur, 26. März 2006:
Plattform für deutschen Jazz
Jazzahead - 1. Deutsche Jazzmesse in BremenIn Bremen ist die erste deutsche Jazzmesse "Jazzahead" zu Ende gegangen, ein Branchentreffen mit 80 verschiedenen Ausstellern, einer Konferenz und einem ansehnlichen Konzertprogramm. Neben Jazz-Superstars wie John Scofield waren es vor allem die jungen deutschen Talente, die hier eine Plattform geboten bekamen.
Mit einem Superstar der Jazzszene, mit dem Gitarristen John Scofield und seiner Interpretation von Ray Charles-Klassikern, hat die jazzahead ein würdiges Ende gefunden. Es war allerdings ein gänzlich untypischer Abschluss für eine Veranstaltung, bei der das Ursprungsland des Jazz so wenig vertreten war, wie sonst wohl auf keinem anderen Jazztreffen. Einer der Hauptakteure der Konferenz von jazzahead - der britische Journalist Stuart Nicholson - geht sogar soweit zu behaupten, dass der Jazz eigentlich nur noch außerhalb der USA wirklich lebendig sei.
"Wenn man die Geschichte des Jazz verfolgt, dann stellt man fest, dass sie immer ausschließlich in den USA stattfindet. Dabei hat diese Musik ihr Heimatland mit Beginn des 20. Jahrhunderts verlassen. Musik kennt keine Grenzen und daher wird der Jazz seit seiner Geburt in anderen Ländern imitiert. Und heute gibt es sehr viele Musiker, die sowohl hervorragend Jazz im vorherrschenden US- Stil, als auch in ihrer eigenen Variante, mit Einflüssen aus der Klassik und der eigenen Folklore, spielen. Bobo Stenson, der am Freitag hier gespielt hat, ist so ein Beispiel."
Der schwedische Pianist Bobo Stenson gehört zu jenen skandinavischen Musikern, die seit Jahren der europäischen Jazzszene wichtige Impulse liefern. Aber nicht von ungefähr veröffentlicht er, wie so viele andere nordische Künstler, seine Platten bei der Münchner Firma ECM. Deren Chef und Produzent Manfred Eicher wurde mit dem "Jazzahead Award" ausgezeichnet, dotiert mit 15.000 Euro, weil ihm mit seiner Arbeit der Brückenschlag zwischen dem Heimatland des Jazz und den neuen wie alten Strömungen Europas vorbildlich gelingt. Obwohl etwa mit "enja" und "act" noch andere große Plattenlabels aus Deutschland kommen, hat der Jazz made in Germany international immer noch einen schweren Stand. Der Initiator Hans Peter Schneider, er ist auch der Geschäftsführer der gesamten Bremer Messe, will das ändern.
"Wie stellen fest, dass die deutschen Musiker in Deutschland nicht so gehypt sind wie Norweger in Norwegen. Und wir glauben, dass wir mit der Szene vom klassischen Jazz bis zur Avantgarde alles zu bieten haben. Das ist den Leuten nicht klar, welche hervorragenden Leute die deutsche Szene hervorbringt."
Dementsprechend stand das "German Jazz Meeting" im Mittelpunkt der Messe in Bremen. 14 deutsche Bands hatten die Gelegenheit sich zu präsentieren, jeweils mit einem kurzen Auftritt von 20 Minuten. Das Schaulaufen der Besten nationalen Musiker hat in anderen Ländern schon lange Tradition, wie der Initiator der Meetings, Rainer Michalke, erläutert.
"Die Idee zum Meeting hatten wir schon vor Jahren. Wir treffen uns bei allen möglichen Veranstaltungen im Ausland, wo Kollegen öffentliche Gelder haben, um die eigenen Szenen einem ausländischen Fachpublikum zu präsentieren. Hier haben wir jetzt die Möglichkeit uns wichtig zu nehmen und den Raum einzunehmen, den wir kulturell auch wirklich haben."
Die Gruppe um die Berliner Sängerin Lisa Bassenge gehörte zu jenen 14 Bands, die sich beim German Jazz Meeting einem Fachpublikum aus internationalen Festivalveranstaltern vorgestellt hat - noch nie hat man dabei in so kurzer Zeit einen so treffenden Einblick in die deutsche Szene bekommen, was nach anfänglichen Zweifel auch die betroffenen Musiker zu schätzen wissen. Der Pianist Nicolai Thärinchen:
"Die Deutschen sind gut darin zu importieren. Wenn man hier auf ein Festival geht, dann sieht man wirklich Jazz aus der ganzen Welt. Aber umgekehrt sollten wir auch mehr exportieren. Ich würde mich sehr freuen, mehr im Ausland zu spielen."
Nicht mehr bloß Autos und Bier, nein, Deutschland braucht einen neuen Exportschlager, warum nicht einmal Jazz? Tatsächlich wurde das German Jazz Meeting von den Beteiligten als voller Erfolg gewertet - die Kurzkonzerte waren immer komplett voll und einige der Musiker wurden tatsächlich direkt im Anschluss von ausländischen Festivals gebucht.
Auch die anderen Veranstaltungen der Messe, z.B. die Konferenz, bei der etwa diskutierte wurde, wie heutzutage Jazzproduzenten arbeiten, welche rechtliche Situation ein Musiker vorfindet oder wie und warum sich Sponsoren in dieser Nische engagieren, waren rege besucht.
Nur eines macht dem englischen Jazzkritiker Stuart Nicholson auch für die Situation des Jazz in Europa Sorge, dass nämlich bei aller Fürsorge aus Wirtschaft und öffentlichen Mitteln der Jazz eine alte Musik geworden ist.
"Ich befürchte, dass der Jazz seine Bindung an zeitgenössische Urbanität verloren hat, den Kontakt zur Straße. Es ist eine Musik der Akademie geworden und kann nur noch da überleben. Viele der Bands, die mit einem jungen Publikum kommunizieren, wie etwa die Supergruppe des europäischen Jazz, das Trio von Esbjörn Svensson, vermeiden dabei das Wort Jazz." (Jan Tengeler)
[Website der Quelle: http://www.dradio.de]
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Darmstädter Echo, 22. März 2006:
Auf zur Bremer Jazz-Messe
DARMSTADT. Eine Art Marktplatz des Jazz, bei dem sich Musiker, Produzenten, Journalisten, Agenturen, Verbände, Musikhochschulen, Kulturinstitute und interessiertes Publikum treffen, ist die Messe „Jazzahead“ von Donnerstag (23.) bis Samstag (26.) im Congress Centrum in Bremen. Es ist die erste Messe dieser Art in Deutschland. Geplant ist, sie künftig alle zwei Jahre in Bremen auszurichten.
Auch das Jazz-Institut Darmstadt ist dort mit einem Stand vertreten. Außerdem zeigt das Institut in Bremen seine im Auftrag des Goethe-Instituts konzipierte Ausstellung „Deutscher Jazz/German Jazz“. Ab Sommer soll diese Schau für fünf Jahre für die Goethe-Institute durch die Welt reisen. Was auf 30 großformatigen Tafeln gezeigt wird, ist die Geschichte der deutschen Jazz-Szene seit den Zwanzigern bis heute.
Voriges Jahr wurde im Juni in Darmstadt der Verein German Jazz Meeting gegründet – Vorsitzender ist Arndt Weidler vom Darmstädter Jazz-Institut. Ziel des Vereins, der von der Bundeskulturstiftung, vom Goethe-Institut sowie von der Bremer Messe projektbezogen unterstützt wird, ist es, den deutschen Jazz oder in Deutschland beheimatete Jazzprojekte international bekannt zu machen. In Bremen ist das Jazz Meeting mit einem eigenen Stand am 24. und 25. März vertreten und organisiert in dieser Zeit sieben Konzerte vom Nachmittag bis zum frühen Abend – darunter auch einen Auftritt von Christopher Dell mit seinem Ensemble „DRA“. Alle zwei Jahre will sich der Verein mit Projekten vorstellen. 2008 wird er laut Weidler bei der zweiten Messe „Jazzahead“ in Bremen wieder dabei sein. Vom Jazz Meeting wird auch ein Austauschfestival mit Ungarn und Finnland erwogen. (hz)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 2. März 2006:
Grenzgänger zur Klassik. Ausblick: Der Klarinettist Lajos Dudas spielt im Duo mit Philipp van Endert im Jazz-Institut
DARMSTADT. Im modernen Jazz hat die Klarinette nicht den früheren Stellenwert. Zu Unrecht, das wird zu erleben sein, wenn Lajos Dudas morgen (3.) im Darmstädter Jazz-Institut spielt.
Der gebürtige Ungar hat den Gitarristen Philipp van Endert dabei, der eine Generation jünger ist. Beide sind im Rockjazz zuhause, beide verbindet auch flüssiges, natürliches Spiel, das den sicheren Umgang mit Elementen der Konzertmusik umfasst.
Lajos Dudas ist ein Grenzgänger mit wachsendem kompositorischen Œuvre. Er studierte am Béla-Bartók-Konservatorium und an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, hat daher auch Nähen zu Carl Maria von Weber, Igor Strawinsky und Alexander Glasunow. Seit seinem Umzug nach Deutschland hat er jedoch mit bekannten deutschen Jazzmusikern zusammengespielt.
Das Konzert im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut beginnt morgen (3.) um 20.30 Uhr. (Ulfert Goeman)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 21. Februar 2006:
Wer? Wann? Was?
Rau, aber herzlich: Fritz, der Große (Veranstalter), erinnert sichFritz Rau (75), Deutschlands, wenn nicht gar Europas größter Konzertveranstalter, rennt nicht mehr tagelang fast ohne Schlaf hinter Bühnen rum. Stets wie eine männliche Mutter der Kompanie um seine weltberühmten Schützlinge bemüht. Aber wenn der heutige Pensionär nur den Mund öffnet, tun sich ganze Orchestergräben der Erinnerungen und Anekdoten auf. So zu lesen in seinem Buch „50 Jahre Backstage“, aus dem er morgen, Mittwoch (22.) ab 20 Uhr in Darmstadt vorträgt (Gewölbekeller unterm Jazzinstitut). Vom Jazz der Nachkriegsjahre bis zu den Rock- und Pop-Ikonen der Neuzeit: In des Mannes Kopf wogt ein Fluss, der sich noch in viele weitere Bücher ergießen könnte. Weil dieser Kopf ein Mississippi-Delta weltweiter musikalischer Verästelungen ist.
Fritz Rau: Strom und Sammelbecken zugleich. Pionier und Prophet. Lebenslanger Kämpfer gegen die deutsche Trennung von so genannter E- und U-Musik. Verfechter der These, dass im Wort Unterhaltung ja auch Haltung stecke. Somit Standfestigkeit, Qualität, Würde. Auch mal auf die Kosten veranstalterischer Unkosten. So einen wie Rau wird’s so bald wohl keinen mehr geben. Andere ja. Aber so einen nicht.
Was auch einer wie Mick Jagger (heute 62) weiß. Über den in dieser Zeitung mal zu lesen war: „Je Jagger der Mick, desto Roller die Stones.“ Wogegen Mick, der vollmundige Narziss, in seltener Bescheidenheit den Satz setzt: „Rock and Rau forever! Er ist der Pate von uns allen.“ Rau hat diesen Spruch seit der Tournee 1973 daheim: als Geschenk der „Stones“, in einen Silberteller graviert. Natürlich ist er auch Ehrengast bei allen deutschen „Stones“-Konzerten im Sommer; vorher wird aber Jagger noch am 9. März anrufen und wie jedes Jahr zum Geburtstag gratulieren.
Als am Montag „wer wann was“ am Apparat ist, freut das Rau hörbar ebenso. Begeistert berichtet er von einer Schallplattenedition, an der er arbeitet. Hat er Jaggers Teller noch? Lachende Antwort: „Die Butzfrau hadd-en grad emal widder poliert.“
Ein erfülltes Leben, bei dem er nur eines bereut. Sich früher zu wenig um die Familie gekümmert zu haben. Es geht ans Herz, wenn er in seinem Buch schreibt, wie er einst den damals vierzehnjährigen Sohn Andy beeindrucken wollte. Mit der Zeitungsüberschrift, Rau senior betreffend: „Der Mann, zu dem Zappa Papa sagt.“ Der Bub entgegnete, jedermanns Papa sei niemandes Papa.
Da ward Rau, wegen seines manchmal aufbrausenden Temperaments auch kosend „Ajatollah Cholerie“ genannt, ganz klein, ganz still. Heute sagt er: „Da wurde ich vernünftig und habe es vermieden, von Künstlern als Papa bezeichnet zu werden. Schließlich genügt auch Onkel Fritz.“ (Bert Hensel)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 16. Februar 2006:
Brüderlicher Austausch. Ausblick: Die Posaunisten Conrad „Conny“ und Johannes Bauer im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Mit den Brüdern Conrad „Conny“ und Johannes Bauer kommen am morgigen Freitag (17.) zwei Posaunisten in den Gewölbekeller des Darmstädter Jazz-Instituts, die maßgeblichen Anteil hatten an der Entfaltung der Jazz-Szene in der östlichen Hälfte Deutschlands. Sie waren die Protagonisten des dort florierenden freien Jazz. Die Auslotung der Grenzen zwischen Jazz und der neuen improvisierten Musik stand bei ihnen im Vordergrund. Der Austausch mit der internationalen, vor allem der englischen, holländischen oder italienischen Szene, war stets ihr Anliegen. So findet man ihre Namen in Ensembles wie Synopsis (später Zentralquartett), der Ulrich Gumpert Workshopband, Tony Oxleys Contemporary Music Ensemble, Derek Baileys Company, dem Globe Unity Orchestra oder Cecil Taylors Euro-American Group sowie einer Vielzahl kleinerer Combos.
Conny Bauer widmete sich später vermehrt dem Solospiel und griff in seiner Vergangenheit – ähnlich wie Albert Mangelsdorff – sogar zur Gitarre, während sich Johannes Bauer in Doppelmoppel oder Fo(u)r Bones mit oder ohne seinen Bruder mit zwei Gitarristen oder zwei weiteren Posaunisten austauschte. Ihr brüderliches Posaunenduo ist daher so ungewöhnlich nicht, kommt doch nach mehr als 30 Jahren Spielpraxis in höchstem Maße musikalische Reife hinzu.
Morgen (17.) sind die beiden Posaunisten um 20.30 Uhr im Darmstädter Jazzinstitut im gemeinsamen Spiel und im Gespräch zu erleben. (goe)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 15. Februar 2006:
Wer? Wann? Was?
Zufall der Termine: Darmstädter Klein-Invasion in ChicagoChicago (203) im US-Bundesstaat Illinois: Die heutige Millionenstadt, im Jahr 1803 als Fort gegen Indianer gegründet, hat auch in seiner weiteren Geschichte größere Anstürme überstanden. Nun muss sie nächsten Monat damit fertig werden, dass Darmstädter vor der Tür stehen. Exakt drei (in Zahlen: 3). Freilich sind alle geladene Gäste. Wiewohl aus höchst unterschiedlichen Anlässen. Sie reisen getrennt und erfuhren erst jetzt durch Zufall, dass der Zufall der Terminplanung sie an denselben Ort führt: ein Darmstädter Jazzwissenschaftler, eine Kabarettistin, ein Amtsleiter.
Alle drei konnten am Dienstag für diese Kolumne kurzfristig zusammengeführt werden. Beim heiteren Plausch waren die Hintergründe der Darmstädter Chicago-Invasion zu klären. Die Betroffenen in Einzelvorstellung:
Dr. Wolfram Knauer (48), Leiter des international renommierten Darmstädter Jazz-Instituts. Lachend spricht er von einer „seltsamen Heinerkonzentration am Lake Michigan, der doch um ein Vielfaches größer ist als der Woog . . . “. Knauers Auftrag: Er wird am 19. März in Chicago einen Vortrag bei einer internationalen Konferenz des „Center for Black Music Research“ halten (Forschungszentrum für Schwarze Musik). Was spannend werden kann: Weil, trotz historischer Urwurzeln, die schwarze Musik von Farbigen in Europa sich wieder anders äußert als der Klang eines Afro-Amerikaners. Knauer wird insgesamt zwei Wochen in Chicago bleiben. In der Hauptstadt des elektrischen Blues des vergangenen Jahrhunderts gibt’s für einen wie ihn noch immer viel zu sehen, hören, ergründen.
Evelyn Wendler (47) vom Darmstädter Satire-Duo „Kabbaratz“ trifft schon vor Knauer ein: am 9. März. Mit ihrem Partner Peter Hoffmann (48) darf sie in Chicago zwei Vorstellungen der Programme „Frontalunterricht“ und „Hauptsache, wir sind alle gesund!“ geben. Das Goethe-Institut lässt die beiden einfliegen. Die so viel Chicago dann nicht erleben werden. Denn es folgen noch die Stationen Minneapolis und Baltimore. Evelyn in Vorfreude: „Vom 7. bis 12. März legen wir dabei eine Strecke zurück, die der von Norwegen nach Italien entspricht.“ Für lokale „Kabbaratz“-Enthusiasten: Wegen des US-Trips muss der für früher angekündigte Spieltermin im Darmstädter Halbneun-Theater verlegt werden auf den 23. März (Donnerstag). Muss Chicago „Kabbaratz“ fürchten? Die witzige Wendler: „Oft sind sich Zuschauer felsenfest sicher, sie hätten bei uns etwas gelernt. Dabei lernen wir in Wirklichkeit vom Publikum. Wir sagen jetzt schon: danke!“
Michael Kolmer (35), Darmstädter Amtsleiter, landet Ende März in Chicago, arbeitet dort in den April hinein. Der freundliche junge Mann ist Chef des Amts für Wirtschaft und Entwicklung. Er besucht in Chicago die Bio (Veranstaltungskürzel) – die weltweit wichtigste Biotechnologiemesse. Kolmer soll dort für Darmstadt werben als erstklassigen Bio-Chemie-Standort mit hervorragenden Forschungseinrichtungen und unmittelbarem Flughafenanschluss.
Für ihn zu hoffen: Dass er am Rande seiner Chicago-Mission auch ein Ohr voll Musik nehmen kann. Beim Fototermin im Jazz-Archiv glänzte er mit einigen musikalischen Anmerkungen, die in Kolmer auch einen sensiblen Hörer vermuten lassen.
Das Darmstadtgepäck für Chicago ist geschnürt. Mit welchen Anekdoten im Gepäck werden die Darmstädter wohl heimkehren? (Bert Hensel)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Jazz Times (online), 13.Februar 2006:
Jazz Scholarship Journal to Launch Next Year
Jazz Perspectives the jazz journal founded by historian and author Lewis Porter, is accepting papers for its first issue, to be published in January 2007. Jazz Perspectives is the first peer-reviewed journal dedicated to jazz scholarship and will be published biannually with articles on aspects of jazz including music, history and culture.
Porter and fellow historian and editor John Howland, both of Rutgers University, will serve as the journal’s editors while an editorial board of 23 jazz aficionados will blindly select articles for publication.
The deadline for paper entries for Jazz Perspectives’ inaugural edition is April 1 and more information on paper requirements and the journal itself is available online at the Taylor & Francis Group website. (Katherine Silkaitis)[Jazzinstituts-Bezug: Wolfram Knauer gehört zum Herausgebergremium dieses internationalen Journals der Jazzforschung und wirkt dabei als Book Review Editor.]
[Website der Quelle: http://jazztimes.com]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2006:
Extreme voran. Darmstädter Preisträgerkonzert des Vibraphonisten Christopher Dell
Gary Burton hat das Spiel mit vier Schlegeln nicht erfunden. Trotzdem hat er damals in den sechziger Jahren, als er seine stupende Technik auf die Konzertbühnen brachte, die Welt des Vibraphons verändert. Fortan traute sich kein Spieler des Instruments mehr mit nur zwei Schlägeln aufs Podium, auch wenn er mehr oder weniger auf ein Täuschungsmanöver angewiesen war, nämlich, was durchaus möglich ist, die beiden zusätzlichen Schlaghölzer nur so mitlaufen zu lassen und in den seltensten Fällen überhaupt durch Berührung der Platten in den musikalischen Prozeß einzubeziehen. Christopher Dell, der dieser Tage den von der Sparkasse Darmstadt und dem Darmstädter Förderkreis Kultur e.V. neu gegründeten Darmstädter Musikpreis erhielt, ist mittlerweile der bedeutendste Schüler von Gary Burton, zudem Erfinder neuer Konzepte und Weiterentwickler der Technik.
Die war beim Preisträgerkonzert aus der Nähe zu bewundern, und als einfach nicht mehr nachvollziehbares Koordinationskonstrukt aus Geist und Körpermotorik ist dieser Tanz der Klöppel über die Metallplatten schon anzusehen. In rasenden Abläufen verbinden sich hier liebliche oder spröd atonale Harmonien mit merkwürdig vorbeihuschenden oder prägnant jazzmäßig rhythmisierten Themen, in denen lange Beschäftigung auch mit der E-Musik-Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts eine Rolle spielen. Dazu hat Dell mit seinem Trio "D.R.A." (Christian Ramond, Baß, Felix Astor, Schlagzeug) eine konzentrierte Improvisationstechnik entwickelt. Die Themen werden hier wie aus dem Nichts abgerufen und mit gleitenden Tempoveränderungen und aufmerksamem, wenn auch klar von Dell dominiertem Interplay verarbeitet. Das wie mit einer Lunge atmende Gemeinwesen ist das Ergebnis langer theoretischer und praktischer Exerzitien. Im besonderen Fall dieses im überfüllten Museumssaal der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe begeistert gefeierten Konzerts hätte allerdings der Baß unbedingt eine Verstärkung zur Beurteilung seiner melodischen Funktion gebraucht.
"Den Musikern", sagte der Direktor des Darmstädter Jazzinstituts, Wolfram Knauer in seiner Laudatio, "geht es um die Verinnerlichung der Strukturen, aber auch um die Verinnerlichung von Improvisationsphasen, von Reaktionsprozessen." Der vierzig Jahre alte Christopher Dell ist ein Sonderfall der europäischen Jazzszene, ein Feinmechaniker und Extremsportler, ein Kommunikationsphilosoph und Klangschwelger. Die Darmstädter haben eine würdige Leitfigur an den Anfang ihres Musikpreises gesetzt. (Ulrich Olshausen)[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 27. Januar 2005:
Dank mit tanzenden Stöcken. Preisverleihung im Museum Künstlerkolonie
MIT WORTEN und mit Tönen dankte er für den Darmstädter Musikpreis:
Christopher Dell im Museum Künstlerkolonie. (Foto: Günther Jockel)DARMSTADT. Den Beifall hat er einkomponiert: Am Ende seiner Zugabe geht Christopher Dell ins Klatschen über – zunächst alleine, dann stimmen seine beiden Mitmusiker mit ein, der Schlagzeuger Felix Astor und der Kontrabassist Christian Ramond.
Alle drei bilden, entsprechend ihrer Nachnamen, zusammen das „D.R.A.-Trio“. Das Publikum im nahezu überfüllten Saal des Ernst-Ludwig-Hauses (Museum Künstlerkolonie) auf der Darmstädter Künstlerkolonie applaudierte daraufhin angeregt und begeistert.
Der Jazz-Vibraphonist, Komponist und Improvisationstheoretiker Dell erhielt am Mittwochabend den erstmals vergebenen und mit 5000 Euro dotierten Darmstädter Musikpreis 2005 des Darmstädter Förderkreises Kultur und der Sparkasse Darmstadt. Der ehemalige Darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz überreichte die Auszeichnung als Vorsitzender des Förderkreises.
Dell bedankte sich vor allem instrumental auf seinem Vibraphon, aber auch mit einer kurzen Ansprache, in der er betonte, er sei ein echter „Heiner“, und außerdem sei ihm Darmstadt in seiner musikalischen Entwicklung immer besonders wichtig gewesen. Dell sprach von einem „verpflichtenden Erbe“, zumal er, der jetzt in Berlin lebende Instrumentalist, immer wieder gerne in seine Heimatstadt zurückkehre.
Einleitend und einstimmend auf den Preis wie auf seine Kunst des Vibraphonspiels und des Zusammenspiels mit anderen Musikern, setzt Dell mit Akkorden, die wie ein Motto vorangestellt waren, sein erstes Stück in Gang. Dann bricht er die Akkorde auf, verzweigt sie zu Melodien, lässt sie ausufern und aufgreifen von seinen beiden Mitmusikern, die sie auf Kontrabass oder Schlagzeug umdeuten, um dann am Ende mit Dell zusammen alles wieder akkordisch zu bündeln.
Derartiges hat der 40 Jahre alte Dell bei Gary Burton erlernt, bei dem er zwischen 1988 und 1990 am Berkeley College of Music in Boston (Massachusetts) studierte, wie Wolfram Knauer, der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, in seiner Laudatio auf Dell erwähnte.
Burton pflegte nämlich aus den Akkorden heraus seine Melodien zu entwickeln. Knauer verwies in seiner Rede auf Dells Verwurzelung mit Darmstadt, seine Offenheit nach den verschiedensten Seiten bis hin zu den Ferienkursen für Neue Musik.
Vor allem die Offenheit des Musikers für andere Sparten hob Knauer hervor, etwa für die Architektur oder für den Beuys-Block im Landesmuseum. Den erweiterten Kunstbegriff von Beuys habe Dell, so Knauer, für seine Kunst nutzbar gemacht.
Daher sei Dells Musik sehr komplex. Damit einher gehen, so Knauer, aber auch Zweifel. Dell sei als Musiker stets auf der Suche nach einer Erweiterung seines musikalischen Gesichtsfeldes. Die habe ihn schließlich dazu gebracht, bei dem Darmstädter Komponisten Hans Ulrich Engelmann zu studieren. Dells oftmals überraschende Musik sei eine für offene Ohren, gewinne Bewegung aus der Form. Daher entwickle Dell beim Spiel eine sichtbare körperliche Intensität.
Beim Spielen hört Dell genau auf seine Mitmusikern, blickt sie aufmunternd an und lächelt ihnen bei jeder gelungenen Aktion zu. Fast legt er ein sportives Element an seinem Vibraphon an den Tag, wenn er wie ein Wirbelwind darüberfegt, sich dabei nach allen Seiten bewegend und heftig mit dem Kopf den Rhythmus nickend.
Beobachtet man die vier Stöcke in seinen Händen, mit denen er die Klangplatten seines Instruments förmlich beackert, dann meint man, die Stöcke würden zu tanzen beginnen. Und der Spieler tänzelt dazu wie ein aufgeregter Hexenmeister in seiner Klangküche hin und her, um zum Schluss das Stück mit einer effektvollen Körperdrehung zu beenden, als wolle er sich aus der Musik herausstehlen. (Heinz Zietsch)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 23. Januar 2006:
Nur so Splitter. Ulrike Haage und Carlos Bica im Darmstädter Jazz-Institut
Natürlich kommt man auf Vladimir Estragon zu sprechen und jenen spektakulären Auftritt von Ulrike Haage mit F.M. Einheit, Alfred 23 Harth und Phil Minton beim Berliner Jazzfestival mit dem klangrabiaten Quartett. "Betonbrocken", so weiß Wolfram Knauer, seien damals ins Publikum geflogen. Empört schnappt die strubbelhaarige Berlinerin nach Luft: stimmt gar nicht! Und korrigiert: Es waren Ziegelsteine. Und versucht im Gegröle zu präzisieren: "Naja, nur so Splitter von Ziegelsteinen eben...".
Eine Grenzgängerin sitzt auf dem Podium im Keller unterm Darmstädter Jazzinstitut. Eine so selbstbewusste wie vielseitige Musikerin, die entspannt plaudert mit Institutsleiter Knauer, der es geschafft hat, dass sich auch nach bald 50 Auflagen weder Langeweile noch Routine in die Gesprächskonzerte eingeschlichen haben. Diesmal siezt man sich im Keller. Das ist zumindest so ungewöhnlich wie die Tatsache, dass Knauer nicht mit einem Mann fachsimpelt. Ulrike Haage sieht sich selbst keineswegs als Teil der Jazzszene. Als erste Frau hat sie zwar 2003 den Albert-Mangelsdorff-Preis erhalten, aber sie hat sich eine komfortable Nische erarbeitet mit Hörcollagen und Lyrikvertonungen, hat Musik komponiert zu Texten von Jane und Paul Bowles, Durs Grünbein und Louise Bourgeois. Sie bewegt sich gerade noch am Rande dessen, was das Gros der Jazzgemeinde wahrnimmt.
Das Konzert, zwei langen Sets, die das Gespräch umrahmen, bestreitet die Pianistin mit dem Kontrabassisten Carlos Bica. So entspannt wie sich das Gespräch von dem Jazz-Zuhause über den Pop-Flirt mit den Rainbirds bis zu den aktuellen Projekten hangelt, so entspannt, so sanft mäandernd spielen sich Haage und Bica durch den Abend.
Nachdenklich über die Tasten
Es bleibt, so merkt man bald, eine Leerstelle. In den CDs und Live-Performances von Ulrike Haage wird sie gefüllt von Texten und Bildern. In Darmstadt gehen die beiden über lange Jahre vertrauten Musiker auf eine gemeinsame Klangexkursion. Zuweilen überlässt Bica der Pianistin das Terrain, dann wieder zeigt der Bassist mit flüssigem Spiel, wie fragil so ein großes Holz wispern kann. Zart, unmerklich, hat Ulrike Haage den Klang aufgenommen, setzt mit feinem Plinkern die Notenfolge der Basssaiten im Klavierinnern fort. Ihre Hand wandert nachdenklich über die Tasten, findet suggestive Melodiesprengsel, unmerklich entsteht Musik mit meditativem Sog. Gespickt ist ihr Spiel mit Romantizismen, aber es wird auch immer wieder unterbrochen von kleinen akustischen Experimenten. Mal ruft Ulrike Haage via Laptop strenge Rhythmen ab, dann wieder raschelt sie mit Muscheln oder Papier. Ein Abend des Ausprobierens und Abtastens - nächste Woche wird Ulrike Haage Meret Becker in Lissabon sein, dann wieder mit Texten und ohne Carlos Bica. (Gerd Döring)
[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Berliner Zeitung, 16. Dezember 2005:
Gute Aussichten für den deutschen Jazz
Dass die Bundeskulturstiftung Geld für die nationale Jazzszene bereitstellt, gehört zu den guten Nachrichten zum Jahresende. Dass das Goethe-Institut sich beteiligt, ebenso. Bei der Programmvorstellung des German Jazz Meeting am Mittwoch im Quasimodo sparten die Verantwortlichen jedenfalls nicht mit Lob. Man gab sich extrem zuversichtlich, soweit es die erste deutsche Jazzmesse "jazzahead" betrifft, die vom 23. bis 26. März 2006 in Bremen stattfinden soll. Wegen der Kulturhoheit der Länder fühlte der Bund sich bisher für eine solche nationale Präsentation des Jazz nicht zuständig. Erst als die Messe Bremen auf den Plan trat, kam Bewegung in die offiziellen Strukturen.
Neben diversen anderen Messeschwerpunkten - von Konzerten internationaler Jazzstars wie Bugge Wesseltoft und John Scofield über Workshops zu Urheberrecht und Radioprogrammierung bis hin zu Labelpräsentationen und einer vom Jazzinstitut Darmstadt initiierten Ausstellung zum Jazz in Deutschland - hat sich das German Jazz Meeting, das in jedem zweiten Messejahr stattfinden soll, die Aufgabe gestellt, die deutsche Jazzszene auch im Ausland bekannter zu machen. In den europäischen Nachbarländern sei schon längst Usus, teilte Arndt Weidler vom Jazzinstitut Darmstadt mit, dass man international relevante Festivalmacher, Clubbetreiber und Journalisten zu sich einlade, um ihnen nationale Highlights zu präsentieren. Die Erfahrung zeige, dass dies tatsächlich Bandauftritte bei großen internationalen Festivals nach sich ziehe.
Nur von der deutschen Szene sei in anderen Ländern bisher kaum etwas bekannt - genau das soll sich ab März 2006 ändern. Im Vorfeld ließ man von einer Expertenjury Vorschläge erarbeiten, welche Musiker auf dem German Jazz Meeting präsentiert werden sollen, und siehe da, acht der insgesamt vierzehn Bands operieren mittlerweile von Berlin aus. Die Spanne reicht von der Free-Jazz-Band Erdmann 3000 bis zum Funk-Projekt Lychee Lassi, selbst das Erfolgsprojekt Aki Takase plays Fats Waller hat Platz. Bei der Programmpräsentation tat die ebenfalls in Berlin wohnende Sängerin Lisa Bassenge schon mal kund, dass sie keine Musik für die ollen Jazzgraubärte mache, sondern neue Sachen eben, und, ja, unspießig soll es sein.
Konnte man sonst immer leicht den Eindruck bekommen, dass emsige Jazzverbandsarbeiter ihr Dasein in schlecht belüfteten Hinterzimmern fristen, wird jetzt kräftig durchgelüftet. Das Goethe Institut hat die Botschaften bereits angewiesen, die interessierten Jazzvermittler aus dem Ausland einfliegen zu lassen, von der Messeorganisation wird kräftig geworben - mit erstaunlichem Feedback, wie es heißt. Und bei den Subventionen von Goethe und Bund allein soll es nicht bleiben - umfangreiche Anträge für EU-Gelder sind bereits verschickt, Sponsoren aus der Hotel- und Autobranche wurden akquiriert, und mit Publikum rechnet man schließlich auch noch. Ein Dreisäulenkonzept ohne China Fast Food und indische Tücher. (Christian Broecking)[Website der Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung]
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Berliner Morgenpost, 15. Dezember 2005:
Swingen für den Standort Deutschland. Berliner prägen das Bremer "jazzahead"-Festival
Deutscher Jazz ist gut. Nur bekommt davon außerhalb Deutschlands keiner was mit. Dieser betrübliche Umstand soll sich im März nächsten Jahres ändern. Dann findet in Bremen zum ersten Mal das Festival "jazzahead" statt. Als "einzigartiges und innovatives Forum für Musiker, die Jazz-Wirtschaft und Interessierte" beschrieb Hans Peter Schneider, Geschäftsführer der Bremer Messe- und Ausstellungsgesellschaft Hansa, die dreitägige Veranstaltung, die gestern im Berliner Quasimodo-Café vorgestellt wurde. Der hauptstädtische Präsentationsort wurde bewußt gewählt, um die nationale Bedeutung von "jazzahead"zu unterstreichen.
So zielt einer der zentralen Bestandteile des Festivals auf die bessere Vermarktung deutscher Jazzmusiker ab. Es handelt sich dabei um das "German Jazz Meeting", in dessen Rahmen 14 hochrangige einheimische Bands die Gelegenheit erhalten, sich bei Kurzauftritten vor internationalen Festivalmachern zu präsentieren. Der Großteil der von einer Fachjury ausgewählten Gruppen und Künstler stammt aus Berlin; darunter sind unter anderem jazzIndeed, Julia Hülsmann, Lisa Bassenge, Aki Takase oder Thärichens Tentett. Sie können in Bremen Festival-Kuratoren aus Australien, Kanada oder den USA von ihren Qualitäten überzeugen.
Laut Peter Schulze, Leiter des Berliner JazzFests und Mitinitiator des "German Jazz Meeting", war eine solche Veranstaltung längst überfällig. Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn sei Deutschland ein "Entwicklungsland", so Schulze. Das "Meeting", das von der Kulturstiftung des Bundes und vom Goethe-Institut gefördert wird, soll alle zwei Jahre stattfinden.
Als alljährliche Jazz-Anlaufstation ist das Bremer "jazzahead"-Festival geplant. Bei der Auftaktausgabe, die zwischen dem 23. und 26. März 2006 über die Bühne geht, wird es neben Konzerten (unter anderem mit John Scofield, der NDR Big Band, Christof Lauer und Bugge Wesseltoft) Seminare für angehende Profimusiker und Messe-Präsentationen von Labels, Agenturen und Verbänden geben. Es wird auch ein Symposium stattfinden, in dem der Unternehmer und Baritonsaxophonist August-Wilhelm Scheer Managern davon berichtet, wie die Prinzipien der Improvisation für eine bessere Unternehmungsführung führen können. Der Jazz kann vielleicht sogar die deutsche Wirtschaft retten. (j.e.)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 15. Dezember 2005:
Er hat die Jazz-Szene geprägt. Auszeichnung: Preis wird nicht öffentlich ausgeschrieben
Christopher Dell erhält den Darmstädter Musikpreis 2005DARMSTADT. Preise für Literatur und bildende Kunst gibt es in Darmstadt genug, sagte sich der ehemalige Darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz in seiner Funktion als Vorsitzender des seit 1996 bestehenden Darmstädter Förderkreises Kultur. Warum soll neben dem bisher bestehenden Kranichsteiner Musikpreis, der alle zwei Jahre im Rahmen der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik vom Internationalen Musikinstitut der Stadt Darmstadt vergeben wird, nicht noch ein weiterer Musikpreis treten?
Zusammen mit der Sparkasse Darmstadt und deren Vorstandsvorsitzendem Georg Sellner, der die Mitwirkung seiner Bank als Teil ihres „öffentlichen Auftrags“ ansieht, stellte Peter Benz vom Förderkreis am Donnerstag in der Vorstandsetage der Sparkasse den neuen Darmstädter Musikpreis vor.
Erstmals damit ausgezeichnet wird für das Jahr 2005 der aus Darmstadt stammende und heute in Berlin lebende Jazzmusiker und Vibraphonist Christopher Dell (Jahrgang 1965). Überreicht wird ihm die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung am 25. Januar um 19 Uhr im Museum Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Dell wird sich dafür mit einem Konzert bedanken.
Der Preis wird nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern die Vorschläge für die jährliche Vergabe kommen aus dem Kreis der Jury. Zu ihr gehören der ehemalige Oberbürgermeister Peter Benz, der Generalmusikdirektor des Staatstheaters Stefan Blunier, der Geschäftsführer der Centralstation Michael Bode-Böckenhauer, der Direktor der Akademie für Tonkunst Cord Meijering, der Direktor des Internationalen Musikinstitut Solf Schaefer, der Direktor des Jazz-Instituts Wolfram Knauer und der Kulturamtsleiter Helmut Stütz. Vergeben werden kann der Preis an Musiker und Komponisten aus Darmstadt und Umgebung, aber auch an Musikforscher, die an den renommierten Darmstädter Musikeinrichtungen arbeiten.
Möglichst flexibel soll die Auszeichnung gehandhabt werden. So kann vom üblichen Preisgeld von 5000 Euro abgewichen und an mehrere Personen aufgeteilt werden, oder es kann als Basis eines Stipendiums dienen oder Projekte fördern. Die Überreichung erfolgt im Rahmen eines Preisträgerkonzerts, das organisatorisch wie finanziell in Absprache mit dem jeweiligen Künstler vom Förderkreis Kultur ausgerichtet wird. Diesmal muss aus terminlichen Gründen das Museum Künstlerkolonie als Übergabeort dienen, künftig soll die Preisvergabe mit Konzert aber im Kundencenter der Sparkasse stattfinden, versprach Sellner.
Dell erhält den Preis als Darmstädter Musiker, der weit über Deutschland hinaus zu den bedeutendsten Instrumentalisten, Jazzmusikern und Improvisatoren auf dem Vibraphon gehört und der die Darmstädter Jazz-Szene maßgeblich geprägt hat und auch heute noch in dieser Stadt regelmäßig präsent ist. (Heinz Zietsch)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 12. Dezember 2005:
Verheißungsvoll. Eva Kruse, Michael Wollny und Eric Schäfer als Trio \[em\] in Darmstadt zu Gast beim Jazzinstitut
Man nennt ihn die Hoffnung des deutschen Jazz. Man vertraut ihm die Zukunft an, die Nachfolge Albert Mangelsdorffs, Heinz Sauers oder Joachim Kühns. Der Pianist Michael Wollny, gerade 27 Jahre alt, trägt schon jetzt eine große Last auf seinen schmalen Schultern, und er wirkt dabei wie einer, der das Rampenlicht nicht besonders mag.
In Darmstadt, im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut, wo der deutsche Jazz seit Jahren gut gepflegt wird, überlässt er die Moderationen seinen Triokollegen: Eva Kruse (Bass) und Eric Schäfer (Schlagzeug). Selbstbewusst aber ist Wollnys musikalischer Zugriff, der nichts auszuschließen scheint und sich dennoch nie in der Weite verliert. Sein Spiel ist genau und doch immens flexibel, hartnäckig, intensiv und zugleich sehr offen. Und doch: es wäre ganz falsch, hier nur über Wollny zu reden. Das Trio ist demokratisch organisiert, funktioniert ganz ohne Hierarchien, eher schon wie eine Band, und es heißt auch nicht Michael Wollny Trio, sondern \[em\]. Schon jetzt ist ihr Zusammenspiel von einer Vertrautheit, die verheißungsvoll ist. Manches erinnert da an das Esbjörn Svensson Trio, das Erfolgsmodell aller Klaviertrios.
Auch im Ton nähern sich Wollny, Kruse und Schäfer ihm an, um sich sofort wieder zu entfernen. Die Referenzen aber sind so breit gestreut und dabei so gegensätzlicher Herkunft, dass Wollny, Kruse und Schäfer schon nach ein paar Minuten vor allem nach sich selbst klingen. Aus ihren Stücken tönt eine sehr authentische, eigensinnige musikalische Sozialisation. Wollny, Kruse und Schäfer nutzen die Freiheiten, die der Free Jazz erarbeitet hat, und kennen den Charme des Pop, mit dem sie aufgewachsen sind. Die Geschichte liegt als imaginäres Museum vor ihnen, und sie greifen zu. Ohne Ideologie und Scheu, ohne bilderstürmerisches Pathos, dafür mit immenser Spiellust und juvenilem Übermut. Anders als beim Roten Bereich, der den gegenwärtigen Jazz schon vor Jahren auf einen neuen Stand hob und dabei Geschichtsfragmenten, mit Zitatfetzen und Genresplittern virtuos jonglierte, kommen Wollny, Kruse und Schäfer ohne die ironische Geste aus.
Das ermöglicht ihnen auch die größere Form, den weiteren Bogen. Und auch den Jazz als Heimat, als Plattform ihrer musikalischen Kommunikation stellen sie nie grundlegend in Frage. So frei, so offen sie auch immer spielen, es ist ausdrücklich Jazz, was sie machen: Young German Jazz, wie es uns ihre Plattenfirma sagt. So etwas gab es natürlich immer schon. Aber dieser ist wirklich besonders schön.[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Darmstädter Echo, 12. Dezember 2005:
Michael Wollny im Jazz-Institut
DARMSTADT. Es klingt wie im Märchen: Plattenfirma sucht für seine Reihe „Young German Jazz“ Talente, die uneigennützig gefördert werden sollen. Zu diesen Musikern gehört der 26 Jahre alte Pianist Michael Wollny, der am Freitag mit seinem Trio im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut gastierte. Die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Formation verfolgt dabei ein Rezept der Konversation. Dass es dabei um verständliche Themen geht, die hohen Unterhaltungswert besitzen, ist für die Protagonisten selbstverständlich.
Mit der Kontrabassistin Erika Kruse hat Wollny schon im Bundes-Jugend-Jazzorchester gespielt und diese hat mit Schlagzeuger Eric Schäfer in Berlin studiert. Neben dem Drum-Set bedient er kunstvoll ein Riesengestell aus Utensilien wie Glocken, Gongs und Triangel. Der Blickkontakt zum Pianisten genügt, um traumwandlerisch den nächsten Pfad zu entdecken.
Alle drei verfügen über eine reiche Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Aus kurzen, energiegeladenen Kollektivimprovisationen entwickeln sich swingende Grooves, die sich auflösen und in Klangexperimente einmünden. Wollny möchte „Räume schaffen, in denen die Musik ihr unkontrollierbares Eigenleben führt“. Die Formation „[em]“ verquickt Klassik, Jazz und Pop zu einer faszinierenden Melange. (hdv)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 5. Dezember 2005:
Austarierte Stille. Christopher Dells 3 D im Darmstädter Jazzinstitut
Am Anfang klingt es fast wie Jazz. Zumindest lässt sich ein Jazzimpuls erspüren, mehrfach gebrochen zwar, aber immerhin. Vielleicht ist es aber auch nur unsere Erwartungshaltung, schließlich sind wir die Treppen zum Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts hinuntergegangen. Und da wird doch Jazz gespielt. Oder etwa nicht?
Man könnte es auch anders hören. Fragmente, die sich additiv zusammensetzen, in einer Art dekonstruierten Isorhythmik. Eine komplexe Verzahnung von drei Instrumenten, Vibraphon, Bass, Schlagzeug, die sich zunächst vor allem auf rhythmischer Ebene suchen und sich um althergebrachte Codierungen wie Thema und Improvisation nicht kümmern. Und bald geht die Musik in alle möglichen Richtungen, die man vorher nie erwartete, das Unvorhersehbare ist hier ein Teil der musikalischen Identität.
Über die Herkunft und Heimat von 3D, dem neuen Trio von Christopher Dell, Chris Dahlgren und Maurice de Martin, wird auch in der Pause gerätselt. Es fallen Stichworte wie seriell und Punk. Nicht dass es stimmen würde, aber ein solch assoziatives Spektrum muss Musik erst einmal gelingen.
Dabei wirkt es ganz leicht. Dell, Dahlgren und de Martin bewegen sich immer dicht am Material, das sie innerhalb eines Stücks genau ausloten und dabei gerne auch performativ erweitern. Das sind nicht immer die besten Momente. "Huah"-Rufe ins improvisierte Filigran sind weder besonders wagemutig noch irgendwie cool, bedienen wohl aber die Sehnsucht, auch den Trash in ihr Triospiel einzubinden.
Besser sind 3D da, wo ihre hartnäckige Genauigkeit zur Herausforderung wird, etwa im Feldman-artigen, immens geduldigen Austarieren von Stille, die sie über Minuten ausdehnen und erst dann erlösen, als sie längst nicht mehr nur noch schön und friedlich ist, sondern zäh und anstrengend. Nur um dann in rockistischer Manier, kratzig-verzerrte elektronische Geräuschkulissen aufzutürmen und sich ihnen lustvoll hinzugeben. Später wünscht sich da einer "Musik" wieder. Er hat nicht Jazz gesagt.
Immerhin. (Tim Gorbauch)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Stephan Schmolck und Electric Bundle im Darmstädter Jazzinstitut. Die Bilanz elektrisch empfundener Schwingungen und Spannungen
DARMSTADT. Die Jazz Talks, die allmonatlich im Darmstädter Jazzinstitut stattfinden, erweisen sich immer mehr als eine Art Güteprüfung und Gütesiegel vor allem der deutschen Jazzszene. Stephan Schmolck, der am vergangenen Freitag im hiesigen Gewölbekeller mit seinem Quartet zu Gast war, hat sich nach langen Jahren des „free working“ und einer langen Partnerschaft mit Heinz Sauer nun einer eigenen Gruppe zugewandt, die er „Electric Bundle“ tituliert, wobei er weniger die Verwendung elektrischer oder elektronischer Komponenten ins Auge fasst als eine in sich homogene Musik, in der sich aber unter den Mitmusikern weite Spannungsfelder aufbauen können, die Gruppendynamik dabei im Vordergrund steht. Der Frankfurter Bassist Stephan Schmolck, der sich aus dem Free Jazz heraus als stilistisch offen und als Stratege vielfältiger Kolorierungen erwiesen hat, früher oft so lange spielte, bis der Saal sich geleert hatte, sucht heute keine Konfrontation mehr, sondern bevorzugt klare Linien. Wenn er vorproduzierte statische Flächen verwendet oder verschiedene beeinflussbare Effektgeräte ansteuert, hat er stets eine Klangeinheit im Sinne, da er die Musik ästhetisch begreift, nicht als Kopie oder Klischee. Im ersten Spielset in Darmstadt spürt man die gleichgewichtigen Spannungen im Kraftfeld von Klavier (John Schröder, der sein eigentliches Instrument gefunden zu haben scheint), Altsaxophon (Hugo Read) und Schlagzeug (Eric Schäfer). Was aber untergeht, sind die für Schmolck kennzeichnenden impulsiven Attacken des Bandleaders im höheren Frequenzbereich, dem live ein Vollbereichslautsprecher zu fehlen scheint, denn im Studio hört sich das anders an. Dass diese Musik volle Konzentration erfordert, dokumentiert das zweite Set, in dem der Pianist seltsam nervös und fahrig wirkt, mit dem Schlagzeuger zusammen ungewollt-gewollt andere Schwerpunkte setzt, während der Altsaxophonist monologisiert. Trotzdem bleibt die Gruppendynamik eminent spannend, wirkt aber nicht mehr so homogen wie zuvor. (goe)
Frankfurter Rundschau, 6. Dezember 2005:
Austarierte Stille - Christopher Dells 3 D im Darmstädter Jazzinstitut
VON TIM GORBAUCH
DARMSTADT Am Anfang klingt es fast wie Jazz. Zumindest lässt sich ein Jazzimpuls erspüren, mehrfach gebrochen zwar, aber immerhin. Vielleicht ist es aber auch nur unsere Erwartungshaltung, schließlich sind wir die Treppen zum Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts hinuntergegangen. Und da wird doch Jazz gespielt. Oder etwa nicht?
Man könnte es auch anders hören. Fragmente, die sich additiv zusammensetzen, in einer Art dekonstruierten Isorhythmik. Eine komplexe Verzahnung von drei Instrumenten, Vibraphon, Bass, Schlagzeug, die sich zunächst vor allem auf rhythmischer Ebene suchen und sich um althergebrachte Codierungen wie Thema und Improvisation nicht kümmern. Und bald geht die Musik in alle möglichen Richtungen, die man vorher nie erwartete, das Unvorhersehbare ist hier ein Teil der musikalischen Identität.
Über die Herkunft und Heimat von 3D, dem neuen Trio von Christopher Dell, Chris Dahlgren und Maurice de Martin, wird auch in der Pause gerätselt. Es fallen Stichworte wie seriell und Punk. Nicht dass es stimmen würde, aber ein solch assoziatives Spektrum muss Musik erst einmal gelingen.
Dabei wirkt es ganz leicht. Dell, Dahlgren und de Martin bewegen sich immer dicht am Material, das sie innerhalb eines Stücks genau ausloten und dabei gerne auch performativ erweitern. Das sind nicht immer die besten Momente. "Huah"-Rufe ins improvisierte Filigran sind weder besonders wagemutig noch irgendwie cool, bedienen wohl aber die Sehnsucht, auch den Trash in ihr Triospiel einzubinden.
Besser sind 3D da, wo ihre hartnäckige Genauigkeit zur Herausforderung wird, etwa im Feldman-artigen, immens geduldigen Austarieren von Stille, die sie über Minuten ausdehnen und erst dann erlösen, als sie längst nicht mehr nur noch schön und friedlich ist, sondern zäh und anstrengend. Nur um dann in rockistischer Manier, kratzig-verzerrte elektronische Geräuschkulissen aufzutürmen und sich ihnen lustvoll hinzugeben. Später wünscht sich da einer "Musik" wieder. Er hat nicht Jazz gesagt. Immerhin.[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Darmstädter Echo, 1. November 2005.
Zeitfenster für die Töne. Konzert: Christopher Dell gastiert mit einem Soloprogramm im Jazzinstitut in Darmstadt
DARMSTADT. Ungewöhnlich sind die intelligenten Arbeiten des Darmstädter Vibraphonisten Christopher Dell schon immer gewesen. Er lebt inzwischen in Berlin, hält aber die Verbindung zur Geburtsstadt. Am Sonntag stellte er bei einem Konzert des Jazz Fördervereins Darmstadt im Jazzinstitut sein Soloprojekt „Monodosis“ vor.
Das Benefizkonzert brach nach Dells Worten ein Dogma, das er sich selbst auferlegt hat: Die Solodarbietung widersprach der eigenen These, dass nur der Austausch mit einem Spielpartner Musik aufblühen lasse. Nach fast einem Jahr intensiver Vorbereitung zeigte der Vibraphonist das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit einem Konzept von Joseph Beuys. In der Block-These setzte sich Beuys damit auseinander, wie Energie, die in Material gespeichert ist, freigesetzt werden kann.
In Zeitfenstern von 20 Minuten vermag ein Künstler diese Energiespeicher zu entladen, so die Theorie, die Dell in Musik umsetzte. In seinen zeitlich begrenzten Spielakten geht er bis an die Grenze physischer Erschöpfung, lässt auf seinen Metallplatten erratische Sequenzen aufschimmern. Er arbeitet viel mit dem Pedal, mit dem er die Töne dämpft oder längt, wobei er die Melodielinien unterstützt oder die Töne zieht, indem er die Schlegel an den Platten entlang schleifen lässt. Die Musik, ein steter Wechsel von Aufbruch und Beharrung, gleicht jähen Gedankensprüngen, wobei Dell auch Schemata wiederholt; dazu holt Dell im dritten seriellen Fond auch noch Morton Feldman ins Boot, wenn der Ton so bleibt, wie er ist, man ihm stets die Zeit gibt, sich in langem Nachhall zu entwickeln. (Ulfert Goeman)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 7. November 2005:
Talente im Wohlfühltempo: Jazz mit dem Gerd-Schumacher-Quintett
DARMSTADT. Der Verein zur Förderung des zeitgenössischen Jazz ist die richtige Adresse für junge Musiker der lokalen Szene, die ihre Projekte vorstellen möchten. Das Gerd-Schumacher-Quintett gastierte am Samstag im Gewölbekeller des Jazz-Instituts: eine Gruppe, die seit längerem alljährlich auftritt und sich auf ein interessiertes Stammpublikum verlassen kann. Der Trompeter Gerd Schumacher gehört zu der jungen Generation von Instrumentalisten, die sich anschickt, in die Fußstapfen der großen Meister zu treten. Der Trompeter arbeitet unspektakulär an seinem Projekt und ist mit kleinen Schritten dabei, sein Quintett immer mehr zu einer Einheit mit selbstständigem Profil zu schmieden.
Dabei steht moderner Mainstream-Jazz im Mittelpunkt, besonders die Bearbeitung von weniger bekannten Kompositionen europäischer Größen. Eine davon ist der englische Trompeter Harry Beckett, dessen Stücke trotz aller Komplexität stets die Leichtigkeit karibischer Lebensart durchscheinen lassen. Der auf Barbados geborene und in England aufgewachsene Beckett hat sich nach unergiebigen Versuchen im Free-Jazz wieder an die Musik seiner Heimat erinnert und gastierte damit mehrfach in Darmstadt. Das Gerd-Schumacher-Quintett, in dem neben der Stammbesetzung noch die Kontrabassistin Ina Burger auftrat, überzeugte mit flüssigen Kollektiv-Parts, in die Improvisationen aller Mitwirkenden geschmackvoll eingebaut waren. Neben dem Bandleader waren dies besonders der Gitarrist Eberhard Petri und der Pianist Harald Teichert. Die homogene Gruppe fühlt sich bei mittelschnellen Tempi am wohlsten, dann entfalten sich hörbar die Talente.
Mit einer Kombination aus den Standards „Straight, No Chaser“ und „Now is the Time“ bedankte sich das Quintett für den lang anhaltenden Beifall der zahlreichen Besucher. (hdv)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 17. Oktober 2005:
Darmstädter Jazz-Projekt „Outline 05“ soll eine Institution werden
DARMSTADT. „Outline 05“ nennt sich ein Projekt des Fördervereins Jazz, das Musiker, die in diversen Gruppen tätig sind, zu einer Ad-Hoc-Band vereinigt. Dieses Ensemble präsentierte am Freitagabend im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut eine bunte Palette zeitgenössischer Jazzströmungen. Der Schwerpunkt lag dabei eher auf Bekanntem als in der Erprobung neuer Ausdrucksmöglichkeiten.
Der unerschöpfliche Blues als gemeinsamer Nenner, Neo-Bop, Latin oder Jazzwalzer bilden das thematische Fundament, auf dem sich die sechs Musiker heimisch fühlen. „Dies ist nicht die Band des Vorstandes“, bemerkt Gitarrist Thomas Honecker bei der Vorstellung seiner Kollegen, die jedoch allesamt Mitglieder des Fördervereins sind. Das Projekt soll eine Institution werden, allerdings mit wechselnder Besetzung und stilistischer Ausrichtungen.
Diesmal dabei war die virtuose Tenorsaxofonistin Frauke Kühner, die auch einige Eigenkompositionen, wie die Ballade „Herrngarten“, beisteuerte. Ihr zur Seite stand Sopransaxofonist Michael Bossong, dessen expressives Spiel besonders gefiel. Als künstlerischer Leiter hielt Uli Partheil am Piano die Fäden zusammen. Der für seine kubanischen Variationen bekannte Spezialist konnte in der ungewohnten Umgebung beweisen, dass er sich auch in anderen Bereichen souverän bewegt. Thomas Honecker überraschte ebenfalls mit sicherem konventionellen Gitarrenspiel, ganz im Gegensatz zu seinen sonst üblichen Klangexperimenten. Ein solides Rückgrat bildeten Kontrabassist Udo Brenner und Schlagzeuger Max Sonnabend. (hdv)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 5. Oktober 2005:
Was gute Musiker machen. Jazz und Popularmusik - ein Darmstädter Symposium
"Wie? Ihr veranstaltet einen Kongress über Jazz?" David Murray schüttelt den Kopf. "Ihr weißen Europäer wisst doch gar nicht, was das ist." Womit er nicht ganz Unrecht hat: Am Ende müssen die Musiker es richten, Wissenschaftler und Publizisten sind nicht weiter gekommen, schon die Definitions-Phase blieb unabgeschlossen: Was uns das Wort "populär" sagen wolle, ob es eine historische, politische, kulturkritische, eine wertende oder objektivierend soziologische Kategorie sei, ob sie sinnvoll sei als Gegensatz zum Jazz, und was Jazz überhaupt sei?
Da war sie, die große Frage, immer wieder. Die von Musikern gern heuristisch ins Spiel gebrachte Unterscheidung nicht zwischen E- und U-Musik oder Avantgarde und Pop, sondern einfach zwischen guter und schlechter Musik, bringt vielleicht Musiker weiter, Musikwissenschaftler jedenfalls nicht. Eine kulturkritische Debatte kann man nicht mit Kategorien wie "gut" und "schlecht" führen. Andererseits sind heuristische Kriterien genau das, worüber jeder am besten Bescheid weiß. Jeder hat einen persönlichen Katalog, nach dessen Einträgen er diese Unterscheidung trifft; das einzige Problem ist die mangelnde intersubjektive Gültigkeit.Eine Fülle von gelingenden klingenden Augenblicken
Aber nicht mal das existiert immer, wie Colin Towns und die NDR Bigband im Konzert bewiesen. Mit landläufigem Song-Material, der Sängerin Norma Winstone und den wirkungsvollen, bestechend intelligenten Arrangements von Colin Towns inszenierte sich die Band auf einem überragend intensiven, energiereichen spielerischen Niveau, und irgendwie war man an diesem Konzertabend nach zwei Tagen voller Referate und Debatten wieder am Anfang angelangt: durch die jede Reflexion transzendierende Arbeit von Musikern, durch eine Fülle von gelingenden klingenden Augenblicken. Vorschlag für einen wohlfeilen Ausweg aus dem kategorialen Dilemma: Gute Musik ist das, was gute Musiker machen. Woran aber erkennt man gute Musiker? Ja, genau.
Schlechte Musiker waren beim Darmstädter Jazzforum nicht zu erleben. David Murray konnte vielleicht wirklich zeigen, was Jazz ist, aber das Resultat fiel doch etwas enttäuschend historistisch aus. Der diskursive Teil des Darmstädter Jazzforums mit dem Titel "Verrat!!!... Oder Chance? Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik" lieferte eine weiträumige Bestandsaufnahme des Problemfeldes ohne klare Ergebnisse und zuweilen mit pointierter Ergebnislosigkeit. Das Thema, eher ein Feuilleton-Problem als eines der Musikwissenschaft, erwies sich als erfreulich schwer zu fassen und materialreich zu behandeln, erfreulich zu thesenstarken Zuspitzungen ermunternd und daher vor allem von den Wissenschaftlern mit erfreulicher Behutsamkeit behandelt, zuweilen etwas provokanter aufgemischt - etwa von Peter Kemper oder Andreas Felber - und zuweilen mit brillanten Analogiesuchen von begrenztem Erklärungswert beackert wie in Diedrich Diederichsens Vortrag über "Jazz als Concept Art".Ein Problemfeld mit rissigen Rändern und Tabuzonen
Etwas Besseres aber als ein weites Problemfeld mit rissigen, gezackten Rändern, Tabuzonen, missverstehbaren Wegmarken, aspektreichen Geschichten und widersprüchlichen Vereinnahmungen kann einem Symposium kaum passieren. Der Hamburger Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer beantwortete seine Ausgangsfrage "Was macht Musik populär" nicht eindeutig, sondern aus mehreren Richtungen annähernd, nicht trotz, sondern wegen seiner umsichtigen Argumentation. Das kommerziell-ästhetische Mysterium der skandinavischen Musik erschloss sich nicht vollständig aus der klugen Analyse von Marktstrategien (Frithjof Strauß). Für die ästhetische Verschmelzung von Jazz-, Pop- und Rock-Elementen und die politischen und / oder kommerziellen Strategien dahinter (Peter Kemper, "Rock around the Pop", Wolfram Knauer, "Healing Force of the Universe - warum der Free Jazz zahm wurde") gibt es keine allgemein gültig formalen, sondern nur persönliche, historisch sehr spezifische Modelle und Gründe fürs Misslingen oder für den Erfolg.
So wurde DJ Spooky alias Paul D. Miller der König des Kongresses. Miller ist ein kluger Vielleser, Vielseher und Vielhörer, ein Media-Freak, der elektronische Medien benutzt, um die bilder- und klangreichen Ordnungssysteme seines Gedankenapparates nach außen zu stülpen. Jazz ist für ihn ein Anlass, über Geschichte nachzudenken, was er in einem fulminanten Vortrag ebenso vorführte wie in einem konzertanten Auftritt als DJ. Er fragt sich keinen Augenblick, was Jazz sei. Er verwendet auch nicht Jazz als bevorzugtes Material seiner rhythmischen Bild-Ton-Montagen. Aber er macht, auf der Basis einer weiträumigen, eklektizistischen Wissenswelt Prozesse und Haltungen erfahrbar, die, wenn sie verbalisierbar wären, eine plausible Antwort auf die Frage bilden könnten, wie Jazz funktioniert. (Hans-Jürgen Linke)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 2005:
Sind neue Hosen neoliberal? Das Darmstädter Jazzforum untersucht das Verhältnis zum Pop
Ob der Pop die Spalttablette des Jazz ist, um den manchmal selbstgefälligen Weltschmerz über mangelnde Publikumsakzeptanz zu vertreiben, blieb beim neunten Darmstädter Jazzforum gänzlich offen - zum Glück. Merke: Avancierte Musik mußte noch nie Turnhallen füllen. So machten die unterschwellig kontroversen Diskussionen unter dem Tagungsthema "Verrat oder Chance? Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik" erneut vor allem eines deutlich: Die Musik, inclusive Jazz, ist für den Menschen da und nicht für die Musikforschung. Auch nicht nur für grimmige Langzeit-Improvisatoren, die sich - mit Verlaub - in Hüftumfang und Bartkürze ähnlich sehen.
Kopfschmerzen bekam in Darmstadt nur derjenige, der seiner eigenen Identität als von der Gesellschaft ungeliebter Free-Jazzer hinterherhechelt oder den längst in der Pferdepension betüterten Weltgeistgaul immer noch mit dem rein soziologisch geflochtenen Rifflasso einfangen wollte. Wer würde etwa Miles Davis, dessen bahnbrechende LP "Bitches Brew" 1969 neue Räume öffnete und in Darmstadt gerade deswegen öfters genannt wurde, vorwerfen wollen, er hätte mit dem Rücken zur Wand gespielt, als er sich für den Elektrik- oder Fusion-Jazz öffnete? Niemand.
Wolfram Knauer, Leiter des Darmstäder Jazzinstituts und damit auch Kopf der Tagung, hatte das Thema ausgesucht, um endlich den in Deutschland mehr als Generationen- denn als stilistisch schwelenden Konflikt zwischen den Informellen und den nachgewachsenen Formaleren auf die Tagesordnung zu setzen. Überraschendes Fazit nach diesem verlängerten Herbst-Wochenende unter internationaler Redner- und Künstlerbeteiligung: Je mehr Menschen Musik hören und machen, darunter auch Jazz, desto besser.
Wieviel Publikum jeder Musiker hat, hängt auch davon ab, ob man im Konzert eine andere Hose trägt als die, mit der man im Auto angebraust kommt. Das mag neoliberal klingen und schon den Ruch von Verrat an der Sache haben. Aber, wandte der Kulturmanager Veit Bremme bei einem seiner tiefen Einblicke in die Mentalität der auf das pauschale "Du" geeichten Jazzszene ein, das Publikum würde sich doch für den Abend auch umziehen. Das klang tatsächlich nicht ganz verkehrt und wird doch schon längst gemacht. Till Brönner beispielsweise, dessen Name öfters fiel, gelt sich die Haare, singt, wenn er nicht trompetet, komponiert Filmmusik, so für Pepe Danquarts "Höllentour", wenn er nicht übt oder auf der Bühne steht - und wird vom Deutschen Musikrat als nachahmenswerte Galionsfigur in Sachen Absolvent des Bundesjazzorchesters herumgereicht. Ob man das als Jazzmusiker auch alles "darf", war freilich eine andere, in Darmstadts Kennedy-Haus klamm im Raum stehende Frage.
Wie man denn über den seinerzeit als "Jazz-Papst" berühmt-berüchtigten Joachim Ernst Berendt promovieren könne, wurde unlängst der Melbourner Musikforscher Andrew Hurley von einem deutschen Free-Jazzer gefragt. Dabei tut eine Aufarbeitung dieses schillernden und die Jazzrezeption in Deutschland prägenden Autors, dessen Vater als Pfarrer der Bekennenden Kirche in Dachau ermordet wurde und der als Kriegsteilnehmer die Leningrader Belagerung überlebte, dringend not. Die jüngere Generation hat ohnehin keine persönlichen Probleme mit ihm, sondern freut sich der Gründung des Darmstädter Jazzinstituts auf Basis seiner Diskothek und Bibliothek Ende der achtziger Jahre.
Es war nämlich Friedrich Hommel, der damalige Leiter des Internationalen Musikinstituts Darmstadt und der legendären Ferienkurse für Neue Musik, der sich in der Stadt für den Erwerb der Berendt-Sammlung stark machte - soviel zu der in Darmstadt ziemlich vorurteilsbeladenen Umverteilungsdiskussion zwischen Klassik und Jazz. Eines kann man Berendt auf keinen Fall vorwerfen, weshalb er als Gegenstand von Hurleys aufschlußreichem Referat auch trefflich zum Kernspaltungsthema "Verrat oder Chance" paßte: Er hätte, wenn auch zeitweise als Monopolist der Szene, nicht für eine Popularität des Jazz gesorgt. Sein nicht unumstrittenes "Jazzbuch" erreichte immerhin Millionen Leser auch in eher entlegenen Winkeln des Globus, etwa dem Wiedbachtal im Westerwald.
Die NDR Bigband unter der Leitung von Colin Wilson setzte gemeinsam mit der Sängerin Norma Winston auf Millionseller-Hits beim klingenden Tagungsteil in der Darmstädter Centralstation. Man vermißte zwar in der harmonisch aufgerauhten Version von Joni Mitchels Hit "Big Yellow Taxi" deren herzliches Lachen am Ende, in Kombination aber mit Material von Randy Newman und Elvis Costello konnte die sehr elastisch intonierende NDR Bigband so etwas wie eine dem Thema angemessen kitschige Gala-Stimmung erzeugen, in der der Spaß am Spiel mit den teils sehr abgedroschenen Pop-Versatzstücken Vorfahrt für freie Hörer hatte. Gleiches galt für das Henry Grimes Trio. Oder behauptet jemand, das "Round Midnight"-Thema sei nicht Pop? Vielleicht besonders dann, wenn es als Bossa gespielt wird. (Achim Heidenreich)[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 4. Oktober 2005
Pop gibt die Würze. 9. Darmstädter Jazzforum: Extreme treffen aufeinander: Symposium über den Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik
DARMSTADT. In einem dreitägigen Symposium beim 9. Darmstädter Jazzforum mit dem Titel „Verrat!!!. . . oder Chance?“ ging es um das Verhältnis zur Popmusik, um den Einfluss von Medien und Publikum sowie um aktuelle Tendenzen. In zehn Referaten namhafter Forscher und Musiker wurden diese Probleme erörtert. Außerdem gab es Gespräche mit dem Komponisten und Arrangeur Colin Towns, der amerikanische Bassist Henry Grimes leitete einen Workshop, und der Zeichner Tony Munzlinger stellte seine auf den Jazz bezogenen Arbeiten aus. Hinzu kamen Livekonzerte an drei Abenden in der Centralstation und in der Bessunger Knabenschule.
Unbestritten ist die Verwurzelung des Jazz in der populären Musik (Martin Pfleiderer). Doch bereits Joachim Ernst Berendt pendelte zwischen E- und U-Musik hin und her (Andrew Hurley). Der Trompeter Miles Davis nutzte Ende der sechziger Jahre die Rockmusik als Impulsgeber für den Jazz, wobei zweifelhaft bleibt, ob diese Verbindung (Fusion) ein Stil des Jazz wurde (Fabian Holt) oder diese Annäherung des Jazz nur ein (auch paradoxes) Missverständnis war (Peter Kemper). Als sich der Jazz wieder von der Popularmusik entfernte, hatte er eine Botschaft im Sinn und war ein realer Spiegel der Umwelt (Wolfram Knauer).
Begriffe wie Covering, Rekomposition, Interpretation oder Verjazzung, Remixing und Sampling bekamen Gestalt in den von Jürgen Schwab vorgestellten neuen Standards. Dass wir es gegenwärtig im Jazz nicht mehr mit einer linearen Entwicklung zu tun haben, sondern mit einem Stil-Pluralismus, betonte Peter Kemper, der die Begriffe Pop und Rock schärfte und mit dem Jazz konfrontierte. Nur an gewissen Schnittstellen mit dem Rock kann der Jazz seine Sprengkraft entwickeln. Dass der Jazz für Kopf, Herz und Bauch tragfähig ist, bewies der englische Musiker, Komponist und Arrangeur Colin Towns im Gespräch mit Wolfram Knauer, dem Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, das dieses Forum alle zwei Jahre ausrichtet.
Am ersten Konzertabend mit der NDR-Bigband realisierte Towns in zwei Suiten, was er später erläuterte: Poptitel und Jazzstandards als musikalisches Futter für die Band, Texte für die Sängerin Norma Winstone; das wurde vielfältig arrangiert, durch Soli aufgeraut und mit einer poppigen Süße elegant angereichert.
Im Doppelkonzert am Samstag standen die Extreme schroff nebeneinander. Hier eine Revitalisierung des verschlossen wirkenden Free Jazz der sechziger Jahre mit dem Trio von Henry Grimes (mit David Murray und Hamid Drake), dort die Soloperformance von DJ Spooky, dem avantgardistischen New Yorker Philosophen der Plattenleger, der seinen Musikmix immer komplizierter werden lässt und mit einer Kombination von Ton und Bild versieht.
Beispiele einer weiterführenden Stilentwicklung zwischen Pop und Jazz boten am letzten Konzertabend in der Bessunger Knabenschule die Bands Palinckx aus Holland und Autofab um den Münsteraner Saxofonisten Jan Klare. Bewegung kam in die festgefügten Spielstrukturen, als der Sänger von Palinckx, Han Buhrs, das Trio von Autofab zum Quartett erweiterte. (Ulfert Goeman)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Institut mit Swing im Blut - Sammeln, sichten und sortieren: 15 Jahre Jazz-Forschung in Darmstadt
Ein schmucker Bau am Ende der kleinen, von Platanen umsäumten Anlage, strahlt weiß unter dem an diesem Tag tiefblauen Himmel. Im Schatten der Bäume steht unerschütterlich der bronzene ,,Little Walter", eine Figur des Darmstädter Bildhauers Detlef Kraft. Auf dem mit roten Ziegeln gedeckten Dach dreht sich - wohl einmalig in Deutschland - eine silberne Trompete im Wind. Eine Treppe führt hinauf zu der blauen Eingangstür des Jazzinstituts, das den Namen Darmstadt über Europa hinaus bekannt gemacht hat. Andrew Hurley aus Melbourne schreibt derzeit an einer Dissertation über den deutschen "Jazzpapst" Joachim Ernst Berendt und dessen Einfluss auf die Entwicklung der ,,Weltmusik". Der 31-jährige Australier hat dazu zweimal für jeweils einige Monate das Jazzinstitut in Darmstadt besucht und ,,das Archiv von vorn bis hinten durchforscht", berichtet Wolfram Knauer. Die Geschichte ist doppelt symbolträchtig: Die Sammlung Berendt bildet den Grundstein der Archive des Instituts und die Darmstädter Einrichtung ist Anlaufpunkt für Wissenschaftler, Studenten und Jazzfans aus aller Welt. Knauer ist Leiter des Instituts, das in diesen Tagen sein 15jähriges Bestehen feiert. Der neue Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann hat es sich nicht nehmen lassen, aus diesem Anlass zu einem Gratulationsbesuch in das barocke Bessunger Kavaliershaus zu kommen. Schließlich ist die städtische Einrichtung ein vorzüglicher Werbeträger für die Stadt. Die Zahlen sprechen für sich. Die Archive des Instituts beherbergen 8000 Bücher, 45 000 Zeitschriften von rund 1 020 unterschiedlichen Titeln, 46 000 Langspielplatten, 15 000 CDs, 1 500 Schallplatten mit verlängerter Spieldauer, 13 450 Schellackplatten und 200 Tonbandkassetten. Nahezu unübersehbar ist der Bestand von 44 350 Fotos, Negativen, Plakaten und Videobänder. Kein Wunder, dass fast täglich Anfragen von Buchautoren, Veranstaltern, Zeitschriften sowie Rundfunk- und Fernsehanstalten beantwortet werden müssen. Fast 4 000 Besucher kamen an den 220 Öffnungstagen des vergangenen Jahres, berichtet Arndt Weidler, der im Institut für Informationen und Veranstaltungen zuständig ist. Die Geburtsstunde des Jazzinstituts schlug im Jahr 1983. Damals erwarb die Stadt die Jazzsammlung des Autors, Kritikers und Produzenten Joachim Ernst Berendt - Schallplatten, Bücher, Zeitschriften, Fotos, Plakate und vieles mehr. Diese Sammlung war der Grundstock für die viel beachtete Ausstellung ,,That's Jazz - Sound des 20. Jahrhunderts". Sie wurde 1988 auf der Darmstädter Mathildenhöhe gezeigt. Als die Sammlung immer weiter anwuchs, entschloss sich der Magistrat der Stadt zur Gründung eines eigenen Jazzinstituts, das neben der reinen Archivarbeit auch Veranstaltungen sowie Projekte zur Jazzforschung betreuen sollte. In September 1990 wurde die Idee in den provisorischen Räumen des John-F-Kennedy-Hauses zur Realität. Am 3. Oktober 1997 zogen Knauer und die Sammlungen ins heutige Domizil. Inzwischen hat das Institut von allen drei Etagen Besitz ergriffen und lädt zu Konzerten in den Gewölbekeller unter dem Haus ein. Jetzt beherbergt das Institut eine der größten öffentlichen Jazzsammlungen Europas. Zu dem Nachlass von Berendt kamen die Schenkungen von Gerhard Conrad, Hanns E. Haehl, Arne Hauptmann, Hans Otto Jung, Evert Ted Kaleveld, Lukas M. Lindenmaier, Hans-Henning Raabe, Dietrich von Staden sowie die Sammlungen der Free Music Production und von Erwin Glier. Das Material ist so umfassend, dass es auch mit Hilfe der fleißigen Doris Schröder, die die Dokumentationen und Ausstellungen betreut, noch nicht komplett gesichtet werden konnte. In allen Räumen der drei Stockwerke stehen unausgepackte Kartons mit vergilbten Papieren und Zeitungen, liegen Bilder und Negative,
die nach und nach gesichtet, geordnet, indexiert und verstaut werden müssen. In einem Regal liegen sauber gefaltet Hot-Jazz-Zeitungen aus New Orleans. Sie sind neueren Datums. Nebenan stößt der Besucher auf den ,,Musical Observer", die erste Jazzzeitschrift weltweit. Da sind sauber geordnet die Ausgaben von ,,Jazz Hot" aus Frankreich aus dem Anfang der I930er Jahre, das amerikanische ,,Down Beat" aus dem Jahr 1938. Monatlich kommen etwa 60 zeitgenössische Titel hinzu. Die ältesten Bücher in den raumhohen Metallregalen stammen aus den frühen 1920er Jahren. ,,Die ersten Bände mit dem Titel Jazz handelten nicht von der Musik, sondern vom Tanz" erläutert Knauer schmunzelnd. Und viele neuen Bücher seien mit Hilfe des Instituts zustande gekommen - etwa Jürgen Schwabs viel beachtetes Werk ,,Der Frankfurt Sound". Bewundernswert ist angesichts dieser Sisyphos-Arbeit der Fortschritt der Katalogisierung des Bestands. ,,Es ist inzwischen völlig normal, dass Studenten und Wissenschaftler aus dem Heimatland des Jazz, aus Amerika, sich von uns Literaturverzeichnisse zu ihren Arbeiten mailen lassen, um mit diesen dann in den amerikanischen Bibliotheken zu arbeiten", erklärt Knauer mit sichtlichem Stolz. Er erinnert sich an einen Studenten der Rutgers University in New Jersey, der einzigen amerikanischen Hochschule mit Jazzstudiengang und dem Institute of Jazz Studies, dem weltweit größten Archiv zum Jazz. Auch er hatte sich seine Unterlagen aus Darmstadt besorgt. Kate Kaiser, eine deutschstämmige Amerikanerin, schreibt gerade eine ,,transatlantische Magisterarbeit" über die Pianistin Jutta Hipp, bei der sie mit Unterstützung des Jazzinstituts Zeitzeugen aus Deutschland und Amerika befragt. In den zurückliegenden fünf Wochen konnte Kaiser sogar in Hannover einen nahen Verwandten der Pianistin aufspüren, die unter anderem in Frankfurt mit den Mangelsdorff-Brüdern spielte, bevor sie 1955 nach New York zog. Das Telefon unterbricht die Erzählungen Knauers unerbittlich. Ein Rundfunkredakteur benötigt Unterlagen für eine Jazzsendung, ein Musiker ruft wegen eines Konzertes an. Im Nebenraum unterhält sich Arndt Weidler mit Besuchern. ,,Fünf bis zehn kommen pro Tag", sagt Knauer. ,,Das ist für eine solche Facheinrichtung relativ viel." Sein Blick schweift im Arbeitszimmer hinüber zu drei Kartons mit Akten, an denen Mäuse sichtbare Spuren hinterlassen haben - dem Glier Nachlass. Zu Erwin Glier, dem ,,sagenumwobenen Musikalienhändler", kamen in der Nachkriegszeit nicht nur deutsche Jazzer. ,,Musiker aus aller Welt suchten seinen fachmännischen Rat", berichtet Knauer. Noch ungeordnet ist die Korrespondenz aus der Anfangszeit der Deutschen Jazz-Föderation in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - Briefe und Akten, die einen Einblick in die Geschichte des Jazz und dessen Wirken in Frankfurt gewähren. Handgeschriebene Briefe vom Dezember 1943 aus ,,der Frontstadt Berlin" an den ,,lieben Herrn Hudtwalcker", neben Horst Lippmann einer der bekanntesten Jazzpioniere der Mainmetropole. Zwischen den vielen Schreibmaschinenseiten in dem Schuhkarton entdeckt Knauer einen hektographierten Rückblick ,,Ein Jahr Jazz Club News" des Hot Clubs vom September/Oktober 1946, herausgegeben von Horst Lippmann. Knauer sitzt vor seinem Schreibtisch, auf dem sich Aktenordner, CDs, Zeitungen und Papiere aller Art neben dem Computer stapeln. Aus dem Nebenraum ertönen Klangfetzen einer Aufnahme des Henry Grimes Trios - ein Bassist, der an diesem Wochenende zu einem Workshop ins Institut kommt. Da ist es kein Zufall, dass Martin Reitzmann vorbeikommt, ein Musiker aus Frankfurt, der sich für den Workshop anmelden will. ,,Es ist relativ schwer, gute Lehrer zu finden, von denen ich noch was lernen kann", sagt der Pianist, ohne überheblich zu wirken. Er kennt das Jazzinstitut von gelegentlichen Konzertbesuchen, hat aber erst jetzt erfahren, dass er hier auch Platten anhören und Notenmaterial einsehen kann. ,,Da habe ich ganz große Ohren bekommen", sagt er. Er wird wohl bald - wie viele andere - zu den Stammgästen des Instituts zählen. (Klaus Mümpfer)
Darmstädter Echo, 30. September 2005:
Die Chance liegt in der Umgestaltung. „Was macht Musik populär?“ – Martin Pfleiderer eröffnet das Symposium der Tagung
HOT AND COOL nennt Tony Munzlinger dieses Bild aus der Reihe seiner Jazz-Karikaturen. Der Bildtitel umreißt die Gegensätze, von denen der Jazz lebt: vom impulsiven, spontanen und vom eher sachlich-kühlen Spiel. Im Rahmen des Darmstädter Jazzforums sind Munzlingers Zeichnungen und Gemälde bis 1. Oktober im Literaturhaus und in der Centralstation zu sehen; in der Galerie im Jazz-Institut bis 21. Oktober. (Foto: Günther Jockel)
DARMSTADT. Was macht Musik populär? Dieser Frage ging Martin Pfleiderer bei seinem Eröffnungsreferat zum Symposium des 9. Darmstädter Jazzforums am Donnerstag nach. Eine Frage, auf die der Musikforscher den zahlreichen Zuhörern im Literaturhaus „keine klaren Antworten“ geben konnte, wie er selbst sagte.
Vielmehr ging es ihm darum, „Facetten aufzuzeigen“ im Verhältnis des Jazz zur Popularmusik. Denn das Darmstädter Jazzforum trägt den Titel „Verrat!!!. . . oder Chance? – Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik“.
Dabei stellte sich schon die genaue Definition des Begriffes Popularmusik als schwierig dar. In seinem lateinischen Ursprung bedeutet das Wort Popularität „volksfreundlich oder volkstümlich“. Von „populärer Musik“ sprach man erst in akademischen Kreisen seit den dreißiger Jahren.
Zunächst wurde der Begriff verwendet für Unterhaltungsmusik, später definierte ihn Theodor W. Adorno in einem Aufsatz „On popular music“ als Gegensatz zur sogenannten ernsten Musik. Heute sehen Forscher in Popularmusik ein „Ensemble verschiedener Gattungen“, deren Gemeinsamkeit in der massenhaften Verbreitung und Aneignung liegt. Die Musik spielt dabei eine bedeutende Rolle im Alltag der Hörer.
Der Begriff werde aber auch von Entscheidungsträgern wie Plattenfirmen, Produzenten, Musikern oder Radio-Anstalten geprägt. Aus Sicht eines Produzenten sei Popularität messbar an Verkaufszahlen oder Einschaltquoten, erläuterte Pfleiderer. Unklar bliebe hier, welche Rolle die Musik im Alltag der Menschen spiele. Betrachte man die Verkaufszahlen von Jazzalben, sei Jazz demnach unpopulär.
Aber der Umgang der Hörer mit Musik sei nicht passiv, sagte Pfleiderer unter Hinweis auf Studien der Soziologin Tia DeNora. Popularität stehe in direktem Zusammenhang dazu, sobald die Möglichkeit bestehe, „die Musik aktiv einzugliedern“. Musik stelle Handlungsmöglichkeiten des Fühlens oder der körperlichen Bewegung bereit: Melodien werden mitgesummt oder Rhythmen mitgeklopft. Auch Jazzmusiker eignen sich vorgefundenes Material wie Musicalmelodien oder Schlager an und verändern es in ihren Improvisationen.
Warum aber ist der Jazz unpopulär geworden? Warum das Verhältnis des Jazz zur Popularmusik gespalten? Das legte Pfleiderer ausführlich an Beispielen der Jazzgeschichte dar.
Die dreißiger und vierziger Jahre galten noch als Zeit des Swing-Booms. In der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise und später, nach dem Kriegseintritt der USA, sei die Nachfrage nach Tanzmusik groß gewesen.
Für die Musiker wurde das Umherreisen in einer großen Big Band angesichts der Treibstoffengpässe jedoch immer beschwerlicher. Sie suchten nach Alternativen und fanden sie im Bebop. In kleineren Besetzungen nutzten die Musiker auch die Verdienstmöglichkeiten bei Plattenproduzenten.
Pfleiderer referierte ausführlich darüber, wie sich der tanzbare Swing als Musik der Massen zur „Musik einer Minderheit“ entwickelte. Denn Bebop sei formal unübersichtlicher, schneller und schwerer singbar. Es gebe Studien, die belegen, dass Jazz auch heute noch von einer Minderheit gehört werde.
Populäre Musik sei eine Chance für den Jazz, griff der Referent am Ende seines wissenschaftlichen Vortrags das Motto des Symposiums auf. Denn Jazz lebe vom Umgestalten. „Der Jazz soll von neuem musikalischen Material profitieren, aber auch von seiner eigenen Tradition“.Weitere Termine:
Am Freitag (30.) wird das Symposium ab 10 Uhr im Literaturhaus fortgesetzt. Um 15 Uhr gibt es eine Gesprächsrunde zu „Aspekten der Produktion und Vermarktung von Jazz“. Um 20.30 Uhr schließt ein Konzert mit der NDR-Bigband in der Centralstation den Tag ab.
Am Samstag (1.) ab 10 Uhr stehen fünf weitere Symposiums-Veranstaltungen auf dem Programm. So referiert um 10 Uhr der Philosoph und Sozialwissenschaftler Peter Kemper zum Thema „Rock around the Pop“. Um 20.30 Uhr spielen das Henry-Grimes-Trio und außerdem kommt DJ Spooky in die Centralstation.
Am Sonntag (2.) endet das Forum mit „Free link music“ der Bands Palinckx und Autofab. Beginn ist um 20.30 Uhr in der Bessunger Knabenschule. (Carolin Neubauer)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. September 2005:
"Brückenschlag" im Jagdschloß. Seit 15 Jahren versucht das Darmstädter Jazz-Institut Wissenschaft und Praxis zu vereinen
DARMSTADT. Bei der Bezeichnung seiner Klänge war sich Eddie Condon unschlüssig: "Wir nannten's Musik" hat der Banjospieler seine Lebensgeschichte überschrieben. Im Archiv des Darmstädter Jazz-Instituts stehen gleich fünf Exemplare seiner Autobiographie. Condon war nicht der einzige, der sich in der Stilfrage nicht ganz sicher ist. Frage man die Leute, was sie von Jazz hielten, meint Wolfram Knauer, so gäben sie zwei Antworten: "Entweder sie schwärmen vom bierzelttauglichen Dixieland, oder sie entgegnen, mit dem anstrengenden ,Gedudel' nicht viel anfangen zu können." Knauer leitet seit 1990 das Jazz-Institut. Mit einem "Brückenschlag" zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen regionaler Kulturarbeit und internationalem Diskurs will der Musikwissenschaftler hohen Ansprüchen gerecht werden und zugleich Vorurteile abbauen.
Im Jubiläumsjahr hat sich das Institut selbst beschenkt. Im dritten Stock des Bessunger Kavaliershauses, eines barocken Jagdschlosses, wurde eine Galerie eingerichtet, in der Fotografien des Archivs, aber auch die Werke auswärtiger Künstler gezeigt werden. Mit der Konzeption von Ausstellungen hat das Institut Erfahrung, die Schau "Jazz Changes" wanderte von einem Jazzfestival zum anderen. Im Institut sind derzeit Jazz-Cartoons des Satirikers und Malers Tony Munzlinger zu sehen.
Daß Jazz das Image elitärer Musik hat, schlägt sich auch im Titel des diesjährigen Darmstädter Jazzforums nieder. Musiker, Soziologen und Musiktheoretiker beschäftigen sich vom 29. September bis zum 2. Oktober mit zwei Antipoden: "Verrat!!! . . . oder Chance? Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik". Für die einen die populäre Musik der dreißiger Jahre und Basis für viele Musikstile der späteren Popmusik, für die anderen dezidierte unkommerzielle Kunstmusik - so weit voneinander entfernt liegen die Positionen zum Jazz. Parallel zum Symposion findet am Freitag, 30. September, ein Ensemble-Workshop unter der Leitung des Bassisten Henry Grimes in der Jazz Lounge "Stella" statt. Natürlich wird auch musiziert: In der Bessunger Knabenschule treten unter anderen die NDR Big Band, das Henry Grimes Trio und die Band Autofab auf.
Im Archiv des Instituts tragen ein paar Regale von Condons Autobiographie entfernt etliche Buchrücken den Namen Joachim Ernst Berendt. Sein "Jazzbuch" wurde ins Japanische, Slowakische und Griechische übersetzt. Berendt war ein Glücksfall für Darmstadt. Als der frühere Oberbürgermeister Günther Metzger hörte, daß die Privatsammlung des Jazzkritikers und Produzenten zum Kauf stand, griff die Stadt 1983 zu. Sie sicherte sich einen musikhistorischen Schatz, mit dem sie ihren durch die Akademie der Tonkunst gefestigten Ruf als Musikzentrum festigen konnte. Als der Bestand auf der Mathildenhöhe in einer Schau mit dem Titel "That's Jazz, der Sound des 20. Jahrhunderts" gezeigt wurde, war der Andrang groß. Schnell war klar, erinnert sich Knauer, daß ein eigenes Institut die Sammlung konservieren sollte.
Seit 15 Jahren ist das städtische Jazz-Institut in der Musikwelt eine allererste Adresse. Studenten aus der ganzen Republik nutzen den "Jazz-Index" des Instituts, die weltweit umfangreichste Computerbibliographie zum Jazz. Musiker schwärmen von der Akustik des Gewölbekellers unter dem Gebäude, in dem regelmäßig Konzerte stattfinden. Heute sitzen Knauer und seine beiden Mitarbeiter zwischen 45 000 Langspielplatten, mehr als 15 000 CDs und Tausenden Schellackplatten. Regalweise Jazz-Literatur, Zigtausende Zeitschriften, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichen - kurz alle wichtigen Veröffentlichungen rund um den Jazz nennt das Institut sein eigen. (rsch.)[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 23. September 2005:
Eine Brücke aus Tönen. Jazzinstitut Darmstadt: 15 Jahre besteht die Institution – Forum zum Verhältnis des Jazz zur Popularmusik vom 29. September bis 2. Oktober
DARMSTADT. In diesem Monat besteht das Darmstädter Jazzinstitut 15 Jahre. Gegründet wurde es im September 1990 und hat seit acht Jahren seinen Sitz im Bessunger Kavaliershaus in der Bessunger Straße 88 d. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne, aber für das Institut immerhin ein Anlass, einmal wieder auf seine Bedeutung hinzuweisen. Der Darmstädter Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann sowie der Leiter des Instituts, Wolfram Knauer, ließen es sich nicht nehmen, dieses Ereignis mit einer Pressekonferenz am gestrigen Donnerstag gesondert herauszustellen, um auch auf das 9. Darmstädter Jazzforum vom 29. September bis 2. Oktober hinzuweisen.
Das hat diesmal einen recht reißerischen Titel: „Verrat!!!. . . oder Chance?“ Dabei geht es um den „Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik“, wie es im Untertitel heißt.
Hoffmann betonte, dass das Jazzinstitut ein „wichtiger Teil der Darmstädter Stadtkultur“ sei und auch in die Stadt hineinstrahle. Ein „Leuchtturm“, der weit über die Stadt hinausweise, da es einen „kulturellen Brückenschlag“ zwischen Theorie und Praxis herstelle und in einem regionalen wie internationalen Diskurs stehe. Das kann Knauer nur bestätigen, denn das Institut spannt seine Fäden von Darmstadt aus über die Jazz-Szene in der ganzen Welt. So wird für das nächste Jahr eine Ausstellung über Jazz in Deutschland vorbereitet, die dann weltweit durch die Goethe-Institute wandern wird. Erstmals gezeigt wird die Schau im März 2006 bei der Messe „Jazz Ahead“ in Bremen, wo das Darmstädter Institut auch das erste „German Jazz Meeting“ mit ausrichten wird.
Weltweit ist das Darmstädter Jazzinstitut das drittgrößte seiner Art, die beiden größeren sind in Amerika. Das Darmstädter Institut mit seinem Archiv sei eine Einrichtung für jedermann, schließlich solle sie ja auch den Bürgern der Stadt dienen und nicht nur den Wissenschaftlern, sagt Knauer. So wird am heutigen Freitag (23.) im Rahmen der „Langen Nacht der Musen“ ab 20.30 Uhr Tony Munzlingers sehr von der Musik inspirierter Karikaturenzyklus „Jazz“ gezeigt, der noch bis 21. Oktober im Jazzinstitut zu sehen ist.
Da es gewisse Ressentiments von Jazzern gegenüber der Popularmusik gibt, je weiter sich der Jazz zu einer eigenständigen musikalischen Kunstform entwickelt hat, behandelt das diesjährige (alle zwei Jahre stattfindende) Darmstädter Jazzforum in seiner nunmehr neunten Ausgabe das gespaltene Verhältnis des Jazz dazu, das der Titel „Verrat!!! . . . oder Chance?“ umreißt. So ist zwischen dem 29. September und 2. Oktober im Literaturhaus in Darmstadt das wissenschaftliche Symposium zum Thema, das am Donnerstag (29.) um 14.30 Uhr mit der Frage „Was macht Musik populär?“ eröffnet wird.
Ein Workshop mit dem Bassisten Henry Grimes, der in den fünfziger und sechziger Jahren seine Spuren hinterließ und vor zwei Jahren wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist, ist am Freitag (30.) zwischen 10 und 18 Uhr bei Stella in der Rheinstraße. Am Samstag (1.) gibt er um 20.30 Uhr in der Centralstation mit seinem Trio ein einmaliges Konzert in Deutschland; den zweiten Teil wird DJ Spooky gestalten. Am Freitag spielt um 20.30 die NDR-Bigband in der Centralstation mit Colin Towns und der Sängerin Norma Winston. Zu Ende geht das Jazzforum, bei dem Munzlingers Jazzkarikaturen neben dem Jazzinstitut noch im Literaturhaus und in der Centralstation gezeigt werden, am Sonntag (2.) um 20.30 Uhr mit einem Konzert in der Bessunger Knabenschule unter dem Titel „Free Link Music“ mit den Gruppen Palinckx und Autofab, die eine kreative Reise durch die unterschiedlichsten Stile unternehmen. (hz)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Allgemeine Zeitung Mainz, 7. September 2005:
Er scheint ins Instrument kriechen zu wollen – "Der Pate des Klaviers" Walter Noris mit beeindruckendem Solo-Konzert des K3-Kulturkanals Rheinland-Pfalz ...
Die Jazz-Historie ist seit dieser Woche um eine reizvolle Anekdote reicher. Walter Norris, von Kollegen als der „Pate des Klaviers“ geehrt, gesteht im Jazz-Talk mit dem Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts, Wolfram Knauer, dass er 1977 nach Deutschland gekommen sei, um dem Zorn des gewaltigen, aber auch gewalttätigen Bassisten und Bandleader Charles Mingus zu entgehen. Norris, der damals in New York mit dem großen Neuerer der schwarzen Musik zusammenarbeitete, hatte diesen im Small-Talk „Charlie“ statt Charles genannt. Da kam der rettende Ruf aus Old Germany, den Part des Pianisten bei der SFB-Bigband zu übernehmen, gerade recht.
Erstaunlich, wie der ansonsten eher scheue und zurückhaltende Pianist im Gespräch hintergründig humorvoll über Jazz und „Playboy“ plauderte, nachdenklich darüber sprach, dass er zwar von genialen Pianisten wie Art Tatum beeinflusst wurde, nie aber wie dieser spielen wollte, sondern stets auf der Suche nach einer eigenen neuen Ausdrucksweise auf dem Klavier war. Dabei verband er eindrucksvoll europäische Romantik und Impressionismus mit progressivem Jazz von Cool bis Free.
Wie er sich zu einem eigenständigen Protagonisten eines abstrakten, aber klassisch fundierten Klavierjazz entwickelte, konnten die Zuhörer beim Konzert des K3-Kulturkanals Rheinland-Pfalz im Mainzer Kulturzentrum (KUZ) nachvollziehen. „My Funny Valentine“, eine vergleichsweise minimalistische Komposition aus der Feder von Richard Rogers, leitet Norris lyrisch verträumt mit ein paar Akkordgriffen ein, lauscht ihnen nach und sucht nach neuen harmonischen Variationen, die die Melodie zerlegen und wieder zusammenfügen.
Der Pianist scheint hin und wieder ins Instrument hineinkriechen zu wollen, dann wiederum lehnt er sich bei gewaltigen Akkordschichtungen offensichtlich zufrieden weit zurück, den Kopf nach oben gereckt, die Augen geschlossen. Sein Anschlag ist in den verspielten Single-Note-Linien fast zärtlich, hart wiederum in den High-Note-Akzenten, mit denen er seine Solo-Improvisationen gerne abschließt. Doch selbst in den kraftvollen Tonkaskaden bleibt sein Spiel ungewöhnlich fein differenziert.
Der rechte Fuß klopft den Takt auf dem hölzernen Bühnenboden, wenn er nicht gerade zur Pedalarbeit gebraucht wird. Ein durchgehendes Metrum pulsiert nur im Untergrund, das hörbare Spiel setzt sich darüber hinweg. In der Art der Stride- Pianisten wechselt die linke Hand zwischen Bass und Akkord, dann wiederum greift Norris über Kreuz, kehrt die Funktion von Bass- und Melodieführung am.
Eines der Glanzstücke an diesem Abend ist seine Interpretation des „Tiger Rag“, mit rasenden Läufen über den Bass-Ostinati, kurzen verzögernden Einschüben und treibenden percussiven Melodiefortschreitungen. Die Komposition von Nick LaRoca verwandelt sich in eine kinderliedhafte Humoreske.
Der 74-Jährige sei eines der bestgehüteten Geheimnisse des Jazz, hatte einleitend K3-Geschäftsführer Rolf Zitzlsperger gewitzelt. Darin steckt ein Körnchen Wahrheit. Der technisch brillante und stilistisch eigenständige Musiker war ein begehrter Begleiter der berühmteren Kollegen, aber nie ein großer Publikumsliebling. Das Konzert in Mainz belegt, was die Jazzfans da versäumt haben. (Klaus Mümpfer)[Website der Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de]
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Darmstädter Echo, 6. September 2005:
Auf Charlie Parkers Spuren
Jazz: The 64 Jazz Quartet und das Ensemble Art Hoc gastieren im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Nach einer kurzen Sommerpause setzte am Freitag der Förderverein Jazz seine Veranstaltungsserie „Aus eigenen Reihen“ fort. Im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut sollen hierbei vor allem lokale Formationen eine Möglichkeit zur Präsentation ihres künstlerischen Konzepts erhalten. Das Doppelkonzert wurde eröffnet von der Gruppe The 64 Jazz Quartet, die sich seit drei Jahren mit einer modernen Interpretation der Musik der Bebop-Ikone Charlie Parker beschäftigt. Dessen einst revolutionäre Kompositionen, geprägt von ungewöhnlich schnellen Tempi, werden von den jungen Musikern mühelos bewältigt.
Auch die Zuhörer sind mittlerweile an diese Stilrichtung gewöhnt, die sich mehr und mehr als eine Art neuer Mainstream etabliert. Hauptsolisten der Gruppe sind Tenorsaxofonist Steffen Müller und Gitarrist Detlef Grah, begleitet von Harald Gärtner am Kontrabass und Peter Paasche hinter den Trommeln. Ihr Repertoire wird erweitert durch Jazzwalzer und lateinamerikanische Rhythmen, häufig Eigenkompositionen der Interpreten. Als letzte der zehn vorgestellten Miniaturen wird Charlie Parkers berühmtes „Billie’s Bounce“ unterhaltsam variiert.
The 64 Jazz Quartet verfügt über einen eigenen Sound und verbindet spielerische Leichtigkeit mit klar definierten Sequenzen, die wenig Experimente zulassen. Genau das Gegenteil war bei der zweiten Band des Abends, dem Ensemble Art Hoc zu erwarten, hatten sich doch hier die einstigen Mitglieder der Johannes Bauer Workshop Band zu einer Fortsetzung des Projektes entschlossen – allerdings ohne den kreativen Leiter Johannes Bauer. Als reines Improvisationsforum konzipiert, wagt sich dieses Kollektiv an musikalische Begegnungen ohne jegliche Absprache, den Ablauf so offen wie möglich gestaltend. Das so programmierte Chaos ist Teil der Choreografie, die von den acht Protagonisten mit großer Energie gestaltet wird. Sie sorgen dafür, dass ein hoher Unterhaltungsfaktor gewahrt bleibt, obwohl an einigen Stellen der Spiritus Rector Johannes Bauer vermisst wird.
Höhepunkte der Darbietung sind die Vokaleinlagen von Barbara Luft und Gorgo Schäfer, aber auch die Saxofonisten Doris Lenz und Bernd Gehrke, Trompeter Mick Sauer, Schlagzeuger Ralph Schloter, Pianist Ronald Geist und Gitarrist Detlef Krah tragen zum gelungenen Auftritt bei. (hdv)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 1. August 2005:
Eine Woche lang von früh bis spät jammen. 55 Musiker nahmen in der Knabenschule an den 14. Darmstädter Jazz Conceptions teil / Workshops und Konzerte
Die Darmstädter Jazz Conceptions zählen zu den wichtigsten Jazzworkshops in Deutschland. Die Teilnehmer erhalten keine verschulten Instrumentalstunden, sondern lernen live: Gemeinsam mit ihren Dozenten jammen sie tagsüber im Seminarraum und abends auf der Bühne.
Darmstadt · 31. Juli · "Eine Woche Jazz von früh bis spät - eine richtige Powerwoche", sagt Jürgen Wuchner, Initiator der Jazz Conceptions. Und Teilnehmer Busso von Alvensleben fügt an: "Man fällt nachts todmüde ins Bett, und die Stücke, die man tags geübt hat, drehen sich weiter im Kopf."
Eine Woche lang unter Anleitung von versierten Dozenten üben und das Erprobte abends auf der Bühne auf Livetauglichkeit hin testen: das ist das Konzept hinter der 1992 gestarteten Workshop- und Konzertreihe Darmstädter Jazz Conceptions. Die Teilnehmer - in diesem Jahr waren es 55 - werden von Beginn an in Ensembles aufgeteilt. In den Räumen der Bessunger Knabenschule erarbeiten sie je nach Dozent unterschiedliche Stücke, Spielweisen und Sounds, befassen sich mit Improvisation, planen musikalische Abläufe und diskutieren über die Philosophie von Jazz und improvisierter Musik.
Die Musiker, die aus ganz Deutschland zusammenkamen, fanden sich in der vergangene Woche jede Nacht zu einer Session in einem anderen Konzerttempel dieser Stadt ein: am Montag im Achteckhaus, am Dienstag in der Krone, am Mittwoch im 603qm, am Donnerstag im Jazzinstitut sowie am Freitag und Samstag - zu den Abschlusskonzerten - in der Bessunger Knabenschule.
"Ich habe in dieser Woche so viel Musik gemacht wie das ganze Jahr über nicht", sagt Teilnehmer Christian Massoth. Der erst 18 Jahre alte Saxophonist aus Jügesheim nimmt bereits zum dritten Mal an den Conceptions teil. "Die Reihe ist gut, man nimmt so viele neue Eindrücke mit nach Hause." Einer der Höhepunkte für ihn: Sein Ensemble spielt am Freitagabend eine Komposition, die aus seiner eigenen Feder floss: die von seinem wunderschön melodiösen Saxophon-Intro getragene Ballade "Broken Heart to Heart".
Bekannt bis Tansania
"Als Student machte ich viele Jam-Sessions mit", berichtet von Alvensleben. "Jetzt im Beruf finde ich aber nicht mehr so viel Zeit dazu." Der gebürtige Hamburger lebt heute in Tansania, wo er für ein Entwicklungshilfeprojekt tätig ist. In Afrika war es auch, dass er, der zum ersten Mal an dem Workshop teilnimmt, auf die Jazz Conceptions stieß - und zwar auf einer Internetseite, die ebenfalls ihre Heimat in Darmstadt hat: "Die Seite des Jazzinstituts ist die beste Website für Jazzworkshops."
Als Dozent konnte in diesem Jahr mit dem Ex-Darmstädter und nun Wahl-Berliner Christopher Dell einer der gefragtesten Vibraphonisten Deutschlands gewonnen werden. Weitere Lehrer waren: der Darmstädter Pianist Uli Partheil, der Percussionist Peter Giger, der Trompeter Thomas Siffling, der Saxophonist Gebhard Ullmann und der Erfinder der Reihe, der Darmstädter Kontrabassist Jürgen Wuchner. (Frank Schuster)
Nachgefragt. "Hochburg des Jazz"
Jürgen Wuchner (57) ist einer der renommiertesten Jazz-Kontrabassisten Deutschlands. Er studierte an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt, ist als Studiomusiker für Rundfunk und Fernsehen tätig und gastiert bei internationalen Festivals. 1992 rief er die Jazz Conceptions ins Leben.
Frankfurter Rundschau: Herr Wuchner, wie kamen sie auf die Idee zu den Jazz Conceptions?
Jürgen Wuchner: Damals gab es so gut wie gar keine Möglichkeiten, Jazz zu lernen, selbst an der Akademie für Tonkunst nicht. Eines Tage klopfte ein Musiker an meine Tür und fragte: Kannst du mir Unterricht geben? Es begann mit wöchentlichen Stunden, dann hatte ich die Idee zu den Workshops und fand in Wolfram Knauer vom Jazzinstitut, das damals frisch eröffnet war, einen engagierten Partner.
War das in Darmstadt nicht ein Risiko?
Nein, Darmstadt ist eine Jazz-Hochburg. Für einen Stadt mit 140 000 Einwohnern passiert unheimlich viel: ob Jazzinstitut, Jazzclub, Knabenschule, Achteckiges Haus oder 603qm. Der Saal ist bei den Sessions immer voll.
Die Teilnehmer an den Workshops bringen unterschiedliche Niveaus mit. Ist es da nicht schwierig, miteinander zu musizieren?
Das Level ist doch völlig Wurscht. Das ist wie bei der Sprache: Der eine beherrscht gerade mal das ABC, der andere schreibt schon die besten Essays - und dennoch können sie beide miteinander kommunizieren. Die meisten Teilnehmer sind aber schon sehr gut ausgebildet. Manche können bereits sehr gut Noten lesen, suchen aber noch einen Weg, wie sie improvisieren können. Ich sage ihnen: Spiel diese oder jene Phrase doch mal anders. Die Arbeit in der Workshop-Woche ist zwar sehr intensiv, den größten Teil der Arbeit müssen die Teilnehmer aber dann noch zu Hause machen. (Interview: Frank Schuster)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Darmstädter Echo, 1. August 2005:
Datterich in Tönen. Jazz Conceptions: Auch die 14. Auflage des musikalischen Workshops kann faszinieren
DARMSTADT. Die Darmstädter Jazz Conceptions, die in der vergangenen Woche zum vierzehnten Male stattgefunden haben, haben als Sommer-Workshops mittlerweile eine Art Kultstatus erreicht. Sie entwickeln Eigendynamik und haben eine treue Anhängerschaft gewonnen, die auch weite Anreisen nicht scheut. Die Teilnehmerzahl hat sich bei etwa 50 eingependelt, der Anteil der Frauen steigt stetig an. Die ungezwungene Atmosphäre in der Bessunger Knabenschule erweist sich als zusätzlicher Anziehungspunkt. Neben Jürgen Wuchner, dem Initiator der Jazz Conceptions, der sie seit 1992 künstlerisch leitet, wurden wieder Christopher Dell (Vibrafon) und Uli Partheil (Klavier) als Dozenten gewonnen. Hinzu kamen Peter Giger (Schlagzeug), Thomas Siffling (Trompete) und Gebhard Ullmann (Saxophone, Bassklarinette), die ihrer jeweiligen Instrumentengruppe reichlich Auftrieb gaben.
Seit Jahren ist deutlich, dass Saxofone bei den Jazz Conceptions sehr stark vertreten sind und dass die Posaunisten fehlen; dieses Mal gab es auch nur wenige Schlagzeuger. So ergab sich die seltene Gelegenheit, Christopher Dell am Schlagzeug zu erleben; sein Hauptinstrument Vibrafon setzte er ausschließlich in den Konzerten der Dozenten ein. In den Arbeitsgruppen wurde hart gearbeitet. Dell beherrschte in seinem Team wie kein anderer mit „10 Häuser weiter“ das seltene Genre der so genannten Jazz-Opera – einer dichten Abfolge eingespielter Konfektionsstücke („Ready Mades“) und frei gewählter Spontan-Inszenierungen. Der Part eines Trauermarsches war dabei dem gerade gestorbenen Jazzposaunisten Albert Mangelsdorff gewidmet.
Jürgen Wuchner betonte regionale Bezüge und Komponenten. Seine Eigenkompositionen wie „No Melo’s“ oder „Pension Datterich“ brachten regionales Kolorit und Atmosphäre in die Musik. Griffige Standards, aber auch der bedeutungsvolle Titel „Aufbrausen der Gefühle“ standen bei Thomas Siffling auf dem Programm. Mit seiner Unbekümmertheit löschte er Berührungsängste bei den Teilnehmern aus und vermittelte dazu noch große Spielfreude. Gebhard Ullmann setzte dagegen mit einer starken Saxofon-Fraktion druckvolle Eigenkompositionen in Szene. Peter Giger, einer der erfahrensten Schlagzeuger im europäischen Jazz, führte unter anderem in Count Basies „Li’l Darlin’“ vor, wie schwer es für einen Perkussionisten ist, in extrem langsamem Tempo Rhythmus zu halten und Spannung aufzubauen.
Solche Momente waren Höhepunkte der Erarbeitungsphase. Sie kamen aber auch im abschließenden Teilnehmerkonzert am Freitag in der Bessunger Knabenschule zum Tragen, und das gewaltige Orchesterensemble, diesmal geleitet von Uli Partheil, hatte es in sich. Die sechs Dozenten zeigten am Donnerstag im Jazzinstitut und auch in der abschließenden Performance am Samstag in der Knabenschule, wie ansatzlos, aber auch seltsam logisch freies Spiel in groovenden Rhythmus überwechseln kann. (Ulfert Goeman)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 30. Juli 2005:
JAZZINSTITUT DARMSTADT. Neuer Verein plant "German Jazz Meeting"
Frankfurt · 29. Juli · fr · Eine neue Plattform für den Jazz: Der jetzt in Darmstadt gegründete Verein "German Jazz Meeting" will künftig gemeinsam mit weiteren Partnern alle zwei Jahre Vertreter internationaler Festivals nach Bremen einladen, um ihnen eine repräsentative Auswahl aktueller deutscher Jazzprojekte zu präsentieren. Das teilt das Jazzinstitut Darmstadt mit. Beim Treffen der Bundeskonferenz Jazz war dort zuvor der Verein gegründet worden. Arndt Weidler vom Jazzinstitut wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt, seine Stellvertreter sind Reiner Michalke (Moers Festival) und Peter Schulze (Jazzfest Berlin).
Im Bremer Kongresszentrum läuft vom 23. bis 26. März 2006 die Messe "jazzahead", in deren Rahmen auch das erste German Jazz Meeting stattfinden wird.[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli 2005:
Kleine Meldungen
Darmstadt. Arndt Weidler vom Jazzinstitut Darmstadt ist zum Vorsitzenden des German Jazz Meeting gewählt worden. Der Verein wurde diese Woche beim Treffen der Bundeskonferenz Jazz gegründet. Er soll alle zwei Jahre Vertreter nationaler und internationaler Jazzfestivals nach Bremen einladen, um dort eine Auswahl aktueller deutscher Jazzprojekte zu präsentieren. (h.r.)[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Darmstädter Echo, 30. Juli 2005:
Jazz-Meeting gegründet
DARMSTADT. Beim Treffen der Bundeskonferenz Jazz, einem Zusammenschluss führender Vertreter von Organisationen und Verbänden des deutschen Jazzlebens, wurde im Jazzinstitut Darmstadt am 29. Juni der Verein German Jazz-Meeting gegründet. Geplant ist, alle zwei Jahre an die 100 Vertreter nationaler und internationaler Jazzfestivals und Medien nach Bremen einzuladen, um ihnen mittels eines Festivals eine repräsentative Auswahl deutscher Jazzprojekte zu präsentieren. Arndt Weidler vom Darmstädter Jazzinstitut wurde zum ersten Vorsitzenden des neuen Vereins gewählt. Ihm stehen Reiner Michalke (Moers-Festival) und Peter Schulze (Jazzfest Berlin) zukünftig als Stellvertreter zur Seite. Zu den Mitgliedern des Vereins gehört mit vielen anderen auch Wolfram Knauer (Leiter des Jazzinstituts Darmstadt). Die Messe Bremen konnte außerdem als Kooperationspartner gewonnen werden. Im Bremer Kongresszentrum wird nämlich vom 23. bis 26. März 2006 die Messe „Jazzahead“ ausgerichtet, auch das erste German Jazz-Meeting wird dort stattfinden.[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 30. Juli 2005:
Der Jazz und seine schönsten Augenblicke
"Don't Explain" heißt eine Ausstellung des Darmstädter Jazzinstituts in der Bessunger Straße 88d. Es sind Fotos, genauer Frauenporträts des 1954 in Heppenheim geborenen Darmstädter Jzzfotografen Wilfried Heckmann. Entsprechend fotografiert, brauchen solche Bilder von Jazzmusikerinnen keine Erklärung. Deshalb hat das Institut den Titel "Don't Explain" in Anlehnung an einen Song von Billie Holiday für seine erste Ausstellung ausgewählt. Am Donnestagabend wurde sie im Rahmen des Workshopkonzerts der Darmstädter Jazz-Conceptions eröffnet.
Mit dieser Schau öffnet das Jazzinstitut im dritten Stock des Bessunger Kavaliershauses sowohl einen neuen Ausstellungsort wie auch einen wichtigen inhaltlichen Teil seiner Sammlung für ein größeres Publikum. Dort sollen künftig regelmäßig Ausstellungen gezeigt werden, die den Jazz beleuchten. Derzeit sind Porträtaufnahmen nationaler und internationaler Jazzmusikerinnen zu seien. In seinen Schwarzweißfotos ist es Heckmann gelungen, das Flüchtig-Improvisatorische des Jazz einzufangen. (hz)
Die Ausstellung "Don't Explain" ist bis 16. September zu sehen; montags bis donnerstags 10 bis 17 Uhr, dienstags 10 bis 21 Uhr, freitags 10 bis 14 Uhr.[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juli 2005:
Neue Galerie öffnet im Jazzinstitut. Symposion zum Thema "Verrat oder Chance?"/Diskussion über Jazz und Popularmusik
DARMSTADT. Mit einer Fotoausstellung des Darmstädter Fotografen Wilfried Heckmann eröffnet das Jazzinstitut Darmstadt heute eine neue "Galerie im Jazzinstitut". Gezeigt werden Portraitaufnahmen nationaler und internationaler Musikerinnen und bekannte Jazzgrößen wie Cassandra Wilson, Maria Joao oder Candy Dulfer. Heckmann hat nach dem Studium an der Freien Kunstschule in Wiesbaden für Fachmagazine fotographiert und präsentiert seine Arbeiten regelmäßig im In- und Ausland. Unter dem Titel "Don't Explain" sind Schwarzweiß-Aufnahmen zu sehen, die auf intime, flüchtige Momente abzielen und den Focus auf Frauenporträts legen.
Die Galerie soll auch künftig für wechselnde Ausstellungen zum Thema Jazz zur Verfügung stehen, wie das Institut mitteilt. Mit Tony Munzlinger steht der nächste Künstler fest. Der Zeichner und Maler, dessen Werke in Zeitschriften und Büchern erschienen sind, zeigt begleitend zum Darmstädter Jazzforum vom 29. September an "graphische Psychogramme" von Musikern sowohl in der Galerie wie in der Centralstation und im Literaturhaus.
Für das nunmehr 9. Symposium hat das Jazzinstitut, Europas größtes Informations- und Dokumentationszentrum zum Jazz, den Titel "Verrat!!!...oder Chance? Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik" gewählt. Vom 29. September bis 2. Oktober diskutieren Historiker, Musikwissenschaftler und Musiker über die Grenzen der Genres, den Einfluß der Plattenfirmen, aktuelle musikalische Tendenzen und ästhetische Fragen. Zu den Referenten gehören unter anderen Diedrich Diederichsen, Martin Pfleiderer, Jürgen Schwab und Peter Kemper. Die Teilnahme an der Tagung, die im Literaturhaus stattfindet, ist unentgeltlich und nicht an eine Anmeldung gebunden.
Die Grenzen des Jazz stehen auch im Mittelpunkt einer Diskussion, die am 30. September stattfindet und von dem Rundfunkmoderator Peter Kemper geleitet wird. Vertreter der Szene wie Reiner Michalke, Olaf Schönborn oder Manfred Eicher werden dort über eigene Erfahrungen und Grenzdefinitionen sprechen. Begleitend wird am gleichen Tag ein Ensemble-Workshop unter der Leitung des Bassisten Henry Grimes in der Jazz Lounge "dasStella" angeboten. An allen drei Abenden des Symposiums gibt es natürlich auch eine musikalische Betrachtung des Tagungsthemas. In der Darmstädter Centralstation und im Kulturzentrum Bessungen Knabenschule treten unter anderen die NDR Bigband, das Henry Grimes Trio sowie die Bands Palinckx und Autofab auf. h.r.
Die Ausstellung "Don't Explain. Frauenporträts von Wilfried Heckmann" ist von morgen bis zum 16. September in der Galerie im Jazzinstitut, Bessunger Straße 88d, zu sehen; montags, mittwochs und donnerstags von 10 Uhr bis 17 Uhr, dienstags von 10 Uhr bis 21 Uhr, freitags von 10 Uhr bis 14 Uhr.[Website der Quelle: http://www.faz.de]
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Frankfurter Rundschau, 27. Juli 2005:
Neue Galerie im Jazzinstitut. Fotos von Winfried Heckmann
Darmstadt · 26. Juli · lis · Mit einer Fotoausstellung des Darmstädter Fotografen Wilfried Heckmann eröffnet das Jazzinstitut Darmstadt am Donnerstag, 28. Juli, 20.30 Uhr seine neue "Galerie im Jazzinstitut". Gezeigt werden Porträtaufnahmen nationaler und internationaler Musikerinnen, bekannte Jazzgrößen wie Cassandra Wilson, Maria Joao oder Candy Dulfer, aber auch bislang noch nicht so bekannte Künstlerinnen.
Mit der Ausstellung "Don"t Explain" - angelehnt an einen Songtitel von Billie Holiday - öffnet das Jazzinstitut dabei sowohl einen neuen Ausstellungsort wie auch einen wichtigen inhaltlichen Teil seiner Sammlung für ein größeres Publikum. Im dritten Stock des Bessunger Kavaliershauses werden künftig regelmäßig Ausstellungen gezeigt, die um das Thema Jazz kreisen.
Bis Ende vorigen Jahres wurde die dritte Etage als Wohnung genutzt. Als sie leer stand, konnte das vor 15 Jahren gegründete Jazzinstitut die Räume übernehmen und zahlt dafür künftig mehr Miete an die Eigentümer, eine Gemeinschaft aus Stadt und einer privaten Bauträgergesellschaft. Ein Teil des dritten Stocks wird für das Archiv genutzt, der Rest für die neue Galerie.
"Don"t explain": In eindrücklichen Schwarzweiß-Aufnahmen zelebriert Wilfried Heckmann den Augenblick, fängt das Flüchtig-Improvisatorische des Jazz im Medium der Fotografie. Der Fokus auf Musikerinnen soll dabei eher die Normalität von Frauen im heutigen Jazz betonen als deren Exklusivität. Eröffnet wird die Ausstellung im Rahmen des Workshop-Konzerts der "Darmstädter Jazz Conceptions 2005", das am Donnerstagabend im Gewölbekeller des Jazzinstituts stattfindet.
Galerie im Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Straße 88d: Don"t Explain - Frauenporträts fotografiert von Wilfried Heckmann, bis 16.September, montags bis donnerstags 10 bis 17 Uhr, dienstags 10 bis 21 Uhr, freitags 10 bis 14 Uhr.
www.jazzinstitut.de[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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Darmstädter Echo, 27. Juli 2005
Nach Herzenslust zusammenspielen. „Jazz Conceptions“: Zum Musizieren und Fachsimpeln treffen sich bis Samstag (30.) Musiker zu Kursen und Konzerten
DARMSTADT. Seit 14 Jahren finden im Juli regelmäßig die „Jazz Conceptions“ statt, eine bei Teilnehmern wie Publikum gleichermaßen beliebte Veranstaltung. In den vom Trägerverein Bessunger Knabenschule und dem Jazzinstitut Darmstadt gemeinsam organisierten Ferienkursen trifft man sich zwanglos in den Räumen der Knabenschule zum Musizieren und zum Fachsimpeln über musikrelevante Themen. Hierfür lädt der Initiator und Leiter Jürgen Wuchner bewährte Fachkräfte aus der Jazzszene ein, die sich als Dozenten auf ihrem Gebiet profiliert haben. Zum Beispiel den Darmstädter Pianisten Uli Partheil, der überregionalen Bekanntheitsgrad mit seinem Trio besitzt, das sich auf kubanische Musik spezialisiert hat, oder Christopher Dell, ein Vibraphonist der Sonderklasse und anerkannter Musiktheoretiker.
Der in Berlin und New York lebende Saxofonist Gebhard Ullmann vertritt den Sektor Weltmusik, die er aus persönlicher Erfahrung durch Studienaufenthalte in vielen Regionen kennt. In der Tradition der Schweizer Trommler steht der Schlagzeuger Peter Giger, der einige Zeit in Afrika lebte und hierzulande durch sein Project „Family of Percussion“ bekannt wurde. Der junge Mannheimer Trompeter Thomas Siffling hat bereits zahlreiche Jazz-Preise eingeheimst und spielt gelegentlich bei der Kultband „Söhne Mannheims“. Ebenso bunt zusammengewürfelt ist die Teilnehmerschar, die alle Altersgruppen und musikalischen Entwicklungsstadien umfasst. Mit über 50 an der Zahl wieder rekordverdächtig, treffen sich die Kursteilnehmer am Abend in diversen Darmstädter Spielorten, um das eine oder andere Erlernte in der Praxis zu erproben.
Beim Auftakt am Montag im Gewölbekeller unterm Achteckigen Haus wagten sich sofort einige Saxophonisten auf die Bühne, um mit den Dozenten über Mainstream-Themen zu improvisieren. Jürgen Wuchner widmete die Ballade „In a sentimental Mood“ aus aktuellem Anlass dem gerade verstorbenen Posaunen-Altmeister Albert Mangelsdorff. Thomas Siffling schloss sich an mit einer gefühlvollen Interpretation von „Black Coffee“ auf dem Flügelhorn. Danach war die Bühne frei für alle Interessenten, die in wechselnden Besetzungen nach Herzenslust jammen konnten. Das wird sich so an den kommenden Abenden in anderen Lokalen fortsetzen, bevor am Wochenende die von den Teilnehmern vorbereiteten Konzerte stattfinden.
Die nächsten Veranstaltungen im Rahmen der Jazz Conceptions sind: heute (27.) Jam Session im „603 qm“, Beginn um 21 Uhr. Donnerstag (28.): Jam Session im Keller unterm Jazzinstitut, ab 21 Uhr. Freitag (29.): ab 20 Uhr Workshop-Ensembles im Saal der Knabenschule. Samstag (30.): ab 20 Uhr Workshop-Bigband und Dozentenkonzert im Saal der Knabenschule. (Hans-Dieter Vötter)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 22. Juli 2005:
Ein Piano-Pendler. Jazzkonzert: Der Mainzer Olaf Taranczewski spielt mit seinem Trio in Darmstadt
DARMSTADT. Als 1970 der geniale amerikanische Pianist Bill Evans das elektronische Klavier des Erfinders Harold Rhodes einsetzte, begann der Erfolgsweg des Fender-Rhodes-E-Piano. Bill Evans verwendete es häufig zusammen mit dem Flügel, indem er beide Instrumente gleichzeitig spielte. Diese Technik beherrscht auch der Mainzer Pianist Olaf Taranczewski, den man am Mittwoch im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut in ähnlicher Pose wie Evans zwischen Flügel und E-Piano pendelnd beobachten konnte.
Im Rahmen eines Diplomkonzertes gab der Mainzer mit seinem Trio eine eindrucksvolle Kostprobe seines Konzeptes. Mit Kontrabassist Florian Werther und Schlagzeuger Axel Pape stehen ihm zwei sensible Mitspieler zur Seite, die die Herausforderungen der komplexen Arrangements kongenial meistern. Nach dem Vorbild des Amerikaners lässt ihnen Taranczewski freien Lauf, integriert ihre Impulse in seine Abläufe und entbindet sie ihrer rein metrischen Funktion. Der warme, voluminöse Klang des Kontrabasses vermischt sich mit den subtilen Akzenten des meist mit Besen agierenden Schlagzeugers.
Im Spiel des Mainzers schimmert die klassische Ausbildung durch, werden Einflüsse impressionistischer Komponisten deutlich. Selten ergibt er sich dem geradlinigen Groove und spielt seine Instrumente weniger perkussiv als pianistisch. Dabei steht die melancholische Grundstimmung der Stücke in deutlichem Kontrast zu den skurrilen, meist Heiterkeit verursachenden Anmerkungen des Hauptprotagonisten. Als letzte der acht vorgestellten Miniaturen bildet „Take Jive“ den abschließenden Höhepunkt, dem noch eine stürmisch geforderte Zugabe folgt. (Hans-Dieter Vötter)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 13. Juni 2005:
Widmungen mit der Posaune
DARMSTADT. Die Gruppe Out-point ist ein Posaunentrio mit Bass und Schlagzeug, das seit über sechs Jahren existiert. Es besteht aus den beiden Nordhessen Detlev Landeck (Posaune) und Heiko Pape sowie dem in Gießen beheimateten Joe Bonica (Schlagzeug) und überzeugt mit einer Spielhaltung, die Klang bevorzugt aus Emotionalität bezieht. Auf ihrer durch zwölf hessische Städte führenden Tournee gaben sie ihre Visitenkarte am Freitag im Darmstädter Jazz-Institut ab. Detlev Landeck war ursprünglich Akkordeonist und zeigte wie Albert Mangelsdorff eine besondere Vorliebe für die Gitarre, ehe er zur Posaune fand. So sieht er im Posaunenzug eine gewisse Ähnlichkeit zum langen Gitarrenhals und bevorzugt in konsequenter Weiterentwicklung des Klangs ausgesprochene Gitarreneffektgeräte wie Octaver, Loop-Sampler, WahWah-Pedal und Hallgerät, die er in den Ablauf seines Programms überzeugend einbezieht. Da er als studierter Musikpädagoge und Musikveranstalter viel an Erfahrung gesammelt hat, nutzt er Elemente der Tradition als ironische Klischees und Träger eigener musikalischer Eindrücke. Dies geschieht etwa in Widmungen wie „Acid Country“ (an seine eigentliche Heimat, das Sauerland), „Hurly Burly“ (an Bayern und Wolfgang Ambros) und „Dance of the Eskimos“ (an das ehemalige Zonenrandgebiet um den Hohen Meißner).
In Soli, Duos und Trios entstehen immer wieder Netzwerke rhythmischer Energie und improvisatorischer Freiheit, mischen sich reine Töne auf der offenen, )unverstärkten Posaune mit solchen, die gedämpft, verhallt, verschattet oder multiphon verstärkt werden. (goe)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 23. Mai 2005:
Klassiker in die Knie gezwungen
DARMSTADT. Es ist ein gutes Jahrzehnt her, dass der Multiinstrumentalist Ernst-Ludwig Petrowsky aus Güstrow, einer der bedeutendsten Vertreter des Jazz in der ehemaligen DDR, in Darmstadt gastierte. Schon damals trat er beim Darmstädter Jazzforum mit seiner Duo-Partnerin Uschi Brüning auf. Am Freitag gastierten die beiden wieder im Darmstädter Jazzinstitut.
Mit dem Free Jazz verbunden hat Petrowsky sich vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten erschlossen, die sich nicht pauschal mit dem Begriff „DDR-Jazz“ abtun lassen. Er schöpft nicht selten aus der Tradition, etwa in Standard-Kompositionen wie „Makin’ Whoopee“, „Psychedelic Sally“und „My Funny Valentine“, zerzaust diese Titel aber kräftig und zwingt sie mit schrillen Tönen in die Knie. Da spürt man die extreme Komprimierung und huldigt einem in die Länge gezogenen Swing.
Uschi Brüning, seine kongeniale Partnerin, verfügt über eine Ausdruckskala, die von liedhaftem Vortrag bis in spannende Scat-Phrasierungen reicht. Sie lässt sich auf das Abenteuer der Improvisation ein und teilt etwa in Schwitters-Texten die strukturierte Art von Petrowksys skurrilem Humor. In diesem Duo ist die Sängerin eine gleichberechtigte Partnerin, ihre Stimme wird dabei öfter zu einem instrumentalen Florett. (goe)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Charleston Jazz Initiative Officially Launches With 'Return to the Source;' Hosts International Jazz Historians and Musicians at Avery. Multi-Year Effort Seeks to Establish Key Influence of Charleston Musicians in Foundation of American Jazz
CHARLESTON, S.C., May 20 /PRNewswire/ -- On June 2-4, 2005 during Spoleto Festival USA, the Charleston Jazz Initiative (CJI) will officially launch its multi-year effort to document the African American jazz tradition in Charleston, the South Carolina Lowcountry, and its diasporic movement throughout the United States and Europe in a series of events titled Return to the Source. Established in March 2003 at the Avery Research Center, College of Charleston by Jack McCray of the Post and Courier and Dr. Karen Chandler, Associate Professor of Arts Management at C of C, Return to the Source will celebrate the rich jazz tradition of musicians who learned their craft with the famed Jenkins Orphanage Bands and at the former Avery Normal Institute, and who went on to establish careers as sidemen with many of the country's leading jazz orchestras and ensembles.
Return to the Source begins on June 2 with "A Jazz Tribute to William Blake" sponsored by the Jake McGuire Savage Foundation, Washington, DC, the Housing Authority of the City of Charleston and the Piccolo Spoleto Festival. The event honors the late Jenkins Orphanage Band director, William Blake, who taught music to children at the orphanage for decades. The Franklin Street Five will perform at the original home of the Orphanage.
A specially commissioned work by jazz drummer, Quentin Baxter, and the jazz debut of 16-year old singing sensation, LaToya Smith, will also be featured. Franklin Street Five includes Baxter as band leader and drummer, and musicians formerly connected to the Jenkins Orphanage and who were taught by William Blake including Lonnie Hamilton, George Kenny, Oscar Rivers, among others.
On June 3, CJI will host a half-day series featuring many of the world's prominent jazz historians and musicians including the heads of the two largest jazz archives in the U.S. and Europe -- Dan Morgenstern, Institute of Jazz Studies, Rutgers University, and Wolfram Knauer, Jazz-Institut Darmstadt, Germany. Other guests include historian and author, Jeffrey Green, England, and author of Edmund Thornton Jenkins: The Life and Times of An American Black Composer, 1894-1926; New Orleans-based clarinetist and educator at the New Orleans Center for the Creative Arts, Alvin Batiste, and Dr. Larry Ridley, bassist and President, African American Jazz Caucus, International Association for Jazz Education, and Jazz Artist-in-Residence, Schomburg Center for Research in Black Culture, New York. Each has been extensively involved in jazz performance, education and research during their life's work; many have also researched Charleston and South Carolina musicians. The keynote address will feature A.B. Spellman, poet, critic and author of Art Tatum: A Critical Biography and Four Lives in the Bebop Business, and former Deputy Chairman, National Endowment for the Arts, Washington, DC.
The events of June 3 will also feature Carolyn Jabulile White who will open the day's events with libation and a prayer in Gullah; special film tributes; conversations with Jenkins' family and friends; unveiling of a painting by acclaimed Charleston artist, John Doyle developed from source materials from CJI; and live jazz.
The opening of Photojazz, an exhibition of jazz photographs from Atlanta- based documentary photographer, Jim Alexander will conclude the symposium. The exhibition includes photographs of such celebrated musicians as Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Sammy Davis, Jr., Count Basie, Sarah Vaughn, Miles Davis, Eartha Kitt, and Ella Fitzgerald, as well as former Jenkins Orphanage Band musicians including William "Cat" Anderson, Freddie Green and Rufus "Speedy" Jones.
Return to the Source will end on June 4 with the inaugural gathering of the CJI Circle, an international network of CJI advisors.Source: Charleston Jazz Initiative
Darmstädter Echo, 2. Mai 2005:
Jazzinstitut erhält Fotosammlung
DARMSTADT. Darmstadt besitzt ein reges Jazzleben. Auf über 300 Fotos hat der in Bessungen geborene Fotograf Reinhard Wissgott Jazzkonzerte in Darmstadt abgelichtet. Es sind eher die intimeren Auftritte, die vor der Vergessenheit bewahrt werden. Wissgott fotografierte in den letzten 13 Jahren vor allem in seinem Heimatviertel Bessungen. Der Jagdhofkeller, die Bessunger Knabenschule, die Orangerie, der Gewölbekeller unterm Jazzinstitut, aber auch Schlosskeller oder Herrengarten mit ihren Programmen bilden die Bühne seiner Jazzmusikerporträts.
Jetzt wurden diese Jazzfotos als Sammlung dem Jazzinstitut geschenkt. Sie stehen damit auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ab Mitte Mai zeigt das Jazzinstitut Exponate dieser Sammlung als Ausstellung in den eigenen Räumen. (e)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 18. April 2005:
Avantgarde aus Berlin. Jazz: Sie suchen nach neuen Wegen: Das „Christian Weidner Trio“ in Darmstadt
DARMSTADT. Auffallend viele Musiker der Jazz-Avantgarde wohnen in Berlin, ersinnen dort ihre musikalischen Experimente und stellen die Ergebnisse dann bundesweit vor. Das „Christian Weidner Trio“, das am Freitag im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut gastierte, ist solch eine Gruppe auf der Suche nach neuen Wegen. Die Musik der jungen Wahl-Berliner wurzelt in Folklore und geistigen Gesängen, sie wandeln diese Klänge mit Jazz-Elementen in eine individuelle Form um.
Altsaxofonist Christian Weidner steuert die Kompositionen bei. Sein Werk „Choral“ ist eine schöpferische Auseinandersetzung mit kultischer Musik. In das Spannungsfeld zwischen Komposition und Improvisation legt er scheinbar unvereinbare Fragmente, die Synthese soll zu neuen Strukturen führen. Er nimmt dabei bewusst in Kauf, dass dies zu konzeptioneller Kopflastigkeit führen muss. So unterstreicht Weidner die dem Altsaxofon eigene Sprödigkeit noch durch isolierte Melodienansätze und entledigt sich aller bekannten stilistischen Schablonen.
Pianist Antonio Palesano folgt ihm dabei beharrlich, er bildet einen Kontrapunkt oder führt zum nächsten Intervall. Pianistische Eleganz ist dabei selten gefragt, scheint aber gelegentlich durch, wenn die vorherrschende meditative Grundstimmung durch lebhafte Passagen unterbrochen wird. Dann wühlt Palesano sich durch die Klaviatur und scheut nicht vor Ellbogeneinsatz zurück. Auch Schlagzeuger Daniel Schröteler beherrscht die Dynamik-Palette, deutet metrische Rhythmik nur bruchstückhaft an und bevorzugt die Erzeugung einer sensiblen Geräuschkulisse. Trotz des stark intellektuellen Charakters der Präsentation erhielt das „Christian Weidner Trio“ drum den sicher verdienten Beifall seines Darmstädter Publikums. (hdv)
Darmstädter Echo, 4. April 2005:
Schön harmonisch. Jazz: „Snake Resort“ musizieren im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut
DARMSTADT. Zwar ist der „reine“ Jazz stilistisch immer bereits eine Verschmelzung verschiedener Musikrichtungen. Aber immer wieder entsteht dazu auch noch durch Berührung mit wieder anderem so genannte „Weltmusik“ mit neuen Schwerpunkten. Bei „Snake Resort“, einem Quintett aus dem Rhein-Main-Gebiet, das sich am Freitag im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut mit einer Variante von Fusion-Jazz vorstellte, kommt es dabei zur Begegnung von Jazz mit afrikanischer und indischer Musik.
Dies wird besonders deutlich, wenn der Perkussionist Willi Kappich vom Drumset zu den Tablas wechselt. Im Gegensatz zu der Heerschar von Schlagzeugern, die Intensität mit Lautstärke gleichsetzen, bedient er seine Instrumente mit einer meditativen Hingabe, die ekstatische Höhepunkte keineswegs ausschließt.
So werden die Improvisationen des Geigers Gerd Putscheff und des Gitarristen Rolf Bussalb in eine kompakte Struktur verpackt, die durch die ostinaten Basslinien von Bassist Thore Benz abgerundet wird. Basis für alle Stücke sind dabei Eigenkompositionen der Mitwirkenden, zu denen vielfach die Vokalistin Stefanie Ruck noch hinzukommt. Ihr gelingt es, den Kollektiv-Improvisationen der anderen durch eine lautmalerische Verwendung ihrer Stimme noch zusätzliche Impulse zu verleihen.
„Schön“, rief drum ein Zuhörer in die kurze Stille nach einem abrupten Schluss, bevor der Beifall aufbrandete. Damit traf er einen Kern: „Snake Resort“ gelingt die Gratwanderung zwischen virtuos-anspruchsvoller und eigenständiger Musik, ohne dabei an Klangschönheit zu verlieren. Die Kombination aus Stimme, Saiteninstrumenten und Tablas fasziniert durch die nur scheinbar selbstverständliche Interaktion, denn die Arrangements sind teilweise hochkomplex.
So wurde bei diesem Konzert eine harmonische Grundstimmung erzeugt, nachhaltig und im positiven Sinne wenig aufregend. Erst der mittelschnelle Blues als Zugabe brachte die Zuhörer wieder in vertraute jazzige Gefilde zurück. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 21. März 2005:
Jazzinstitut: Talk mit dem Degen-Trio
DARMSTADT. Der Pianist Bob Degen und der Tenorsaxofonist Heinz Sauer haben eine besondere Verbindung zum Darmstädter Jazzinstitut: Degen war einer der ersten Klavierdozenten bei den alljährlich stattfindenden Jazz Conceptions Jürgen Wuchners. Heinz Sauers rauer Ton erklang als erster im Gewölbekeller des Instituts. Beide kamen zusammen mit dem Bassisten Vitold Rek als Bob-Degen-Trio am Freitag zum Jazz Talk nach Darmstadt.
Degens Spielweise ist nicht einer bestimmten Jazz-Schule zuzuordnen. Wie auch Herbie Hancock oder Steve Kuhn hatte er das Privileg von Privatstunden bei Margaret Chaloff, die ihn anhielt, Gedanken und Motive mit den Lippen zu formulieren, besonders dem Atem entsprechenden Raum zu geben. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Degen teilweise die Töne sprachlich vorformuliert. Feinste Anschlagsdifferenzierungen und stilistische Vielfalt sorgen für großen Ausdruck in den kleinsten Tonsplittern. Damit begibt sich der Pianist auf ähnliches Terrain wie der Saxofonist Heinz Sauer, der die Töne mit solcher Intensität herausschleudert, dass man ihn zuweilen mit einem spuckenden Vulkan vergleicht.
Dass Vitold Rek am Kontrabass diesem Duo der ideale Partner zu sein scheint, dass er gar seine Mitspieler ideal auszubalancieren vermag, liegt besonders an seinem warmen und runden Ton. Immer wirkt er präsent, mit führendem Ton im tiefen Register. Dabei agiert er technisch brillant und mit großer Erfindungsgabe.
Neben Duke-Ellington-Kompositionen und Standards erklingen eigene Stücke: substanzreiche Melodiebögen, gepaart mit komplexer, von raschen Wechseln durchsetzter Harmonik. (goe)
Darmstädter Echo, 18. März 2005:
„Oh-lala“, wie schön!
DARMSTADT. Zwei Tage lang war Ben’s Belinga und sein „African Quartet“ im Jazzinstitut Darmstadt zu Gast, um eine Live-CD vorm Publikum aufzunehmen. Es ist die zweite CD des talentierten Bandleaders und Saxofonisten. Belinga und die meisten seiner Mitspieler stammen aus Kamerun. Sie verarbeiten Volksmusik, Rumba und Merengue. Unter Zuhilfenahme von Mambo, Rock und ein wenig Rap schuf Belinga sich dabei einen eigenständigen Stil. Dabei scheint der prickelnde Ton öfters aus der Melodie herauszubrechen, und unbändige Kraft sowie perfekte Überblastechnik entwickeln eigene Dynamik. Mit dem von den Westindischen Inseln stammenden George-Edouard Noël am Klavier spielten die drei Musiker aus Kamerun um Belinga ein Dutzend Titel ein: tanzbare Stücke, die den Melodienreichtum der Volksmusik vermischen mit modernem Jazz und Rhythmen aus der Karibik. Am facettenreichen Musikantentum hatte der Pianist Noël besonderen Anteil. Auf das Album mit dem beziehungsreichen Titel „Oh-lala“ darf man sich freuen. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 21. Februar 2005:
Wider die deutsche Depression
DARMSTADT. Der 41. Jazztalk im Gewölbekeller des Jazzinstituts Darmstadt festigte den Ruf dieser Veranstaltung als Institution. Am Freitag war das Trio Sonore zu Gast. Obwohl zwischen Peter Brötzmann, einem Übervater des europäischen Jazz, und seinen Spielpartnern Ken Vandermark aus Chicago und Mats Gustafsson aus Schweden (beide Saxofonisten) viele Jahre an Alter und Spielpraxis liegen, wirkt ihre Zusammenarbeit wie aus einem Guss.
Brötzmann sieht im Gespräch mit Institutsleiter Wolfram Knauer die Gegenwart des Jazz in Deutschland und die Akzeptanz dieser Musik beim jüngeren Publikum, ihre Würdigung als Kunstform der Gegenwart besonders in den Kommunen als sehr düster an. Er selbst habe inzwischen neunzig Prozent seiner Aktivität ins Ausland verlagert. Die heutige missliche Situation geht nach ihm auf eine depressive Grundstimmung zurück, in der Risiken gescheut würden und die Klubszene nahezu zum Erliegen gekommen sei. Seit Jahren fühlt sich Brötzmann nun in der Szene von Chicago heimisch. Dort habe sich eine freie Spielszene etabliert, die jener in Deutschland der siebziger und achtziger Jahre ähnlich sein soll.
Das Trio Sonore entstand vor vier Jahren nach einem Konzert in Montreal eher zufällig. Brötzmanns Austausch mit den rund 20 Jahre jüngeren Kollegen bringt ihm, wie er schmunzelnd erklärt, trotz zunehmenden Alters immer etwas Neues: Die Theorie, die an den reinen Jazzschulen im Vordergrund stünde, führe zu einer leblosen Angelegenheit, die Tradition wie Worksongs oder Gospels sei viel wichtiger. All dies schwingt mit, wenn man sich als Zuhörer in die Musik vertieft, die das Trio auszeichnet: Es ist die Suche nach klanglichen Möglichkeiten und allen Materialien, die nutzbar scheinen. (goe)
Darmstädter Echo, 7. Februar 2005:
Unorthodoxe Klangräume. Jazz: Das „Thomas Honecker Quartett“ zu Gast im Gewölbekeller: Musik von erfahrenen Akteuren, die sich schon lange kennen
DARMSTADT. Zum Jazz gehört die Live-Atmosphäre. Nur dabei entfaltet sich die Spannung, die Musiker zu Höchstleistungen anspornt. Die zahlreichen Fans, die sich, meist freitags, regelmäßig im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut versammeln, wissen das. Ob bekannte Namen, eine Jam-Session oder Vertreter der lokalen Szene, stets entwickeln sich aus den musikalischen Begegnungen Momente mit inspirierendem Gehalt.
Das gilt auch für zwei im Saarland geborene Musiker, die sich schon seit der Jugend kennen: der Gitarrist Thomas Honecker und der Posaunist Christof Thewes. Während Honecker in Darmstadt lebt und im Förderverein Jazz entscheidend mitwirkt, hat sich der in Saarbrücken gebliebene Thewes als Initiator von kreativen Projekten einen Namen gemacht. Das „Thomas Honecker Quartett“ interpretiert vorwiegend Kompositionen von Christof Thewes, die im Bereich des Bebop anzusiedeln sind, aber Raum zur Gestaltung lassen. Hierbei entstehen unorthodoxe Klangräume.
Das exzellente Posaunenspiel von Christof Thewes kontrastiert mit Thomas Honeckers akustisch und elektronisch eingesetzter Gitarre. Mit dem Kontrabassisten Udo Brenner und dem Schlagzeuger Bülent Ates waren am Freitag im Gewölbekeller dazu Begleitmusiker am Werk, die sich vorwiegend dem Metrum verpflichtet fühlen. Mit seinem soliden Walking-Bass verleiht Brenner verschiedenen Formationen vom Trio bis zur Bigband das Fundament. Der Frankfurter Bülent Ates ist dagegen für virtuos-akzentuiertes Trommeln bekannt und verfügt für alle Spielarten über die passende Begleitung. So entsteht Interaktion zwischen erfahrenen Akteuren, die sich gegenseitig schon länger kennen. Auf diese Weise lassen sich – auch ohne langwierige Proben – hervorragende Ergebnisse erzielen. (hdv)
Darmstädter Echo, 24. Januar 2005:
Jazz und Erinnerungen. Gesprächskonzert: Der Saxofonist Gerd Dudek spielt im Gewölbekeller und blickt zurück auf seine vierzig Jahre Musikgeschichte
DARMSTADT. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte die deutsche Jazz-Szene ihre eigene Spielkultur. Zu den Wegbereitern gehörten Gruppen wie das „Globe Unity Orchestra“, das „Manfred Schoof Quartett“ oder das „Albert Mangelsdorff Quintett“, die damals alle im legendären Darmstädter Jazzkeller „Jam Pott 60“ auftraten. Jedesmal dabei war ein Saxofonist: der heute 66 Jahre alte, in Schlesien geborene Gerd Dudek. Zusammen mit seinem Begleiter Frank Wunsch am Flügel präsentierte sich dieser Nestor des deutschen Jazz am Freitag im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut. Die beiden bestreiten seit einiger Zeit sporadisch ihr Duo-Projekt, bei dem Gerd Dudek zwischen Sopran- und Tenorsaxofon pendelt. Er stellte im Jazzinstitut Eigenkompositionen und Jazz-Klassiker vor, zunächst solistisch, dann auch im musikalischen Dialog: Die feurige Emotionalität des aufkommenden Free Jazz ist bei Dudek in eine kontrollierte Gestaltung der Klangstrukturen übergegangen.
Mit Spannung erwartet wurde das anschließende Gespräch im Rahmen der Reihe „Jazz Talk“ mit Wolfram Knauer, denn Gerd Dudek gilt als introvertiert und wenig gesprächsbereit. Überraschenderweise plauderte er jedoch von Anfang an bereitwillig über seine Erfahrungen aus der Pionierzeit. Mit skurrilem Humor gab Dudek Episoden zum besten, erinnerte an die ersten Tourneen hinter den Eisernen Vorhang, nach Südamerika und Asien. Als instrumentaltechnisch versiert und improvisatorisch begabt, geriet er auch in den Fokus moderner Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann und Krzysztof Penderecki, wirkte bei den „Donaueschinger Musiktagen“ mit.
Im abschließenden Konzertabschnitt gelangen dem Duo spannende Versionen der Jazz-Standards „Stella by Starlight“ oder „Body and Soul“. Pianist Frank Wunsch konnte sich dabei als duetterprobter Partner profilieren. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 17. Januar 2005:
Gesucht und gefunden. Jazzkonzert: Quartett mit Gustl Mayer, Partheil, Wuchner und Copeland im Jazzinstitut
DARMSTADT. Es zeichnet den Jazz als universellen Musikstil aus, dass man spontan Bands zusammenstellen kann, selbst wenn sie aus gegensätzlichen Musikerpersönlichkeiten bestehen. Das zeigte sich am vergangenen Freitag im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts, als Gustl Mayer (Tenorsaxofon), Uli Partheil (Klavier), Jürgen Wuchner (Kontrabass) und Keith Copeland (Schlagzeug) auftraten. Das sehr swinghaltige Repertoire hierfür wurde wohl von Gustl Mayer ausgewählt, der mit seinen bald 69 Jahren immer noch mit viel Drive und einem kräftigen sonoren Ton aufwartet, der ihn berühmt gemacht hat.
Ob Titel von Duke Ellington, mit denen die Band den ersten Set beginnt und abschließt, ob andere von Dizzy Gillespie, Sonny Stitt, Horace Silver oder Lester Young, immer trifft Gustl Mayer den richtigen Ansatz und kennzeichnenden Biss. Geschickt nutzt er das Harmoniegerüst des Pianisten Partheil, lässt sich begleiten vom satten Ton des Bassisten Wuchner und baut auf das kräftige Schlagwerk Copelands, der hier endlich etwas aus dem Hintergrund hervortritt. Seit Beginn der neunziger Jahre hat er Generationen junger Nachwuchsschlagzeuger an den Hochschulen für Musik in Köln und Mannheim-Heidelberg unterrichtet und geformt. Die vier spielen, als hätten sie sich gesucht und gefunden.
Partheil zeichnet es aus, dass er spontan und gewitzt mit Standard-Melodien umzugehen weiß, und dass er im abschließenden „Blue Monk“ von Thelonious Monk glänzend seinem Idol nacheifert. Wuchner ist wie immer ein äußerst zuverlässiger Begleiter, der sich aber nicht mit der Rolle des reinen Pulsgebers zufrieden gibt, sondern sich ebenso oft solistisch einbringt, so mit einem ausdrucksvollen Pizzicato-Solo über „Body And Soul“, das man in der Zeit der Nazis nur in der scherzhaften deutschen Übersetzung „Haut und Knochen“ aufführen konnte, weil amerikanische Titel verboten waren.
Wieder einmal erwies sich der Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut in einer Veranstaltung des Fördervereins Jazz als Zuschauermagnet. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 13. Dezember 2004:
Eine Legende zu Gast im Keller. Jazz-Talk: Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte in einer Person: Walter Norris erzählt Episoden aus seinem Leben als Pianist in berühmten Formationen
DARMSTADT. Walter Norris, renommierter Pianist aus Little Rock/Arkansas, war am Wochenende Gast des letzten Jazz-Talks der Saison im Darmstädter Jazzinstitut. Selbst Jahrgang 1931, verkörpert er die Jazzgeschichte der letzten 50 Jahre: Er sah Heroen des Jazz wie Charlie Parker, Art Tatum, Stan Kenton, Jimmy Rowles, Stan Getz oder Charles Mingus kommen und gehen. Und auch Norris selbst ist zu einer Jazz-Ikone geworden, die in Los Angeles, San Francisco und New York an den Brennpunkten der Musik wirkte. Seit Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebt er in Deutschland und hat eine Professur in Berlin.
Er besitzt einen geschmeidigen, differenzierten Anschlag, improvisiert kontrapunktisch, leistet aber genau so gute Melodiearbeit. Seine technische Brillanz und perfekte Pedalarbeit fanden Bewunderung bei Kollegen wie Count Basie oder Bill Evans, die Norris als „Paten des Jazz“ bezeichneten.
Norris, der 1959 mit der Platte „Something Else“ von Ornette Coleman bekannt wurde, glaubt selbst, Anregungen von Oscar Peterson und Bud Powell aufgenommen zu haben. Das Gespräch mit Wolfram Knauer führte zu manchem Detail aus seinem Leben. Beispielsweise die Geschichte vom Spiel in der Band von Charles Mingus. Der stand im Konzert gefährlich nahe am Klavier, sagt Norris. Und wenn er mit seinem Pianisten nicht zufrieden war, pflegte Mingus den Deckel des Instruments auf dessen Hände fallen zu lassen.
Im Klavierspiel zu diesem Jazz-Talk demonstrierte Norris Formsinn und Ausgewogenheit zwischen romantisch-leichtgewichtiger Verspieltheit und kontrapunktischer Strenge. Sein erstes Set begann er mit Jerome Kerns „The Song Is You“ und beendete es mit dessen „All The Things You Are“. Er verwendete Elemente des Modern Jazz Quartets, dessen Musik er im Auszug aus einer Third Stream-Suite des Quartetts wieder aufnahm. Norris stellte sechs Eigenkompositionen vor und leuchtete daneben viele Standards aus: Melodien, die er behutsam anging, denen er in der Improvisation meist eine schnellere, rhythmischere Gangart verpasste, um gegen Ende mit Oktavsprüngen einen markanten Ausklang zu initiieren.
Im abschließenden „Stompin’ At The Savoy“ führte Norris noch vor, wie man auf dem Klavier gleich ein ganzes Orchester zu instrumentieren vermag. Der Applaus im gefüllten Gewölbekeller ließ denn auch nicht auf sich warten. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 26. November 2004:
Faszinierende Töne. Konzert: Ein Jazz-Trio experimentiert auf traditionellen Instrumenten: So können Tuba, Schlagzeug und Klavier ganz anders klingen als gewohnt
Der Verein Darmstadts Improvisierte Musik (DIM) präsentierte am Mittwoch in der Reihe „Improvarium“ ein bemerkenswertes Trio, das sich kreativ mit den Freiheiten der Neuen Musik auseinandersetzt. Im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut trafen der Pianist Uwe Oberg, der Tubaspieler Carl Ludwig Hübsch und der Schlagzeuger Michael Griener erstmalig in dieser Kombination zusammen, um neue Klangfelder auszuloten. Alle drei bedienen sich dabei moderner, teilweise selbst entwickelter Spieltechniken. Insbesondere auf der Tuba, einem ohnehin vergleichsweise exotischen Musikgerät im Jazz, verblüfft der Kölner Carl Ludwig Hübsch mit seinen unkonventionellen Experimenten. Dazu nimmt er das Instrument während des Spielens teilweise auseinander oder verwendet ersatzweise Mundstücke von Holzblasinstrumenten. Sein Anliegen ist, das Instrument über das verbreitete Blasmusik-Klischee zu heben und mit speziellen Atemtechniken dem Publikum ein ungewohntes Zeitempfinden zu vermitteln.
Dagegen erscheint die subtile Perkussion des Berliners Michael Griener fast konventionell, vor allem, wenn er gelegentlich seine Trommeln und Becken zu rhythmisch durchgängigen Figuren verwendet. Zu seinem Repertoire gehören aber auch die vielfältigen Methoden zur Geräuscherzeugung mit zusätzlichen Hilfsmitteln und dynamischen Schlagtechniken. Und auch der Wiesbadener Pianist Uwe Oberg verlässt bewusst die ausgetretenen Pfade. Er bearbeitet den Flügel jenseits der Klaviatur perkussiv.
Das Trio verarbeitet im Kollektiv Melodien, Rhythmen, Lautstärkeschwankungen zu einem komplexen, interaktiven Szenario. Die Besucher des ungewöhnlichen Konzertes waren fasziniert. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 22. November 2004:
Warme Töne aus Sibirien
DARMSTADT. Erst seit den „Glasnost“-Jahren hat man in Westeuropa die aktuelle russische Jazzszene besser kennengelernt. Mitverantwortlich dafür war unter anderem der Musikliebhaber und –produzent Leo Feigin, der in den vergangenen Jahren in London mit wenig Geld Platten produziert und vertrieben hat. So stellte er etwa das Ganelin Trio oder (vor allem) die baltische Szene vor.
Man erfuhr dabei: Selbst im westsibirischen Novosibirsk waren Jazzer aktiv. Zu diesen gehört auch der Flügelhornist Igor Shirokov, der sich in seinen Kompositionen an den Amerikanern Shorty Rogers und Art Farmer orientiert hat. Denn im Gegensatz zum Westen der damaligen Sowjetunion, wo der Free Jazz überwogen hat, waren im Osten der Republiken vor allem kühle, lyrische und romantische Stimmungen angesagt.
Von Letzterem gab am Freitag Abend im vollbesetzten Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts eine Kostprobe mit dem Igor Shirokov Quartet – bei einem Konzert, das im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Russischer Winter“ organisiert worden war. Neben dem Flügelhornisten Shirokov spielten dabei Uli Partheil am Klavier, Jürgen Wuchner am Kontrabass und Janusz Stefanski am Schlagzeug.
Zu hören waren ausschließlich hochmelodiöse Eigenkompositionen des Bandleaders. Der lebt seit 1992 in Marburg und stellt seine Ensembles für die Konzerte zumeist ad hoc zusammen, um mit den Gruppen seine von Poesie, Harmonieverständnis und Emotionen geprägten Titel vorzustellen. Zu hören waren im Jazzinstitut Stücke mit Ttiteln wie „Nacht in Sibirien“, „Traum“, „Herbst in Deutschland“, „Zwei Brüder“, „Sibirischer Walzer“ oder „Sonniger Wintertag“.
Erstaunlich, wie Komposition und die Improvisationen der Bandmitglieder ineinandergriffen, sich ergänzten, sich umspielten und zu dem Eindruck verhalfen, der dem Titel der jeweiligen Komposition entsprach: Da der Jazz sich ähnlich wie die Neue Musik an der jeweiligen Zeit orientiert, müssen wohl Stile, die eigentlich schon der Vergangenheit angehören, immer wieder an die Oberfläche gehoben werden.
Das zeigt, welcher Zauber auch heute noch von diesen Stücken ausgeht. So auch bei Igor Shirkov, dessen warmen Ton, die Dichte und den Ausdruck man etwa von Thad Jones oder Ack van Rooyen kennt. (goe)
Darmstädter Echo, 8. November 2004:
Vater und Tochter im Quartett (Carolyn & Hermann Breuer Quartett)
DARMSTADT. Es ist ungewöhnlich, wenn Vater und Tochter sich dem gleichen Musizierideal verschrieben haben, wie Carolyn und Hermann Breuer. Nach jahrelanger musikalischer Entdeckungsreise hat die Tochter nach München zurückgefunden und mit dem Vater ein Quartett gegründet. Zusammen mit dem amerikanischen Kontrabassisten Marc Adams und dem holländischen Schlagzeuger Joost Patocka bilden sie ihr „4tet“. Eine erfolgreiche Gruppe, die kompromisslos dem „Neo-Bop“ huldigt, einer Stilrichtung, die auf den Saxofonisten Charlie Parker zurückgeht. Am Samstag waren die beiden mit ihrem Qurtett beim 38. Jazztalk im Darmstädter Jazzinstitut zu Gast und erfreuten eine große Zuhörerschar mit zupackenden Klangschöpfungen.
Außerdem hatte das Publikum Gelegenheit, im Gespräch zwischen Institutsleiter Wolfram Knauer und den Breuers Hintergrundinformationen zu erfahren. So war zu hören, dass Hermann Breuer, der als versierter Posaunist bekannt wurde, eigentlich als Pianist begonnen hatte. Zur Posaune kam der Sohn eines Musiklehrers, „um der Geige zu entgehen“.
Tochter Carolyn begann in Holland Saxofon zu studieren und geriet alsbald unter die Fittiche von Weltklassemusikern, wie Branford Marsalis. Ihr Meisterstück ist die „Serenade“, eine preisgekrönte, gemeinsame Aufnahme mit dem Concertgebouw Amsterdam. Nach 15 Jahren Abwesenheit kehrte die begabte Komponistin nach Deutschland zurück und produzierte „Home“, ein Duo-Projekt mit Vater Hermann. Als Kostprobe präsentierten die beiden den Standard „I’m Old Fashioned“, wobei Hermann Breuer auch gesanglich überzeugte. Dann übernahm wieder das Quartett die Regie mit energiegeladenen Improvisationen. Dabei ergänzten sich die melodische Erfindungsgabe und lässig swingende Untermalung von Hermann Breuer am Klavier ideal zur temperamentvollen Saxofonspielweise von Tochter Carolyn. (Hans-Dieter Vötter)
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Frankfurter Rundschau, 25. Oktober 2004:
Geschichten aus der Hauptstadt. Vor allem gut zuhören lässt es sich in einer Ausstellung zum Jazz in Gestalt des "Frankfurt Sound"
Es war in Zopot, 1957 am Rande eines Festivals, als polnische Jazzer den Begriff "Frankfurt Sound" prägten für diese spezifische Version des mainischen Cool Jazz, der - im Unterschied zu der entsprechenden US-amerikanischen Variante - nie seinen Ursprung im Bop verleugnete. Damals war Frankfurt die Jazz-Hauptstadt der jungen Republik, begünstigt durch die amerikanischen Besatzungstruppen, die bereits kurze Zeit nach dem Waffenstillstand das Sturmgewehr mit der Trompete vertauschten. Sie hatten ihr Headquarter außerdem in einer Stadt aufgeschlagen, in der es bereits unter und vor den Nazis eine Jazzszene gab.
Heute gibt es keine Jazzhauptstadt mehr, sondern eine Reihe von Metropolen und Regionen, in denen diese Musik sich in unterschiedlichen Prägungen entwickelt hat. Doch ohne die Frankfurter Szene der 50er und 60er Jahre sähe der Jazz in Deutschland und Europa anders aus. Jetzt wird im Karmeliterkloster in einer hervorragend präsentierten Ausstellung Wesentliches verdeutlicht über die Geschichte dieser Kunstform hierzulande und ihre Wechselwirkung mit unserer Gesellschaft.
Neun Bereiche sind mehr oder minder separiert, in denen Themen von den Anfängen des Swing über die Verfolgung dieser - wenig zur Vermassung tauglichen, weil individualistischen - Musik durch die Nazis bis hin zur gegenwärtigen Bestandsaufnahme anschaulich und auch sinnlich abgehandelt werden. Zahlreiche Originalstücke, von profanen Zeitungsartikeln bis zu Kultobjekten, sind vorhanden, Tondokumente werden eingespielt, Aussagen von Musikern und Machern können über Kopfhörer gehört werden. Es ist keine Ausstellung zum Anfassen, sondern vor allem natürlich zum Anhören.
Einige Exponate wurden zusammengetragen für Jürgen Schwabs Buch Der Frankfurt Sound (auch "Hessenbuch des Jahres"), viele andere hat Kurator Hermann Wygoda beschafft. Wygodas Vorschlag, das Atelier Markgraph mit der Ausstattung zu betrauen, war gut: In schwarzem Tuch und Baugerüsten kommt alles zur Geltung, wirkt nicht beengt, weder verkrampft modern präsentiert noch verstaubt.
Und auch die Entscheidung für Günter Kieser als Plakatgestalter erwies sich als richtig. Seine Arbeiten, einst für das Deutsche Jazzfestival Frankfurt, das Label Lippmann & Rau und andere, prägten die Plakatkunst. Unseres Wissens nach befindet sich die einzige komplette Sammlung von Kieser-Plakaten nicht in Frankfurt, sondern beim New Yorker Museum Of Modern Art. Natürlich gehört auch dies in die Ausstellung, und beim Betrachten des Original-Metallobjektes, das auf dem Plakat zum 20. Deutschen Jazzfestival zu sehen ist, versucht man sich zu entsinnen, wie jetzt das 55. angekündigt worden war - vergebens.
Karmeliterkloster, Münzgasse 9 in Frankfurt: bis 28. 11., Mo. - Fr. 8.30 -17 Uhr , Sa. & So. 10 -17 Uhr. www.frankfurt-sound.de
Darmstädter Echo, 20. September 2004:
Jazz-Impulse aus dem Internet
DARMSTADT. Als vor einigen Jahren der Kölner Jazzpianist Henning Wolter im Studentenkeller unterm Darmstädter Schloss mit seinem Trio auftrat, verblüffte der damals unbekannte Virtuose mit einer Glanzleistung auf dem betagten Klavier. Am Freitag fand er auf dem Steinway-Flügel im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut wesentlich bessere Bedingungen vor, die er vor einem begeisterten Publikum auskostete. In der Reihe „Jazz Talk“ hatte das Jazzinstitut den Musiker zu Soirée und Plausch über die gegenwärtige Situation auf der Jazz-Szene eingeladen.
Beim „Henning Wolter Trio“ – mit Klavier, Kontrabass, Schlagzeug die Standardbesetzung im modernen Jazz – fällt vor allem die Kontinuität auf, mit der die Combo seit über einem Jahrzehnt spielt. Vielleicht liegt das Geheimnis in der tiefen Freundschaft, die die drei Musiker verbindet und für den charakteristischen Gruppensound verantwortlich ist. Gemeinsames Üben ist jedenfalls selten möglich, leben doch Kontrabassist Lucien Matheeuwsen und Schlagzeuger Marcel van Cleef im holländischen Nijmegen, weit entfernt vom Kölner Domizil des Pianisten.
Zur Einspielung neuer Kompositionen, meist aus der Feder von Wolter, nutzen sie das Internet und tauschen Ideen und Entwürfe per E-Mail aus. Die Feinabstimmung erfolgt schließlich beim nächsten Zusammentreffen und geschieht spontan. Dass dies spürbar harmonisch und dennoch individuell ausgeprägt erfolgt, stellt jenen seltenen Glücksfall dar, von dem erfolgreiche Ensembles profitieren. Häufig werden Gastsolisten hinzugezogen, wie der Trompeter Eric Vloemans, der am Freitag seine Spitzenposition in der europäischen Avantgarde demonstrierte. (hdv)
Darmstädter Echo, 13. September 2004:
Reiz des Zusammenspiels
DARMSTADT. Die Frankfurter Musikprofessorin und Multi-Instrumentalistin Annemarie Roelofs ist als Entdeckerin von musikalischem Neuland bekannt. Sie kommt vom Jazz, versucht sich aber immer wieder in Anleihen an die Konzert- oder Popmusik. Ein gleichgesinnter Kollege ist der Geiger Gerd Putscheff, mit dem sie das Projekt „Left from Jazz“ am Freitag im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut vorstellte. Zusammen mit dem Pianisten Markus Becker und dem Gitarristen Henrik Göhle formieren sie ein Quartett, das sich von klassischen Jazzvorbildern unterscheidet.
Im gemeinsamen Spiel wird der verhalten-gediegene und gleichermaßen dezente Sound bevorzugt. Auf ihrem Hauptinstrument, der Posaune, kann Annemarie Roelofs nur gelegentlich bei temperamentvollen Ausbrüchen ihre Virtuosität zeigen. Ihre Violinenduette mit Gerd Putscheff, begleitet nur vom Piano, sind durchaus reizvoll. Weitere Duos der Teilnehmer folgen und beleuchten verschiedene Facetten des Zusammenspiels in diversen Kombinationen. Dabei werden Standards und Eigenkompositionen der Interpreten ansprechend präsentiert. Der Pianist hält sich weitgehend zurück und beschränkt sich auf eine geschmackvolle Untermalung der jeweiligen Thematik. Auch der Gitarrist tritt außer in den Duetten kaum in Erscheinung. (hdv)
Darmstädter Echo, 3. September 2004:
Besuch bei Duyster: Jazz-Archiv spitzt Ohren
Wolfram Knauer (46), Leiter des Jazz-Archivs Darmstadt, und Hi-storikerin Doris Schröder (45): Beide bekamen Donnerstag früh ein swingendes Klavierständchen geboten. Der Mann an den Tasten: Darmstadts Alt-Jazzer Helmut Duyster (79), Zeitzeuge einer ganzen Musik-Generation. Knauer und Schröder, die kürzlich eine Buch-Dokumentation nebst Ausstellung im Weißen Turm zu Darmstadts unmittelbarem Nachkriegsjazz ab 1945 schufen, besuchten Pianist Duyster in dessen Arheilger Wohnung: Augen, Ohren, Herz und Seele weit offen.
Das rückwärtige Recherche-Duo ward reich belohnt. Was unter „wer wann was“ vom 3. Juni dieses Jahres vermutet wurde („Bei Duyster gibt’s musikalische Schätze zu heben“), kann Wolfram Knauer nur bestätigen.
Er schwärmt: „Ein Wahnsinn, was dieser Mann noch alles an lebendigen Erinnerungen hat. Inklusive von Dokumenten wie alten Verträgen von frühen Ami-Club-Engagements. Viele andere erinnern sich nicht mehr richtig, oder haben alles weg geworfen. Bei Helmut Duyster haben wir Dinge entdeckt, die fürs Archiv von großem Wert sind.“ Bis hin zur damals üblichen Eingruppierung von Musikern nach ihrem jeweiligem Talent: Tariflich gab’s da für die besten die Gruppe A – und für die allerbesten „Special-A“.
Klar, dass Helmut Duyster ein absoluter A-Klasse-Mann der speziellen Sorte war. Wie in dieser Kolumne berichtet, bekam er ein amerikanisches Super-Zeugnis für seine Tastenkünste: wegen seine Arbeit in den Jahren 1945/’46 in Darmstadts „Krone“, die damals „Stork Club“ (Storchen-Club) hieß. Gerade mal neunzehn Jahre alt, war der Darmstädter Duyster gedungen worden, in der Besatzer-Big-Band „Swing Kings” zu spielen. Weil die dringend einen Pianisten brauchten. Der aber eine US-Uniform tragen musste, damit man diesem verblüffend amerikanisch swingenden Deutschen den Deutschen nicht ansah.
Duyster-Besucher Knauer und Schröder schwelgten gestern in Partituren, Plakaten, prallen Foto-Alben. Vieles davon wird fürs Jazz-Archiv, wie’s in der Computer-Sprache heißt, „abgescanned“ (elektronisch reproduziert).
Beinahe rote Begeisterungsbäckchen bekam Jazz-Archivar Knauer, als Duyster ihm „ein Foto von einer Sängerin namens Rosa Weingarten“ zeigte: Darmstadts weiße Antwort auf Billie Holiday (1915 - ’59). (Bert Hensel)
Darmstädter Echo, 30. August 2004:
Miniaturen voll Intensität. Jazz: Undertone Project gastiert im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Das Quartett Undertone Project aus dem Saarland hat sich für sein Konzert am Freitag im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut mit dem amerikanischen Cellisten Tomas Ulrich verstärkt: ein Musiker mit vital-unkonventioneller Spielweise. Das Undertone Project wird vom Posaunisten Christof Thewes geleitet, der auch alle Stücke schreibt und beim Arrangement federführend ist. In seine Kompositionen fließen die vielfältigsten Einflüsse zeitgenössischer Musik ein und werden in jazziger Tradition variiert. So entstehen Miniaturen voller Intensität, bei denen sich klar formierte Teile rasch in freie Passagen auflösen, Raum für freie Improvisationen geben, um schließlich wieder in geordnete Bahnen zu geraten.
Alle Mitwirkenden beteiligen sich kongenial an der kreativen Gestaltung: Saxofonist und Bassklarinettist Hartmut Oßwald mit seiner soliden Phrasierung, Christof Thewes mit eruptiven Einwürfen auf der Posaune und Tomas Ulrich, dessen besessen-ekstatische Solobeiträge auf dem Cello häufig Zwischenbeifall erhielten. Für eine inspirierende Basis der Klangstrukturen sorgten E-Bassist Martin Schmidt und der hinter einer Schlagwerk-Eigenkonstruktion wirkende Daniel Prätzlich. Die mühelos wirkende Darbietung der fünf Individualisten und ihr verblüffend sicheres Zusammenspiel fanden großen Anklang. (hdv)
Darmstädter Echo, 21. August 2004:
Viola per Soundrohrpost. Ferienkurse für neue Musik: Konzerte, Gemeinschaftsprojekt Darmstadt – Warschau
DARMSTADT. „Carte blanche“ bezeichnet ein weißes Blatt Papier, man hat also auch eine freie Hand, es zu füllen. Unter dieser Überschrift präsentierten am Mittwoch in der Kunsthalle Teilnehmer des Projekts „Phonien“ ihre Arbeiten. Als „ambulantes Labor“ verstand man sich, mit dem Ziel, die Aufführungsbedingungen verschiedener Räume auszuloten. So offen die Fragestellung, so unterschiedlich waren die Ergebnisse. Gabrielle Weber trug die witzigen „Récitations“ (1977/78) für Solostimme von Georges Aphergis mit expressiver, klarer und variabler Stimme vor und wanderte dabei durch die verschiedenen Räume der Kunsthalle.
Die meisten anderen Arbeiten integrierten elektronische Sounds in ihre Werke. Besonders spannend geriet „Aderngeäst“ von Ellen Fellmann (geboren 1968). Über acht an den Wänden verteilte Lautsprecher schickte sie elektronisch bearbeitetes Tonmaterial einer Viola. Auch fünf Schüler des AKG Bensheim beteiligten sich mit ihrem Stück „Dies Irae“, das den zerstörerischen Umgang des Menschen mit der Natur zum Thema hat.
Bilder der Natur und eine menschlichen Beziehung haben in einem Text von Virginia Woolf den Komponisten Gerhard Müller-Hornbach (Jahrgang 1951) zu einer beeindruckenden Komposition angeregt: „. . . und die sich brechende Welle“, mit deren Uraufführung das Ensemble Resonanz (und Gästen, Leitung: Johannes Kalitzke) am Mittwoch das Konzert in der Orangerie eröffnete. Packend präsentierte das Ensemble „Syrmos“ (1959) für 18 Streicher von Xenakis. Das Klanggebäude hinterließ Kraft seiner Dichte einen derart fulminanten Eindruck, dass andere Stücke dagegen verblassten.
„Carte blanche“ hätte übrigens auch das Konzert am Donnerstag in der Centralstation überschrieben werden können. Das Gemeinschaftsprojekt von Internationalem Musikinstitut Darmstadt (IMD) mit dem Deutschen Musikrat, dem Jazzinstitut Darmstadt, dem Deutschen Polen-Institut und dem Warschauer Herbst führte 13 Musiker des Jazz und der neuen Musik aus Deutschland und Polen zusammen, die sich vorher so noch nicht begegnet waren. Mit der polnischen Schriftstellerin Natasza Goerke und der Videokünstlerin Anna Jedrzejewska erarbeiteten sie unter dem Titel „Darmstadt – Warszawa. Shared Spaces“ innerhalb von zehn Tagen ein vielschichtiges Projekt. Große Emsemblestücke wechselten dabei mit kleineren Besetzungen bis hin zum Solostück – stets hin- und herpendelnd zwischen neuer Musik und Jazz.
Von der Extraklasse der Musiker zeugten nicht zuletzt die raffiniert eingefädelten, fließend gestalteten Übergänge. Während auf einer Leinwand über der Bühne Bilder der Musiker und Fragmente der überwiegend erst in Darmstadt verfassten und zur Collage montierten Goerke-Texte abliefen, gaben dazu die Musiker ihren teils akustischen, teils elektronischen Kommentar ab. Das war interessant anzuhören, verlief aber oft nach einem zu stereotypen Muster. Die literarischen Texte ließ Sängerin Agata Zubel als expressiven Sprechgesang einfließen, aber auch Trompeter Axel Dörner und Posaunist Uwe Dierksen machten sich zwei Texte zu eigen, die sie sprechend durch die Windungen ihrer Instrumente schickten. Das klang ein wenig nach rauschendem Radio und huldigte skurrilen Verfremdungstechniken, mit denen die neue Musik so gern arbeitet. Hier korrespondierte die Musik mit den nicht minder skurrilen Texten: „Es klingt großartig – It sounds stupid (Es klingt doof) – There’re different schools of perception (Es gibt verschiedene Schulen der Wahrnehmung)“. Und es gibt verschiedene Schulen des Musizierens, möchte man hier ergänzen. An diesem Abend kamen jedenfalls zwei zusammen. (Melanie Neumann)
Frankfurter Rundschau, 20. August 2004:
Der geteilte Raum. Deutsch-polnisches Projekt in der Darmstädter Centralstation
Zuerst muss man sich einen Überblick verschaffen. Man verortet sich, weiß aber noch nichts Genaues. Darum will man zunächst alles: Aller Anfang ist unbescheiden und falsch. Mit der Zeit wird es dann präziser, aber auch komplizierter.
"Shared Spaces" war der Titel eines Projekts im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. An diesem Abend und während seiner Vorgeschichte war nichts so wie sonst, und das Ergebnis täuschte darüber nicht hinweg. Normalerweise läuft es etwa so: Ein Veranstalter oder eine andere Institution beauftragt einen Künstler oder mehrere mit einem Projekt oder einer Komposition für einen bestimmten Zweck; das kann auch schon ziemlich kompliziert sein.
Diesmal hatten sich fünf Institutionen zusammen getan, um einer Idee aus verschiedenen Richtungen nachzugehen: das Internationale Musikinstitut, das Jazzinstitut, das Deutsche Polen-Institut, der Deutsche Musikrat und der Warschauer Herbst. Musik war ein wichtiger Bestandteil der Idee und auch die immer noch nicht völlig obsolete Aufteilung der Avantgarde in ein improvisierendes und ein komponierend/interpretierendes Segment; Bühne und Raum waren offenbar wichtig, Literatur, Elektronik und ein multimedialer Aspekt sollten eine Rolle spielen und in sehr allgemeiner Hinsicht auch Politik. Sonst gab es keine Vorgaben - nicht über Hierarchien und Projektleiter, nicht über Lautstärke und Charakter der Musik, nicht einmal über den Grad ihrer schriftlichen Fixierung. Kurz gesagt lautete der Auftrag: Macht was ihr wollt, aber macht es bedeutend.
Die Zahl 15 hat dabei wahrscheinlich keine Bedeutung, sondern ist hoffentlich ein Zufallsprodukt - sonst muss auch darüber noch gegrübelt werden. Und zum Grübeln gibt es allerlei Anlass nach der Uraufführung von "Shared Spaces" in der Darmstädter Centralstation. Was an Musik gespielt wurde, war so offen und vielgestaltig, manchmal formlos und manchmal geradezu korsettiert, mal bekannt, mal unerhört und oft auf eine Art unausgegoren, dass einem das Ausmaß dieser Unausgegorenheit erst nach und nach klar wurde. Manchmal schien Unklarheit als hervorstechendes Merkmal des Abends und die deutliche Geste als probates Mittel, ihr zu begegnen. So dass die Künstler ihre Situation als Frage ans Publikum weitergaben: Was machen wir hier eigentlich, warum sind wir hier?
Es ist eine Bühnenaktion voller komplizierter Gruppenprozesse, Fraktionierungen, mehrdeutiger Einengungen, Suche nach leichteren Lösungen in kleineren Zusammenschlüssen, Vorbereitung für größere Anläufe. Fast sichtbar stehen musikalische Verbotsschilder im Raum, aber keine, auf die sich alle 15 hätten einigen können. Dazu läuft ein Video, das während der Arbeitsphasen entstanden sein muss und das gleiche Material bearbeitet, nämlich die Arbeit selbst und die, die sie tun; außerdem macht das Video den oft dreisprachigen Text, den Natasza Goerke geschrieben hat und den meist Agata Zubel intoniert, lesbar. Man ist Zeuge eines Gruppenprozesses, der sich selbst zugleich reflektiert, und die Bühnenaktion hat einen zerfaserten Spannungsbogen, der in sich die Faserigkeit der Arbeitsphasen zu spiegeln scheint.
Erst einmal also alles zu wollen. Versuche abzubrechen. Sich voneinander abzukehren, sich einander zuzuwenden. Eigene Verbotsschilder zu missachten und die der anderen wahrzunehmen, während die auf den ihren beharren; dennoch nichts Gemeinsames herstellen zu können. Die 15 Künstlerinnen und Künstler ersparen ihrem Publikum nicht die Um- und Abwege ihrer Arbeit und auch nicht deren Aussichtslosigkeit, aber sie verweigern sich nirgends. Sie konzentrieren den Prozess ihrer gegenseitigen Abarbeitung an Irrtümern und Vorgabelosigkeit in anderthalb Stunden Musik.
Dass die nicht den Charakter einer durchdachten Komposition hat, die die Fähigkeiten eines jeden angemessen berücksichtigt, leuchtet ein. Enttäuscht kann darüber nur sein, wer von improvisierter Musik Artefakte erwartet. 15 selbstbewusste Musiker, die sich den Raum und die Zeit teilen, sind komplizierter als ein Komponist. (Hans-Jürgen Linke)
Darmstädter Echo, 17. August 2004:
Die hohe Kunst der Improvisation. Jazzinstitut: Neue Veröffentlichungen und Einblick in die aktuelle Arbeit
DARMSTADT. Das Improvisieren ist nicht auf den Jazz beschränkt: Etwas ohne Vorbereitung tun müssen oder dürfen alle gelegentlich. Dennoch: Institute und Universitäten haben festgestellt, dass selbst Manager und Politiker von den Jazzern lernen können. Deshalb waren letztes Jahr beim achten Darmstädter Jazzforum „Improvisieren“ zahlreiche Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen geladen.
Die Ergebnisse des Symposiums sind in einem Buch nachzulesen, das Darmstadts Oberbürgermeister Peter Benz gestern im Jazzinstitut vorstellte. Zu den Autoren zählen Wissenschaftler wie Ekkehard Jost oder Lawrence Gushee, aber auch Musiker wie Joachim Kühn. Es ist der achte Band der „Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung“. Die „früheren Bände sind allesamt Standardwerke geworden“, betonte der Leiter des Jazzinstituts, Wolfram Knauer, bei der Vorstellung.
Schon im vergangenen Monat erschien „Der Frankfurt-Sound. Eine Stadt und ihre Jazz-Geschichte(n)“, ein Buch, das vom Jazzinstitut gemeinsam mit der Stadt Frankfurt und dem Hessischen Rundfunk herausgegeben wurde. Autor ist der Hanauer Musikwissenschaftler und Musiker Jürgen Schwab. Die Fotos und Dokumente stammen aus dem Archiv des Instituts und dokumentieren erstmalig auch den Jazz in der Zeit des Nationalsozialismus.
Wolfram Knauer erzählte bei der Buchvorstellung auch über die Arbeit des Jazzinstituts: Täglich kommen seiner Aussage nach fünf bis zehn Besucher nach Bessungen. Sie suchen nach Musikaufnahmen, Dokumenten, Fotos und Zeitschriften oder wollen sich eine Bibliographie zusammenstellen. Außerdem erhält das Institut monatlich etwa fünfhundert E-Mail-Anfragen aus der ganzen Welt.
Knauer selbst ist derzeit mit einem Buchprojekt zur Jazzgeschichte in Europa in englischer Sprache beschäftigt. Er arbeitet dafür eng mit dem Königlichen Konservatorium in Den Haag zusammen, das vor allem für die musikpädagogische Seite verantwortlich sein wird. Mitautoren werden Wissenschaftler aus vielen Ländern sein. Ziel der Publikation ist es, eine Lücke auf dem amerikanischen Markt zu schließen.
Noch aktueller ist freilich ein Konzertprojekt, für welches das Jazzinstitut zusammen mit dem Deutschen Polen-Institut verantwortlich zeichnet. Am Donnerstag ist in der Darmstädter Centralstation Improvisation angesagt: Fünfzehn Musiker aus Polen und Deutschland, die der neuen Musik und dem Jazz nahe stehen, wollen gemeinsam mit der polnischen Schriftstellerin Natasza Goerke ohne jede Vorgabe ein Improvisationsprojekt erarbeiten. (Marc Mandel)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 26. Juli 2004:
Musik für jede Kragenweite. 13. Jazz Conceptions: Eine Bilanz der Workshop-Woche in der Bessunger Knabenschule
DARMSTADT. In der vergangenen Woche gab es nun schon zum dreizehnten Mal die Darmstädter Jazz Conceptions. Sie gehören zu den wichtigsten Jazz-Workshops in Deutschland. Der Bassist Jürgen Wuchner leitete das Programm in der Bessunger Knabenschule. Der Trägerverein der Knabenschule und das Jazzinstitut Darmstadt sind seit Jahren die Veranstalter. Jahr für Jahr gibt es Altes und Bewährtes, Neues und Innovatives, seien es das Format und die Ausstrahlung bewährter Dozenten und Jazzpädagogen, seien es die neuen Gesichter, wie in diesem Jahr etwa der aus Berlin gekommene Trompeter Axel Dörner, der aus Wien stammende Schlagzeuger Wolfgang Reisinger oder Gitarrist Martin LeJeune aus Frankfurt.
Wuchner, der geistige Vater der Jazz-Conceptions, Christopher Dell (Vibraphon) und Wollie Kaiser (Saxophone) von der Kölner Saxofon-Mafia haben als schlagkräftiges Dozententeam eine staunenswerte Fernausstrahlung. Am Grundkonzept hat sich auch in diesem Jahr wenig geändert. In stabilen Teilnehmergruppen, die die Dozenten um sich versammelten, wurden Strukturen erarbeitet, über die richtige Arbeit des Übens gesprochen, harmonische Freiheiten erklärt, solistische und kollektive Improvisationen besprochen. In Spontankonzerten an verschiedenen Orten wurde abendlich gejammt.
Ein aus allen Teilnehmer-Ensembles gebildetes Orchester mit 21 Musikern unter Wuchners Stabführung bestritt als „Jazz Conceptions Orchestra“ am Samstag den Auftakt des Abschlusskonzerts in der Knabenschule. Dabei geizte Wuchner nicht mit originellen eigenen Entwürfen, einem visionären Ausblick im Wechsel von Tonfolgen, Geräuschen, Akkordwiederholungen und kollektiven Dialogen. Das Orchester bewies sich ebenso in einer klangmalerischen Ballade, einem schelmischen Stück über ein Hemd mit regulierbarer Kragenweite und einem Blues.
Dazu gab’s ein recht freies, aber dynamisch sehr abgestuftes Konzert der Dozenten. Nacheinander glänzten die Wollie-Kaiser-Group mit ihren von den vielen Saxofonen fast trunkenen Tonkaskaden, das Axel-Dörner-Ensemble mit seiner eher introvertierten Performance und einer deutlichen Verankerung bei Thelonious Monk, Christopher Dell, der mit einem einzigen, aber sehr langen und fesselnden Stück Erinnerungen an Carla Bleys Opus „Escalator over the hill“ weckte, und Wolfgang Reisinger, der mit seiner Truppe federleicht swingte. Das mit bis zu vier Gitarren besetzte Teilnehmer-Ensemble von Martin LeJeune groovte am intensivsten und lebte dabei von Blues- und Funkelementen. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 16. Juli 2004:
Geschichten um den Jazz
DARMSTADT. „Schallplatten waren selten nach dem Krieg“, erzählt Moderator Werner Wunderlich. Deshalb trafen sich in Darmstadt Jazz-Fans zwei Mal in der Woche zu Plattenabenden – zunächst in der heutigen Krone, ab 1952 unter der Otto-Berndt-Halle. Über diesen Hot Circle Darmstadt (hcd) hat Doris Schröder vom Darmstädter Jazzinstitut eine sehenswerte Ausstellung organisiert (bis 30. Juli im Weißen Turm ausgestellt). Am Mittwoch gab es in der Darmstädter Krone einen Jazztalk mit ehemaligen Mitgliedern und den „Long Louis Jazz Babies“.
„Wir treffen uns öfter, aber zusammen gespielt haben wir zuletzt vor fünf Jahren“, sagt Schlagzeuger Arnold Andres. Er hat damals den fünfzehnjährigen Lothar Scharf an den Jazz herangeführt. Trompeter Helmuth Hauck erzählt: „Als wir überall verjagt wurden, durften wir beim ‚Hot Circle‘ proben und von 1957 an spielten wir fünf Jahre Lang jeden Dienstag für den hcd.“ Mit dem Posaunisten Conny Stintzing, dem Bassisten Walter Jahnes und dem Pianisten Bernd Spahm waren sie von Anfang an dabei. Am Mittwoch wurden die „Long Louis Jazz Babies“ von Öle Müller (Klarinette) und Walter Pleig (Gesang, Gitarre) unterstützt und swingten wie in ihren besten Tagen.
Wunderlich kam 1949 nach Darmstadt und wollte Bauingenieur werden. Auf dem Weg in die Mensa las er einen Anschlag, der sein Leben verändern sollte: „Jazzfreunde treffen sich im Amerika-Haus“. Wunderlich organisierte die Abende und war viele Jahre Vorsitzender des hcd. 1962 machte er seine erste Radiosendung in Frankfurt, dann rief ihn Joachim-Ernst Behrendt als Jazz-Redakteur zum Südwestfunk nach Baden-Baden. Wunderlich gilt als ein Experte für Bebop und Cool Jazz.
„In den sechziger Jahren kam der Free-Jazz nach Darmstadt“, erzählt Hans Georg Thielepape, der den hcd zuletzt leitete. Nicht alle waren damit einverstanden und nannten ihn „Free-Kopp“. Als dann die „Long Louis Jazz Babies“ 1956 im Ludwig-Georg-Gymnasium (LGG) sich als Schülerband formierten, hatten sie nur zwei Verbündete an ihrer Schule: Den Musiklehrer und den Altphilologen. Die anderen setzten schließlich ein Übe-Verbot durch. Der Schlagzeuger Arnold Andres erinnert sich noch an die Kommentare seiner damaligen Lehrer: „Das klingt wie Gebumse aus dem Kaffernkral.“ (mand)
Frankfurter Rundschau, 8. Juli 2004:
Tadellos zur kleinen Jazz-Prüfung. Eine Ausstellung des Jazzinstituts über den etwas elitären "hot circle darmstadt" schreibt städtische Kulturgeschichte
Wer hebt solche Plakate auf? Kein öffentlich-rechtliches Archiv hat es getan, kein regionales Museum, sondern ein privater Sammler. Und die Plakate haben bei ihm nicht nur fünf Jahrzehnte überstanden, sondern auch unter anderem eine Reise nach Brasilien und zurück: Hans-Joachim Ficht, Mitglied des absichtsvoll klein geschriebenen und mittlerweile historischen "hot circle darmstadt" (hcd), hat die Siebdruck-Plakate mit Ankündigungen von Jazz-Veranstaltungen, die er in den fünfziger und sechziger Jahren geklebt hat, aufbewahrt und immer in seiner Nähe gehabt.
Schallplatten und Referate
So konnte er sie jetzt für die Ausstellung, die Doris Schröder für das Jazzinstitut Darmstadt erstellt hat, als Leihgabe zur Verfügung stellen. Sie strahlen mit ihrer ambitionierten Gestaltung Zeitkolorit aus: Elemente der zeitgenössischen Kunst (Informel / Nierentisch-Design-Linien) stecken darin, typografische Gestaltungsweisen der Zwanziger-Jahre-Plakatkunst - also allerlei, was den kulturellen Ort des Jazz in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmen helfen kann.
Der hcd war unter den deutschen hot clubs seiner Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Gegründet wurde er noch in den vierziger Jahren, und seine Gründungsmitglieder waren mehrheitlich Studenten der Technischen Hochschule. Er veranstaltete, anfangs in Privatwohnungen, für die Mitglieder Clubabende, an denen Schallplatten gehört und Referate gehalten wurden. 1948 begann eine Kooperation mit dem Darmstädter Amerikahaus (damals in der Goldenen Krone, Schustergasse), die dem hcd die Gelegenheit gab, Veranstaltungen in größerem Maßstab zu organisieren und in die Öffentlichkeit hinein zu wirken. Die Zusammenarbeit mit dem Hot Club Frankfurt war ebenso intensiv wie naheliegend, wie überhaupt die überregionale Zusammenarbeit unter den Hot Clubs eine Selbstverständlichkeit war, die unter anderem zur Gründung der Deutschen Jazz Föderation (1952) führte.
Die Ausnahmestellung des hcd im System der deutschen Jazz-Föderation bestand vor allem in seinem leicht elitären Gebaren. Man achtete auf ordentliche Kleidung und tadelloses Benehmen und war stets bestrebt, dem Jazz seinen Ort im Kontext der Hochkultur zu sichern. Jazz nicht nur zu hören, sondern auch allerlei über ihn zu wissen, war geradezu ein Aufnahme-Kriterium für Clubmitglieder: Man musste, wie Ficht sich erinnert, "einige Zeit Plakate kleben und brav sein" und eine kleine Prüfung bestehen, bevor man sich aufgenommen fühlen konnte.
Die große Zeit des hcd waren die fünfziger Jahre. Da begann etwa die Tradition der Band Wagons, mit denen hcd-Musiker am Himmelfahrstag durch die Stadt fuhren; zur Popularisierung des Jazz trug das offenbar erheblich bei, so dass sich Darmstadt beispielsweise auf dem Hessentag 1964 in Kassel vom Hartmut-Reeb-Quintett vertreten ließ. Neben die Vortragsabende - 30 bis 50 pro Jahr - und Club-Konzerte traten mehrmals jährlich größere Konzerte mit prominenten Namen in der Otto-Berndt-Halle, zu denen regelmäßig um die 1200 Zuhörer kamen.
Nährende Wurzeln
Heinz Werner Wunderlich, heute so etwas wie der Elder Statesman des Jazz in Deutschland, war von 1951 bis 1965 Vorsitzender des Vereins. Einige Jahre später begann in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art Niedergang des Jazz, er verlor einen großen Teil seines Publikums an den damals in Mode kommenden Rock'n'Roll. 1962 musste der hcd sein Domizil unter der Otto-Berndt-Halle räumen, zog zunächst in die Dieburger Straße und zwei Jahre später an den Mathildenplatz um, und er entwickeltesich wieder zu dem privaten Zirkel, als der er angefangen hatte. Der Widerstandsgeist der frühen Jahre blieb jedoch virulent, was sich unter anderem 1970 in einer Festschrift zum 20-jährigen Bestehen des hcd zeigte.
Aber möglicherweise hat der hcd in Darmstadt etwas Bleibendes hinterlassen, was man der Stadt nicht sofort anmerkt und was sie dennnoch prägt. Eine Atmosphäre vielleicht, ein unterirdisches kulturelles Wurzelgestrüpp, wer weiß. Vielleicht nährt sich daraus sogar ein bisschen das Darmstädter Jazzinstitut, das es so nirgends sonst in Deutschland gibt: Dann wäre das Institut, in dem diese Ausstellung entstanden ist, zugleich seiner eigenen Geschichte auf die Spur gekommen.
Weißer Turm, Darmstadt, Ernst-Ludwig-Str.: Bis 30. 7., Mi. 15 bis 19, Sa. 11 bis 16 Uhr.
Darmstädter Echo, 3. Juli 2004:
Wo Wunderbäume wachsen. Duo-Projekt: Der Pianist Christoph Spendel und der Darmstädter Geiger Gerd Putscheff im Gewölbekeller des Jazzinstituts
DARMSTADT. „Willkommen zum Fußball-Kontrastprogramm“, begrüßte der Pianist Christoph Spendel am Donnerstagabend die Gäste im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut und fügte hinzu: „Wir spielen miteinander und haben auch kein Trainerproblem.“ Damit meinte er seinen Partner, den Geiger Gerd Putscheff, mit dem er das Projekt über die Kunst des Duospiels als „The Art of the Duo“ vorstellte.
Die beiden Dozenten an der Frankfurter Musikhochschule treffen sich daneben immer wieder zum Musizieren. Spendel gilt als einer der profiliertesten jungen deutschen Jazzpianisten. Er hat New-York-Erfahrung und erhielt in jüngster Zeit neue Impulse durch Aufenthalte in der Karibik. Im Gegensatz dazu agierte der gebürtige Darmstädter Gerd Putscheff eher bodenständig und machte sich durch seine grenzüberschreitenden musikalischen Experimente einen Namen.
Das Duo-Projekt der beiden umschreibt einen im Jazz relativ neuen Stil: Hinwendung zur Romantik und Abwendung von der elektronischen Verstärkung. Solchem Spiel kommt die ausgezeichnete Akustik im Kellergewölbe entgegen. Im Mittelpunkt standen Kompositionen aus dem lateinamerikanischen Raum und Standards aus dem „Great American Songbook“.
Beide Strömungen vereinte die wunderschöne Ballade „Poinciana“, die Geschichte vom Wunder-Baum, der in der Karibik anzutreffen ist. Hier konnten sich Putscheff und Spendel mit einfallsreichen Improvisationen auch solistisch in Szene setzten. Einen weiteren Akzent setzte der Pianist mit „Georgia“, einer Hommage an den kürzlich verstorbenen Ray Charles, bevor das Konzert mit Gershwins „A foggy Day“ swingend ausklang. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 2. Juli 2004:
Die Band swingt auf dem Pferdewagen. Ausstellung: Jazzinstitut erinnert im Weißen Turm an „Hot Circle “, einen Klub, der Darmstädter Jazzgeschichte schrieb
DARMSTADT. Die Idee der Berliner Loveparade könnte aus Darmstadt geklaut sein. Denn bereits in den fünfziger Jahren holperten dort jazzfiebrige Studenten mit Saxofon, Sousafon, Schlagzeug und swingenden Mädels auf Pferdekutschen in einem lärmenden Tross durch die Innenstadt. Das zeigt ein Foto, das derzeit mit vielen anderen Bildern aus Darmstadts Jazzgeschichte im Weißen Turm ausgestellt ist.
Das Jazzinstitut Darmstadt hat die informative und sehenswert aufbereitete Ausstellung über den „Hot Circle Darmstadt” (hcd) in aufwendiger Recherche zusammengetragen: Zu sehen sind alte Schellackplatten, Originalfotos und Dokumente des legendären Jazzklubs. Sie spiegeln einen Teil städtischer Kulturgeschichte, der von Darmstadts Bürgern initiiert und geschrieben wurde. Die Ausstellung zeigt: Man hatte in Darmstadt gerade die Kriegstrümmer beseitigt, die Häuser neu hochgezogen und auch die große Kultur wiederaufgebaut. Nun lechzten die jungen Heiner nach der amerikanischen „Siegermusik“, die ihnen lang vermisste Leichtigkeit und Lebensfreude versprach. Als Antwort auf das Verbot des Jazz durch die Nazis gründeten rührige Musikfans drum bereits 1947 einen Klub mit dem Namen „Hot Circle Darmstadt” (hcd).
Bis 1970 sollte dieser Klub das musikkulturelle Leben in der Heinerstadt mitprägen. Denn aus den privaten Plattenlauschtreffs der Pionierzeit wurde mit der Zeit eben Anderes: Man organisierte Konzerte, Vorträge und heiße Swingnächte. Die Truppe mauserte sich dadurch zu einer festen kulturellen Größe in der Stadt, aus der Bands und international anerkannte Jazzgrößen hervorgingen. Ihr Vereinslokal war zuerst die „Goldene Krone“, später traf man sich in den Kellerräumen der Otto-Berndt-Halle. Und die Halle selbst wurde zum Ort von Konzerten mit Jazz-Größen wie Albert Mangelsdorff oder Klaus Doldinger.
Die Ausstellung ist bis 31. Juli im Weißen Turm in Darmstadt zu sehen; mittwochs 15 bis 19 Uhr sowie samstags 11 bis 18 Uhr; Sonderöffnungszeiten zum Heinerfest: bis Montag (5.) täglich 14 bis 18 Uhr, am Samstag (3.) 11 bis 18 Uhr. Am Mittwoch (14.) ist um 19 Uhr in der „Goldenen Krone“ ein Gespräch mit ehemaligen Mitgliedern des Darmstädter Jazzklubs „Hot Circle“ – dabei ist auch der Jazzredakteur und ehemalige Klubvorsitzende Werner Wunderlich. Dazu jazzen die Veteranen der 1956 am Ludwig-Georg-Gymnasium gegründeten Dixie–Band „Long Louis Jazz Babies“. (Anja Trieschmann)
Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2004:
Ferienkurse für Neue Musik. Auftrag: Übergreifendes Improvisations-Projekt
Darmstadt · 25. Juni · H.L. · Auftragskompositionen sind in der zeitgenössischen Musik nicht unüblich. Auftragsimprovisationen aber - was soll das sein? Solf Schaefer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, und Wolfram Knauer, Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, haben sich das gemeinsam ausgedacht, und damit die Musiker es sich nicht zu leicht machen, wurde auch noch das ebenfalls in Darmstadt ansässige Deutsche Polen-Institut mit ins Boot geholt. So geht es nun um ein deutsch-polnisches literarisch-musikalisches Projekt, zu dem 14 Musikerinnen und Musiker mit der Schriftstellerin Natasza Goerke (die abwechselnd in Hamburg und Poznan lebt) zusammen kommen.
Den Rahmen bilden die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik, die vom 7. bis 22. August den Darmstädter Kulturbetrieb dominieren werden, und der Auftrag an die elf Künstler lautet, ohne weitere Vorgaben zehn Tage miteinander zu arbeiten und dann das Ergebnis vorzustellen. Das wird am 19. August in der Darmstädter Centralstation geschehen; einen Monat später präsentiert die gleiche Gruppe ihr Projekt noch einmal im Rahmen des internationalen Musikfestivals "Warschauer Herbst". www.imd.darmstadt.de (Hans-Jürgen Linke)
Darmstädter Echo, 25. Juni 2004:
Für alles offen. Ausblick: Kooperationsprojekt zwischen Warschau und Darmstadt bei den Ferienkursen
DARMSTADT. Die Öffnung im Osten und die Aufnahme Polens in die EU haben kulturellen Grenzüberschreitungen einen neuen Schub gegeben. Jetzt arbeiten das die Ferienkurse ausrichtende Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), der Deutsche Musikrat, das Jazzinstitut Darmstadt, das Deutsche Polen-Institut Darmstadt und der Warschauer Herbst an einem Kooperationsprojekt, das bei den diesjährigen Internationalen Ferienkursen für Neue Musik (7. bis 22. August) in Darmstadt aufgeführt werden soll. Vierzehn Musiker, die mit Jazz, Improvisation und Neuer Musik vertraut sind, und eine Schriftstellerin, die in Hamburg und Posen lebende Natasza Goerke (Jahrgang 1960), befassen sich etwa zehn Tage in Darmstadt mit dem Projekt „Shared Spaces“, das am 19. August um 20.30 Uhr in der Centralstation aufgeführt wird. Oberbürgermeister Peter Benz, Solf Schaefer, Direktor des IMD, Dieter Bingen, Direktor des Polen-Instituts, und Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts, stellten gestern im IMD das Projekt vor, das am 18. September auch beim Warschauer Herbst erklingen soll.
Alle Mitwirkenden seien für alles offen, erklärte Knauer, der spannende Interaktionen erwartet, selbst wenn sie scheitern sollten. Früher seien polnische Künstler noch reserviert gegenüber Darmstadt gewesen, da man den Stil der fünfziger und sechziger Jahre im Sinn gehabt habe, die die Ferienkurse einst prägten, berichtete Schaefer. Während jetzt die Musiker zunächst nur irritiert über die Literatin gewesen sein sollen; doch Bingen meinte, die Autorin sei durch ihre Beschäftigung mit fernöstlicher Philosophie offen genug, auch mit den Musikern eine gemeinsame Basis zu finden. Benz hob die Zusammenarbeit zwischen den Darmstädter Kulturinstituten hervor und wehrte sich dagegen, auf Seiten der Kultur Einsparungen vorzunehmen, denn kulturelle Einrichtungen seien „für unsere Stadt lebensnotwendig“, sagte Darmstadts Oberbürgermeister. (Heinz Zietsch)
Darmstädter Echo, 21. Juni 2004:
Mit Freuden traurig. Konzert und Gespräch: Friedhelm Schönfeld und Ekkehard Jost im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Es liegt im Wesen des vom Darmstädter Jazzinstitut ausgerichteten „Jazz Talk“, dass dazu Persönlichkeiten und Gruppen eingeladen werden, die für den Jazz wegweisend sind. Am vergangenen Freitag war ein Musiker der Jazzszene der ehemaligen DDR zu Gast, der dort in den sechziger Jahren mit seinem Trio für Furore sorgte, als er nach der Flucht des Pianisten Joachim Kühn mit dessen Bassisten Klaus Koch und Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer neue Wege ging.
Obwohl Saxofonist Friedhelm Schönfeld als europäisch geschulter Musiker Konventionen pflegte, integrierte er mehr und mehr neue Kompositionstechniken und versuchte, sie in den Improvisationen auszuspielen. Dieses Konzept mit nach wie vor melodischen Inhalten, aber neuen Abläufen in Harmonik und Rhythmik, machte es anfangs nicht leicht, sich der Intuition gänzlich hinzugeben. Von seinem Trio sprach man damals „von der ersten stabilen Gruppe des neuen Jazz in der DDR“. Das Konzept war ein entscheidender Schritt zu einer freieren Spielweise. Schönfeld wurde zu einer Schlüsselfigur, als sich in den siebziger Jahren das Kulturleben in der DDR zu lockern begann und mehr Kontakte zur internationalen Jazzszene geknüpft werden konnten.
Vor einem Jahr lernten sich Schönfeld und der Saxofonist und Jazzforscher Ekkehard Jost näher kennen; daraus entstand eine Zusammenarbeit im Quartettformat. Die Begleiter Josts, Bassist Dieter Manderscheid und Schlagzeuger Joe Bonica, waren mit von der Partie, als sich die beiden Saxofonisten jetzt im Darmstädter Jazzinstitut trafen. Ihr Konzert war – gewollt oder ungewollt – die Spiegelung der Entwicklung beider Musiker. Man begann mit Kompositionen führender amerikanischer Musiker der fünfziger Jahre, auch mit eigenen Stücken ähnlicher Machart, als sich Cool Jazz und Westcoast für die Musiker hier wie dort leichter integrieren ließen. Dann wurde der Hard Bop das zentrale Orientierungsmuster, von dem aus man sich leichter auf freieres und energetischeres Spiel einlassen konnte. Dies konnte man nach einem aufschlussreichen Gespräch mit Schönfeld verfolgen, dem man anmerkte, dass ihn die Musik jung bleiben ließ.
Außerdem spielte Schönfeld noch auf der Querflöte und widmete sich in den Zugaben auch der Klarinette. Zupackend gerieten ein Blues sowie ein Trauermarsch aus New Orleans. Baritonsaxofonist Ekkehard Jost meinte dazu verschmitzt: Ziel des Trauermarschs sei es, die Zuhörer traurig nach Hause zu schicken. Klar, dass dabei nur das Gegenteil herauskommen konnte. (Ulfert Goeman)
Frankfurter Rundschau, 14. Juni 2004:
Respektloser Vogel in Kobaltblau. Leszek Mozdzer interpretiert im Darmstädter Jazzinstitut Chopin höchst eigenwillig
Unbekümmert um den langen Schatten, den Fréderic Chopin noch immer über die Kulturwelt seiner Heimat wirft, haben die Jazzer in Polen aus dem kreativen Umgang mit dem Nationalkomponisten einen Volkssport gemacht. Was in den Siebziger Jahren brav begann mit den Novi Singers, ist mittlerweile eine wesentlicher Teil des polnischen Musiklebens geworden. Eine Aufnahme mit "Impresje na tematy Chopina" hat auch Leszek Mozdzer eingespielt, und er hätte die CD gerne in Darmstadt an sein Publikum verkauft dummerweise ist ihm sein Vorrat schon beim ersten Deutschland-Konzert aus den Händen gerissen worden.
Zuhause in Polen ist Mozdzer ein Star. Hier kennt aber man ihn nur aus seiner Zusammenarbeit mit im Westen populären Musikern. Er hat Aufnahmen gemacht mit David Friesen und Lester Bowie, Filmmusiken einspielt mit Zbigniew Preisner, Piano gespielt auf der CD Barefoot der Sängerin Ana Maria Jopek. Dem Publikum im Keller des Jazzinstituts präsentiert sich ein schräger Vogel. Das fängt an mit der Garderobe, einem enggeschneiderten Anzug in kobaltblau mit großen Mustern, und endet noch lange nicht beim respektlosen Umgang mit den Klassikern. John Coltranes "Dances" beginnt er hingebungsvoll - jeden Anschlag benennt er sprechsingend in den ersten Takten, bis er die Vorlage auflöst in kräftigen Rhythmen. Vielseitig ist er, der 1971 geborene Mozdzer. Mal rollt und wogt sein Pianospiel afrikanisch wie bei McCoy Tyner, mal lispelt es lyrisch wie bei Keith Jarrett.
Das Improvisieren über vorgegebene Muster aber ist Mozdzers Markenzeichen, und besonders gerne nimmt er als Vorlage die Klavierwerke seines Landmannes Chopin. Dessen Mazurken, Nocturnes und Praeludien sind dem klassisch ausgebildeten Pianisten natürlich vertraut, und ihm gelingen ebenso respektlose wie überzeugende Variationen. Mit energischem Anschlag verwebt er Chopins Themen mit Bebop-Phrasen und Ragtime, mit Calypso und Funk. Da flicht er das Praeludium As Nr. 2b zusammen mit Bobby Sherwoods "Secret Love" und von ferne schimmert Herbie Hancocks "Mayden Voyage" durch eine Mazurka. Chopins Etüden klingen plötzlich nach Satie, und aus braven Harmonien moduliert teuflisch quere Vexierbilder - ein Könner, dem der Schalk im Nacken sitzt. (Gerd Döring)
Darmstädter Echo, 14. Juni 2004:
Chopin als Jazzer. Konzerte: Musiker aus Polen und Russland gastieren in Darmstadt
DARMSTADT. Die Beziehungen zwischen Jazz und klassischer Musik sind zwiespältig: Puristen betrachten das Verjazzen klassischer Musik als ärgerlich und überflüssig wie das Übermalen fertiger Bilder. Trotzdem waren Projekte, insbesondere von Pianisten, wie etwa „Play Bach“ des Franzosen Jacques Louissier, ungemein erfolgreich. Während der Debussy-Interpret Friedrich Gulda Jazz und Klassik sauber in zwei Konzerthälften trennte, versuchte sich der Rumäne Eugen Cicero mit seinen Chopin-, Tschaikowsky- und Liszt-Interpretationen an der Vereinigung der Musikwelten. Dabei wiegt das Sakrileg beim Polen Chopin etwas leichter, da dieser ohnehin, wenn auch auf höchstem Niveau, Salonmusiker war.
Der polnische Pianist Leszek Mozdzer gastierte am Samstag mit „Chopin meets Jazz“, einer gemeinsamen Veranstaltung des Deutschen Polen-Instituts und des Jazzinstituts, im Gewölbekeller unterm Kavaliershaus. Der 1971 geborene Künstler konzentriert sich seit über einem Jahrzehnt auf das Thema Chopin und setzt sich kreativ-improvisatorisch mit den Werken seines berühmten Landsmannes auseinander. Mozdzer begeistert das zahlreiche Publikum, verbindet spielerisch das Inspirationsmaterial mit den Jazz-Komponenten zu einer aufregenden Melange.
Zur gleichen Zeit und nur wenige Meter entfernt, hatte der Jagdhofkeller Gäste aus einem noch weiter östlich gelegenen Land, die „Moscow Jazz Band“. Mit diesem Konzert beendete der Verein für Kunst und Musik die Kellersaison und wird bis zum Ende des Sommers nur noch sporadische Freiluft-Veranstaltungen ausrichten. Die Gäste aus der russischen Metropole hingegen verbringen den Sommer vorwiegend in Westeuropa, wo sie zu vielen Festivals eingeladen sind. Kein Wunder, ihr typischer Oldtime-Jazz mit Elementen der russischen Folklore stellt eine populäre Variante dieser unverwüstlichen Musik dar und erfreut Zuhörer aller Generationen.
Schon 1985, als sich der Eiserne Vorhang allmählich zu heben begann, wurde das Sextett gegründet. Aus der Originalbesetzung übrig geblieben ist nur noch der Leiter und Posaunist Vladimir Lebedev. Obwohl die Gruppe seit 1990 regelmäßig auf Tournee in den Westen geht, war dies ihr erster Auftritt im Bessunger Jagdhofkeller, wo Gastspiele von Bands aus dem Osten eine lange Tradition haben. (Hans-Dieter Vötter)
[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Darmstädter Echo, 7. Juni 2004:
Kurios, originell und traditionell
DARMSTADT. In seiner schweizerischen Wahlheimat ist der Schlagzeuger Gilbert Paeffgen durch Crossover-Projekte bekannt. Mit einem reinen Jazz-Trio (Klavier, Bass, Schlagzeug) stellte sich Paeffgen am Freitag im Jazzinstitut in Darmstadt vor. Souverän lenkt er seine beiden Mitspieler durch das Dickicht komplexer Eigenkompositionen. So entsteht spannender Interaktions-Jazz gleichwertiger Partner, die zweifellos die leisen Töne bevorzugen. Dennoch sind im Spiel des Pianisten Hans Peter Pfammatter und des E-Bassisten Nicolas Thys Einflüsse der neuen Groove-Kultur unverkennbar. Ungewöhnliche Klänge entstehen, wenn der Schlagzeuger auf das Appenzeller Hackbrett, eine Art Zither, umsteigt. Die kurios wie originell wirkenden musikalischen Experimente gelingen und fesseln das staunend-amüsierte Publikum. Von einer völlig anderen Jazz-Variante waren die Besucher am Samstag im benachbarten Jagdhofkeller fasziniert: Die Münchener Allotria Jazzband begeisterte mit swingendem Hot-Jazz der Spitzenklasse. Das siebenköpfige Orchester besticht durch sicheres Zusammenspiel und besitzt Solisten, die stets zum Szenenbeifall reizen. Im Repertoire der Mannen von der Isar befinden sich Kompositionen aus den ersten vier Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Bandleader Rainer Sander, der exzellent Klarinette bläst, kann sich mit Stephan Zimmermann und Colin Dawson auf zwei der derzeit besten Trompeter in diesem Genre verlassen. Hinzu kommt Posaunist Fritz Stewens mit temperamentvollen Chorussen, angeheizt von einer souveränen Rhythmusgruppe. (hdv)
Frankfurter Rundschau, 1. Juni 2004:
Kontrolle und Ekstase. Evan Parker, Barry Guy und Paul Lytton denken Musik vor allem intensiv - diesmal in Darmstadt
Das Material hat sich kaum gewandelt. Seit 30 Jahren bewegen sie sich um die gleichen Kernaussagen. Immer noch, immer wieder finden Evan Parker, Barry Guy und Paul Lytton, die den Free Jazz nach England und von da aus nach Europa brachten, zusammen, stellen Bass, Saxofon und Schlagzeug auf die Bühne und arbeiten sich frei improvisierend aneinander ab, ohne dass sich die lange erprobten Verfahren geschliffen hätten, ohne dass Routine die enorme Frische ihrer Musik überlagern würde.
"Ständiges Feedback", so Parker, sei das Fundament ihrer Kommunikation, die immer zwei Seiten hat: den Moment und die gemeinsame Geschichte. Die Spontaneität, die Energie des Augenblicks ist nie nur im Jetzt entstanden, sondern fußt hörbar auf dem in Jahrzehnten erworbenen Vertrauen, auf Erfahrungen unzähliger Sets und auf die Kenntnis des anderen. Nicht dass sie wüssten, was kommt, das wäre Routine. Aber sie wissen, auf das, was kommt, zu antworten, zu reagieren. Und so bedeutet freies Improvisieren bei Parker, Guy und Lytton eben nicht nur abzuwarten, sondern zugleich immer die Kontrolle zu behalten über Material und Artikulation, Kontrolle über die Richtung, in die Musik sich entwickelt, über die Strukturen, die entstehen.
Zwingende Kohärenz, enorme Dichte, eine nie ausufernde, weitschweifende, sondern immer zielgerichtete kinetische Energie - Parker, Guy und Lytton denken Musik vor allem intensiv. Höchstens zu Anfang ihrer langen Stücke sucht die Musik noch im Amorphen, ist nur Klang und noch nicht Energie. Danach werden, wie Parker vor Jahren einmal sagte, "Entscheidungen klar und sauber gefällt, eine Linie scharf geschnitten". Ambivalenzen gibt es nicht. Im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts suchen die Drei nach Eindeutigkeit und Klarheit, egal wie komplex die Musik, wie hoch das Tempo ist, in dem sie aufeinander reagieren. Ohnehin denken sie Gegensätzliches zusammen, so bestimmt und selbstverständlich, dass es gar nicht mehr als etwas Gegensätzliches auffällt: Konzentration und Ekstase beispielsweise oder, eine uralte Debatte nivellierend, Improvisation und Komposition. Und sie beantworten ganz nebenbei auch noch die Frage, ob die gute, alte Idee der freien Improvisation nicht längst überholt sei. Sie ist es nicht. (Tim Gorbauch)
Darmstädter Echo, 28. Mai 2004:
Wie man die Ohren täuschen kann
DARMSTADT. Das Trio Parker, Guy und Lytton gilt als eine der ältesten Formationen des modernen, europäischen Jazz. Am Mittwoch waren die Briten im Darmstädter Jazzinstitut zu Gast. Der 1944 in Bristol geborene Saxofonist Evan Parker gilt nicht nur als bedeutender Exponent der freien Improvisation, sondern hat sich auch einen Namen in der Weiterentwicklung der Spieltechniken gemacht. Auf dem Sopransaxofon hat Parker seine Atemgebung derart verfeinert, dass „akustische Täuschungen“ auftreten können, die er „Tanz der Ohren“ nennt. Mit diesem Phänomen sind Strukturen gemeint, die aus zwei gleichzeitig, aber unabhängig voneinander laufenden Melodielinien entstehen. In einem mehrminütigen Solo demonstrierte er diese Spielweise eindrucksvoll.
Mit dem Kontrabassisten Barry Guy trat ein musikalischer Grenzgänger auf, der mit gleicher Kompetenz im Jazz wie in Neuer Musik aktiv ist. Sein Solo verblüffte mit ungewöhnlichen Facetten auf dem fünfsaitigen Instrument. Unter Verwendung zweier Bögen erzielt er durch Streichen, Zupfen und Schlagen einen mehrstimmigen Sound, den er mit geradezu artistischem Körpereinsatz in Gang hält. Gleichermaßen virtuos bedient Schlagzeuger Paul Lytton sein um zahlreiche Accessoires erweitertes Trommel-Arsenal. Die Kollektivimprovisation der drei Individualisten führte über ohrenbetäubende, expressive Höhepunkte zu fast elektronisch wirkenden Klangräumen. Das Publikum im brechend vollen Gewölbekeller war beeindruckt. (hdv)
Darmstädter Echo, 10. Mai 2004:
„Mehr mit weniger Noten sagen“
DARMSTADT. Der 1935 in Heidelberg geborene Multiinstrumentalist, Komponist und Musikpädagoge Karl Berger ist ein echter Woodstock-Musiker: Während das legendäre Festival in einem Vorort lief, gründete Berger mit dem Freejazz-Pionier Ornette Coleman in Woodstock sein „Creative Music Studio“. Seitdem pendelt er zwischen Amerika und Europa, erläutert und praktiziert seine Musiktheorie, in deren Zentrum Kreativität und Kommunikation stehen. Im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut gastierte er am Freitag mit einem Quartett, das er für die kurze Europatournee zusammengestellt hat.
Neben seiner Frau, der Lyrikerin und Vokalistin Ingrid Sertso, hat er dazu den amerikanischen Schlagwerker Bill Elgart und den Darmstädter Kontrabassisten Jürgen Wuchner eingeladen. „Mehr mit weniger Noten sagen“, ist die Altersweisheit und Maxime von Karl Berger, dem es bei seinen Darbietungen um Entfaltung der individuellen Ausdrucksfähigkeit bei gleichzeitiger Kommunikation mit den Zuhörern geht. Das verwendete Material ist dabei eher zweitrangig, entscheidend ist die Interpretation, die möglichst ohne Kopieren auskommen sollte. Seine Partnerin Ingrid Sertso demonstriert das exemplarisch bei Kompositionen, in die sie eigene Texte integriert. Beim lebhaften „Africa“, einer auf einem senegalesischen Volkslied basierenden Komposition, verbindet sie Jazzphrasierung mit ihren eigenen Wurzeln in Marokko zu einer fesselnden Synthese.
Für die beiden Rhythmiker erfordert die Begleitung hohe Sensibilität und schnelles Erfassen von überraschenden Wendungen. Wuchner und der in Ulm lebende Amerikaner Bill Elgart verfügen in hohem Maße darüber. Beide können neben handwerklicher Perfektion auf originelle Einfälle zurückgreifen. (hdv)
Darmstädter Echo, 27. April 2004:
Hohe Ansprüche. Konzert - Kathrin Lemke und ihr Quartett "JazzXclamation" spielen im Gewölbekeller
Darmstadt. In der Reihe "Rockjazz" des Darmstädter Jazzinstituts stellte sich am Freitag die in Berlin lebende Komponistin und Saxofonistin Kathrin Lemke mit ihrem Quartett "JazzXclamation" vor. Das Publikum war durch Vorschusslorbeeren mit Spannung erfüllt, es wurde nicht enttäuscht: Die in Heidelberg geborene Bandleaderin überzeugt durch ein unverkrampftes Verhältnis zur Musik. Unter ihren Kompositionen finden sich scheinbar einfache Songs, deren Strukturen jedoch schnell verfremdet und jazzmäßig variiert werden.
Ihr kongenialer Partner ist der ebenfalls aus dem Rhein-Neckar-Raum stammende Keyboarder Peer Neumann. Am Konzertflügel sitzend bedient er dazu noch ein Fender-Rhodes-Piano und eine elektronische Orgel, manchmal simultan, häufig wechselnd. Während Neumann ziemlich alle Freiheitsgrade auslotet, baut Kathrin Lemke ihre Improvisationen auf dem Altsaxofon zunächst konventionell auf. Gelegentlich greift sie auch zur Bassklarinette und erzielt im Zusammenspiel mit dem auf eine Melodika umgestiegenen Pianisten überraschende Effekte.
Zur Abrundung bedarf es einer sensiblen Rhythmusgruppe, die den hohen Ansprüchen der Beiden gewachsen ist. Kontrabassist Stephan Bleier und Schlagwerker Michael Griener bilden dieses kreative Team. Wie erwartet passt "JazzXclamation" in keine stilistische Schublade: "Eigentlich nur so weitermachen, mal wieder was aufnehmen, Konzerte spielen und neue Stücke schreiben", will Kahtrin Lemke. Dass dabei großartige Ergebnisse erzielt werden können, bewies ihr Auftritt im Jazzinstitut. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 19. April 2004:
Reguliertes Chaos. Jazz: Ein Konzert beendet den Workshop mit dem Posaunisten Johannes Bauer
DARMSTADT. In der DDR war jazzbeeinflusste Populärmusik als „Rauschmusik im Interesse des amerikanischen Imperialismus“ verfemt, der Free Jazz entging seiner Ächtung nur dank der geringen Resonanz beim Publikum. Dennoch bildeten sich auch im Osten Free-Jazz-Zirkel: Zu den Vorkämpfern dieser Szene gehörten die Gebrüder Conny und Johannes Bauer, beides Posaunisten.
Johannes Bauer kam vor einigen Jahren als Dozent der alljährlichen „Jazz Conceptions“ nach Darmstadt und begeisterte hier als charismatischer Lehrer: Die Teilnehmer seiner Gruppe beschlossen, den Kurs zu einer festen Einrichtung zu machen. Vergangene Woche traf man sich drum zum dreitägigen Workshop „Art Hoc And Guests“ im Jazzinstitut Darmstadt.
Bei der öffentlichen Abschlussveranstaltung am Freitag im Gewölbekeller präsentierte man die erarbeiteten Strukturen dann vor Publikum. Den Beginn machte das „Freispielen“: eine entfesselte, durch wenige interaktive Momente gebremste Kollektivimprovisation. Um auf das Chaos regulierend einzuwirken, hatte Johannes Bauer aus den zwölf Teilnehmern des Workshops mehrere Gruppen gebildet, die in immer neuen Zusammensetzungen für interessante Klangerlebnisse sorgten.
Meist scharte er seine Schüler im Halbkreis um sich, dirigierte mit leichter Hand oder stieg selbst mit der Posaune ein. Instrumental waren die Saxofone dominant, doch kamen neben Kontrabass, Klavier und Schlagzeug auch etliche Vokalisten zum Zug. Die überraschend spontane Gruppendynamik sorgte dabei für ungewöhnliche Geräuschkombinationen. Beim „Finale Furioso“ spielten dann alle zusammen.
Hans-Dieter Vötter
Darmstädter Echo, 11. März 2004:
Fantastisch ist die Wirklichkeit. Ausblick: Uraufführung einer Literaturvertonung – Uli Partheils Playtime mit Rüdiger Gieselmann einem Konzert für Sprecher und Jazz-Trio nach Texten von Eduardo Galeano
DARMSTADT. Der Pianist Uli Partheil ist ein grüblerischer Mensch. Irgendwann entdeckte er die Geschichten eines anderen grüblerischen Menschen, des Dichters Eduardo Galeano aus Uruguay. In den Gedanken des südamerikanischen Kulturkritikers fand er viele seiner eigenen Einsichten wieder. Am stärksten beeindruckte ihn Galeanos „Buch der Umarmungen“, das Erich Hackl 1991 mit Feingefühl ins Deutsche übersetzte. Seither webte der Darmstädter Musiker Bilder aus Montevideo in seine Kompositionen und so reifte die Idee, Erzählungen mit Noten zu verbinden. Es gelang ihm, den Pfarrer Rüdiger Gieselmann für das Projekt zu begeistern. Am Freitag (12.) ist im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut in Darmstadt die Uraufführung geplant.
Der Journalist und Historiker Eduardo Galeano (64) wurde in den siebziger Jahren bekannt. Wie zahlreiche Intellektuelle, glaubte auch er damals, „dass die Welt noch zum Guten zu ändern“ sei. 15 Jahre verbrachte er im Exil und schrieb gegen die lateinamerikanischen Diktaturen an. Nach der Demokratisierung kehrte er in seine Heimat Uruguay zurück und geißelte die neoliberale Weltwirtschaftspolitik.
Schon rein äußerlich ist das „Buch der Umarmungen“ von ganz anderem Zuschnitt. Kaum eine Erzählung ist länger als eine Seite – die meisten sind kurze Gedankensplitter. Die Inhalte scheinen unpolitisch, gehen dem Leser aber nicht mehr aus dem Kopf. So ging es auch Uli Partheil.
Der 1968 in Darmstadt geborene Pianist studierte in Mannheim Komposition und gründete vor 15 Jahren das Jazz-Trio „Playtime“, dem außer Partheil selbst heute der Kontrabassist Udo Brenner und der Schlagwerker Holger Nesweda angehören. Geschäftsgrundlage ist der traditionelle Jazz in kleinen Besetzungen vom Ragtime bis zum Bebop. Den Zuhörern gehen dabei unwillkürlich Namen wie Duke Ellington oder Thelonious Monk durch den Kopf.
Partheil ist ein gesuchter Session-Musiker und hat zahlreiche Solisten am Klavier begleitet. In dem Galeano-Projekt will der Jazzmsuiker vor allem die Atmosphäre der Geschichten mit liedhaften Kompositionen verdichten und Kontrapunkte zur Rezitation von Rüdiger Gieselmann setzen.
„Das Wirkliche ist hier fantastischer, als die Fantasie“, sagt Galeanos Übersetzer. Die Texte beziehen ihre Wucht aus der einfachen Sprache und ihre Heiterkeit aus der Melancholie. Sie handeln von den „Nichtsen“, die billiger sind als die Kugel, die sie tötet – in einem Land, in dem Männer nur selten eines natürlichen Todes sterben. „Je mehr sie zahlen, um so mehr verschulden sie sich, und je mehr sie verkaufen, desto weniger erhalten sie.“
Galeano erzählt außerdem von den Flöhen, die davon träumen, sich einen Hund zu kaufen und von den Polizisten, die das Verbrechen nicht bekämpfen können, weil sie damit beschäftigt sind, es zu begehen, und er erzählt auch von der Kunst, die nichts anderes ist als Kunst, denn sonst ist sie für Galeano nur noch schlecht.
Das Konzert mit Uli Partheils Playtime und Rüdiger Gieselmann ist am morgigen Freitag (12.) um 20.30 Uhr im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut in Darmstadt. Das Buch dazu: Eduardo Galeano, „Das Buch der Umarmungen“.. Unionverlag, Zürich, 271 Seiten, 8,90 Euro. Veranstalter ist der Jazz Förderverein Darmstadt. (Marc Mandel)
Darmstädter Echo, 9. März 2004
Abenteuer zwischen den Stilen
DARMSTADT. Ähnlichkeiten des Bandnamens mit einem bekannten Fußballer sind kein Zufall: „Olaf Ton“ nennt sich eine Berliner Nachwuchsband, die sich am Freitag im Gewölbekeller unterm Darmstädter Jazzinstitut vorstellte. Schon eher Zufall war es, dass es in Norwegen einen Immobilien-Magnaten des gleichen Namens gibt, der die fünf Berliner bei einem Gastspiel in Erklärungsnot brachte. Denn weder mit dem einen noch dem anderen haben sie musikalisch etwas zu tun. Sie stürzen sich vielmehr in das Abenteuer einer stilübergreifenden Kombination zeitgenössischer Elemente. Originalität, Spielwitz und technische Perfektion sind die Zutaten für eine fesselnde Mischung, die von Free-Jazz bis Hiphop reicht. Die Frische und Spontaneität aller Mitwirkenden wirkt ansteckend und mitreißend, doch das Publikum findet häufig nicht den richtigen Moment für Zwischenbeifall, so ungewöhnlich sind die Abläufe. Dabei erinnert die Frontline aus Trompete, Klarinette und Posaune verdächtig an Besetzungen des Oldtime-Jazz. Hinzu kommt eine kleine Rhythmusgruppe aus Kontrabass und Schlagzeug, die bei „Olaf Ton“ für fetzige Bewegung sorgt. In ekstatischen Höhenflügen zelebrieren die Instrumentalisten ihre geradezu besessene Spielfreude. (hdv)
Frankfurter Rundschau, 18. Februar 2004:
Duo halbiert. Michael Naura zu Gast im Darmstädter Jazzinstitut - mit Ersatz für den erkrankten Partner Schlüter
Fünfzig Jahre lang haben sie zusammen Musik gemacht. Mit großer Geste und kantigem Anschlag der eine, mit ruhig fließendem und filigranem Spiel der andere. Im November hat das Duo Michael Naura / Wolfgang Schlüter im Hamburger Birdland das offiziell letzte Konzert gegeben. Er wolle nicht dereinst, so Naura, "sabbernd wie Methusalem an den Tasten hängen". Ob's dabei bleibt?
Nun waren die beiden eingeladen zum Duo-Konzert mit Jazz-Talk nach Darmstadt. Dort sitzt Naura am Klavier im Keller des Jazzinstituts, während Schlüter in einem Hamburger Krankenhaus liegt. Jürgen Wuchner, sozusagen der Hausbassist, übernimmt es, den Mann am Klavier rhythmisch zu stützen. Ein paar kurze Absprachen genügen, und die beiden liegen auf einer Linie. Kleine Improvisationen versuchen sie in Swing und Hardbop. Mal eine groovende Nummer, dann eine fast zärtliche Ballade, und sogar eine Free-Jazz-Einlage mit ruppigem Pizzicato gibt es zu hören. Flink improvisierte Schaumblasen, die in ihrer Vielgestaltigkeit an Stationen erinnern, die Naura hinter sich hat: den von den US-Vorbildern inspirierten Swing der Nachkriegsjahre, das Freischwimmen im Hardbop mit seinem Quintett, den Aufbruch des Free-Jazz in den Sechzigern und die Entdeckung einer europäischen Route nach 1970 - Naura hat alles probiert. Als Musiker, Journalist, Ideengeber und Förderer.
Natürlich kommt er im anschließenden Gespräch mit Wolfram Knauer, Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, schnell auf die Partnerschaft mit Schlüter zu sprechen. 1953 begegneten sich die beiden zum ersten Mal. Beide studierten, Naura hatte schon ein eigenes Jazz-Quartett. Wie alle klebte er am Swing, und seine Begeisterung für George Shearing ging so weit, dass er ein Quintett nach dem Vorbild des Verehrten zusammenstellte - mit Schlüter am Vibraphon. Die Hausgötter hießen John Lewis und Horace Silver. "Wir hotteten, bis uns die Finger bluteten", schreibt Naura in seinem Buch Jazz-Attacken. Als sein Quintett mit dem Jazz-Poll als beste deutsche Jazzband ausgezeichnet (1962/63), stoppte den Pianisten eine schwere Entzündung: Polyserositis. Ein Jahr verbrachte er im Sanatorium, dann ging er zum NDR in die Jazz-Redaktion. Von 1963 bis 1999 machte er sich hier stark für seinen Jazz, den er versteht als Musik der Aufklärung, des Widerstands.
Noch heute gibt Naura gerne den coolen Bopper mit der derben Zunge. Das ergibt süffige Texte, die versammelt sind in Essay-Bänden wie dem Jazzpanorama Cadenza (Europäische Verlagsanstalt), aus dem er Kostproben liest - etwa den bissigen Nachruf auf Rex Gildo. "Es gibt Verse", so Naura, "zu denen fällt mir noch nicht mal 'ne Mundharmonika ein." Das gilt natürlich nicht für die Gedichte von Peter Rühmkorf. Mit dem Lyriker verbindet Naura und Schlüter seit 1966 eine produktive Partnerschaft. Flugs sitzt Naura wieder am Klavier und grölt: "Komm raus aus deiner Ebereinzelbucht. . ." So etwa, sagt er, "hört sich das an, wenn wir unterwegs sind mit Jazz & Lyrik". (Gerd Döring)
Darmstädter Echo, 16. Februar 2004:
Von Keller zu Keller. Jazz im Gespräch: Michael Naura spielt und erzählt im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. In der 33. Folge der Reihe „Jazz-Talk“ hatte Wolfram Knauer, Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, den Pianisten Michael Naura zu Gast, einen Musiker, der für seine Scharfzüngigkeit bekannt ist. Der 1934 in Memel geborene und in Ost-Berlin aufgewachsene Naura gehört nicht zu jener Mehrheit von Jazzmusikern, die zwar wunderbar auf ihrem Instrument Geschichten erzählen können, aber sofort ins Stottern kommen, wenn sie über ihre Intentionen berichten sollen.
„Wollt ihr hier übernachten?“ rief er wohlgelaunt seinem Publikum zu, das nach dem Ende des musikalischen Teils keine Anstalten zum Gehen machte. Mit seinem Duo-Partner, dem Darmstädter Kontrabassisten Jürgen Wuchner, hatte er sich zuvor in der Kunst der Improvisation geübt – der eigentlich angekündigte Wolfgang Schlüter war krank. Gemeinsam mit Schlüter spielt Naura seit mehr als einem halben Jahrhundert, darunter viele Jahre in einer der beliebtesten Combos der sechziger Jahre, dem „Michael Naura Quintett“. Nach den plagiatorischen Jahren der Nachkriegszeit hatten sich die deutschen Jazzer von den amerikanischen Vorbildern gelöst und eigene Wege eingeschlagen. Mit ihrem subtilen Swing wollte das Quintett eine „Antimusik zum Haut-den-Lukas des Techno und einen Kontrapunkt zum Fleddern historischer und exotischer Musik" anbieten, erzählt Naura. Dabei zeigte die anstrengende „Untertagearbeit“ in den Jazzkellern bald jene gesundheitlichen Folgen, die für Naura das Ende der Tourneetätigkeit bedeuteten. In der Rekonvaleszenzphase erkannte er, dass „bei genauer Selbstprüfung eine Pianistenkarriere kaum zu erwarten war“.
Dankbar nahm er daher die Gelegenheit wahr, als Musikredakteur zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg zu gehen, wo er bis 1999 blieb. Während dieser Tätigkeit widmete er sich neuen Projekten wie der Zusammenarbeit mit dem Lyriker Peter Rühmkorf, mit dem er zu bemerkenswerten Synthesen aus Lyrik und Jazz gelangte. Neuerdings, im Ruhestand, widmet Naura sich verstärkt der Malerei. (hdv)
Darmstädter Echo, 9. Februar 2004:
Wenn Gesang Experiment ist
Darmstadt. Die Liedermacherin Sabrina el-Hanafi gehört zu einer jungen Generation von Sängerinnen, die den Jazz für sich entdeckt. Am Freitag stellte sie sich im Jazzinstitut mit einem Quartett vor, das sich im Spannungsfeld zwischen improvisierter Musik und vertonter Lyrik bewegt.
Mit Talent interpretierte sie Standards wie „Willow Weep for Me“, oder sie versuchte sich am Blues in „Black Coffee“. Und ihre drei Begleiter –Holger Henning an der Gitarre, Tobias Backhaus am Schlagzeug und Jürgen Wuchner am Kontrabass – lieferten dazu das passende harmonisch-rhythmische Fundament. Daneben konnten sie aber auch ihre improvisatorische Begabung solistisch beweisen. Die Sängerin streute eigene Kompositionen dazwischen – und erzeugte so einen reizvollen Kontrast. Dabei verlor Sabrina el-Hanafi auch die Ehrfurcht, mit der sie die klassischen Songs variierte. Nachhaltigen Beifall erhielt sie für die Eigenkomposition „Crossroad of My Life“, bei der sie sich auf der Gitarre begleitete: Ein Gesangstalent empfahl sich hier für weitere Experimente. (Hans-Dieter Vötter)
Frankfurter Rundschau, 3. Februar 2004:
Porträt der Woche. Der Doktor und der heiße Jazz
Darmstadt · 2. Februar · Das Institut, das er leitet, ist einzigartig. Zwar gibt es andere Archive, die sich ganz dem Jazz widmen, aber der Umfang der Sammlung im Darmstädter Jazzinstitut ist europaweit die größte: 60 000 Tonträger, 7000 Bücher, 40 000 Zeitschriften und 40 000 Fotos befinden sich unter dem Dach des alten Gebäudes an der Bessunger Straße, dem ehemaligen Kavaliershaus des barocken Jagdschlosses . "Nur an der Universität von Newark, New Jersey, und in New Orleans gibt es größere", erklärt Wolfram Knauer stolz. Darmstadt gleich hinter der "Wiege des Jazz" New Orleans? In der Tat erstaunlich.
Einem Jazzfan, der zwischen den Regalwänden des Instituts wandelt, geht sofort das Herz auf angesichts der Vielzahl an Schätzen. Auch dem 46-jährigen Wolfram Knauer, obwohl er als Angestellter der Stadt Darmstadt hier täglich arbeitet: "Ich kann mich hier selbst verwirklichen - ein seltenes Glück, das man beruflich das machen kann, was man gerne tut." Seit Gründung des Instituts 1990 ist er dessen Leiter. Zuvor hatte er an der Uni seiner Heimatstadt Kiel in Musikwissenschaften promoviert - über ein Jazzthema natürlich: "Zwischen Bebop und Free Jazz - Komposition und Improvisation am Beispiel des Modern Jazz Quartett", ist seine Arbeit betitelt. Nach kurzer Lehrtätigkeit an der Kieler Uni bewarb er sich erfolgreich in Darmstadt.
Was ihn dazu bewog, die frische Ostseebrise gegen die laue Mittelgebirgsluft einzutauschen, begründet er zweifach. Einmal in der Möglichkeit im Jazzinstitut Theorie und Praxis zu verknüpfen , andererseits sah er die Chance den "Elfenbeinturm" Uni zu verlassen. Die Verbindung von Theorie und Praxis drückt sich an seinem Institut schon baulich aus: im pittoresken Gewölbekeller gibt es regelmäßig Konzerte, einmal im Monat den beliebten Jazz Talk, zu dem Knauer, der 2002 den Hessischen Jazzpreis erhielt, die Musiker zum Interview auf die Bühne bittet.
Mit 14 entdeckte er den Jazz . Während seine Mitschüler Deep Purple und Pink Floyd hörten, faszinierten ihn seine ersten Konzertbesuche im nicht gerade als Modern-Jazz-Hochburg bekannten Kiel : "Das waren eher so traditionelle Dixieland-Sachen - aber kein ,Bier-Jazz'. Ich fand das damals toll." Mit einem Freund trampte er1975, als 17-Jähriger, nach Nizza zu seinem ersten Jazzfestival. Dort und später auf anderen Festivals, im französischen Antibes, Berlin oder Hamburg, sah er dann die Größen des Genres, darunter Ella Fitzgerald oder Cecil Taylor. "Der hat mich einfach nur umgeworfen", sagt er, heute noch begeistert von der "Spontaneität seines Spiels". Eine kurze Episode aus seinem Leben: "Ich habe in Frankreich mal zwei Tage lang als Roadie für Herbie Hancock gearbeitet. Sein damaliger Tourmanager war Deutscher und sprach mich darauf an, dass sie noch jemanden zum Instrumente schleppen bräuchten."
Von dem Erlebnis mit Cecil Taylor an war seine Begeisterung für improvisierte Musik geweckt. Sie hält sich bei ihm, der einem Elternhaus entstammt, in dem man "eher Klassik" hörte, bis heute. Hat ein Jazz-Experte wie er, der in allen Sparten bewandert ist, überhaupt einen Lieblingsmusiker? "Duke Ellington", sagt er spontan, "und Heinz Sauer." Den Duke schätze er besonders als Komponisten. "Kaum jemand konnte die Klangfarben des Orchesters so einsetzen." Und den Frankfurter Saxofonisten Heinz Sauer wegen seiner bis heute ungebrochenen Experimentierfreude.
Sauer war es übrigens, der das allererste Konzert in dem barocken Gewölbekeller gab: "Ich bin sicher, das waren die ersten Töne Jazz, die dort je zu vernehmen waren", erzählt Knauer lachend. (Frank Schuster)
Frankfurter Rundschau, 28. Januar 2004:
Längst nicht mehr alleine. Walgesang und Wege ins Freie: Ekkehard Jost und Jürgen Wuchner feiern Geburtstag im Darmstädter Jazzinstitut
Darmstadts Jazz-Clique feiert die Geburtstage von Ekkehard Jost und Jürgen Wuchner. 122 Lebensjahre werfen die beiden zusammen, und während Wolfram Knauer achtsam am Verschluss der Sektflasche fingert, findet er lobende Worte für die vorbildlich schamroten Geburtstagskinder. Gemeinsam ist beiden ihre Vorliebe für tiefe Töne, ihre Sturheit - auch im Festhalten an ihren eigenwilligen Projekten - und die Tatsache, so der Leiter des Jazzinstitut, dass sie beide Darmstädter seien. Jost nämlich, erklärt er dem staunenden Publikum, sei ein Darmstadtinus ehrenhalber. Geboren ist der Musiker und Pädagoge in Breslau, und er lebt immer noch in Gießen, wo er bis 2003 eine Professur innehatte. Aber seine Verdienste um das Musikleben in Darmstadt, die Konzerte in Kellern und Clubs, die Teilnahme an den Musikfesten - den Ferienkursen für Neuen Musik, den Jazz-Foren im Jazzinstitut oder den von Jürgen Wuchner gegründeten Jazz Conceptions - rechtfertigten, so Knauer, die Ehrenbürgerschaft allemal.
Natürlich wird an diesem Abend auch Musik gemacht. Ein paritätisch DA-GI-besetztes Quartett gestaltet den ersten Konzertteil. Jürgen Wuchner macht das, was er so unvergleichlich kann, er hält mit biegsamem und warmem Bass-Puls den Laden zusammen. Ekkehard Jost beweist einmal mehr seine Geschmeidigkeit am Baritonsaxofon und sein langjähriger Begleiter Joe Bonica bedient schlafwandlerisch sicher das Drum-Set. Emsig ratternd, mal den einen, mal den anderen Beat auslassend und immer wohldosiert - keine Kleinigkeit im engen Gewölbekeller. Am Klavier macht Uli Partheil seine Sache ausgezeichnet, findet sich mühelos ein ins dichte Miteinander der Älteren. Erster Höhepunkt ist ein bestrickend sinnliches Softly as in the Morning Sunrise, den zweiten muss sich das Publikum hart erarbeiten: Murphy (eine Komposition Josts) beginnt erst nach einer hingegrummelten Lesung aus dem Beckett-Text. Wuchners Bass stimmt ein mit betörenden Walgesängen.
Geburtstagskind Jürgen Wuchner erinnert nach der Pause an Hans Koller, den am 22. Dezember in Wien verstorbenen Nestor des europäischen Nachkriegsjazz. Wuchner hat lange Jahre mit Hans Kollers Free Sound gespielt, und sichtlich bewegt erzählt er von der langen Freundschaft mit dem Vorbild. Mit Kollers Last, not least verbeugt er sich vor dem großen Saxofonisten, mit seiner eigenen Komposition ADH (die Initialen der drei Vornamen Kollers) gelingt eine furiose Hommage, die ins Offene, Freie führt.
Längst ist das Quartett nicht mehr alleine: am Tenorsaxofon ist Frauke Kühner zu hören, und rechts und links der Bühne ackern die beiden Gitarristen Thomas Honecker und Holger Henning und alle gemeinsam bestreiten das Finale mit dem bittersüßen Blues St. James Infirmary. (Gerd Döring)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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[Fotos vom Konzert finden sich auf der Website von Wilfried Heckmann: http://www.jazz-vision.de]
Darmstädter Echo, 24. Januar 2004:
Wassermänner jazzen. Geburtstagskonzert: Ekkehard Jost und Jürgen Wuchner feiern im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. Unter dem Motto „122 Jahre Jazz“ haben der Kontrabassist Jürgen Wuchner (56) und der Baritonsaxofonist Ekkehard Jost (66) am Donnerstag ihren gemeinsamen Geburtstag bei einem gut besuchten Konzert im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut gefeiert. In einer kurzen Laudatio würdigte Wolfram Knauer die Verdienste der beiden Ausnahmemusiker. Diese weisen nicht nur die Gemeinsamkeit auf, am gleichen Tag im Zeichen des Wassermannes geboren zu sein, sondern wurden auch beide als Hessische Jazzpreisträger ausgezeichnet und haben sich für tief klingende Instrumente entschieden. Außerdem, so Knauer, sind sie ausgesprochene Sturköpfe, was ihnen bei der Durchsetzung scheinbar unmöglicher Projekte zustatten kommt.
Ekkehard Jost, Musikprofessor aus Gießen, gilt daneben als einer der profiliertesten deutschen Buchautoren zum Thema Jazz. Jürgen Wuchner, Protagonist der Darmstädter Jazzszene, leitet eine Musikschule und sorgt mit seinen „Jazz Conceptions“ für anhaltendes Interesse an hochkarätiger Musik. Zusammen mit dem Schlagzeuger Joe Bonica und dem Pianisten Uli Partheil formierten die beiden Jubilare ein Quartett, das in dieser Zusammensetzung erstmalig öffentlich auftrat. Stilistisch im zeitgenössischen Mainstream angesiedelt, wurde inspiriert über Standards („Softly, as in a Morning Sunrise“) oder Eigenkompositionen („What’s Up?“) improvisiert. Auffallend war dabei diesmal Wuchners kräftiger Walking Bass und die souveräne Beherrschung des sperrigen Baritonsaxofons durch Jost. Partheil und Bonica erwiesen sich als sensible Begleiter oder kreative Solisten.
Im zweiten Teil des Konzertes erschienen weitere Geburtstagsgäste auf der Bühne: Frauke Kühner (Saxofon), Holger Henning und Thomas Honecker (Gitarre). Das nunmehr zum Septett erweiterte Ensemble stellte den kürzlich verstorbenen Tenorsaxofonisten Hans Koller in den Mittelpunkt, einen der wichtigsten europäischen Jazzmusiker der Nachkriegszeit. Mit einer Hommage an den Neuerer, mit dem Wuchner viele Jahre musikalisch verbunden war, klang die kurzweilige Geburtstagsparty aus. (Hans-Dieter Vötter)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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[Fotos vom Konzert finden sich auf der Website von Wilfried Heckmann: http://www.jazz-vision.de]
Frankfurter Rundschau, 20. Januar 2004:
Was ist Patamusik? Norbert Stein und sein originell besetztes Quintett Pata Masters im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts
Imaginäre Lösungen? Regeln und Traditionen umgehen, sie gleichwohl respektieren? König Ubu? Eigenartig und nicht ohne weiteres nachvollziehbar, was Norbert Stein beim Jazztalk-Konzert im Keller des Darmstädter Jazzinstituts auf die Frage sagt, was dieses Wort "Pata" bedeute, das auf Alfred Jarrys poetische Erfindung der Pataphysik zurückgeht und das Stein seit vielen Jahren als übergreifendes Markenzeichen seiner Musik verwendet wie einst Kurt Schwitters die Silbe "merz".
Weniger eigenartig klingt die Musik selbst. Drei Perkussionisten legen einen dichten, klangreichen und sehr üppigen Haufen perkussiver Holzwolle auf die Bühne, in der die beiden Bläser ihr thematisches und solistisches Linienwerk verrichten, wobei die Themen meist unisono oder parallel gespielt werden vom Tenorsaxofon (Stein) und einer Flöte (Michael Heupel hat drei verschiedene).
Manchmal ist allerdings auch die Flöte ein Perkussionsinstrument. Zum Beispiel wenn Michael Heupel ein überwältigend pulsendes Duo mit seiner eigenen Stimme auf der Bassflöte spielt. Oder wenn er das Obertonspektrum seiner riesigen Subkontrabassflöte entfaltet und über den scharf röhrenden, wummernden Tiefsttönen zarte Akkorde davon schweben lässt.
Die Schlitztrommeln, die Matthias von Welck spielt, sind ebenso Melodie- wie Rhythmusinstrumente. Seine ostinaten Tiefton-Patterns klingen weich und fest zugleich und sind ebenso gut mit dem Solarplexus wie mit den Ohren zu vernehmen, und seine Gamelans und Gongs bereichern die Musik um exotische Klangkomponenten, die aber nicht spektakulär ausgestellt, sondern feinsinnig integriert wirken.
Christoph Hillmanns elektronische Perkussionsmusik ist oft von geräuschhaften Momenten geprägt, die aber immer eine rhythmische Basis haben und deren Linien tief in die Gruppenmusik hinein ragen oder sie durchziehen oder kurz aus ihr hervor schießen. Schlagzeuger Klaus Mages ist in dieser perkussiven Konstellation derjenige, der am wenigsten sein angestammtes Rhythmus-Terrain verlässt, aber das muss er auch nicht, schließlich sitzt er in der Mitte. Wie von allein laufen bei ihm die Fäden zusammen, und nichts verknotet sich bei ihm; Klarheit, strukturierende Ruhelosigkeit und Klangsinnlichkeit gehen von ihm aus.
Norbert Stein ist nicht nur der kompositorische Kopf, in dem aus verschiedenen Materialien, Idiomen und Bewegungsweisen diese erstaunliche Musik zusammengewachsen ist, er ist auch ein grandioser Tenorsaxofonist und Dramaturg. Seine Soli gehen aus von einem melodischen Gedanken, folgen ihm und spinnen ihn fort mit großer Konsequenz und Fantasie. Dabei gerät ihm die ganze amerikanisch-europäische Jazz-Geschichte des Tenorsaxofons in die Quere: spröde, vibratoarme Tonfolgen, ekstatische Ausbrüche, energie- und obertonreiche Flüge durch den Überblasbereich - und all das umsichtig eingebunden in eine organisch lebendig wirkende Ereigniskette, deren Gravitationszentrum stets der melodische Gedanke bleibt.
Ist das Patamusik?
CD: Norbert Stein Pata Masters live in Australia. Informationen unter www.patamusic.de. (Hans-Jürgen Linke)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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[Fotos vom Konzert finden sich auf der Website von Wilfried Heckmann: http://www.jazz-vision.de]
Frankfurter Rundschau, 16. Dezember 2003:
Jazz? Gestrichen! Das Quartett String Thing beim Gesprächskonzert im Darmstädter Jazzinstitut
Sagen wir mal: Gratwanderung. Das ist eine einfache Metapher, und man kann sich gut vorstellen: ziemlich weit oben herum balancieren, mit hohem Risiko und wunderbarem Überblick nach überall. In der Musik ist das etwas schwieriger, die Grate liegen nicht in der dritten Dimension, sondern in der vieldimensional geprägten Welt der Vorstellungen, Normen und Traditionen. Wenn ein Streichquartett auf der Bühne steht, das mit Violine, Viola, Cello und Kontrabass besetzt ist, sind schon zwei grundlegende Erwartungen verletzt. Erstens: Warum sitzt nur die Cellistin?
Zweitens: Was soll der Bass, und warum gibt es nicht zwei Geigen? Der Kontrabass ist bei dem Quartett String Thing das einzige echte Jazz-Instrument, wobei diese Wortpaarung wiederum nur in der Welt der Normen und Traditionen einen Sinn hat: Es gibt nur Musikinstrumente, keine Jazz-Instrumente, aber trotz Stéphane Grappelli, Jean-Luc Ponty, Didier Lockwood, Zbigniew Seifert, Gerhard Putschögl und anderer ist Streicher-Jazz stets etwas Exotisches. Das Ansinnen von String Thing, Streichquartett-Jazz zu spielen, ist also vierfach exotisch. Im Gesprächsteil des Jazztalk-Konzerts im Darmstädter Jazzinstitut vermochten die vier auch nicht auf Vorbilder zu verweisen, an denen sie sich bruchlos orientieren könnten. Außer der Violinistin Nicola Kruse, deren klares Vorbild der vielgesichtige, stets elegant und melodisch phrasierende Didier Lockwood ist, was auch vor ihrem Geständnis schon zu hören war.
String Thing spielt Musik als Gratwanderung. Die vier geben an keiner Stelle den Anspruch preis, ein brillantes Streichquartett zu sein (auch wenn sie pizzicato spielen), und sie bleiben stets bei ihrem eigenwilligen Zugang zur Musik, der in der Tat Jazz-Erwartungen erfüllt. Das liegt, auch wenn das jetzt ein bisschen verschoben klingt, erst in zweiter Linie an der improvisatorischen Brillanz der Musiker und in erster an den kompositorischen Qualitäten ihrer Stücke. Und natürlich an der subtilen rhythmischen Grundlage. Es ist nämlich keineswegs nötig, Rhythmus von angeschlagenen oder gezupften Instrumenten markieren zu lassen, es geht auch mit gestrichenen Saiteninstrumenten.
Aber wären da nicht Kompositionen wie Nicola Kruses überhitzt-entspannter Sommer-Son oder Mike Rutledges Wintertango, bei dem die Bögen vor Kälte zittern, oder Jens Piezunkas rhythmisch prägnant verspieltes Batschov's Afrovokabular, dann wäre die Musik von String Thing Streichermusik, die sich vom Jazz ein bisschen dazu borgt. So aber lässt das Quartett eine Haltung des gekonnten Herumkletterns auf den Graten erkennen, eine Position des souveränen Überblickens vieler Ebenen. Und weil es da sogar noch mehr gibt, beispielsweise ein Stück wie I've Broken My Glasses von der faszinierenden Cellistin Susanne Paul, das fein gewoben ist, dabei klanglich und formal waghalsig, ist String Thing eine Formation, deren Musik ein hohes Maß an Eigenständigkeit aufweist. Die
vier können jeden überraschen, weil sie es nicht nötig haben, ihre Musik mit idiomatischen Überraschungseffekten aufzupeppen.
Aktuelle CD: String Thing, Scooter. Zu bestellen unter www.stringthing.de. (Hans-Jürgen Linke)[Website der Quelle: http://www.frankfurter-rundschau.de]
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[Fotos vom Konzert finden sich auf der Website von Wilfried Heckmann: http://www.jazz-vision.de]
Darmstädter Echo, 15. Dezember 2003:
Den Streicherklang aufgemöbelt
DARMSTADT. Im Rahmen der Jazz Talks gastierte am vergangenen Samstag im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts das Ensemble String Thing – ein Streichquartett in fast klassischer Besetzung mit Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass. Ein Instrumentarium zudem, das den Eindruck erweckt, die jazzmäßig-rhythmische Variante könnte fehlen. Doch weit gefehlt: alle vier Musiker brachten genug Rhythmus ein, so dass man den jazzmäßigen Groove nicht vermisste.
Als die Geigerin Nicola Kruse und der Bratscher Mike Rutledge 1989 diese Formation gründeten, wollte man eigene Jazzerfahrungen umsetzen und ausleben. Als dann die Cellistin Susanne Paul und der Kontrabassist Jens Piezunka hinzukamen, wuchs auch die Zahl der Eigenkompositionen, die die vier in Darmstadt mit Verve vortrugen, etwas klassischer getränkt von den Gründungsmitgliedern, etwas jazz- und rockmäßiger aufgemöbelt von Paul und Piezunka.
String Thing orientiert sich im Sound eher am Bläsersatz einer Bigband denn am Streichquartett. Die Formation ist bestens aufeinander abgestimmt, leistet sich im elegant-freien, manchmal auch rauen Spiel keinerlei Unsauberkeiten und streift mit viel Swing auch Neuland. (goe)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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[Fotos vom Konzert finden sich auf der Website von Wilfried Heckmann: http://www.jazz-vision.de]
Darmstädter Echo, 5. Dezember 2003:
Kunst des Kaputtspielens. Konzert: Das „Tradition Trio“ spielt Free Jazz im Darmstädter Gewölbekeller
DARMSTADT. Zur Tradition der Konzerte im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut gehört es, dass dort Projekte experimenteller Natur vorgestellt werden. Ansonsten hört man Traditional Jazz dort nicht und auch das „Tradition Trio“, das am Mittwoch im Keller gastierte, hat mit klassischem Jazz wenig Berührungspunkte. Die Tradition dieses internationalen Trios liegt vielmehr im Free Jazz. Für viele Avantgardisten hatte diese Stilrichtung ihren Höhepunkt in der Schönklangzertrümmerung der sechziger Jahre erreicht. Die Protagonisten des „Tradition Trio“ blieben bis heute dabei und kultivieren die Kunst des Kaputtspielens immer noch derart spannend, dass man von einer kommunikativen Klanglandschaft sprechen kann, die den Zuhörer gefangen hält.
Im Mittelpunkt steht Posaunist Johannes Bauer, einer der wichtigsten Verfechter und Experten der Freien Improvisation. Zusammen mit seinem Bruder Conrad gilt er als eine der prägenden Musikerpersönlichkeiten der früheren DDR. Alan Silva, der amerikanische Altmeister des Free Jazz, steuert mit dem Synthesizer immer wieder bizarres Geräusch-Material bei. Der britische Percussionist Roger Turner sorgt mit Hilfsmitteln wie Gabeln oder Plastikteilen für Dynamik.
Nach einer kollektiven Ekstase in beträchtlicher Lautstärke löste sich das chaotische Geschehen in einem allmählich leise verklingenden Marschrhythmus auf. (Hans-Dieter Vötter)
Frankfurter Rundschau, 24. November 2003:
Gründlichkeit und Risiko. Christopher Dell und John Schröder gehen im Jazzinstitut Darmstadt auf Klangexkursion
Improvisation ist gefragt. An der Tastatur und im Berufsverkehr, in der Küche, beim Autobasteln. Dass sich jemand aus dem Musikerlager aber über hunderte von Druckseiten hin seine Gedanken zum Thema macht, das ist eher ungewöhnlich. Christopher Dell hat es getan. Auf 268 Seiten versucht er, sein Prinzip Improvisation (Verlag der Buchhandlung König, Köln) zu erläutern.
Das ist ein lobenswertes, wenn auch etwas trockenes Unterfangen, das man einfacher, anschaulicher haben kann in den Konzerten, die der Vibraphonist in unterschiedlichen Formationen gibt. Mit seinem Trio D.R.A. etwa oder im swinglastigen Duo mit Wolfgang Schlüter - immerhin kann der Gary-Burton-Schüler Dell einen "summa cum laude"-Abschluss in Berklee vorweisen.
Jüngstes Beispiel: die Zusammenarbeit mit dem Multiinstrumentalisten John Schröder. Wieso multi wird da mancher fragen, der Schröder als Schlagzeuger des Roten Bereichs kennt. Wieso Schlagzeuger, fragt der nächste - der hat Schröder kennen gelernt als Gitarristen des Rosa Rauschen. Seit seinem Umzug nach Berlin hat sich Schröder, so scheint es, dreigeteilt - im Trio Lax sitzt er auch noch am Klavier.
Im Darmstädter Jazzinstitut gehen Dell und Schröder in zwei langen Sätzen auf Klangexkursion. Kunstvoll arrangieren sie Bekanntes und zermahlen Vertrautes, splittern Jazz und Blues in Teilchen, um sie flugs wieder zusammenzufügen. Dann zappelt der hochnervöse Dell am elastischen Band der Schröder'schen Stromgitarre, arrangiert sich mit dem Wirbel, den der Gitarrist entfacht, wenn er am Klavier hockend auch noch sein "Fußschlagzeug" ins Spiel bringt. Eine aberwitzige Melange aus Schnaufern, Blues-Floskeln und Becken-Streicheln, die Dell jetzt ungerührt hinter seinem Vibraphon mit enzyklopädischer Gründlichkeit kontert. Aber das Blatt kann sich auch wenden. Dann zum Beispiel, wenn Dell sich eine der Trommeln Schröders schnappt und mit dumpfen Wirbeln den nun in den Tiefen des Pianos wühlenden Schröder fordert. Ein beständiges Suchen und Finden, ein spontanes Frage-und-Antwort-Spiel, an dem sich auch das Publikum im Gewölbe beteiligt. Amüsiert und begeistert, zuweilen verblüfft.
Szenenbeifall gibt es, wenn Schröder unversehens ins Zitieren gerät und ganz unverstellt Old Folks spielt. Griffige Formate vermeiden die beiden ansonsten, bevorzugen das volle Risiko. Das bedeutet auch Momente des Stillstands, Sackgassen, aus denen sie sich aber mit Geschick immer wieder herausmanövrieren.
Wie die beiden in all der rhythmischen Vielfalt die Übersicht behalten, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Immer wieder, so spöttelt Dell bei seinem Gastspiel in der alten Heimat, werde ihnen vorgeworfen, dass sie chartstaugliche Musik machen. Aber, trumpft er auf: Dazu stehen wir. Sagt es und stürzt sich in das zweite Set mit ungebrochener Energie. (Gerd Döring)
Darmstädter Echo, 18. November 2003:
Bravour auf Tasten
DARMSTADT. Der holländische Jazz-Pianist Michiel Braam galt einst als „Wunderkind“. Beim 30. „Jazz Talk“ am Freitag im Jazzinstitut kam jedoch heraus, dass Braam mit dem Jazz erst in der Pubertät in Berührung kam. Mit kauziger Ironie schilderte er den zahlreichen Zuhörern, wie er über „Radio Veronika“ zu Duke Ellington kam, der ihm zunächst wegen eines schönen Anzugs auf einem Plattencover imponierte. Auch auf andere bohrende Fragen des Interviewers Wolfram Knauer hatte Braam witzige Antworten parat, – oder er erzeugte Heiterkeit durch Versprecher, wenn beispielsweise aus „Subventionen“ „Subversionen“ wurden.
Zuvor hatte der Holländer in einem dreiviertelstündigen Klavier-Exkurs brilliert. Zunächst ging es heftig zur Sache: Braam fesselte mit dissonant-vieltönigen Akkorden und Tonkaskaden im Stile der Neutöner. Später führte er durch exemplarische Improvisationen in verschiedenen Stilrichtungen, um am Ende seine Fähigkeiten im klassischen Ragtime zu zeigen. Dazwischen erklangen bekannte Motive wie „Everything happens to Me“ oder schlichte, auch langsame Melodienbögen.
Braams Quartett genießt genauso internationale Anerkennung wie das Großensemble „Big Bent Braam“. Deshalb sind von seinen jährlich über hundert Auftritten nur ein halbes Dutzend Solo-Präsentationen. Um so unglaublicher scheint es, dass er sich bei diesem exzellenten Konzert ohne Konzept ans Klavier gesetzt haben will. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 6. November 2003:
Der Jazz, das Chamäleon
DARMSTADT. Das einzig Beständige im Jazz ist der Wechsel. Wohl kaum ein Musikstil hat so bahnbrechende Veränderungen durchlaufen – und ist dennoch seinen Wurzeln treu geblieben. Die von Mitarbeitern des Darmstädter Jazzinstituts konzipierte Wanderausstellung „Jazz Changes“, die derzeit im Prinz-Emil-Schlösschen gastiert, dokumentiert auf anschaulich bebilderten Texttafeln die wichtigsten Entwicklungsstufen und Identifikationsfiguren dieser wandlungsfähigen Musik.
Seit über 100 Jahren erfindet sich der Jazz ständig neu, pubertiert und rebelliert mit immer neuen Stilvarianten gegen die Tradition. Als Bastard, der dem Kulturmix aus afrikanischen Sklavengesängen und Tanzrhythmen europäischer Volksmusik zu verdanken ist, trägt der Jazz seit seinen Anfängen das Potential der Stiladaption in sich. Während in den dreißiger Jahren große Swingorchester den Starrummel um Glenn Miller und Benny Goodman begründeten, brach zehn Jahre später die experimentelle Phase des Bebop an. In den Fünfzigern drückten Vertreter des Cool Jazz wie Miles Davis und Dave Brubeck dem Jazz eine intellektuelle Note auf. Seit den neunziger Jahren gelten Rap und Hip-Hop als die jüngsten Varianten.
„Jazz Changes“ versteht sich als Basisausstellung und liefert einen sehenswerten Überblick über die Geschichte des Jazz. Im kommenden Jahr plant das Jazzinstitut, regionale Ausprägungen der afro-amerikaischen Musik zu zeigen: Zum Auftakt des Heinerfestes ist eine Schau im Weißen Turm über die jazzigen Aktivitäten im Nachkriegsdarmstadt geplant.
Bis 23. November im Prinz-Emil-Schlösschen in Darmstadt-Bessungen; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 16 Uhr. (Anja Trieschmann)
Des Staunens entkleidet. „improvisieren...“, 8. Darmstädter Jazzforum 2003
„Improvisation ist ihre Vorbereitung“ – diese Worte des Wiener Gitarristen Burkhard Stangl könnten als Motto über dem 8. Darmstädter Jazzforum gestanden haben, das unter dem fast aphoristisch und angenehm unprätentiösen Titel „improvisieren...“ lief.
Hinter der sorgsamen Namensgebung des Forums verbarg sich ein Kaleidoskop unterschiedlicher Auffassungen, Anwendungen und Einsatzweisen von Improvisation in Musik, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft.
Wer Antworten auf generelle Fragen nach dem grundlegenden Wesen von Improvisation erhofft hatte oder Anleitungen zu eigener Improvisation, sah sich wohl enttäuscht – zu unterschiedlich waren die Auslegungen des Begriffs. Wer allerdings aufmerksam zugehört hatte, entdeckte in eben jener Vielfalt die gesuchten Antworten. So öffneten sich mit den Vorträgen bislang eher unvermutete Perspektiven, wurden Beispiele jüngerer Musikproduktion vorgestellt und ältere in neuem Licht betrachtet.
Neben Versuchen, die (jazz)musikalische Handlungsform „Improvisation“ theoretisch in verschiedene Konstituenten zu zerlegen, waren Einblicke in die Praxis in den abendlichen Konzerten möglich. Ein ausgeglichenes Verständnis musikalischer Produktionsweisen zog sich als zentrales Motiv durch fast alle Beiträge und vermittelte so ein Bild der Forschungsdebatte.
Es geht nicht länger um eine vorgebliche Dichotomie von Komposition und Improvisation, es haben ideologische Kämpfe darum ihre Brisanz verloren oder sind schlicht obsolet geworden durch die Entwicklungen der Musiken. Vielmehr rückte ein anderer Aspekt in den Vordergrund, an dem sich die beiden Extreme und die vermittelnde Tätigkeit ausführender Interpreten diskutieren lassen – es geht um Freiheitsgrade.
Sei es nun die Abweichung und Umspielung von Themen und time in älterem Jazz, das Füllen von Lücken mit licks, das Eindringen in Alltagsstrukturen und ökonomische Welten wie Produktionsprozesse und Sponsoringkonzepte – die Fähigkeit zur Improvisation und die damit verbundenen Möglichkeiten und Erträge sind in den unterschiedlichsten Bereichen erkannt worden.
Dem Jazz kommt dabei das zweifelhafte Verdienst eines altbekannten Referenzgröße zu, als „Jazz-Metapher“ in den Stein des Organisationsmanagements gemeißelt, wie Michael Rüsenberg darstellte. Doch ist die Musik keineswegs stehengeblieben. Musikalische Freiheit war seit jeher Anliegen und Interpretationssache der Musiker, ihre vielfältige Auslegung zeigten Lawrence Gushee und Ekkehard Jost in ihren Beispielen.
Dass sich Musiker auch in einem Label frei bewegen können, das als Werbeträger für ein Finanzdienstleistungsunternehmen fungiert, erläuterte Paul Steinhardt. Improvisation als Haltung näherten sich der SR-Jazzredaktuer Peter Kleiß und der Posaunist Christoph Thewes – wobei der Musiker fester in der Welt stand.
Der Vibraphonist Christopher Dell versteht Improvisation als „Produktionsästhetik“, er drängt auf die Öffnung des Alltags für Unvorhergesehenes und provoziert damit unvorhersehbare Reaktionen. George Lewis erläuterte, dass auch Computer improvisieren können. Sein Programm „Voyager“ ist ein echter Mitspieler, es reagiert auf die Musiker, treibt sie an, ignoriert sie bisweilen und ist in seinen Aktionen und Reaktionen nicht wirklich berechenbar – doch ist es nicht in der Lage, eigenständig seine ästhetischen Prinzipien zu verändern. Improvisation ist doch nicht so einfach, wie auch der Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer zeigte. Musikpsychologischen Versuchen, das Unvorhersehbare klar zu fassen, stellte er Erlebnisberichte von Musikern entgegen, die gerade das Moment des Nicht-Rationalen betonen. Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts, drang in das Verständnis improvisierender Jazzmusiker ein.
Die Trias „Noodlin’, Doodlin’ and Playin’ Around...“ war Ausgangspunkt, Improvisationsästhetiken der Jazzgeschichte auf die notwendigen handwerklichen Grundlagen abzuklopfen. Deren Wandel in den letzten Jahren markierte Peter Niklas Wilson als „Paradigmenwechsel“. Doch hat das durchaus provokante Wort nicht gezündet, es schien sich hierin eher eine Tradition zu äußern. Und damit relativiert sich letztlich auch ein Paradigma zu einer weiteren Positionierung, einer neben anderen.
So wurde Improvisation jenes nebulös bewundernden Staunens entkleidet, mit dem es von Seiten des Publikums und der Kritik oft behangen ist, letzten Endes aber konnte das Faszinosum Improvisation doch nicht umfassend aufgeklärt werden, wie das Konzert des Italian Instabile Orchestra bewies: es blieb noch ein Rest Unerklärliches – zum Wohle der Musik. (Kai Lothwesen)
Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2003:
Jazz-Ausstellung. Eine Musik und ihre 100-jährige Geschichte
Darmstadt · 28. Oktober · alu · "Jazz Changes. Eine Musik und ihre Geschichte" lautet der Titel einer Ausstellung, die vom 1. bis 23. November im Prinz-Emil-Schlösschen, im Prinz-Emil-Garten in Bessungen zu sehen ist und vom Darmstädter Jazzinstitut konzipiert wurde.
Kaum jemand weiß mehr über den Jazz und seine Entwicklung als die Mitarbeiter des Jazzinstituts Darmstadt. Das Institut ist das weltweit drittgrößte und in Europa größtes Informations- und Dokumentationszentrum des Jazz. Es wird von Musikern, Forschern, Journalisten, Jazzfreunden aus aller Welt frequentiert. Für das Jazzfestival in Ravensburg stellte das Jazzinstitut im September diesen Jahres eine Ausstellung über die Geschichte des Jazz zusammen, die als Wanderausstellung in den nächsten Jahren auch andernorts zu sehen sein wird. Zweite Station aber ist von Samstag, 1. November, an das Darmstädter Prinz-Emil-Schlösschen.
Doris Schröder, die die Ausstellung konzipierte, wird am Freitag, 31. Oktober, 19 Uhr, bei der Eröffnung eine Einführung geben. Außerdem spielt Ronald Geist mit Musikern der Band Painted Chords. Nach der Vernissage geht es um 20.30 Uhr im Gewölbekeller des Jazzinstituts mit Musik weiter. Painted Chords eröffnet dort die allmonatliche Bessunger Jam Session, zu der vom zweiten Set an Musiker aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet stoßen.
Die Ausstellung thematisiert die 100-jährige Geschichte des Jazz. Kaum eine Musik ist von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart so lückenlos dokumentiert. Zu verdanken ist dies auch zwei Erfindungen, die zeitnah mit dem Jazz geboren wurden: der Fotografie und der Schallplatte. Die Schau zeigt den Jazz als eine vielfältige Musik: Von seinen afro-amerikanischen Wurzeln im New Orleans um 1900 bis zu hip-hop-beeinflussten Sounds von heute. Dargestellt sind auch dessen charismatische Persönlichkeiten wie Louis Armstrong, Charlie Parker oder John Coltrane.
Die Ausstellung ist geöffnet jeweils montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr sowie am Samstag, 1. und Sonntag, 2. November, von 15 bis 18 Uhr. An diesem Wochenende werden Jazzfilme gezeigt.
Darmstädter Echo, 22. Oktober 2003:
Wirbel an den Trommeln. Jazz: Das Markus-Fleischer-Quartett mit Schlagzeugstar Adam Nussbaum
DARMSTADT. Vielleicht liegt es daran, dass er sich vor Ort intensiv mit klassischer südindischer Musik beschäftigt hat: Der Mainzer Gitarrist Markus Fleischer (Jahrgang 1972) versucht nicht durch Raserei über die Skalen zu imponieren, sondern bringt durch bewusste Zurückhaltung klare Strukturen seiner technischen Fertigkeit zur Geltung. Mit einem Quartett gastierte er am Montagabend im proppenvollen Gewölbekeller unterm Jazzinstitut in Darmstadt, wo viele Gäste auf den Schlagzeugstar Adam Nussbaum gespannt waren.
Der deutschstämmige Amerikaner ist für sein sensibles, transparentes Spiel bekannt und wird von berühmten Gitarristen wie John Abercromie oder John Scofield geschätzt. Flüssig, mit großer Energie und sichtlicher Spielfreude, wirbelt er über Trommeln und Becken, setzt verblüffende Akzente und animiert seine Mitspieler zu neuen Wegen in unberührte Klangbereiche. Das gelingt ihnen auch bei Standards wie Cole Porters „What is the Thing called Love“ oder „Out of Nowhere“. Das Ensemble schöpft aus der Tradition und schafft daraus etwas Eigenes und Ursprüngliches.
Saxophonist Uli Jünemann trägt mit seinem lyrischen Ton und hohem energetischen Potenzial ebenso dazu bei wie der Kontrabassist Uli Glassmann, der mit dem Schlagzeuger witzige, instrumentale Zwiegespräche initiiert. Anklänge von Cool-Jazz, Rock-Grooves und ästhetische Bossa-Nova-Melodien fließen in Eigenkompositionen ein und werden effektvoll präsentiert. Schade nur, dass es sich beim Markus-Fleischer-Quartett in dieser Besetzung um eine Ad-hoc-Band handelt, deren Musiker nach kurzer Europatournee wegen anderweitiger Verpflichtungen wieder eigene Wege gehen werden. (hdv)
die tageszeitung, 21. Oktober 2003:
die jazzkolumne. Unfreiheiten der Improvisation
Die Jazzpolitik ist in den Niederungen angekommen. Und die Zeit nach dem Diskurs ist eisig. Wer sich kürzlich beim achten Darmstädter Jazzforum Sinusschwingungen als Soundbeispiel für die aktuelle "Improvised Music"-Szene vorspielen ließ, schien noch gut beraten zu sein. Peter Niklas Wilson referierte über die neue Gefühllosigkeit in der Musik: Ja, es sei ihm beim ersten Hören auch so gegangen, tröstete er jene, die mit den Schwingungen ernste Probleme bekamen und den Saal verließen. Jeder, der an den Rändern steht und winkt, selbst wenn es nur ein Abwinken ist, wird erst mal ernst genommen und mitgeschwemmt.
Dass Jazzmusiker nichts anfangen können mit Typen, deren Performance so aussieht, als hätten sie gerade Sex mit ausrangierten Samplern und defekten Notebooks, mag nicht verwundern. Und dass Jazzforscher von einer Zeit nach dem Diskurs, über die Wilson spricht, fein die Finger lassen, liegt wohl im Objekt ihrer Begierde begründet.
Beim Darmstädter Jazzforum, der Biennale der deutschen Jazzforschung, ging es in diesem Jahr um Improvisation, dem einstigen Kernstück des Jazz. Und man konnte erfahren, dass nichts so regelbestimmt, ja unfrei war wie die so genannte freie Improvisation. Ekkehard Jost, dessen
"Sozialgeschichte des Jazz" unlängst in einer äußerst lesenswerten Neuausgabe bei 2001 erschienen ist, führte in einer intimen Detailstudie über ein Triokonzert mit dem Posaunisten Vinko Globokar vor, wie unterschiedlich drei Musiker die Improvisationen in ihrem Konzert bewerten.
Überhaupt kam bei diesem Jazzforum immer wieder die Frage auf, wann eine Improvisation denn gelungen sei und wann nicht. Der Pianist Joachim Kühn berichtete, dass man zuallererst doch selbst am besten wisse, ob man gut oder nicht gut gespielt habe. Wenn es denn mal nichts war und das Publikum trotzdem applaudiert, sei es aber ganz besonders peinlich. Dann am besten gar nicht hinschauen, sondern Augen zu und durch.
Doch was, wenn das Gelingen und Fortbestehen eines Festivals von Konstanten abhängt, die weder mit der Befindlichkeit der beteiligten Musiker noch mit dem Zuspruch des Publikums zu tun haben? Jüngstes Beispiel dafür ist das von der Berliner Free Music Production (FMP) veranstaltete Total Music Meeting (TMM), das vor 35 Jahren zum ersten Mal als eine Art Protestveranstaltung gegen den etablierten Anzug-Jazz bei den Berliner Jazztagen stattfand. Dem Total Music Meeting sind nun alle öffentlichen Gelder gestrichen worden.
Es war schon seltsam, als Jost Gebers und Peter Brötzmann letztes Jahr demonstrativ in der Backstage-Lounge des Berliner JazzFests tranken, während sich Cecil Taylor im Podewil auf seinen Auftritt beim TMM zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Peter Kowald vorbereitete. Gebers, Brötzmann und Kowald hatten einst die FMP gegründet. Doch seitdem Gebers die FMP "aufgelöst" hat, herrscht spürbar Missstimmung.
Offiziell hatte Gebers dem zuständigen Abteilungsleiter beim Berliner Kultursenat, Manfred Fischer, 1999 mitgeteilt, dass das TMM ab dem Jahr 2000 nicht weitergeführt werden sollte. Daraufhin soll es aus dem Berliner Kulturetat noch eine Art Abfindung in Höhe von knapp 100.000 DM an die FMP gegeben haben. Der Haushaltstitel in Höhe von 224.000 DM, die jährlich für die FMP zur Verfügung standen, wurde jedoch ersatzlos gestrichen. Seitdem krebst man rum. Gebers will vor allem klargestellt wissen, dass er mit dem TMM nichts mehr zu tun habe. Die heutige FMP-Sprecherin und Organisatorin des TMM, Helma Schleif, kämpft zwar weiter, doch ohne die Hilfe aus der Szene gäbe es die Veranstaltung nicht mehr.
In einem Brief an den Berliner Kultursenator Thomas Flierl warnte der langjährige Leiter des Berliner JazzFests, Albert Mangelsdorff, kürzlich noch davor, das TMM auszuhungern. Berlin setzte ein wesentliches Stück internationaler Akzeptanz aufs Spiel. Nach 50.000 DM in 2001 gab es auch im vergangenen Jahr noch einen kleinen Zuschuss von 25.000 Euro für das Festival, doch ein Antrag auf knapp 38.000 Euro für das diesjährige TMM wurde abgelehnt.
Besonders peinlich ist dabei die Rolle eines so genannten Jazz-Beirats, der nicht mal davor zurückschreckte, dem Senat eine inhaltliche Begründung seiner Förderungsablehnung zu schreiben, in der neben gängigen Brutalitäten aufgeführt wird, dass das TMM ja großen Publikumszuspruch habe. Als wenn nicht ins Weltbild der Entscheider passen will, dass man mit frei improvisierter Musik überhaupt noch Publikum anziehen kann. Dass der Berliner Subventionstopf für freie Gruppen mittlerweile zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft ist, wird nicht erwähnt. Umso dringender muss eine Lösung her, die dem TMM für die Zukunft ein Minimum an Planungssicherheit bringt.
Das diesjährige TMM 2003 findet vom 6. bis 8. November im Berliner Podewil statt. Urs Jaeggi und andere Künstler haben Arbeiten gespendet, deren Erlös zur Finanzierung des Total Music Meetings beitragen. (Christian Broecking)
Darmstädter Echo, 20. Oktober 2003:
Zwei exzellente Jazz-Trios
DARMSTADT. Die Qual der Wahl zwischen zwei exzellenten Jazz-Trios hatten am Freitag die Darmstädter Jazzfreunde: im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut gastierte das „Uwe Oberg Trio“ mit einem der kreativsten neuen Jazzpianisten, während sich in der Bessunger Knabenschule das „New York Trio Project“ mit einem der swingendsten jungen Gitarristen präsentierte.
Der Wiesbadener Pianist Uwe Oberg ist ein viel beschäftigter Musiker, entwirft Klanginstallationen für Theater und Performance und kuratiert daneben Konzertreihen. Mit dem Standard „All the Things You are“ eröffnete Obergs Trio ein spannendes Programm, in dem später die Eigenkompostionen überwogen. Der jetzt in Köln lebende Avantgardist entwickelt seine Strukturen sowohl aus der Energie des Jazz als auch dem Klangbewusstsein der Neuen Musik. Seinen Mitspielern Georg Wolf am Kontrabass und Jörg Fischer am Schlagzeug lässt er dabei genügend improvisatorische Freiheit, ohne die sensible Balance zwischen Einzelstimmen und Gruppensound zu verlieren.
Das „New York Trio“ bot in der Bessunger Knabenschule hingegen meist fetzige Klänge. Der amerikanische Gitarrist Adam Rafferty hat für eine kurze Europa-Tournee zwei hochkarätige Begleiter mitgebracht: den Schlagzeuger Jeff Siegel und den Kontrabassisten Danton Boller, die durch ihr bestechend dynamisches Spiel begeisterten. Selten bekommt man einen derart flinken Bassisten zu hören, dessen Finger elegant-melodisch den Steg auf und ab marschieren. Siegel, ein Veteran der New Yorker Jazz Szene, ist wegen seiner zuverlässigen Spielweise häufig in den Aufnahmestudios zu finden. Meister-Gitarrist Rafferty glänzte durch souveräne Beherrschung seiner siebensaitigen Gitarre. (hdv)
Darmstädter Echo, 13. Oktober 2003:
Trommeleien auf der Teekiste
DARMSTADT. Steve Baker und die Mudsliders boten beim Jazztalk am Freitagabend im Darmstädter Jazzinstitut im Rahmen der Blueswochen eine packende Präsentation, und Institutsleiter Wolfram Knauer sorgte für eine amüsante Diskussion mit den Bluesbarden. Mit britisch-trockenem Humor erläuterte Mundharmonikaspieler Steve Baker das Konzept („Wir sind keine Sexisten, sondern spielen nur solche Lieder“), erlaubte Einblicke in die Musizierkunst und skizzierte seine weiteren Projekte. Der englische Ausnahmemusiker gilt nicht nur als führender Exponent seines Metiers, sondern hat auch ein Handbuch darüber verfasst. Seine Mudsliders sind Martin Röttger (Cajon) und Dick Bird (Gitarre und Gesang).
Das Trio widmet sich leidenschaftlich dem Country Blues und hat eine unverwechselbare Interpretation entwickelt, die an die englische Skiffle-Tradition erinnert. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Dick Bird sein Gitarrenspiel selbst auf dem Kazoo, einer Art Tröte, untermalt.
Noch exotischer wirkt das Cajon, eine verstärkte Holzkiste, die aus der afrikanischen Buschtrommel-Tradition stammt. Ursprünglich für den Tee-Export verwendet, fand das Objekt auch Eingang in den spanischen Flamenco, im Blues dagegen ist es neu. Martin Röttger verwendet das Cajon meisterhaft und setzt solistische Glanzpunkte. Das fast ekstatisch mitgehende Publikum im Gewölbekeller erlebte eine Sternstunde des klassischen Blues, ganz im Stile von „Little Walter“, dessen Bronzeplastik den Platanenhain vorm Jazzinstitut ziert. (hdv)
Frankfurter Rundschau, 30. September 2003:
8. Darmstädter Jazzforum
Nicht nur viele Worte gab es beim 8. Jazzforum Darmstadt. Abends stand Musik auf dem programm etwa mit dem Italian Instabile Orchestra in der Centralstation (Bild). "Die Stimmung war seht gut", resümmiert Arndt Weidler von Jazzinstitut Darmstadt zum viertägigen Jazzforum, das am Sonntag zu Ende ging. Der Organisator sprach zufrieden von überdurchschnittlich gut besuchten Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen. Dies sei sogar für die Vormittagstermine am Donnerstag und Freitag zu verzeichnen gewesen, sagte Weidler. Für die positive Resonanz bei Musikern, Jazzexperten und Fachjournalisten aus der ganzen Republik sah er mehrere Gründe. Zuvorderst nannte Weidler aber das Thame Improvisation, da[s] auch zu machen Kontroversen bei den Gesprächsrunden geführt habe. Mit dem 8. Darmstädter Jazzforum habe sich die Veranstaltung, die es nur alle zwei Jahre gibt, in der Fachwelt inzwichen etablieren können. Dazu habe obendrein die Publikation der Vorträge beigetragen, die in den nächsten Wochen erhältlich ist. (Sundermann)
Darmstädter Echo, 30. September 2003:
Gestalten, zuhören, handeln. Symposium: Das achte Darmstädter Jazzforum behandelt die Kunst der Improvisation – Konzerte illustrieren die Theorie
DARMSTADT. Der Jazz entwickelt sich und greift doch stets auf die Wurzeln zurück. Das achte Darmstädter Jazzforum wandte sich bis Sonntag dem Improvisieren zu: Mit „Noodlin’ and Doodlin’ and Playin’ Around“ umriss Wolfram Knauer, Leiter des veranstaltenden Jazzinstituts, die vorbereitenden Gedankengänge, das Abtasten der Möglichkeiten und die Umsetzung. Lawrence Gushee stöberte Quellen auf, die belegen, dass schon in den dreißiger Jahren eine notierte Improvisation erwartet wurde. Ekkehard Jost wies anhand von Tonbeispielen nach, dass in den sechziger und siebziger Jahren das Improvisieren als sozialkritische Konstante angesehen wurde. Begriffe wie Originalität, Einfallsreichtum, Schlüssigkeit, Dynamik, künstlerische Identität sind dabei wichtige Kriterien.
Der Jazzpianist Joachim Kühn demonstrierte, wie er „in unbekanntem Terrain Linie zu halten“ vermag, indem er mit der linken Hand die wichtigen Töne liegen lässt, während die Finger der rechten Hand weiterlaufen und dabei eine andere Harmonisierung wählen.
Die Konzerte beleuchteten Theorie von der praktischen Seite. Der Kornettist Eric Boeren aus Holland zeigte mit Michael Moore (Altsaxofon, Klarinetten), Wim de Joode (Piccolobass) und Paul Lovens (Schlagzeug), wie man mit Kompositionen von Ornette Coleman etwas Spannend-Neues schaffen kann. Joachim Kühn servierte mit Jean-Paul Celea (Bass) und Wolfgang Reisinger (Schlagzeug) moderne Jazzkammermusik, bei der die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation nicht mehr festzulegen sind.
Als größtes Talent der amerikanischen Jazzszene gilt der Pianist Matthew Shipp, der mit seinem Trio am Sonntag auftrat. In den tieferen Lagen seines Instruments erkundet er die Grenzen der Harmonisierungsmöglichkeiten, er dekonstruiert neben eigenen Kompositionen auch Jerome Kerns „Yesterdays“. Begleitet wird er dabei von William Parker am Bass und dem jungen Schlagzeuger Gerald Cleaver. Man merkt deutlich, dass hier eine neue Generation am Werke ist, die mehr Wert legt auf Energie und Spannung als auf eine kontinuierliche und konventionelle Begleitung. (Ulfert Goeman)
Frankfurter Rundschau, 29. September 2003:
Geplant? Gesteuert? Irgendwann wird der Weg zum Ziel. Beim Darmstädter Jazzforum zum Thema "Improvisieren" wurde diskutiert und musiziert - mit Eric Boeren, Joachim Kühn, dem Italian Instabile Orchestra
Die Welt wäre gar nicht beschreibbar ohne gegensätzlich angelegte Begriffspaare. Andererseits weiß jeder, der sich im schwierigen Geschäft der Weltbeschreibung je versucht hat, dass gegensätzliche Begriffspaare immer angreifbar und oft falsch sind. Wenn zum Beispiel auf dem Darmstädter Jazzforum - selbst ein duales Unterfangen mit seinen Komponenten Symposium und Konzert - zum Thema "Improvisieren" jemand das Begriffspaar Improvisation / Komposition auspackte, wusste jeder gleich, dass dieser Gegensatz so ja wohl nicht haltbar, andererseits als kategoriale Polbildung unvermeidbar sei.
Obwohl Martin Pfleiderer in seinem musikpsychologisch fokussierten Vortrag die Vorstellung vom spontan improvisierenden Musiker mit dem romantischen Genie-Konzept verglich und damit gegen gängige Mystifikationen argumentierte, und obwohl George Lewis eine erstaunlich kreative Improvisations-Software vorstellte, gab es letztlich in den Diskussionsforen wenig Zweifel daran, dass die Kreativität auf der Seite der Improvisatoren sei. Peter Niklas Wilsons Einspruch gegen diesen Konsens mangelte es nicht an Deutlichkeit, doch an Beweiskraft.
Es war vor allem der Musiker Christopher Dell, der risikobereit Improvisation nicht als musikalisches Verfahren behandelte, sondern sehr weiträumig als Weg bei Problemlösungen, Krisen- und Konfliktbewältigungen. Für ihn ist Improvisation als Handlungsweise der Gegensatz zum kalten Planen und Ausführen von Plänen - keine Aufhebung des Dualismus also, sondern ein Transfer in den Alltag und ein zugleich pragmatisches wie utopisches Konzept. In einer besseren Welt würden Martin Pfleiderer und Christopher Dell zusammen eine Theorie der Improvisation ausarbeiten, George Lewis würde die Software dazu kreieren, und die Deutsche Structured Finance - Sponsor des CD-Labels "Between the Lines" - würde diese Forschungsarbeit unterstützen.
Konzerte verändern ihre Bedeutung im Kontext eines solchen Symposiums. Gesättigt mit Fragen nach Material, Regeln, nach der je individuellen Weise des Musikers, sich davon abzuwenden, erscheint das Quartett des niederländischen Trompeters Eric Boeren wie eine Bestätigung und Vierteilung des Genie-Begriffs: Vier Musiker arbeiten versunken vor sich hin, mal verabredungsgemäß an notierten Passagen entlang, mal einander zuhörend oder begleitend. Man erkennt nicht genau, ob der Plan, nach dem sich die Musik ausrichtet, fixiert war oder gerade entsteht. Die Musik ist wie von einem Wärmestrom durchzogen, der viel gestattet und wenig ausschließt und seine Energie aus dem vierfachen Selbstvertrauen bezieht, dass man für jede Situation schon eine Lösung finden werde. Vieles erscheint zufallsgesteuert, einiges gut geplant, und je länger man zuhört, um so eher ist man bereit, dazwischen keinen Unterschied zu machen, denn das Ergebnis ist immer eine zugleich beschauliche wie überraschende Musik.
Das Trio des Pianisten Joachim Kühn ist dagegen stärker hierarchisch geprägt. Es ist Kühn am Klavier und zwischendurch am Altsaxophon, der bestimmt, wo die Musik spielt; es ist seine Musiksozialisation - über die er im Symposium im Gespräch mit Bert Noglik freundlich Auskunft gibt -, die das Material liefert und für seinen Fluss sorgt, und es sind die beiden anderen, die dabei mitspielen.
Improvisation als Haltung sozialen Handelns hat ihren Ort vor allem beim Italian Instabile Orchestra. Im Prinzip kann in dieser Gruppe jeder vorübergehend Bandleader sein. Wie die Stücke klingen, hängt unter anderem davon ab, inwieweit er den Bandmitgliedern die eigenen Klangvorstellungen plausibel gemacht hat oder was den Musikern gerade dazu einfällt. Die Kompositionen sind in der Regel notierte Verläufe mit verschiedenen Komponenten - wie begleitete oder unbegleitete Soli, kollektive Riffs, Märsche oder volkstümliche Melodiepartikel, Geräuschpassagen, freie Trios - die bei der Aufführung selbst vom Komponisten dirigierend variiert werden, wobei sich der Dirigent nicht nur an der Partitur, sondern auch an den Musikern orientiert und die sich an ihm. Die Komplexität dieses 16-fachen Prozesses der spontanen Komposition erscheint allerdings über weite Strecken interessanter als die erzeugten Klangbilder. Aber Weg und Ziel, das ist wieder einer dieser produktiv-überflüssigen Dualismen. (Hans-Jürgen Linke)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. September 2003:
Improvisation als Kunst. Darmstädter Jazzforum
Das achte Darmstädter Jazzforum, das von heute bis zum 28. September vom Jazzinstitut der Stadt und seinem Leiter Wolfram Knauer veranstaltet wird und eine Reihe von Konzerten in der Centralstation mit einem Symposion im Literaturhaus verknüpft, widmet sich vor allem der Essenz des Jazz - der Improvisation. Größere Aufmerksamkeit dürfte dabei vor allem die Diskussion von Bert Noglik mit dem Pianisten Joachim Kühn finden, der dann im Konzert gewissermaßen die Praxis zur Theorie liefert.
Im übrigen findet sich auch unter den anderen Referenten eine Reihe von Autoren, die als Jazzmusiker hervorgetreten sind: der Baritonsaxophonist und Musikwissenschaftler Ekkehard Jost aus Gießen, der Frankfurter Vibraphonist und Hochschulprofessor Christopher Dell, der Posaunist und Computerspezialist George Lewis aus San Diego sowie der Saxophonist und Jazzforscher Martin Pfleiderer aus Hamburg.
Neben Joachim Kühn werden in den Konzerten das "Italian Instabile Orchestra" zu hören sein, eine turbulente Ansammlung der profiliertesten Solisten des modernen Jazz in Italien, ferner das Trio des amerikanischen Pianisten Matthew Shipp, der als eines der größten Jazz-Talente nach Cecil Taylor gilt, sowie das deutsch-holländisch-amerikanische "Eric Boeren 4tet" mit dem Schlagzeuger Paul Lovens. (WWS.)
Frankfurter Rundschau, 24. September 2003:
Geschlechterkampf mit Charlie. Joseph von Westphalen und erstaunlich viele Frauen im Darmstädter Jazzinstitut
Es sind seltsame Kulturbotschafter, die aus Bayerns Hauptstadt kommen. Relikte aus der Vergangenheit, aus den libertären Tagen Schwabings und der längst vergessenen Zeit der Haschrebellen. Musiker wie die Kommunarden von Embryo und Amon Düül oder philosophierende Lebenskünstler wie Rainer Langhans und Joseph von Westphalen. Letzterer durfte jetzt die Darmstädter Jazzgemeinde unterhalten mit einer seiner quirligen Lesungen - und er verknüpfte profunde Jazzkenntnisse mit verbalerotischen Hürdenläufen.
Von Westphalen braucht die Frauen nötigst. Ja, so lässt er sein Alter Ego Victor in seinem aktuellen Roman Liebessalat klarstellen, "allein und ohne Frau wäre er im Handumdrehen verhungert, verblödet, verrottet". Dass den Vielschreiber krude Männerphantasien umtreiben, dagegen wehrt sich von Westphalen vehement. Er sieht sich, wie er sagt, eher "als hilfloses Opfer seiner erotischen Sehnsüchte und Projektionen", denn als "geiler Specht". Aber die Einladung nach Darmstadt galt ja weniger dem Arno Schmidt der leichten Muse als dem Jazzkenner. Und der konnte mit seiner zuweilen etwas wirren Vorlesung auch das fachkundige Publikum beeindrucken.
Schon der Titel des ersten von mittlerweile drei Hörbüchern des Jazzfans JvW macht schmunzeln. Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt - barer Unsinn, nicht wahr? Aber, schon die Zusammensetzung des Publikums lässt den Autor siegesgewiss feixen. Wer sah je so viele Frauen im Jazz-Gewölbe? Den Männern - an diesem Abend weit in der Unterzahl - gab JvW allen (Un)Ernstes Rat für den gezielten "Einsatz im Geschlechterkampf'" der von ihm vorgestellten Perlen aus der Jazzhistorie.
Denn auf solche muss er sich, zumindest auf seinen CD-Veröffentlichungen, beschränken. Älter als fünfzig Jahre müssen die Stücke sein. Alle jüngeren Sachen sind einfach zu teuer, und so freut er sich schon jetzt auf ein paar Perlen aus den späten fünfziger Jahren, die demnächst frei werden. Von Charlie Parker, Coleman Hawkins und Sonny Rollins.
Doch es sind keineswegs nur die Großen aus der Jazzhistorie, die er kennt. Er wühlt in den Archiven und Schellacks und entdeckt für uns Blüten aus den Kindertagen des Jazz. Sängerinnen wie Julia Lee, Big MayBelle oder Ruth Elling. Einzig die Tatsache, dass er die Stücke immer nur anspielt, nervt. Stets unterbricht ein neuer Aspekt den Vortrag, fällt ihm ein anderer Track ein. Und fast alle - hier ist der clevere Schreiber natürlich Anwalt in eigener Sache - kann man auf seinen CDs hören, die am gut bestückten Büchertisch auf Käufer warten. So bleibt auch die schönste Würdigung des Abends nur kurz im Schlitz des CD-Players: Theme for Yo Yo, Lester Bowies gerade erst wiederaufgelegte Aufnahme mit dem Art Ensemble Of Chicago. Mit der wunderbaren Stimme von Lesters Frau Fontella Bass. JvW erläutert die sexuellen Konnotationen und schwupps, ist die CD wieder im Cover.
Nun, die Aufnahme von 1970 ist aus den oben beschriebenen Gründen natürlich nicht auf seinen Kompilationen gelandet. Aber jetzt glücklicherweise wieder zu haben. Nicht nur bei Beck in München, dem von Westphalen einen Gutteil seiner Plattensammlung vedankt, sondern - hoffentlich - auch beim Händler Ihres Vertrauens. Bitte merken: Art Ensemble of Chicago, Les Stances A Sophie (Soul Jazz im Vertrieb von Indigo). (Gerd Döring)
Frankfurter Rundschau, 18. September 2003:
Morgen: Frauen und Jazz
Frauen und Jazz, das muss ein Witz sein. Auf Konzerten jedenfalls sind sie nicht. Männer ja, in allen Ausführungen, mit Brille, mit Bart, mit Augenringen. Mit filterlosen Zigaretten und Rotwein, mit ausgebeulten Jeans und auffällig karierten Hemden. Mit strohigen Haaren, mit Glatze - Männer gibt es genug. Aber Frauen - nirgends! Ich schwöre. Naja, vielleicht eine.
Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt? Was soll die Frage. Gar nicht, sage ich. Joseph von Westphalen hingegen weiß da offensichtlich mehr. Mit Harry von Duckwitz hat er nämlich nicht nur eine ganz wahnsinnig erfolgreiche Romanfigur erfunden, sondern auch noch eine, die über den Jazz Bescheid weiß und über die Frauen. Na dann.
Irgendwann nahm Westphalen dann aus Harry von Duckwitz' voll gepacktem Plattenschrank die schönsten Stücke, packte sie auf 4 CDs und widmete sie den Frauen. Eine schöne, eine kühne Idee, der Westphalen den Titel gab: Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt? Und ganz offenbar scheint es zu funktionieren. Denn schon ist eine zweite CD auf dem Markt: "Mehr Jazz!" sagten die Frauen. Ich kann's nicht glauben.
Morgen besteht die Möglichkeit, das Wunder persönlich in Augenschein zu nehmen. Im Rahmen der "Langen Nacht der Museen" wird Westphalen in Darmstadt sowohl aus seiner Harry-von-Duckwitz-Trilogie lesen als auch als Jazz-DJ einer Tanzparty fungieren. Mit all den alten Stücken, die Frauenherzen im Sturm erobern. Im Sturm? Ich komme. gor• Morgen, 19. September, im Gewölbekeller des Jazzinstituts, Bessunger Straße 88 d, 64285 Darmstadt.
Frankfurter Rundschau, 29. Juli 2003:
Gelassen zur Freiheit. Zusammenarbeit bei den 12. Jazz Conceptions, einem Workshop für Jazz, in Darmstadt
Die meisten sind schon lange dabei. Wiederholungstäter nennt sie Jürgen Wuchner, der spiritus rector der Darmstädter Jazz Conceptions. Sie kommen jedes Jahr wieder, zum dritten, fünften, sechsten Mal. Sie nehmen sich eine Woche Urlaub, fahren zum Teil von Bremen, Hamburg, St. Gallen nach Darmstadt und spielen den ganzen Tag Jazz. Warum, das ist für Außenstehende natürlich eine berechtigte Frage. Weil es hier um mehr geht als bei den meisten anderen Jazzworkshops, sagt eine Teilnehmerin. Um Freiheit. Und wie man damit umgeht.
Gerade ist Mittagspause. Man sitzt zusammen auf dem Innenhof der Bessunger Knabenschule, plaudert, isst. Es ist Freitag, am Abend zeigen sich die einzelnen Ensembles im öffentlichen Konzert. Bei manchen macht sich deshalb Nervosität breit. Die meisten aber bleiben gelassen. Von außen betrachtet erinnert es an ein großes Familientreffen, und wie als wolle er das Bild bestätigen, zündet sich Jürgen Wuchner, der Pate, eine Zigarre an und lehnt sich zurück. Ihm gefällt es hier.
1992 hat Wuchner die Jazz Conceptions ins Leben gerufen, längst gehören sie zu den wichtigsten Jazzworkshops in Deutschland. Auch weil Wuchner ein anderes Konzept verfolgt und keine Einzelstunden anbietet, sondern die Teilnehmer - 52, hauptsächlich Amateurmusiker, sind es in diesem Jahr - zu Ensembles zusammenfasst, die von einem Dozenten angeleitet ausgewählte Stücke miteinander erarbeiten. Und auch weil Wuchner, eines der großen, wichtigen Netzwerke im deutschen Jazzleben, immer schon großartige Musiker in Darmstadt versammeln konnte: Rüdiger Carl arbeitete als Dozent, Tomasz Stanko, Christopher Dell, Christof Lauer, Rudi Mahall, Joe Sachse, Han Bennink, Ack van Rooyen, Heinz Sauer, John Tchichai. Und und und.
In diesem Jahr sind es neben Wuchner Uli Partheil (Klavier), Janusz Stefanski (Schlagzeug), Allen Jacobsen (Posaune), Wolfgang Puschnig (Saxophon) und Graham Collier (Ensemble). Bei Puschnig sammeln sich die Saxophone, die in Darmstadt ohnehin in der Überhand sind. Jacobsen dagegen hat ein Zimmer weiter eine richtig kleine Big-Band vor sich, mit Posaune, Trompete, Saxophonen, 5 Sängern und standesgemäßer Rhythmusgruppe. In einer irgendwo zwischen Englisch und Deutsch beheimateten Sprache und mit viel Körpereinsatz steuert er sein Ensemble durch die Stücke, immer wieder pochend auf ihre eigenen Ideen, ihre eigene Kreativität. "Du bist gut genug, du spürst den Jazz", hört man ihn zu einer Teilnehmerin sagen: "Hör auf zu zählen!"
Graham Collier dagegen, eine Institution des europäischen Jazz und einer der bekanntesten Jazzpädagogen überhaupt, geht am Nachmittag in seinem Workshop für großes Ensemble analytischer vor. Er arbeitet mit kurzen Ansagen, präzisen Gesten und fordert Konzentration. Die Stücke, die er bearbeitet, sind zudem überaus komplex, das Verhältnis von Chaos und Ordnung sehr genau auslotend. Viele sind noch mit offenem Ohr und wachem Geist dabei, manchem aber ist das zu viel, nach Tagen des Probens und Nächten der Jam Sessions in den Clubs Darmstadts. Nicht alle der 52 Teilnehmer haben sich bei Collier eingefunden. In Darmstadt macht sich darüber keiner ernsthafte Gedanken. Freiheit bedeutet eben auch, Nein sagen zu können.
• Die Jazz-Conceptions werden auch im Sommer 2004 wieder sein. Teilnehmen können Musiker und Musikerinnen aller Instrumente. Ansprechpartner sind das Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, Tel. 06151 / 61650 oder das Jazzinstitut Darmstadt, Tel. 06151 / 963700. (Tim Gorbauch)
Darmstädter Echo, 28.Juli 2003:
Das Saxofon prägt den Klang. „Jazz Conceptions“: Die musikalischen Sommer-Workshops enden mit zwei gelungenen Konzerten von Teilnehmern und Dozenten
DARMSTADT. Da der Jazz eine ursprüngliche, vitale und spontane Form des Musizierens ist, stellt sich immer wieder die Frage nach der Erlernbarkeit seiner wesentlichen Elemente. Sicher ist: Im Spannungsfeld zwischen der reinen Improvisation hier, dem Arrangement da muss der Jazzmusiker seinen Weg finden. Dabei helfen Studiengänge, Seminare oder Workshops, die den Teilnehmern die beste Schulung bieten, nämlich möglichst oft mit möglichst guten Musikern zu spielen.
Die „Darmstädter Jazz Conceptions“, die vorige Woche zum zwölften Mal in der Bessunger Knabenschule stattfanden, bieten solche Schulungen. Neben dem Jazzinstitut Darmstadt zeichnete für den gelungenen Workshop wieder der Verein Bessunger Knabenschule verantwortlich, der sich in gewohnt vorbildlicher Weise auch um das leibliche Wohl der Gäste kümmerte. Das bewährte Programm wurde am Wochenende mit zwei Konzerten aller Mitwirkenden abgeschlossen.
Am Freitag waren zunächst die Teilnehmer-Ensembles unter Leitung ihrer Dozenten zu hören. Dabei konnten die Kursteilnehmer schon einmal gewonnene Erkenntnisse vorführen, sich solistisch profilieren oder als Baustein im Kollektiv zum Gruppen-Sound beitragen. Das Saxofon als meistgespieltes Instrument prägte die Arrangements, die mit viel Spielfreude durchexerziert wurden. Nach schweißtreibenden Proben war der langanhaltende Beifall der zahlreichen Zuhörer die willkommene Belohnung. Den Dank für gelungene Kurse fasste eine Teilnehmerin mit einem witzigen Text über die Melodie von „The Girl From Ipanema“ zusammen und drückte damit die allgemeine Zufriedenheit aus.
Am Samstag versammelte sich das Großensemble auf der Bühne, um mit zwanzig Ausführenden das Finale einzuleiten. Dirigiert von dem britischen Jazz-Pädagogen Graham Collier, der seinen Schülern viel improvisatorische Freiheit einräumte, kamen dessen Eigenkompositionen und Arrangements zur Aufführung. Besonders das letzte Stück „Third Colour“ zeigte exemplarisch die Wandlungsfähigkeit einer Bearbeitung durch die verschiedenen Solisten.
Dann war es Zeit für den Schlussakkord, den die Dozenten mit einem Quintett aus Wolfgang Puschnig (Altsaxofon), Allen Jacobson (Posaune), Uli Partheil (Piano), Jürgen Wuchner (Kontrabass) und Janusz Stefanski (Schlagzeug) setzten. In der proppenvollen Halle der Knabenschule boten sie eine rhythmisch wie melodisch variable Auswahl von Themen, die sie mit zeitgenössischer Spielkonzeption ebenso lebendig wie ausdrucksvoll interpretierten. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 23. Juli 2003:
In wechselnden Besetzungen. „Jazz Conceptions“: Die Kurse und Konzerte des Ferienkurses haben begonnen – Über fünfzig Teilnehmer lernen bei sechs renommierten Dozenten
DARMSTADT. Mit einem Musikertreff im Gewölbekeller unterm Achteckigen Haus begann am Montag die Serie der Sessions und Konzerte bei den zwölften Darmstädter „Jazz Conceptions“. Die zwei Darmstädter Dozenten, der Pianist Uli Partheil und der Kontrabassist Jürgen Wuchner, die gemeinsam ja auch die Darmstädter „Jazz & Pop School“ leiten, betraten als erste das Podium. Zusammen mit weiteren Dozenten des Jazz-Workshops präsentierten sie die Komposition „Metamorphosen des Tabaks“ von Partheil. Danach hatten viele der über 50 Kursteilnehmer Gelegenheit, sich in wechselnden Besetzungen zu präsentieren.
Am Morgen waren die „Jazz Conceptions“ mit der Einteilung der Gruppen eröffnet worden, die von sechs Dozenten geleitet werden: Wuchner, der Begründer wie Leiter der beliebten Ferienkurse ist, hat wieder ein ebenso internationales wie erfahrenes Team zusammengestellt.
Herausragend dabei ist der britische Komponist und Arrangeur Graham Collier, in dessen Ensemble im Laufe der Jahre fast alle namhaften britischen Musiker des modernen Jazz einmal gespielt haben. Collier, der auch Autor mehrerer Standardwerke der Jazzpädagogik ist, leitet das Gesamtensemble der Jazz Conceptions, auf dessen Auftritt beim Abschlußkonzert am Samstag (26.) in der Bessunger Knabenschule man gespannt sein darf. Zu den bedeutendsten österreichischen Jazzmusikern gehört der Saxophonist Wolfgang Puschnig. Er ist durch seine Teilnahme an den Projekten des „Vienna Art Orchestra“ bekannt geworden. Beim Darmstädter Workshop wird er die beträchtliche Schar der Saxophonisten betreuen. Die Ergebnisse ihrer Studienarbeit sind beim Abschlußkonzert der Teilnehmerensembles am Freitag (25.) zu hören. Der in Frankfurt lebende Kanadier Allen Jacobson unterrichtet im normalen Leben Jazz-Posaune an der Universität Mainz. Bei den „Jazz Conceptions“ leitete er den Kurs zu diesem Instrument und auch die Gesangsgruppe. Last not least gehört zu den Kursleitern noch Schlagzeuger Janusz Stefanski, ein Wahlhesse, der zur zur renommierten alten Garde des polnischen Jazz zählt; er trommelt auch beim Emil Mangelsdorff Quartett. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 23. Juni 2003:
Mit altem Schwung. Jazz: Wiedervereinigt für den „Kultursommer Südhessen“: Das „Frank Runhof Quintett“
DARMSTADT. Gut besucht war der Auftritt des „Frank Runhof Quintett“ am Samstag im Jagdhof-Carree: Die von dem Wiesbadener Tenorsaxofonisten Frank Runhof 1985 gegründete Formation hatte trotz großer Beliebtheit nur wenige Jahre bestanden und war nun eigens für den diesjährigen „Kultursommer Südhessen“ wiederbelebt worden, zu dem auch das Freiluftkonzert gehörte.
Neben Runhof gehörten zur Originalbesetzung der in Kiel lebende Trompeter Peter „Sputnik“ Lange und der Darmstädter Trommel-Altmeister Lothar Scharf. Bei dem nostalgischen Zusammentreffen feierten sie ein lebhaftes Wiedersehen mit Musik, die dem Hard Bop zuzurechnen ist. Jazz-Größen wie Art Blakey oder Horace Silver gelten als Schöpfer dieser Variante des Be Bop, der Einflüsse des Rhythmn `n Blues und der Gospelmusik mitverwendet und dadurch den ursprünglich eckig-schroffen Klang abrundet.
Schon beim Einstieg mit der Be Bop-Hymne „Blues March“ war zu spüren, dass der alte Schwung noch da ist: Lothar Scharf gerbte mit bewährten Rundumschlägen die Felle, und Peter Lange schwang sich auf der Trompete hinauf zu den höchsten Orbitalen, während Frank Runhof auf dem Saxofon bluesig-soulgetränkte Melodien beisteuerte. Die Spielfreude war ihnen deutlich anzumerken und führte zu überaus gelungenen Kollektiv-Passagen. An Kontrabass und E-Piano vervollständigten die beiden neu hinzugekommenen Udo Brenner und Steffen Stütz die Gruppe und passten sich auch ohne Proben optimal an das Konzept an.
Dazu gehörten rhythmisch-synkopierte Kompositionen, häufig mit Latin-Touch, wie das bekannte „Night in Tunesia“, in dem sich alle mit kreativen Improvisationen profilierten. Die kurzweilige Präsentation klang aus mit dem berühmten „Moanin“ der „Jazz Messengers“. Es bleibt zu wünschen, dass dies nicht die letzte Reunion des „Frank Runhof Quintett“ war. (Hans-Dieter Vötter)
Frankfurter Rundschau, 16. April 2003:
Harte Arbeit am leichten Stoff. Peter Fessler solo im Jazzinstitut Darmstadt
In den Achtzigern tauchten plötzlich überall diese Liedchen auf. Stücke, die kürzer waren als eine Zigarettenlänge und die nur einen schalen Filtergeschmack zurückließen. Eine milde Sorte Pop, gewürzt mit Jazz light. In England gab es Matt Bianco, in Deutschland Trio Rio. Deren Eintagsfliegenhit hieß New York, Rio, Tokyo, ein auf seichtem Bossa-Beat dahin plätschernder Ohrwurm.
Der Mann, der dem Song seine Stimme lieh, heißt Peter Fessler. Heute tourt er solo durchs Land. Seinen Vornamen hat er gestrichen, um das Image des Interpreten von Jazzstandards gar nicht erst aufkommen zu lassen. Was Fessler heute macht, hat wenig mit Pop zu tun. Es will Jazz sein. Eine weiße Batschkapp tief ins Gesicht gezogen, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, sitzt er auf der Bühne des Jazzinstituts Darmstadt und bricht in wilden Scat-Gesang aus. Drei, vier tiefe Töne entlockt er gurrend seinem Kehlkopf, plötzlich ist er mit seiner Stimme oben, presst sie weiter in die Höhe, bis die Schmerzgrenze erreicht ist. Dann zupft er weiter auf der Konzertgitarre, eine hüpfende Bossanova-Figur, und singt in beruhigterem Ton - was nach all der Vokalakrobatik irgendwie auch viel natürlicher klingt.
Zugegeben: Fessler hat seine Al-Jarreau-Lektionen gelernt (und er hat mit seinem Idol auch schon gemeinsam auf der Bühne gestanden). Was beim Vorbild allerdings spontan und leicht erscheint, klingt bei ihm bis auf die kleinste Note einstudiert und zugleich nach verdammt viel harter Arbeit. Seine Stimme ist zudem in den höheren Lagen etwas dünn. Auch wirken seine Bossanova-Imitate - Antonio Carlos Jobim ist der zweite Vorbild-Stern am Fessler-Himmel - allzu gekünstelt.
Lob deshalb für den Mut, mehr Eigenkompositionen ins Programm aufzunehmen. Der Titelsong seines jüngsten Albums Landscape Tapestry etwa kommt mit einer Leichtfüßigkeit daher, die an Joe Jackson erinnert. Und bei den schier zu Tode gespielten Standards wie Greensleeves oder Somewhere over the Rainbow beschränkt sich der Sänger auf die puren Grundlagen, hält seine Stimme, die auch ohne viele Melismen einfach schön ist, in Zaum. Er reduziert die Kompositionen fast bis auf die Grundgerüste, verzichtet auf allzu viel Ornamentik. Wohltuend. (Frank Schuster)
Darmstädter Echo. 12. Mai 2003:
Auf Freundschaftskurs. Jazz und Rock: Die Gruppe „KC“ trifft im Konzert das „Gerd Schumacher Quintett“
DARMSTADT. Im Bessunger Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut verbunden bietet der „Förderverein Jazz“ auch weniger bekannten Ensembles ein Forum. Unter dem Motto „Rock meets Jazz“ fand dort am Wochenende ein gut besuchtes Doppelkonzert mit „KC“ und dem „Gerd Schumacher Quintett“ statt. Die Formationen aus der Darmstädter Region wollten beweisen, dass die beiden Musikrichtungen in freundschaftlichem Austausch stehen können.
Durch die Mitwirkung von Trompeter Gerd Schumacher und Schlagzeuger Peter Paasche in beiden Gruppen war ein Fundament für dieses Ziel gelegt. Für den sich verwischenden Kontrast zwischen den Ensembles sorgte auch die ähnliche Instrumentierung: bei „KC“ kamen Gitarrist Manfred Ditz, E-Bassist Hans Jörg Halva und Keyboarder Manfred Oheimer hinzu. Beim „Gerd Schumacher Quintett“ vervollständigten Gitarrist Eberhard Petri, E-Bassist Reinhard Pfeil und Pianist Harald Teichert das Ensemble. So klangen denn die Rocksounds von „KC“ zu Coverversionen weniger bekannter Rockgrößen recht ähnlich zu den Jazz-Improvisationen des „Gerd Schumacher Quintetts“ über Themen von Joe Henderson oder Harry Beckett. Dem Hörgenuss war dies nicht abträglich, die abschließende Session aller Mitwirkenden verlief sehr harmonisch. (hdv)
Frankfurter Rundschau, 6. Mai 2003:
Lupenrein. Jazz mit Geige in Darmstadt
Eine Geige ist eine Geige ist eine Geige. Sie klingt rund, bezaubernd, klangschön, wenn Anne-Sofie Mutter sie in den Händen hält, teuflisch, virtuos, halsbrecherisch, wenn Paganini-Epigonen sie spielen. Im philharmonischen Orchester ist sie Träger der sinfonischen Idee, im Pop kommt sie dann zum Einsatz, wenn vor lauter Liebesglück jedes andere Instrument kapituliert, der Folklore gibt sie energisches, rasantes Kolorit. Aber was, verdammt, macht eine Geige bloß im Jazz?
Jazz! Nichts anderes als lupenreinen Jazz, das heißt eben nicht philharmonisch begreifbare, sondern mithin auch dreckige, unsaubere, angestoßene Musik. Das können nur wenige, ohne dabei an Logik und Intensität zu verlieren oder einfach nur schlecht gestimmt zu klingen. Gerd Putscheff gehört dazu.
Gemeinsam mit dem Pianisten Christoph Spendel, Jazzprofessor an der Frankfurter Musikhochschule, überprüft er in Darmstadt kubanische Musiken auf ihre Jazzwurzeln oder präsentiert umgekehrt Jazzstandards auf kubanischem Grund. Spendel ist dafür der richtige Mann, weit gereist, mit offenen Ohren, ein Crossover-Musiker im besseren Wortsinn. Seit je liebt er die Integration verschiedener Stile, und deswegen hört man an diesem eigentlich der Afro Cuban Chamber Music gewidmeten Abend im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut auch Blueselemente, Eigenkompositionen, Rückblicke auf Monk und Zawinul, Cole Porters Night and Day oder Ellingtons Sentimental Mood.
Am nachdrücklichsten integrieren Spendel und Putscheff aber Tradition und Moderne, den sanften Fluss eines alten Són oder die wohl bekannte Geschichtlichkeit des Evergreens, die rhythmisch und harmonisch in die Gegenwart gesetzt werden und in weitläufigen, oft enorm virtuos aufgeladenen Soli ihre Patina verlieren. So kann ihr Ausgangsmaterial noch so sehr im Gestern verankert sein, aktuell, zeitgenössisch vielleicht sogar ist es immer. gor
Darmstädter Echo, 5. Mai 2003:
Feine Mitbringsel. Blues und Jazz: „Bootleggin’ Hobos“ im An Sibin und „The Art of the Duo“ im Jazzinstitut
DARMSTADT. Den Blues nur als musikalischen Ausdruck der Klage Gescheiterter oder Betrogener zu sehen, würde den zahlreichen Facetten dieser Musikform nicht gerecht. Es gibt daneben auch noch den „Good Mood Blues“, eine überwiegend optimistisch klingende Variante. Die Offenbacher Gruppe „Bootleggin’ Hobos“ ist durch diesen Bluestyp bekannt geworden. Im Darmstädter An Sibin im Rahmen der Reihe „Blue(s) Friday“ demonstrierte die seit 15 Jahren bestehende Formation, was sie unter swingendem, tanzbaren Jump-Blues versteht. Das Quartett um den Gitarristen Marcus Staab und Bluesharper Ralf Steinbacher besticht durch instrumental exakte Interpretation der Miniaturen ihrer Vorbilder oder präsentiert raffinierte Eigenkompositionen. Rhythmisch variabel sorgen Schlagzeuger Gerhard Philipp und Bassist Sven Schüpfer für anregende Begleitung.
Häufig werden Erfolgstitel von Little Walter vorgestellt, dessen Skulptur vorm Darmstädter Jazzinstitut steht und auf die enge Beziehung zwischen Blues und Jazz hinweist. Dort trat am Samstag die Gruppe „The Art of the Duo“ im akustisch phänomenalen Gewölbekeller auf. Der Violinist Gerd Putscheff und der Pianist Christoph Spendel erfreuten ein begeistertes Publikum mit ihrem Projekt „Afro Cuban Chamber Music“, einem Repertoire aus Jazz-Standards, lateinamerikanischen Stücken und Eigenkompositionen.
Spendel hat seine Eindrücke von einer Kubareise musikalisch festgemacht und sein schwerelos wirkendes Spiel mit einem perkussiven Touch garniert. Sein kongenialer Partner Putscheff imponiert auf der Geige mit Griff- und Strichtechniken, die er für schärfere Artikulation einsetzt. Höhepunkt der kreativen Interaktion: eine Variation über den Gassenhauer „Besame Mucho“. (Hans-Dieter Vötter)[Website der Quelle: http://www.echo-online.de]
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Frankfurter Rundschau, 19. April 2003:
Friedensglocken. Hakim Ludin in Darmstadt
Die Reise um die Trommel in 80 Minuten - so ließe sich "Roots of Drums", der Auftritt Hakim Ludins bei der Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, übersetzen. Er fand im Jazzinstitut Darmstadt statt. Die Osterhasentagung, wie man in Darmstädter Jazzkreisen die alljährlichen Bemühungen der an Neuer Musik interessierten Pädagogen nennt, hat sich erfreulicherweise über die Mauern des avantgardistischen Play- und Thinktanks der Akademie für Tonkunst hinaus ausgedehnt und ihr nahestehende Stätten in der City der südhessischen Neue-Musik-Metropole erschlossen.
Der Keller des alten Kavaliershauses nahe der Orangerie platzte ob der Menge an Zuhörern fast aus den Nähten, als der in Afghanistan geborene "modern-jazz'n'world-Percussionist" seine Performance begann, von der sich mancher Pädagoge eine Scheibe abschneiden konnte. Knappe historische Einschätzung der in Bauweise und Anwendung vorgestellten Instrumente, Vorführen der Schlagtechniken und metrischen Hintergründe, Demonstration der teils abenteuerlich komplizierten Rhythmen und schließlich jeweils ein eigenes Stück.
Mit einem Einblick in den Kosmos der indischen Rhythmen, die der Neue-Musik-Kenner allenfalls dank Olivier Messiaen kennt - mit der Beschreibung deren religiöser Hintergründe und der für hiesige Ohren kaum erfassbaren metrischen Dichte begann der Abend. "Wo ist denn hier die Eins" - das wäre allemal die außerindische Frage, die er zu hören bekomme, so Ludin. Eins ist für ihn aber auch eine schlagkräftige Größe zwischen Spielern, Zuhörern und Gott, die hinter allem Rhythmus steht.
Von diesem Gedanken aus hat sich Ludin ein eigenwilliges, pazifistisches Credo geschaffen, wobei die ja eher martialische Dimension des Schlagzeugs umgewandelt worden ist: Trommelschläge als Friedensglocken.
Afrika war das nächste Ziel des als Dozent, Autor, Entertainer und Ensemblepartner diverser Jazzgrößen aktiven Könners. Hier war er als Schöpfer akustischer Paradiese mit Vogelpfeife, Zwitschermaschinchen, Wasser- und Blasgeräuschen aktiv, bevor in einer Art mitternächtlichen Mamba- und Salsa-Fiesta à la Cuba libre das Konzert für die allemal nur bis vier zählenden Europäer zu Ende ging. Die durften zuletzt dann ihre geradzahligen Klatsch-Qualitäten doch noch unter Beweis stellen, derweil vorne, unter Ludins Fingern und Händen, eine Epiphanie aus Myriaden von Schlagimpulsen Ereignis wurde. (Bernhard Uske)
Darmstädter Echo, 17. April 2003:
Musik der Welt – Weltmusik? Tagung: Musikerzieher suchen in Darmstadt Begegnung mit anderen Kulturen
DARMSTADT. Von frühmorgendlichen Körperübungen in der Akademie für Tonkunst bis zu spätabendlichen Konzerten im Jazzinstitut – das Programm der 57. Arbeitstagung des traditionsreichen Darmstädter „Instituts für Neue Musik und Musikerziehung“ war prall gefüllt mit Vorträgen, Seminaren, Workshops, Foren und Konzerten. Unter Leitung des rührigen Institutsvorsitzenden Rudolf Frisius hatte man das diesjährige Thema „Weltmusik – Musik interkulturell“ von allen Seiten her eingekreist: Aspekte von Ästhetik und Analyse, von Theorie und Praxis, von Musikwissenschaft und Musikpädagogik bestimmten die gut besuchten Veranstaltungen.
Am Sonntagabend gelang sogar die angestrebte Öffnung zum Darmstädter Publikum hin, als die „interkulturelle Begegnung zwischen Indien, Deutschland und Tuva“ in der Centralstation lebhaften Zuspruch fand. Zwar ging es hier vorwiegend um eine Beschwörung der Vergangenheit, wenn der indische Sarangi-Virtuose Dhruba Gosh auf seinem klassischen Streichinstrument Ragas in verschiedenen Stimmungen zelebrierte, begleitet von komplizierten Trommelrhythmen der Tablas und von gezupften Bordunklängen der Tanpura. Doch kam es auch zur Begegnung von West und Ost, Alt und Neu, wenn Gosh gemeinsam mit Johannes Fritsch dessen Stück „Duolectra II“ aufführte; die zarten Töne der Sarangi standen den durch Ringmodulation verfremdeten Sounds der Viola d’amore spannungsreich gegenüber. Aus räumlicher und zeitlicher Ferne zu stammen schienen die urtümlichen Kehllaute der Gruppe „Huun-Huur-Tu“. Die vier malerisch gewandeten Sänger aus Tuva, einem Land an der Nordgrenze der Mongolei, führten Folklore ihrer Heimat vor, wobei die Kunst des Kehlkopfgesangs faszinierte. Eine vergleichbare Begegnung mit China vermittelte der in Hamburg lebende Komponist Xiaoyong Chen, der mit einem kleinen Ensemble zunächst traditionelle Musik seines Landes auf den Instrumenten Zheng (Harfe), Sheng (Mundorgel) und Qin (Wölbbrettzither) präsentierte, bevor er mit eigenen Kompositionen vorsichtige, feinsten Veränderungen nachlauschende Versuche kultureller Annäherung zur Diskussion stellte.
Aufschlussreich war auch der Blick nach Lateinamerika, den der Komponist Juan Maria Solare mittels einer Auswahl elektroakustischer Musik eröffnete. Die gesellschaftlichen Probleme des Erdteils spiegelten sich in packenden Klängen.
Weniger eindrucksvoll verlief der letzte Konzertabend, bei dem der in Deutschland lebende Sandeep Bhagwati den Werkzyklus „To those born far away from home“ (Denen, die weit weg von zu Hause geboren) zusammen mit Martina Koppelstetter (Mezzosopran), Indra Koch (Violine) und Wolfgang Emmanuel Schmidt (Violoncello) beschwor. Im mystischen Dunkel des Saals hatten die Zuhörer keine Chance, die im Programmheft abgedruckten Gedichttexte zu verfolgen, und die neoromantische, redselige Musik litt immer wieder unter Spannungsabfall.
Die Jazzfans hatten Gelegenheit, die Abende mit dem Perkussionisten Hakim Ludin oder mit Xu Fengxia und Johannes Bauer im Jazzinstitut ausklingen zu lassen. Wie ein roter Faden zog sich bei aller Begeisterung eine ernüchternde Erkenntnis durch die Vorträge und Diskussionen: Die Begegnung mit fremden Musikkulturen bedeutet allein noch keine fruchtbare Grenzüberschreitung, „Weltmusik“ ist nicht billig zu haben. Oft wird das Andersartige nur als exotischer Reiz betrachtet und von oben herab toleriert. Nur selten gelingt eine echte Auseinandersetzung, bei der jede Seite ihre Eigenart einbringt, um daraus ein neues, weiterweisendes Ergebnis entstehen zu lassen. In Ansätzen lieferte die Tagung solche Perspektiven für die Zukunft von Musikpraxis und Musikerziehung. (Klaus Trapp)
Darmstädter Echo, 15. April 2003:
Ungestümer Jazz aus dem Bauch
DARMSTADT. Das Hörspiel fristet als Kunstform ein Nischendasein: Für eine Hand voll Liebhaber produzieren die ARD-Anstalten Monat für Monat akustische Kleinodien, und nur die wenigsten Hörer können sich an „Jazzessence“, „Maraton“ oder „Damenwahl“ erinnern. Diese Hörspiele drehen sich um die Kölner Gruppe Underkarl. In zehn Jahren hatte die Band des Bassisten Sebastian Gramss fast 500 Auftritte und produzierte zwei CDs, die zu den meistbesprochenen deutschen Jazz-Alben zählen. Am Sonntagabend trat Underkarl im Gewölbekeller unter dem Jazzinstitut in Darmstadt auf.
Jazz kann ausgesprochen witzig sein. Für Gramss ist Humor „das einzige, was es wert ist, ernst genommen zu werden“. Mit Nils Wogram (Posaune, Melodika), Lömsch Lehmann (Saxofone, Klarinette), Frank Wingold (Gitarre) und Dirk Peter Kölsch (Schlagzeug) wuselt sich der Kontrabassist durch die Stile der vergangenen hundert Jahre. Free, Rock, Fusion, Crossover – die Kölner grämen sich nicht um Etiketten und sind doch überall zu Hause.
Bass und Gitarre arbeiten mit elektronischen Effekten, die anderen entlocken ihren Instrumenten auf konventionelle Art erstaunliche Töne. Hier gibt es keinen Frontmann: Niemand steht im Vordergrund. Dabei reißen die Performances des Saxofonisten Lehmann das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Der Bass wird geschlagen, gezupft, gestrichen, betrommelt, gestoßen, bewirbelt – und steuert noch einen Synthesizer. Das ist der ungestüme Sound einer neuen Generation junger Jazz-Musiker. Die neue CD von Underkarl trägt den Titel „Second Brain“ (übersetzt: zweites Gehirn). „Unser zweites Hirn befindet sich im Bauch“, sagt Sebastian Gramms, „und gesteuert werden wir eigentlich von Emotionen.“ (Marc Mandel)
Frankfurter Rundschau, 15. April 2003:
Mannschaftsspiele. Darmstadt als Musik-Innenstadt zur Arbeitstagung des Instituts für Neue Musik
Der Sonntagabend beginnt in der Centralstation mit einem Abend-Raga, und besser kann ein Sonntagabend nicht beginnen. Der Abend-Raga, sagt Dhruba Ghosh, wird während der Dämmerung gespielt, wenn das Zwielicht eine mehrdeutige, unentschiedene Stimmung schafft, die dann in eine große Ruhe mündet.
Dhruba Ghosh, ein Virtuose des gestrichenen Saiteninstruments Sarangi, das kompliziert zu spielen und fast genau so kompliziert zu stimmen ist, gibt noch ein paar kurze Erläuterungen - Zentraltöne, Satzfolge, metrische Grundlagen - und beginnt dann mit der Introduktion in freiem Tempo. Das Zwielicht beginnt vieldeutig zu werden, während Dhruba Ghosh seine feinen Verzierungen in die Fugen der Tonfolgen hineinwirkt und Roselyne Simpelaere an der Tanpura das zehnteilige Metrum leise dahin schwirren lässt. Während nach der Intro der famose Edouard Prahbu mit leise pulsenden Basstönen der Tabla dazukommt und sich ein ruhiges, dabei recht formstrenges Duo zwischen ihm und Ghosh entwickelt, wendet sich alle Aufmerksamkeit im Saale der Bühne zu. Weil die Tabla kein Rhythmus-Instrument im westlichen Sinne ist, gibt es keinen Grund zum Fußwippen, und die schwingende Ruhe, von der Dhruba Ghosh zu Anfang gesprochen hatte, breitet sich geradezu greifbar aus, während das Trio sehr lebendig und bewegt dahin spielt.
Der Abend-Raga dauert etwa 20 Minuten, so kurz ist eine Abenddämmerung in Nordindien. Weil man das, was man weiß und wieder erkennt, besser hört, gibt Dhruba Ghosh auch zum zweiten Stück eine Erläuterung samt Satzfolge und Satzbezeichnungen. Das Stück dauert dann eine epische und überaus bewegte Dreiviertelstunde, während derer sich das mitteleuropäische Zwielicht draußen in eine klare Dunkelheit verwandelt.
Während dann der Komponist Johannes Fritsch mit Dhruba Ghosh im Duo spielt, geht im Gewölbekeller des Jazzinstituts in der Ludwigshöhstraße die Post ab. Hier spielt Underkarl, ein freigeistiges Quintett, das auf solider Jazz-Basis mit allerlei musikalischem Material ein sehr schnelles Mannschaftsspiel mit multiplen Regeln betreibt. Ein höllisch schnelles, man kommt kaum mit. Lustige Kurzkompositionen zwischen zehn und 20 Sekunden Länge aus der Gattung der Fanfare werden wie Torwürfe zwischen längere Spielphasen geschoben. Selten erklingen weniger als fünf verschiedene Einflüsse aus diversen musikalischen Richtungen und Sparten gleichzeitig, und bei all dem sind die Fünf so geistesgegenwärtig und technisch so gut, dass sie einfach alles dürfen - und man ihnen kaum verzeihen würde, wenn sie nicht auch alles machten. Wenn sie aber gerade mal weniger machen als alles auf einmal und beispielsweise zu dritt an der Entwicklung eines begleiteten Solos arbeiten, staunt man über die Größe, Haltbarkeit und Eigenständigkeit des kompositorischen und improvisatorischen Vermögens, das da auf der Bühne versammelt ist, über die klangliche Raffinesse und über die Souveränität, mit der gearbeitet wird. Aber nur kurz, dann kommt gleich wieder eine Fanfare wie eine kostbare Porzellantasse, die am Boden zerschellt.
In der Centralstation kann man danach noch das tuvinische Quartett Huun-Huur- Tu hören. Die zentralasiatische Republik Tuva ist nicht das Land komplizierter Musikinstrumente, sondern der erstaunlichen Stimmkunst, und Kaigal-ool Khovalyg ist ein wahrer Pavarotti des Kehlkopf-Obertongesangs. Die vier sind seit einigen Jahren in Westeuropa und den USA recht populär geworden und haben spürbar Routine des weltmusikalischen Auftritts erworben, ohne den Ernst, mit dem sie ihre Musik zelebrieren, dabei aufgegeben zu haben.
Das Programm gehorcht einer vergleichsweise gefälligen Dramaturgie, die die spektakuläre Gesangstechnik in den Mittelpunkt stellt, und wenn das Publikum genug darüber gestaunt hat, dass eine Männerstimme so klingen kann, als würde sie von einer Flöte begleitet, wird ein kleines Instrumentalstück auf den kargen Pferdekopfgeigen gespielt, und man fühlt sich, wenn man will, in die Steppenlandschaft versetzt, in der diese Musik entstanden ist.
Genauso erstaunlich aber ist, was man alles an einem einzigen Abend in Darmstadt zu hören bekommen kann, wenn dort das Institut für Neue Musik und Musikerziehung mit seinen Kooperationspartnern die vorösterliche Arbeitstagung veranstaltet. (Hans-Jürgen Linke)
Darmstädter Echo, 9. April 2003:
Swingen, bis der Schweiß tropft. Jazz-Legenden: Das „International Trio“ mit Trevor Richards, Christian Azzi und Reimer von Essen in Darmstadt
DARMSTADT. Trevor Richards ist eine lebende Legende. Auf seiner Bass-Trommel mit dem beeindruckenden Durchmesser spielte schon Zutty Singleton in Louis Armstrongs „Hot Five“. Bei ihm hat Trevor Richards sein Handwerk erlernt. Unzählige Schallplatten hat er eingespielt, mit Art Hodes, Ralph Sutton, Louis Nelson, Chris Barber – die Reihe liest sich wie ein Lexikon des New Orleans Jazz. Seit zwanzig Jahren kommt er, jeweils kurz vor Ostern, für vier Wochen nach Deutschland und belebt das „International Trio“. Zusammen mit Christian Azzi und Reimer von Essen trat Richards am Montag im Gewölbekeller unter dem Darmstädter Jazzinstitut auf.
Zimmerlautstärke – das gibt es nicht oft in diesem Raum. Doch fällt es schwer, still zu sitzen an diesem Abend. Überall wippen Füße, Köpfe, Hände, trommeln Finger den Rhythmus auf dem Knie. Die Klarinette singt, jauchzt, jubelt weint, kräht, jubiliert, lacht, wiehert - der dreiundsechzigjährige Chef der Barrelhouse-Jazzband swingt sich den Schweiß auf die Stirn. Es sind die wohlbekannten Stücke von King Olliver und Jelly Roll Morton, die hier aufpoliert werden. Und rare Melodien von George Gershwin oder Sidney Bechet. Unter dem Publikum sind bekannte Darmstädter Jazzer, aber auch ganz junge Leute sind gekommen, um die drei Jazz-Legenden zu hören.
Das „International Trio“ ist nicht zum ersten Mal in Darmstadt, mit Überraschungen hatte niemand gerechnet. Doch es kam anders: Zum ersten Mal war der französische Pianist Christian Azzi dabei. Der Sechsundsiebzigjährige hat viele Jahre Sidney Bechet begleitet und neigt mehr zum Ragtime als zum Swing. Damit gibt er dem Repertoire neue Impulse. So kommt es, dass Reimer von Essen das Kunststück fertig bringt, Fats Wallers „Black and Blue“ auf der Klarinette zu spielen. Und dann bläst der Ehrenbürger von New Orleans noch den „Polka Dot Stomp“ – so etwas Ähnliches wie den Klarinetten-Mucki des Swing. Als Scott Joplin seinen „Maple Leaf Rag“ schrieb, hätte er sich wohl nicht vorstellen können, dass daraus jemals ein Schlagzeugsolo würde.
Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts, empfiehlt jungen Schlagwerkern, sich einmal Trevor Richards anzusehen. „Ich kenne niemand auf der Welt, der Drum-Roads so exakt spielen könnte. Er beherrscht Techniken, die junge Schlagzeuger kaum noch kennen.“ Der solchermaßen Gelobte gibt das Kompliment zurück: „Das ist ein Jazz-Keller wie früher. Nur sauberer.“ (Marc Mandel)[PS: In Wirklichkeit sprach Knauer von "Drum-Rolls", aber sonst stimt's.]
Frankfurter Rundschau, 17. März 2003
Wer hat an der Uhr gedreht? - Die Jazzsaxofonistin Angelika Niescier in Darmstadt
Weil sie dafür bekannt ist, ihre Sets in die Ewigkeit von drei, vier Stunden zu dehnen, ihren Stücken noch ein Solo und noch ein Solo hinzuzufügen, kurz: weil sie ihre Musik so sehr liebt, dass sich sie nicht von ihr trennen kann, hat sie eine kleine Uhr auf der Bühne des Gewölbekellers unter Darmstadts Jazzinstitut stehen. Mit bangem Blick schätzt sie die ihr noch verbleibende Zeit. Die Pause wird gekürzt, der Applaus abgewürgt. Als säße irgendwo ein rosaroter Panther und sänge unentwegt: Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?
Irgendjemand muss Angelika Niescier Schreckliches über Darmstadt erzählt haben, vielleicht, dass alle kollektiv um 23 Uhr den Keller verlassen, weil dann die letzte S-Bahn geht. Damit hat die Wahl-Kölnerin die Provinz unterschätzt, vor allem weil man in Darmstadt über Jahre eines gelernt hat: guten Jazz vom schlechten zu unterscheiden. Und so wären sie sitzen geblieben und hätten noch einem Solo und noch einem Exkurs des Angelia Niescier Quartetts zugehört. Aber Niescier geht auf Nummer sicher, kurz vor Elf ist alles vorbei.
Den Jazz, den die junge, 1970 im polnischen Stettin geborene Saxofonistin in den zweieinhalb Stunden davor vorträgt, bewegt sich im bekannten Idiom des Modern Jazz, straight und kompakt, ohne aufregende Klangexperimente, aber auch alles andere als konservativ oder altbacken, dabei sehr frisch und präzise. Ihrer Intensität wegen leuchtet Coltrane als ferne, aber nicht abwegige Referenz. Tatsächlich steckt viel Energie in ihren Phrasen und eine geradezu überrumpelnde Spiellust. Mit einem Lächeln auf den Lippen spielt sie sich an den Rand der Atemlosigkeit - und ans Zeitlimit. Ihre Soli sind lang, na klar, aber allemal dicht genug, um nicht zu zerfallen.
"Sublim" nennt sie ihr Quartettprojekt, das ausschließlich ihre eigene Kompositionen spielt, ihr Debütalbum ist im letzten Jahr erschienen (Shaa-Music 1010-0202). Ihre Saxofonstimme hat sie dabei in ein starkes Ensemblekonzept eingeflochten, vor allem Hans Lüdemann sorgt am Flügel für manch überraschend-abstruse, sperrige, aber niemals zum Fluss der Musik querstehende Wendung und Christoph Hillmann schafft am Schlagzeug das seltene Kunststück, auf sehr entspannte und zurückgelehnte Art Druck und Tempo herzustellen. Wenn Angelika Niescier sich von dessen Reife und Gelassenheit etwas abschaut, wird sie bald richtig guten Jazz machen. Gut ist er jetzt schon. (Tim Gorbauch)
Darmstädter Echo, 15. März 2003:
Schnell und schwermütig
Noch ist sie ein Geheimtipp, die Saxofonistin Angelika Niescier, die am Donnerstag mit ihrem Quartett „Sublim“ erstmals in Darmstadt aufgetreten ist. Bei ihrem Konzert im Jazzinstitut meisterte sie zusammen mit dem Pianisten Hans Lüdemann, dem Kontrabassisten Sebastian Räther und dem Schlagzeuger Christoph Hillmann auch komplexe Eigenkompositionen scheinbar mühelos. Das Quartett ist homogen und aufeinander eingespielt, es schwankt zwischen aberwitzig schnellen und schwermütig-getragenen Sequenzen, feinnervig kommunizierend im Sinne einer spannenden Kollektivimprovisation. Bei den Soli präsentierten sich die überragende Saxofonistin, die in Polen geboren wurde und in Köln lebt, der Pianist Lüdemann und die Rhythmusgruppe als fantasievolle Improvisatoren. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 10. März 2003:
Stimme und Saxophon
Hiesige Jazzenthusiasten kennen die Bremer Vokalisten Gabriele Hasler von ihrer Teilnahme als Dozentin bei den "Jazz Conceptions", wo sie mit ihrer Sensibilität und Begeisterungsfähigkeit viele Freunde gewann. Am Freitag gastierte sie im Duo mit dem Saxofonisten Roger Hanschel im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut, und es war klar, dass es sich in dieser Konstellation nicht um die gängige Variante "Instrumentalist begleitet Sängerin" handeln konnte. Stattdessen traten zwei absolut gleichwertige Partner auf.
Roger Hanschel hat schon frühzeitig als Mitglied der "Kölner Saxophon Mafia" konventionelle Pfade verlassen und mit einer Spielweise experimentiert, die der menschlichen Stimme ähnelt. Gabriele Hasler dagegen hat nach Ausflügen in Pop-Gefilde und zeitgenössischen Jazz eine neue Ästhetik des Gesangs konzipiert, die sie in ihrem "Creative Vocal Centre" lehrt. Das Duo tritt seit 1994 sporadisch gemeinsam auf und wurde durch die sprachtechnisch anspruchsvolle Kombination von Lyrik und Jazz bekannt. Mit ihrem neuen Programm überzeugten die beiden außergewöhnlichen Protagonisten am Freitag ein fachkundiges Publikum. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 15. Februar 2003:
Jazz ohne Kontrabass. „Electrified“: Das Trio überzeugt mit bizarren und virtuosen Klängen
DARMSTADT. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten haben sich drei Jazzmusiker zum Projekt „Electrified“ gefunden, mit dem sie am Donnerstag im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut in Darmstadt gastierten. Neben ihren konventionellen Instrumenten bedienten sie elektronische Klangquellen. So erklangen die ersten Töne bereits, bevor die Künstler die Bühne betraten.
Thomas Honecker (Gitarre), Jörn Schipper (Schlagzeug) und Christof Thewes (Posaune) haben auf den im Jazz sonst unersetzlichen Kontrabass verzichtet, um sich harmonisch noch ungebundener zu bewegen. Das hinderte sie nicht daran, zeitgenössische Pop-Musik, Techno oder Drum’n‘Bass einzubeziehen. Jörn Schipper überzeugte melodisch wie rhythmisch im dynamischen Spiel auf dem Drum-Set. Die Saarländer Thomas Honecker und Christof Thewes musizieren schon seit über zehn Jahren gemeinsam in wechselnden Konstellationen aus den Bereichen Jazz und Freier Improvisation. In die spannende, abwechslungsreiche Performance des Trios eingelagert waren Solo-Passagen – etwa die energiegeladenen Posaunen-Einschübe von Thewes, die die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten auf diesem Instrument zeigten.
Das Publikum, darunter viele Musikerkollegen, war vom virtuos-inspirierten Spiel von „Electrified“ angetan und genoss die bizarren Klanglandschaften. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 14. Februar 2003:
Klingende Kisten. Sammlung: Darmstädter Jazzinstitut erhält Sammlung der Berliner FMP-Produktion
DARMSTADT. Wolfram Knauer hält triumphierend eine Schallplatte in die Höhe. Der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts öffnet eine Kiste nach der anderen. Darin befindet sich das komplette Schallarchiv der Berliner Free-Jazz-Produktion (FMP). Der Vorsitzende des Förderkreises Kultur, Darmstadts Oberbrügermeister Peter Benz, übergab gestern mit dem Geschäftsführer Roland Dotzert die Sammlung an das Jazzinstitut. FMP war 1969 von den Musikern Peter Brötzmann, Peter Kowald und Jost Gebers in Berlin gegründet worden. Danach führte Gebers alleine den Betrieb, produzierte Schallplatten, veranstaltete Konzerte und betreute Free-Jazz-Projekte.
Nachdem in Berlin die Gelder nicht mehr so üppig flossen, musste Gebers schließen und bot sein Archiv zum Verkauf an. Für Knauer war dies die ideale Ergänzung zur Behrendt-Sammlung des Jazzinstituts. Glücklicherweise war der Förderkreis bereit, die 11 600 Euro zu bezahlen. Zu der Sammlung gehören etwa 3000 Langspielplatten, über 300 CDs, Fotos und viele Plakate. Im April bereitet Instituts-Mitarbeiterin Doris Schröder übrigens eine Ausstellung über den im vergangenen Jahr verstorbenen Kontrabassisten Peter Kowald vor. (mand)
Frankfurter Rundschau, 27. Januar 2003:
Der "Verräter". Olaf Kübler in Darmstadt
"Und der Haifisch, der hat Zähne. . ." Mit den Raubfischen im Showbiz hat Olaf Kübler seine Erfahrungen gemacht. Wenn der heute 65-jährige Musiker sein Konzert im Jazzinstitut mit der Moritat von Mackie Messer beginnt, so ist das sinnig. Der Tenorsaxophonist ist nicht nur zum Spielen nach Darmstadt gekommen, sondern er wird auch erzählen über jenes Geschäft und seine seltsamen Bräuche. Mit seinem Buch Klartext / Voll daneben hat der Musiker im letzten Jahr seine persönliche Abrechnung mit der Branche vorgelegt.
Zum 25. Mal plaudert Wolfram Knauer auf dem kleinen Podium im Gewölbekeller mit einem Gast aus der deutschen Jazzszene. Die kleine Spielstätte ist zum Schauplatz einer oral history des deutschen Jazz geworden. Herb Geller und Joe Haider waren da, Gunter Hampel und Karl Berger, aber auch Jüngere: Frank Gratkowski, Michael Rießler oder Sandra Weckert.
Nun also der "Jazzverräter", wie Kübler gerne all diejenigen zitiert, denen der Musikant zu weit vom Pfade der reinen Lehre abgewichen ist. Lange Jahre hat er in den Bands von Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen für die dirty notes gesorgt. Vorher hat er das gespielt, was er auch jetzt wieder begeistert tut - Jazz oder, wie er es sagt: Jatz. Den hat er in den Fünfzigern in den Kneipen und Clubs von Shanghai an der Lahn kennen gelernt und der Hardbop hat es ihm immer noch angetan. Nachzuhören ist das auf der 2001 veröffentlichten CD When I'm 64 mit Christoph Spendel, André Nendza und Kurt Bilker. In Darmstadt sitzt für Bilker Joe Bonica am Schlagzeug, und der traktiert sein kleines Drum-Set mit viel Witz. Mal im Dialog mit dem ungestümen Piano Spendels, dann wieder umspielt er souverän den Rhythmus, ohne je den warmen Bass von Nendza zuzudecken. Straight-ahead-Jazz mit viel Fantasie, der die Studio-Aufnahmen der CD bei weitem überflügelt.
Vollends das Ruder an sich reißt der Senior im Gespräch mit Knauer. Anekdoten sprudeln nur so aus ihm heraus. Von der Anfangszeit in Gießen als er mit den schwarzen GIs das Jatzen lernte, von der Zeit in München, als er im Jazzclub Domicile wohnte und bei Max Greger vorspielte ("Mei, Olaf, du spui'st jo wi a' Neger."). Bei Greger scheiterte er an der mangelnden Notenfestigkeit. Dafür entdeckte ihn Udo Lindenberg, in dessen Panikorchester er eine feste Größe wurde. Aus der Popwelt hat sich Kübler aber verabschiedet und genießt, wie er sagt, wieder die zweischneidige "Freiheit", die der Jazz bietet. Tummelt sich in kleinen Clubs mit langen Soli zwischen souligem Jazz und Cubop. Gibt sich romantisch in My Foolish Heart, lässig im Blues For Nothing, funky in der Ode To Eddie (Harris). Der gehört zu seinen Vorbildern wie Sonny Rollins, dessen Auftritt jüngst in Frankfurt ihm, so sagt er, wieder einmal klargemacht habe, wo er stehe.
Darmstädter Jazzinstitut, Bessunger Straße 88d: Am 21. Februar, 20.30 Uhr, kommt Christian Wegscheider (Trio) zum Jazz-Talk.
Darmstädter Echo, 27. Januar 2003:
Leben in Tönen. Jazz: Tenorsaxofonist Olaf Kübler als Gast des 25. Gesprächskonzerts im Bessunger Kavaliershaus-Keller
DARMSTADT. Mit dem JazzTalk Nr. 25 konnte das Jazzinstitut Darmstadt am Freitag ein kleines Jubiläum feiern. Proppevoll wie meist bei den vergangenenen Veranstaltungen war der Gewölbekeller unterm Kavaliershaus, als Institutsleiter Wolfram Knauer mit dem Tenorsaxophonisten Olaf Kübler einen illustren Gast zu Jazz und Talk begrüßen konnte. Kübler, Jahrgang 1937, reflektiert in besonderer Weise den Lebenslauf eines freischaffenden Jazz-Musikers. Früh kommt er in Schanghai an der Lahn, wie er seine Heimat Gießen tituliert, in amerikanischen Klubs mit den Klängen in Berührung. Blauäugig stürzt er sich hinein in das Haifischbecken der Pop-Musikindustrie, als der Jazz in den siebziger Jahren am Boden liegt. Rasant erfolgt sein Aufstieg in die Oberliga als Begleitmusiker von Passport, Sting oder Udo Lindenberg.
Sein Talent als Erfinder zahlreicher Wortschöpfungen (Good-bye-pass) und Nonsensesätze (I hate Shopping but I like Chopin) wird von anderen glänzend vermarktet und macht Kübler lediglich an Erfahrungen reicher. In seiner Biographie Klartext/Voll daneben (1996) zieht er einen Strich unter seine wilde Vergangenheit, zieht sich in die Limburger Gegend zurück und beginnt wieder Saxofon zu blasen.
Der mittlerweile Vierundsechzigjährige meldet sich mit dem Album When Im 64 zurück und überzeugt durch leidenschaftliches Spiel. Seit fast zwei Jahren jazzt er zusammen mit dem Klavierspieler Christoph Spendel, dem er nach einem Vierteljahrhundert wiederbegegnet ist. Die beiden verwandeln Gassenhauer oder abgedroschene Balladen einfallsreich in brillante Miniaturen.
Kübler läßt sein soulgetränktes Tenorsaxofon röhren oder haucht bewegende Phrasen in das Horn, während Spendel sich von einer Ekstase in die nächste schwingt, angefeuert vom federnden Groove, für den Kontrabassist André Nendza und Schlagzeuger Joe Bonica sorgen. (hdv)
Darmstädter Echo, 22. Januar 2003:
Klage über die Last mit der Hochkultur. Rituale und Rechenspiele der Kulturpolitik
DARMSTADT. Wenn Kulturmacher und Kulturpolitiker über die freie Szene diskutieren, dann sind die Fronten meist klar abgesteckt und die Klagen ritualisiert.
So auch am Dienstagnachmittag, als die Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren Hessen (Laks) zur Podiumsdiskussion mit Landtagsabgeordneten ins Darmstädter Jazzinstitut geladen hatte.
Wie wollen Sie in die Köpfe kommen, fragt die moderierende Journalistin Ulrike Holler in die Runde, und aus der Menge der Kulturschaffenden im Gewölbekeller des Kavaliershauses kommt der Zwischenruf: Wir wollen doch in die Taschen kommen dahin, wo das Geld sitzt. Treffender kann man das Spannungsfeld solcher Diskussionen kaum benennen.
Gero Braach vom Vorstand der Laks rechnet vor, dass der Kunst- und Wissenschaftsetat des Landes in den vergangenen vier Jahren um 34 Prozent gestiegen sei, der Anteil für Kulturzentren wie etwa die Bessunger Knabenschule hingegen nur um 14 Prozent.
Heute betrage der Landeszuschuss rund 430 000 Euro, 1994 seien es bereits umgerechnet 450 000 Euro gewesen, doch dann habe die damalige rot-grüne Regierung die Förderung auf etwa 350 000 Euro gekürzt, bevor die amtierende christlich-liberale Regierung den Betrag wieder aufstockte.
Sarah Sorge, Kulturpolitische Sprecherin der Grünen, gibt sich darüber offen zerknirscht: Ich schäme mich dafür, dass unter Rot-Grün der Etat runtergefahren wurde. Und weil sie in Zeiten knapper Kassen keine zusätzlichen Wohltaten für die Kultur versprechen kann, setzt sie auf Umverteilung im Kulturetat. Man müsse schauen, welche Kultur nach hinten und welche nach vorne blickt. Das trifft logischerweise Staatstheater und große Museen.
Dazu fällt auch Nicola Beer, der kulturpolitischen Sprecherin der FDP einiges ein: Ich würde rasend gerne eines der hessischen Staatstheater privatisieren. Ich meine nicht, dass man drei haben muss, das sei eben ein Erbe aus Zeiten von Fürsten und Großherzögen.
Mit solchen Ideen rennt man bei der Laks offene Türen ein, denn auch Gero Braach aus dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft, bezweifelt, ob man einen bestimmten Kanon immer wieder abfeiern muss, zumal die großen Häuser ja wahnsinnige Geldfresser seien. Da könne man doch nicht darauf verweisen, diese Institutionen habe man aus dem Feudalismus geerbt.
Nein, für die Großinstitute der Hochkultur mag in dieser Runde niemand streiten. Wer will sich schon unbeliebt machen es ist ja Wahlkampf.
Die CDU-Sozialpolitikerin Eva Ludwig billigt den soziokulturellen Zentren eine wichtige Aufgabe in Sachen Jugendbildung zu: Es gehe doch darum, wie man junge Menschen für den Staat begeistert. Da können wir nicht mit Kleist anfangen.
Michael Siebel, medienpolitischer Sprecher der SPD, wagt, angestachelt von der Moderatorin, immerhin auch Kritik an der Laks: Die Jugend sei ja nun auch nicht massenhaft auf soziokulturelle Zentren abonniert und die freie Szene wiederum sei zumindest in Darmstadt vielfach zu passiv, wenn es darum gehe, Zugang zu Schulen und Schülern zu kriegen.
Mögliche Versäumnisse der Laks begründet Gero Braach damit, dass die Arbeitsgemeinschaft in der Vergangenheit viel Zeit darauf habe verwenden müssen, den Politikern alle vier Jahre Nachhilfestunden zu geben, was soziokulturelle Zentren sind.
Daraus erklärt sich vielleicht auch die offenbar mangelhafte Beachtung der freien Szene. So bleibt denn als Konsens der Diskussion der Wunsch und das Gelöbnis, Kulturzentren mehr Verlässlichkeit der finanziellen Planung zu gewähren. (Stefan Benz)
[Bildunterschrift: PODIUMSDISKUSSION: Über die mangelnden Mittel der freien Kulturszene in Hessen diskutierten (von links) Gero Braach von der Arbeitsgemeinschaft der Kulturzentren, Nicola Beer (FDP), Moderatorin Ulrike Holler, Eva Ludwig (CDU), Sarah Sorge (Grüne) und Michael Siebel (SPD). (Foto: Roman Größer)]
Darmstädter Echo, 20. Januar 2003:
Monk und Oldtime-Jazz. Konzert: Partheils Playtime feiert Jazz-Genie, En Haufe Leit sorgt für Party-Stimmung
DARMSTADT. In den beiden Kellergewölben unterm Jagdhofareal wurde am Wochenende die neue Jazz-Saison mit Konzerten lokaler Gruppen eröffnet. Das Publikumsinteresse war groß, stellten sich doch Vertreter verschiedener Jazz-Stilrichtungen mit neuem Programm vor.
Im Gewölbe unterm Kavaliershaus präsentierte Uli Partheils Playtime Improvisationen über Kompositionen des Jazz-Pioniers Thelonius Monk. Dieser hatte mit Variationen über Swingthemen in den fünfziger Jahren Aufsehen erregt und den damals aktuellen BeBop nachhaltig bereichert. Der für seinen hintergründigen Humor bekannte Genius soll im Studio auf die Frage nach dem Titel eines Stückes Lets call this ... geantwortet haben. Eben jenes und weitere weniger bekannte Kompositionen von Thelonius Monk setzte Uli Partheil am Klavier in Szene und demonstrierte nachhaltig seine künstlerische Verwandtschaft mit dem Vorbild. Seine Spielkameraden Udo Brenner am Kontrabaß und Holger Nesweda hinter den Trommeln erwiesen sich dabei als unentbehrliche Helfer durch den Synkopen-Dschungel; sie nutzen kreativ die Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Instrumente zum homogen-kompakten Klang des Trios.
Im Gegensatz dazu brachte das Darmstädter Oktett En Haufe Leit mit swingendem Oldtime-Jazz Party-Stimmung in den Jagdhofkeller. Die Kultband der älteren Semester begeisterte sofort mit bekannten Ohrwürmern wie You are my Sunshine. Aber die Mannen um den Posaunisten und Sänger Alfred Heupt boten nicht nur die beliebten Impressionen ihrer musikalischen Wahlheimat New Orleans, sondern überraschten mit gefälligen Neubearbeitungen. Herausragender Solist war dabei Klarinettist Norbert Hanf, der mehrfach Szenenapplaus erhielt, und Schlagzeug-Urgestein Lothar Scharf, der bei Avalon alle Register seines Könnens zog. (Hans-Dieter Vötter)
Frankfurter Rundschau, 14. Januar 2003:
Zwiegespräch mit Steinen. Der amerikanische Free Jazzer Charles Gayle in Darmstadt
Von Clowns wissen wir, wie schmal die Linie ist, die das Lachen vom Weinen trennt. Und dass hinter der bunten Maske der Imagination die Realität nicht verschwindet. Flucht ist zwecklos. So wie bei Charles Gayle. Fast 20 Jahre hat er auf New Yorks Straßen in sein Saxofon geblasen, in U-Bahn-Schächten wartenden Passanten seine Idee von Free Jazz entgegengeschleudert - und wenn es gut lief, schmissen sie ihm dafür einen Dollar zurück.
Bis sich Ende der 80er Jahre der graue Alltag purpurn färbt, die Knitting Factory im Vorüberlaufen auf Gayles autistisch-kompromisslose Saxofon-Attacken stößt und ihn unter Vertrag nimmt. 1988, mit fast 50, erscheint seine Debütplatte, Rockquerdenker und Noise-Aktivisten wie Henry Rollins und Thurston Moore von Sonic Youth erklären ihn zum Vorbild - und ganz plötzlich ist Charles Gayle, der Gossenmusiker, der Außenseiter, ein Star der New Yorker Avantgarde. Reich ist er dennoch nicht geworden, seine Musik sei, sagte er einmal, "not the rich man's music". Aber immerhin hat er jetzt ein Dach über den Kopf und darf in Clubs spielen. Doch der Straße kann oder will Gayle nicht entkommen. Für seine Auftritte hat er eine Figur erfunden, die er "Streets the Clown" nennt. Mit zerfetztem Jackett, zerlumpter Hose, schäbigem Filzhut und Clownsnase steht er bei einem seiner raren Gastspiele in Deutschland auf der Bühne des Gewölbekellers unterm Jazzinstitut. Manchmal hört er auf zu spielen und improvisiert pantomimisch. Einmal reißt er sich ein übergroßes, rotes Stoffherz aus der Brust. Auch das könnte symbolisch sein.
Der Straßenclown ist keine kokette Maske, mit der Gayle die Dramatik seiner eigenen Biografie inszeniert. Eher ist sie ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Er sei gewohnt, so zu spielen, er fühle sich wohler. Es sei eine Notwendigkeit, nicht bloß Entertainment. Und das Herz reist er sich auch musikalisch aus, vor allem am Saxofon, seinem eigentlichen Instrument. Nicht immer mit der Unbedingtheit und gewaltigen Radikalität, die Charles Gayle zu einer der furiosesten Stimmen des Free Jazz machten. Sein Spiel ist melodischer geworden, er sucht die große Emotion hinter der reinen Energie, ohne dass seine Phrasen auch nur eine Spur nachlassen oder an Intensität verlieren.
Wenn er sich dann in seinen besten Momenten vom Publikum wegdreht, ganz dicht an die Wand tritt und mit den Steinen des Gewölbekellers spricht, wenn er dazu murmelt und stöhnt, kann man ahnen, wie die Töne in seinem Kopf herumrasen, wie voll Charles Gayle mit Musik ist. Es muss raus. Und selbst wenn ihm irgendwann niemand mehr zuhören wollte, würde Gayle weiter und weiter spielen. Zur Not eben wieder auf der Straße.
Ein Klavier könnte er dahin nicht mitnehmen. Vermissen würde er es. In Darmstadt sitzt er an diesem Abend daran öfter, als er sein Tenorsaxofon benutzt. Musikalisch wird das Weiche und Sanfte, die Sehnsucht nach Größe und Gefühl dort noch spürbarer, auch wenn das Vokabular eingeschliffener wirkt, die Gesten epigonaler. Alte Standards fließen ein, einmal drängt sich Summertime in den Vordergrund, ganz zart und fragil, ohne eine Spur von Ironie. Aber dann verdichten sich die Akkorde wieder, bis die Finger, die Hände nicht mehr ausreichen und er mit den Ellbogen und Unterarmen die Tasten niederdrückt. Darüber singt er mit brüchiger Stimme von Hass und Armut. Und Charles Gayle, der Clown, weiß, wovon er singt. Die Straße ist immer dabei. (Tim Gorbauch)
Darmstädter Echo, 13. Januar 2003:
Clochard-Clown am Saxofon. Jazz: Freies mit Charles Gayle im Jazzinstitut
DARMSTADT. Mit der Entwicklung des Free Jazz in den sechziger Jahren hat sich die Jazz-Szene in Deutschland von der in den USA emanzipiert. Einen herausragenden Platz nimmt hierbei der deutsche Kontrabassist Peter Kowald ein, der im September vergangenen Jahres in New York gestorben ist. Anlässlich von Gedenkkonzerten sind einige amerikanische Freunde nach Deutschland gekommen, darunter der legendäre Tenorsaxofonist Charles Gayle, den das Jazzinstitut Darmstadt für ein Solokonzert gewinnen konnte. Der 1939 geborene farbige Amerikaner gilt als einer der Pioniere der Free-Jazz-Bewegung im Dunstkreis von Albert Ayler und Ornette Coleman. Gayles Kompromisslosigkeit ist es zuzuschreiben, dass er sich fast zwei Jahrzehnte als Straßenmusikant durchschlagen musste.
Am Freitagabend trat er in Darmstadt mit roter Pappnase, Goldgräberhut und zerschlissenem Jackett auf. Der wortkarge Einzelgänger glaubt, in diesem Aufzug mehr Freiheiten für seine religiös-politischen Aussagen zu gewinnen, mit denen er seinen Vortrag am Klavier garniert. Seine Eskapaden auf den 88 Tasten zeigen ihn als energiegeladenen Virtuosen, der die Themen des Great American Songbook eigenwillig interpretiert. Auf dem Tenorsaxofon bestätigen die expressiven Melodiefragmente, die er beim Spazieren über die Bühne erzeugt, seine Neugierde bei der Suche nach Klangerweiterungen.
Frankfurter Rundschau, 17. Dezember 2002:
Metamorphosen der Hand. Simon Nabatov beim "Jazz Talk" in Darmstadt
Der Händedruck zum Abschied ist erstaunlich weich, fast zaghaft und zärtlich. Ist das die Hand, die zuvor den Flügel so kraftvoll und energiegeladen mit irrwitzigen Läufen zum Vibrieren gebracht hat, die, zur Faust geballt, die klangliche Intensität bis zum Äußersten trieb?
Ein Abend der Gegensätze: Hier der freundlich plaudernde, keiner Frage ausweichende, in erstaunlich gutem Deutsch bereitwillig erzählende Künstler Simon Nabatov, der die intime Atmosphäre des kleinen Kellers unter dem Darmstädter Jazzinstitut spürbar liebt; dort der konzentrierte Tastenvirtuose, der das Publikum zu ausgedehnten musikalischen Reisen einlädt zwischen Bach und Jobim, Rachmaninow und immer wieder Thelonious Monk.
Von zarten impressionistischen Klang-Gebilden bis zu expressiv-dynamischen Eruptionen hat seine Ausdruckspalette ganz gegensätzliche Stimmungen zu bieten. Doch bei allem drückt sich die Verliebtheit in die Musik aus, die Innigkeit dem Instrument gegenüber. Auch kommt es vor, daß er die Schlüsse der Stücke bis zur Groteske hinauszögert, so schwer scheint ihm die Trennung zu gelingen.
Bisweilen treibt er die Ausdrucksmöglichkeiten des Flügels bis an die äußersten Grenzen. Das Traktieren der tiefsten Tasten wird zum rhythmischen Bassgewitter, jenseits der höchsten Diskant-Töne dagegen hilft nur noch das Klopfen auf den hölzernen Korpus des Flügels. Und manchmal scheint es, als bedauere er, dass er nur zwei Hände zur Verfügung habe, obwohl es oft klingt, als habe er vier. Dann beginnt er zu pfeifen, wenn er mit der linken Jobim und mit der rechten Bach spielt, natürlich gleichzeitig.
Kaum jemand in der Garde der Jazzpianisten - weltweit gerechnet - verfügt über eine ähnliches pianistische Virtousität wie Simon Nabatov. Dazu zeigt er eine musikalische Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Die harte Ausbildung am Moskauer Konservatorium in den siebziger Jahren hat ihn genauso geprägt wie die zehn harten Jahre New York in den 80ern, als es darum ging, sich in der westlichen Szene zu etablieren. Seit 1989 lebt Simon Nabatov in Köln und ist seither in der europäischen Jazzszene in den unterschiedlichsten Projekten präsent.
In Darmstadt trat Simon Nabatov solo auf im Rahmen der Reihe "Jazz Talk". Hier stellt Wolfram Knauer, der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, in unregelmäßigen Abständen Musiker im Gespräch vor. Wo gibt es sonst die Möglichkeit, Jazz so hautnah zu erleben, in der Musik und im Gespräch? (Bernd Kuhne)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Dezember 2002:
Gedankenvirtuose: Der Jazz-Pianist Simon Nabatov in Darmstadt
Der permanente Hinweis auf seine Virtuosität sei beinahe eine Beleidigung, sagt beim "Gesprächskonzert" im Darmstädter Jazzinstitut der russisch-amerikanisch-deutsche Pianist Simon Nabatov. Das hat fast etwas Schrulliges, denn Nabatov, eine der spektakulärsten Jazzgestalten unserer Tage, ist wenigstens auf der einen Seite des imaginären Zauns, der "U", sprich Unterhaltung, von "E", will heißen ernster Musik trennt, der beste Techniker weltweit. Also hat er's ja so gewollt - und durch täglich achtstündiges Üben in seinen formativen Jahren auch befördert. Koketterie also?
Natürlich nicht, denn Technik ist nicht alles und soll die inneren Werte nicht verdecken, sondern darstellen, und das tut sie zweifellos in den besten Momenten von Nabatovs Spiel. Die von ihm geforderte "Gedankenvirtuosität" kommt an diesem Abend grandios in einem Stück heraus, das Motive aus einem Partitensatz von Bach und einem Stück von Antonio Carlos Jobim übereinanderlegt. Was da an harmonischen Verschränkungen, melodischen Verwirrspielen und Hochgeschwindigkeitslaufwerk zusammenkommt, scheint, im Rahmen der improvisierten Musik, jenseits des Machbaren, irgendwie schon im Wahnsinn angesiedelt.
Nabatov hat bisher ein bewegtes Leben geführt.Als er zwanzig war und bereits die gnadenlose klassische Ausbildung am Moskauer Konservatorium genossen hatte, wanderten seine Eltern mit ihm nach New York aus. Dort studierte er an der Juillard School of Music weiter, war von den klassischen Restriktionen mehr und mehr genervt, hing abends in Jazzclubs rum und finanzierte sich mit Gelegenheitsjobs als Chorleiter und Klavierspieler in Hotels und bei russischen Hochzeiten, die er wegen der kollektiven Alkoholisierung und der Dienstzeiten bis acht Uhr morgens weniger schätzte. Seit 1989 wohnt er in Köln.
Diese Erfahrungen, verbunden mit einer unbändigen Abenteuerlust, sind verantwortlich für Nabatovs wilde Unberechenbarkeit, die sich nicht nur in seinen vielen Projekten und verschiedenen Besetzungen, sondern auch an einem solchen Solo-Abend zeigt. In großem biographischem Bogen reist er in einem Stück von Moskau zum Broadway, läßt ein Stück von Thelonious Monk im Rachmaninov-Eausch unter- und wieder aufgehen, versieht ein anderes Stück von Monk mit impressionistischer Einleitung, um es später mit der beweglichen Filigrantechnik des Bebop-Zeitgenossen Bud Powell zu versöhnen.
Eine Schwäche hat auch Simon Nabatov, vielleicht sogar eine, die bisher verhindert hat, daß er zu den Giganten der Keith-Jarrett-Ebene gerechnet wird: Er treibt seine enorme Spielbesessenheit gelegentlich in einen spätromantischen, pedalgefluteten Donner hinein, in dem die Musik nur noch Lautstärke ist. Wolfram Knauer, der das Jazzinstitut Darmstadt zur europäischen Zentrale der Jazz-Information aufgebaut hat, konnte sich jedenfalls über einen staunenswerten Abend freuen, auch weil es ihm gelang, Nabatovs bemerkenswerte Erzählerqualitäten abzurufen. (Ulrich Olshausen)
Darmstädter Echo, 16. Dezember 2002:
Meister der Verwandlung. Der Pianist Simon Nabatov sucht bei seinem Konzert in Darmstadt einen Königsweg zwischen den Musikkulturen
DARMSTADT. Man muss Erfahrung und Reife besitzen, um so zu spielen wie der Pianist Simon Nabatov, der am Freitag im Darmstädter Jazzinstitut den letzten Jazz Talk des Jahres bestritt. Geboren in Moskau und von früh auf klassisch geschult, fand er durch Duke Ellington, der Anfang der siebziger Jahre Russland bereiste, und eine Jazzpartiturenausgabe eines ukrainischen Verlages zum Jazz. Nach Fortsetzung seiner klassischen Studien in New York suchte er mehr und mehr nach den originären Jazzwurzeln, spielte später in Köln bei Matthias Schubert und Klaus König und ist gegenwärtig einer der gefragtesten Jazzpianisten Deutschlands.
Wie keinen anderen treibt Nabatov die immer wieder erkennbare Neugier, kontrastierende Stile zusammenzubringen und einer dramatischen Entwicklung und Wandlung zuzuführen. Dafür sucht er große Formen und Kontraste, sowohl in Bezug auf Dynamik, Stil und Struktur. Im Moment können diese sich vielleicht aneinander reiben, verzahnen sich aber augenblicklich in seinen Händen. Deshalb sind seine Soloimprovisationen häufig Wechselbäder zwischen behutsamem, fast romantisierendem Anschlag, bombastischen Akkordblöcken, Parallelführung von rechter und linker Hand, unerwarteten Pausen, donnernden Einsätzen, spinnenhaften Schlägen gegen die Tasten und Schlagattacken gegen den Holzrahmen.
Nabatov lässt vitale Klang- und Rhythmuskontraste vernehmen, bringt Akkorde an ungewohnter Stelle, hämmert stellenweise Clusterstrecken oder setzt leiterfremde Töne ein. Dann hat er auf einmal ungewohnte melodische Wendungen parat und spielt mit überraschenden Akzentverlagerungen (in mehreren Titeln von Herbie Nichols), mischt in Eigenbearbeitungen klassische Melodien von Bach, Prokofjew und Ligeti mit Jazzmelodien und eingängiger brasilianischer Folklore.
Nabatov ist weder ein bekennender Hochleistungsartist im klassischen Sinne noch ein Reproduzent von Standardtiteln im Jazz, aber ein wahrer Alchemist des Klavierspiels, mit den genial verknüpften Eckpfeilern von Komposition und Improvisation. Fruchtbar ist seine Veränderung des Grundmaterials mit eigenen Mitteln, die Annäherung durch Veränderung. Das große Publikum lauschte begeistert dem wie entfesselt spielenden Pianisten. (Ulfert Goeman)
WDR5: Jazz'n'Live Trends, 12. Dezember 2002
Rezension: Jazz und Gesellschaft, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 7, Wolfram Knauer (Hg)
Die deutsche Jazzszene ist eine diskursarme Landschaft: jenseits des Rezensionsbetriebes steigt selten nur ein Gedanke empor. In dieser Ebene nimmt man dankbar - alle 2 Jahre - einen neuen Band zur Hand, herausgegeben vom Jazzinstitut in Darmstadt, der die Referate eines voraufgegangen Symposiums bündelt und so immer wieder den Faden aufzunehmen versucht. Die Mühen dieses Unternehmens sind schon auf dem Umschlag erkennbar:
ZITAT:
Der Jazz war immer eine gesellschaftlich relevante Musik. Er hat das 20. Jahrhundert begleitet wie keine andere Musikrichtung....
Wer sich zum ersten Male umtut in der deutschen Jazzszene, den mögen solche Sätze - für einen Moment - vielleicht beeindrucken. Wer schon ein wenig länger dabei ist, der nimmt sie nur noch wahr als Zeichen, dass die Raumtemperatur stimmt. Denn wer wirtschaftlich so am Rande steht wie der Jazz, der muss halt ordentlich Brennholz nachlegen. Dabei stehen wir heute - zumindest was das publizistische Echo betrifft - vergleichsweise günstig da. Gleich der erste Beitrag in *Jazz und Gesellschaft* von RALF-PETER FUCHS zeigt, dass die aufkeimende Jazz-Begeisterung unter den Jugendlichen der unmittelbaren Nachkriegszeit von der Presse kaum geteilt wurde.
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Von Melodie halten sie offenbar wenig.Die Tonarten Dur und Moll sind liquidiert und die einfachen tanzbaren Rhythmen eliminiert.
Sie werden schmunzeln, wenn Sie erfahren, welchem Autor diese Worte in die Schreibmaschine zu legen sind: August 1948, WERNER HÖFER schreibt in der ZEIT über die Musik von CHARLIE PARKER und DIZZY GILLESPIE. Zur Ehrenrettung des Frühschoppen-Moderators sei gesagt, dass Jahre später Sachkenntnis und Begeisterung bei ihm zusammenfanden. Aber, das liegt ausserhalb des Beobachtungsraumes von RALP-PETER FUCHS, der sich auf den *Jazz und sein Publikum in der deutschen Nachkriegspresse 1945-1953* konzentriert.
ZITAT
Während die Skepsis der in der ZEIT, der SZ und der FAZ publizierenden Kulturfachleute gegenüber diesen Erscheinungen nicht nur aus distanzierten Kommentaren, sondern auch aus einer sehr reduzierten bzw weitgehend fehlenden Berichterstattung ersichtlich ist, wurden bereits in der ersten Ausgabe der am Vorbild amerikanischer Magazine orientierten Wochenschrift DER SPIEGEL Berichte über Jazz gedruckt, in denen man sich etwa über die Unterschiede zwischen jenen Richtungen,die dem Publikumsgeschmack entgegenkamen und *Sweet* genannt wurden, und den *authentischen* Hot-Stilen informieren konnte. Dass diese Öffnung von Beginn an programmatisch betrieben wurde, ist daraus zu ersehen, dasss schon das zweite SPIEGEL-Heft das Thema auf der Titelseite hatte, gut zwei Jahre bevor ein Jazzmusiker zum ersten Mal auf der Titelseite des Magazins TIME WEEKLY erschien.
Mindestens fünfmal hatte DER SPIEGEL in den 50er Jahren Jazzmusikern eine Titelgeschichte eingeräumt - das klingt wie eine sehr ferne Musik, denn heute ist es genau umgekehrt: niemand erwartet mehr einen Jazzmusiker auf dem Titel des SPIEGEL, der Schwerpunkt hat sich - gegenüber der Nachkriegszeit - auf ZEIT, SÜDDEUTSCHE und FAZ verlagert. Das zu behaupten, erlaubt uns jedenfalls unsere Alltagsbeobachtung. Im Idealfall hätte sich hier eine genauso akribische Arbeit über die Gegenwart angeschlosssen. Die Jazzpublizistik der Gegenwart ist im Darmstädter Band auch tatsächlich vertreten - freilich mit einer sehr vorsichtigen Kritik der Jazzkritik, die sorgsam vermeidet, den - meines Erachtens - katastrophalen Zustand derselben anzusprechen.
Dafür finden wir eine kuriose Arabeske sozusagen aus dem Nachlass des JOACHIM ERNST BERENDT, nämlich wie der deutsche Jazzpapst 1953 mit einem anderen Papst und Gegner des Jazz sich anzulegen versuchte - mit THEODOR W ADORNO... und damit - natürlich - scheiterte. Immerhin, in der Zeitschrift *Merkur* - damals wie heute eine Bastion des europäischen Denkens - findet der Jazz inzwischen - wenn auch selten - Gehör. Der Band *Jazz und Gesellschaft* enthält eine Reihe sehr detaillierter Arbeiten über den amerikanischen Jazz, darunter einen vom Posaunisten und Musikologen GEORGE LEWIS über die 60er Jahre Avantgarde in den USA und in Europa. Der Beitrag glänzt geradezu mit einer Fülle von Details; aber es fällt mir schwer, daraus eine zentrale These, eine Erkenntnis gar zu destillieren - und schon gar nicht den Beweis etwa zu einem Zitat von YUSEF LATEEF, der da sagt: man könne in der Art, wie ein Musiker improvisiert, seinen Charakter und seine Persönlichkeit erkennen. Der Giessener Musikwissenschaftler EKKEHARD JOST hat die gesamte Literatur zum Thema *Jazz und Gesellschaft* durchforstet und keine Studie gefunden, der es gelungen wäre, in musikalischen Strukturen gesellschaftliche Prozesse nachzuweisen... und ich möchte bezweifeln, ob das je gelingen kann. Und deshalb habe ich mich auf einen Beitrag geradezu *gestürzt*, der schon vom Titel her das Gegenteil behauptet, lautet er doch: *Von der sozialen Irrelevanz improvisierter Musik*.
Autor ist PETER NIKLAS WILSON und er hat - bei ihm nicht verwunderlich - das denk-würdigste Stück dieses Bandes geliefert. WILSON kritisiert in erfreulicher Offenheit Ideologie und Verhalten von Vertretern der Improvisierten Musik und hebt z.B. einen Aspekt hervor, den man als Teil des Publikums durchaus kennt - nämlich dass es erfüllender sein kann, diese Musik zu spielen...als sie zu hören. Tatsächlich aber entpuppt sich WILSON´S Beitrag als eine Verteidigung der Impovisierten Musik.
Dergleichen läse ich gern, wären denn die Argumente dafür plausibel. Dem Standard-Vorwurf, Improviserte Musik sei *elitär*, begegnet WILSON folgendermassen:
ZITAT
Dieser Vorwurf hält wohl am wenigsten einer ernsthaften Prüfung stand. Im Gegenteil: das improvisierte Musik sich als Jetzt-zentriert begreift, verlangt sie ja eben kein Voraus-Wissen...
Offen gestanden, ich war überrascht, von einem Autor wie PETER NIKLAS WILSON ein solches Argument zu lesen. Jede Kunst verlangt eine Einweisung. Ob man die nun *Vor-Wissen* nennt oder wie auch immer. Auch die Vertreter der Improvisierten Musik sind ja nicht ohne Vor-Arbeit, ohne sich aus anderen Genres zu lösen, dorthin gelangt - wie also soll ein Zuhörer - gleichsam *aus dem Stand* - das verstehen und sogar Gefallen daran finden? Dass die Musiker selbst nicht wissen, wie ein Konzert verlaufen wird, ist z.B. ein solches Vor-Wissen, dass man als Zuhörer erst mal bewerten muss. WILSON fordert schliesslich einen Ort für die Improvisierte Musik, abseits aller anderen Orte im Musikleben - und weiss natürlich, dass dies eine nicht einzulösende Utopie bleiben wird. Und er schliesst mit einem Zitat des Musikers MALCOLM GOLDSTEIN, die diese Musik nun vollends der Kritik entzieht:
Zitat
*Wenn man Improvisation als einen Prozess des Entdeckens betrachtet, den jemand im Augenblick mit anderen teilt, kann eine Improvisation dann misslingen?*
Kann es nicht auch sein - müsste man MALCOLM GOLDSTEIN fragen -, dass man gemeinsam mit anderen...Nichts entdeckt? (Michael Rüsenberg)
Darmstädter Echo, 25. November 2002:
Für offene Ohren. Ehrung: Beim 11. Hessischen Jazz-Podium erhält Wolfram Knauer den Hessischen Jazzpreis
DARMSTADT. Der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, Wolfram Knauer, ist am Samstag mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet worden. Bei der Verleihung des mit 10 000 Euro dotierten Preises würdigte die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner, Knauer für sein unermüdliches Engagement beim Aufbau des Instituts, der Schaffung eines international anerkannten Informations- und Dokumentationszentrums. Sie dankte dem Förderverein Jazz der Stadt Darmstadt für die mustergültige Organisation des inzwischen 11. Hessischen Jazz-Podiums, das im Gewölbekeller des Jazzinstituts, in der Bessunger Knabenschule und in der Goldenen Krone stattfand.
In einer launigen Laudatio bezeichnete Jurymitglied Hans-Jürgen Linke das Institut und dessen Leiter als Schaltstellen für zeitgeschichtliche Musik und Forschung. Knauer habe ihm einmal verraten, er habe Zeit seines Lebens einen Heidenrespekt vor Musikern und er sorge stets dafür, dass jene in Talks, Workshops und Initiativen nicht leer ausgingen. In seiner Erwiderung dankte Knauer für die vielfältige Unterstützung und verwies darauf, dass er bei der Darmstädter Bevölkerung zunehmend einen gewissen Stolz erkenne, eine Einrichtung wie das Jazzinstitut zu besitzen, obwohl man teilweise und im einzelnen nicht wisse, was dort an Kultur jeweils passiere.
Dass der Jazz, wie Knauer weiß, eine Musik der offenen Ohren ist, bewies das ausgeklügelte Programm des viertägigen Festivals. Die Gruppe Space In Between etwa ist ein Septett um den Gitarristen Holger Henning, dessen Programm Heimat-Collage einen weiten Bogen von Barock-Variationen bis zu Filmmusiken, Jazz und Lyrik spannte. Das Frauke-Kühner-Quartett mit dem Gitarristen Thomas Honecker verschreibt sich der Musik Ornette Colemans, das Frank-Back-Quartett hatte am zweiten Abend einen gelungenen Festivalauftritt.
Das Duo Rüdiger Carl und Sven-Ake Johannson, Veteranen des deutschen Free Jazz, kombinierte theatralisch aufgefasste Musik teilweise mit gesprochenen Texten und bevorzugte den freien Umgang mit dem Beat. In einem Dialog von Klarinette beziehungsweise Akkordeon mit den unterschiedlichsten Perkussionsinstrumenten sahen die Musiker den Rhythmus mehr als eine Art hin- und herschwankender Bewegung.
Mit den United Colors Of Bessungen wurde das internationale Renommee eines örtlich verankerten Ensembles eindrucksvoll bestätigt; man muss anerkennen, dass es dem Bassisten Jürgen Wuchner immer wieder gelingt, mit ungewöhnlichen Kompositionen aufzuwarten.
Als das Heinz-Sauer-Trio mit Bassist Stephan Schmolck und Michael Wollny auf Wunsch des Preisträgers den dritten Festivalabend beschloss, war vielen klar, dass damit ein Höhepunkt des Jazz-Podiums erreicht war; dieser international geachtete Tenorsaxofonist scheint immer besser zu werden. Seine mal gehauchten, mal geschrieenen Laute gehen unter die Haut. In Michal Wollny hat er einen Partner, der mit Klavier und Synthesizer seine melodischen Fantasien noch zu steigern vermag. Dass Christopher Dells D.R.A.-Trio sowie die Darmstädter Big Band unter Peter Linhart regionale Eigengewächse mit großer Ausstrahlung sind, bewiesen sie am Abschlussabend. Das Interesse des Publikums war überwältigend. (Ulfert Goeman)
Frankfurter Rundschau, 21. November 2002:
Was aus einer Sammlung entstehen kann. Wolfram Knauer, der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, erhält den Jazzpreis des Landes Hessen
Ein Musiker ist Wolfram Knauer nicht; genau genommen ist er Angestellter der Stadt Darmstadt, deren Jazzinstitut er leitet, und genau dafür hat er nun den Hessischen Jazzpreis zugesprochen bekommen. Das Jazzinstitut ist aus einer Sammlung entstanden, die das Internationale Musikinstitut Darmstadt von dem Publizisten und Jazz-Pionier Joachim-Ernst Berendt erworben hatte. Die Sammlung musste geordnet und erschlossen werden, also wurde eine Stelle geschaffen, deren Beschreibung recht weiträumig gefasst war; schließlich wusste niemand ganz genau, was im Umfeld einer solchen Sammlung alles entstehen konnte. Für Wolfram Knauer war diese Weiträumigkeit eine Herausforderung.
Eigentlich, sagt er, sei er Musikwissenschaftler. Nachdem er das gesagt hat, wird aber gleich eine Erklärung fällig: "Musikwissenschaftler", das wäre doch zu einfach. Knauer ist mit Jazz beschäftigt, nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch überaus praktisch. Ein Wissenschaftler aber, der sich mit Jazz befasst, hat es immer auch mit einem unauflöslichen Widerspruch zu tun.
Wolfram Knauer hat mit einer Arbeit über das Modern Jazz Quartet promoviert, die inzwischen als Standardwerk gilt; der zweite Band des Buches besteht aus Transkriptionen der Musik dieses Ensembles. Bei einer Musikwissenschaftler-Tagung erhielt er dafür von einem Kollegen das Lob, dass man damit doch endlich diese Musik vor sich habe: schriftlich fixiert. Und genau das findet Wolfram Knauer nicht: Die notierte Form ist für ihn nicht die Musik selbst, sondern nur ihr situationsunabhängiger Anteil; die Musik selbst hat nur vor sich, wer sie im Konzert erlebt - alles andere ist Konserve.
Wolfram Knauers Haltung zum Jazz ist also eine doppelte: Er rückt ihm respektlos mit analytischem Instrumentarium zu Leibe, hat aber zugleich großen Respekt vor den Musikern, die ihn spielen. Mit seiner Arbeit im Jazzinstitut wird er beiden Seiten dieses Widerspruchs gerecht.
Als Wissenschaftler hat er gelernt, aus negativen und positiven Beispielen gleichermaßen, wie ein gutes Archiv funktionieren muss und wie man eine Sammlung zugänlich machen sollte. So hat sich das Jazzinstitut zu einer Dokumentationsstelle mit Zeitschriftenarchiv, Bibliothek und Schallarchiv entwickelt, die international rege benutzt wird. Musikwissenschaftler bezeugen, dass es nirgends seinesgleichen hat. Die internationale Akzeptanz hat unter anderem zur Folge, dass das Jazzinstitut immer wieder aus Haushaltsauflösungen und Nachlässen Schallplatten, CDs, Zeitschriften und andere Publikationen erhält und ins Archiv aufnehmen muss. Manchmal auch ankaufen, dafür stellt die Stadt einen Etat zur Verfügung.
Etwas schwieriger war anfangs der Kontakt zu den Musikern. Musiker haben, wie sich bald herausstellte, einen geringeren Bedarf an einem Archiv, aber sie haben Interesse an einem zentralen und unabhängigen Institut, das zu keiner Organisation gehört und keine kommerziellen Interessen vertritt, aber beispielsweise Informationen über Festivals, Clubs, Konzertveranstalter und Journalisten zur Verfügung stellt.
Aus den Bedürfnissen der Musiker entstand im Institut der Wegweiser Jazz, der alles Wissenswerte in ein praktisches Nachschlagewerk gefasst hat, das jährlich aktualisiert wird und und für viele Musiker die wichtigste Publikation überhaupt ist.
Ein drittes Arbeitsgebiet des Instituts ist die Ausrichtung von Konzerten und Symposien. Dabei ist im Laufe der Jahre eine Zusammenarbeit mit den Musikern vor Ort entstanden sowie verschiedene Veranstaltungsreihen: Gesprächskonzerte im Gewölbekeller des Jazzinstituts, die "Jazz Conceptions" und das alle zwei Jahre stattfindende Darmstädter Jazzforum, das zugleich Symposium und Jazzfestival ist, wo sich Musiker und Musikwissenschaftler aneinander freuen, miteinander reden oder streiten können.
Wolfram Knauer und das Darmstädter Jazzinstitut sorgen also dafür, dass unter möglichst guten Rahmenbedingungen Musik gespielt, über sie geredet und nachgedacht werden kann. Die große regionale, nationale und internationale Aufmerksamkeit, die das Institut mittlerweile genießt, hat den Hessischen Jazzpreis wahrlich verdient.
Die Preisverleihung ist am Samstag, 23. November, im Rahmen des 11. Hessischen Jazzpodiums in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt. Heute, Donnerstag, wird das Festival eröffnet im Gewölbekeller des Jazzinstituts, Bessunger Straße 88 d, 20.30 Uhr mit der Formation "Space in Between" und dem Frauke Kühner Quartett. Am Freitag, 22. November. spielt in der Bessunger Knabenschule das Peter Back Quartett, das Duo Rüdiger Carl / Sven Ake Johansson und die Darmstädter Formation Carte Blanche mit dem Trompeter Harry Beckett, am Samstag die United Colors of Bessungen und das Heinz Sauer Trio und am Sonntag Christopher Dells D.R.A. und die Darmstädter Bigband unter Leitung von Peter Linhard. Die Konzerte beginnen jeweils um 20 Uhr. (Hans-Jürgen Linke)
Darmstädter Echo, 21. Oktober 2002:
Vom Klang der Körper. Jazz: Der Avantgarde-Interpret Gunter Hampel mit seinem Trio und zwei Tänzern zu Gast im Bessunger Gewölbekeller: Musik wird zur begeisternden Performance
DARMSTADT. Der Vibraphonist, Bassklarinettist und Flötist Gunter Hampel war am Freitagabend Gast bei der Gesprächsrunde des Jazzinstituts im Gewölbekeller. Bekannt geworden ist er 1964 durch die legendäre Schallplatte Heartplants, an der unter anderen auch Manfred Schoof, Alexander von Schlippenbach, Buschi Niebergall und Pierre Courbois mitwirkten. 1969 trat er im Darmstädter Studentenkeller auf. Kritiker rühmten später seine Musik, sie sei impressionistisch geprägt und klanglicher orientiert als die seiner Free-Jazz-Kollegen. Sie habe trotz ihrer Verankerung in dieser Stilrichtung liedhafte, oft folkloristische Melodik (Hampel selbst und sein jetziger Altsaxophonpartner Christian Weidner), klar artikulierte Rhythmen (Schlagzeuger Gerrit Juhnke), motorische Ostinato-Figuren, Leichtigkeit und tänzerische Eleganz (seine Tänzer und Akrobaten Prince Alegs und Hichem).
Seit über 33 Jahren pendelt Hampel regelmäßig zwischen Göttingen und New York, ist ein international anerkannter Vertreter der europäischen Avantgarde, verweigert sich aber konsequent einem schubladenhaften Musikbusiness-Denken, so dass er seinen Lebensweg stets erkämpfen musste. Seit den neunziger Jahren arbeitet er mit den unterschiedlichsten Rap- und Hip-Hop-Formationen, nun mit einem eigenen Trio plus Tänzern, für die das Jazzinstitut eigens einen parkettähnlichen Belag ausgebreitet hatte. Aus der nun geschaffenen Balance zwischen der Körpersprache der beiden jungen Tänzer, ihrer prägenden Ausdruckskraft, dem erstaunlich beweglichen Vokabular, das noch weit über den Breakdance hinausgeht, gewinnt er für sich selbst immense Energien, macht seine Musik zu einer Performance.
Von seiner gegenwärtigen Musik trägt er einzelne Sätze vor, die live, beispielsweise in New Yorks Central Park oder an der Straßenecke am Hudson, genau so wirken wie im Darmstädter Jazzinstitut, wo Musik und Tanz parallel und gleichzeitig wahrnehmbar werden, Energien sich fortpflanzen, Hampel selbst als Musiker nur die Zeiträume abzustecken hat. Musik, Wort und Bewegung sind seiner Meinung nach im Jazz heute wichtiger denn je, sie schaffen sich eine eigene Choreographie. Kreativität teilt man mit den Mitwirkenden, schafft rituelle, auch spirituelle Verknüpfungen, lernt weiter, findet heraus, ist stets in Rotation. Eine atemberaubende Musikperformance bis kurz nach Mitternacht, die Zuhörer wie Musiker in den Bann schlägt. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 14. Oktober 2002:
Alle Blicke auf dem Saxofon
DARMSTADT. Hans Rück liebt die weichen Töne. Deshalb bevorzugt er das Alt-Saxofon und greift manchmal sogar zum Sopran. Seine Spielweise erinnert eher an Paul Desmond als an Charlie Parker. Der Pianist Christian Mommertz ist da aus anderem Holz: Mit fetten Shearing-Akkorden prägt er den Klang des Quartetts. Als Rück im dritten Stück das Saxofon abstellt, konstruiert Mommertz wieselflink ein fragiles Gebäude aus triolischen Kaskaden und erntet als Erster spontanen Zwischenapplaus. Im Keller unter dem Jazzinstitut wurde das Rück-Mommertz-Quartett am Freitagabend von einem fachkundigen Publikum angehört.
Es gab vor allem Jazz-Standards. Das hat den Vorteil, dass Musiker und Zuhörer die Stücke gut genug kennen, um sich auf das Handwerkliche zu konzentrieren; stehen doch die Noten meist im Real Book, der Bibel der Jazzer. Doch die Interpreten müssen sich auch an den ganz Großen des Jazz messen lassen.
Dafür ist das Rück-Mommertz-Quartett erfahren genung. Wenn der Bassist Jonas Lohse die Kontrapunkte dem Pianisten überlässt und in die oberen Lagen gleitet, setzt er seine Akzente weich und zurückhaltend, aber präzise. Zurückhaltung kennzeichnet auch die Arbeit des Schlagwerkers Giovanni Gulino: Wie die alten New-Orleans-Drummer spielt er leichtfüßig fast zu jedem Motiv am Schlagzeug einen eigenen Chorus.
Es gab BeBop, Cool-Jazz, Hard-Bop und Swing zu hören. Wenn Giovanni Gulino einen Jazz-Walzer oder lateinamerikanische Rhythmen anklingen ließ, konnte er sich der Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein. Doch im Mittelpunkt stand Hans Rück. Wenn er dem Saxofon immer neue Töne entlockte und seine Chorusse über Achtel-Triolen zu Sechzehnteln ausbaute, waren alle Blicke auf ihn gerichtet. (Marc Mandel)
Darmstädter Echo, 5.Oktober 2002:
Ist Improvisation noch relevant? Beiträge zur Jazzforschung: Um Musik und Gesellschaft geht es im neuesten Band
Wolfram Knauer (Herausgeber): Jazz und Gesellschaft. Eine Veröffentlichung des Jazzinstituts Darmstadt. Wolke-Verlag, Hofheim, 304 Seiten, 19 Euro. ISBN: 3-936000-01-8.
DARMSTADT. Zwei Referenten aus den USA hatten im vergangenen Jahr ihre Teilnahme am siebten Darmstädter Jazzforum abgesagt. Kurz zuvor waren in New York die beiden Flugzeuge ins World Trade Center gerast. Unter dem Eindruck des Terroranschlags wollten die Wissenschaftler die Reise nicht antreten.
Wer damals enttäuscht war, hat jetzt Gelegenheit alle für 2001 geplanten Beiträge nachzulesen. Gestern präsentierten Oberbürgermeister Peter Benz und Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstitut Darmstadt, den siebten Band der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung mit dem Titel Jazz und Gesellschaft.
Am meisten überrascht hat mich der Beitrag von George Lewis, betont Knauer. Denn es ist selten, dass sich Amerikaner intensiv mit dem europäischen Jazz auseinandersetzen. Lewis war einer der Vortragenden, die damals abgesagt hatten.
Der Jazz-Autor Christian Broecking rollt die Kontroverse zwischen dem Soziologen und Musikwissenschaftler Theodor W. Adorno und dem Musiker und Autor Joachim Ernst Berendt, auf. Der Soziologe Hans Steinert geht der Frage nach, warum und wie sich Jazzmusik eignet, eine soziale Position zu markieren, während Musikwissenschaftler Peter Niklas Wilson provokativ von der sozialen Irrelevanz improvisierter Musik schreibt.
Die Aufsätze in dem Buch beleuchten das Thema Jazz aus vielen verschiedenen Perspektiven. Das sei eben das Besondere am Darmstädter Jazzforum, der weltweit einzigen regelmäßigen Konferenz zu Jazzfragen, sagt Wolfram Knauer. Das Jazzinstitut veranstaltet diese Symposien alle zwei Jahre. Das nächste Forum im Herbst 2003 hat das Thema Jazz und Improvisation. (Melanie Neumann)
Darmstädter Echo, 5. Oktober 2002:
Konzert zum Jubiläum
DARMSTADT. Am Tag der Einheit feierte das Jazzinstitut den fünften Jahrestag seines Einzugs in das Bessunger Kavaliershaus. Damals zog das Dokumentations- und Informationszentrums um und begann ein Konzertbetrieb im renovierten Gewölbekeller des Kavaliershauses. Wolfram Knauer, der seit zwölf Jahren das Institut leitet, zählte immerhin 250 Konzerte und Sessions.
Zur Feier des Jubiläums spielte das Georg Boessner Trio am Donnerstag vor großformatigen Fotos des Kavaliershauses von der abrissreifen Ruine zum renovierten Schmuckstück im Jagdhofareal. Der Pianist Georg Boessner improvisierte über Jazz Standards, darunter Cole Porters What is the Thing called Love und Eigenkompositionen (Tinnitus constantisÓ). Einfallsreich und virtuos spielte er sowohl balladesk-stimmungsvolle Sequenzen als auch soulig-groovende Themen, zu denen er an das E-Piano wechselte. Unterstützt wurde er dabei vom Kontrabassisten Hans Höhn, dessen sicheres Spiel mehreren Gruppen das rhythmische Fundament verleiht, sowie vom Schlagzeuger Jörg Fischer. (hdv)
Darmstädter Echo, 14. September 2002:
Wiege des Jazz. Jazz: Blickpunkt New Orleans: Ausstellung und Konzerte im Darmstädter Jazzinstitut
DARMSTADT. New Orleans The French Quarter ist der Titel einer Fotoausstellung von Reinhard Bartmann im Darmstädter Jazzinstitut, die Impressionen aus der Wiege des Jazz zeigt. Die eindrucksvollen Aufnahmen werden durch drei Konzerte ergänzt, die akustisch den visuellen Eindruck intensivieren sollen. Den Beginn der Trilogie markierte am Donnerstag das Blues-Duo Down Home Percolators. Klaus Mojo Kilian (Mundharmonika, Gitarre und Gesang) und Bernd Simon (Gitarre und Gesang) waren vor einigen Jahren bereits zu Gast beim Jazz Talk und erwiesen sich als kenntnisreiche Gesprächspartner. In der Geburtsstunde des Jazz in New Orleans war der Blues bereits allgegenwärtig. Die beiden Frankfurter widmeten den ersten Teil diesem archaischen Blues des Mississippi-Deltas und begeisterten durch Spielfreude und Virtuosität. Bemerkenswert das Harmonika-Spiel und die ausdrucksvolle Stimme von Mojo Kilian, der auch kurz zur damals wegen ihrer Lautstärke beliebten Blechgitarre griff, um den Bottleneck-Stil vorzuführen. Kongenial dazu die fingerfertige Begleitung von Bernd Simon auf der akustischen Gitarre, der ebenfalls ohne elektronische Verstärkung auskam. Danach galt ihr Interesse dem Chicagoer Bluesbarden und Avantgardisten Marion Walter Jacobs, besser bekannt als Little Walter, dessen Skulptur seit kurzem vor dem Jazzinstitut steht.
Die Ausstellung The French Quarter ist noch bis Mitte Oktober zu den Konzerten im Darmstädter Jazzinstitut zu sehen. Konzerte zur Schau sind am 25. September um
20.30 Uhr der Auftritt des Gerd-Schumacher-Quintetts und Anfang 2003 von Lothar Scharf und Band. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 4. September 2002:
Geben und nehmen. Jazz: Christopher Dell und Bülent Ates improvisieren im Jazzinstitut Darmstadt
DARMSTADT. Am Montag setzte der inzwischen in Köln lebende und beim WDR tätige Darmstädter Musiker Christopher Dell seine Vortrags- und Konzertreihe über die Improvisation im Jazz am Darmstädter Jazzinstitut fort. Mit von der Partie war der in Frankfurt wirkende türkischstämmige Perkussionist Bülent Ates, einer von Dells ersten Jazzlehrern, der ihm klar machte, dass bei der Improvisation vor allem wichtig ist, was vom Mitspieler zurückkommt.
Lionel Hampton, dem kürzlich verstorbenen Altmeister des Vibraphonspiels und Milt Jackson galt die Hommage eine Zeitreise durch die Jazzgeschichte auf dem Fundament aufblühender rascher Läufe, verbunden mit einem gedämpften, vibratolosen Sound, der oft an Bläserlinien erinnerte. Inspiriert von Ates zupackendem Spiel auf den Trommeln, den Schlägen mit Besen, Stöcken oder der flachen Hand, steigerte sich Dell in virtuose Schlagfolgen hinein, ohne sich dabei in bloße Klangrituale zu verlieren.
Der anschließende Vortrag, aufgelockert durch Klangbeispiele, provozierende Fragen und daraus folgende Diskussionen, gewann an Profil, denn Dell gelang es, Praxis und Theorie zu verbinden. Er machte glaubhaft, dass in einer gemeinsamen freien Improvisation viel passieren kann, dass das kommunikative Patchwork funktioniert und die Musik aus sich selbst heraus pulsieren kann. Man war sich einig: Komplexe Strukturen (beispielsweise im modernen Jazz) können durch Improvisation aufgebrochen werden, denn Starrheit ist der Tod der Improvisation. Dell und Ates belegten anschaulich die rhythmisch-harmonische Annäherung zweier Musikerpersönlichkeiten. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 13. August 2002:
Kubanischer Jazz ohne Gitarren
DARMSTADT. Zu Kubanischen Sonnentänzen vorm Jazzinstitut luden Uli Partheil und seine Freunde am Sonntag mit ihrer Musik ein wetterbedingt fand erst dieses dritte Konzert der Reihe Jagdhof-Mussig im Freien statt. Rasch fanden sich Tanzbegeisterte unter den zahlreichen Zuhörern. Die meisten lauschten jedoch entspannt dem Quartett, das neben Eigenkompositionen auch Ohrwürmer des Latin-Jazz einflocht. Mit seiner Hommage an Charlie Chaplin eröffnete der Darmstädter Jazzpianist Uli Partheil das Konzert. Begleitet wurde er von den Lokalmatadoren Jürgen Wuchner am Kontrabass und Tom Nicholas auf der Conga. Als weiterer Solist trat an Posaune und Euphonium der in Frankfurt lebende Kanadier Allen Jacobsen auf, der vor allem durch seine Teilnahme an den Jazz-Conceptions bekannt ist. Sein melodisch-weicher Ton passte perfekt zum glockenartigen Klang des E-Piano. Durch den Verzicht auf vokale Zutaten und die üblichen Gitarren bewiesen die Jazzer, dass das kubanische Idiom von der Instrumentierung unabhängig ist. Die Cubano-Lappingshausener Zigarrenkapelle, wie das Ensemble schelmisch angekündigt worden war, servierte eine individuelle wie humorvolle Interpretation der lateinamerikanischen Spielart des Jazz. (hdv)
Frankfurter Rundschau, 16. Juli 2002:
Funkenflug. Jazz-Konzert der Dozenten
Reimer von Essen ist ein wunderbarer Klarinettist. Seit man denken kann, ist er Bandleader und Arrangeur der Barrelhouse Jazzband und in dieser Funktion so etwas wie der Pate des traditionellen Jazz. Wenn er spielt, fühlt man sich wie auf einer Zeitreise - zurück in die Jahre von Sidney Bechet oder Johnny Dodds, zurück zu den Anfängen des Jazz. Zurück nach New Orleans.
Han Bennink ist ein wunderbarer Schlagzeuger. Wie Reimer von Essen ist auch er ein Urgestein des europäischen Jazz. Nur dass er auf die Tradition pfeift. Lieber erfindet er täglich die Freiheit aufs neue, zelebriert den Wahnsinn, sucht die Ränder und den Ausweg aus der Konvention. Sein erstes Instrument, so will es die Legende, war ein Küchenstuhl. Und noch heute hämmert er gerne auf allem rum, was er auf der Bühne findet. Und wenn mal gerade nichts zur Hand ist, setzt er sich auf den Holzboden und bearbeitet ihn mit seinen Sticks. Wild gestikulierend und den Kopf schüttelnd sieht er dabei aus wie eine Figur aus Kerouacs On the road, von denen Sal nur sagte: Er hat es! Und damit vermutlich das Versprechen auf Tempo, Rausch und Freiheit meinte.
Reimer von Essen und Han Bennink waren zwei der Dozenten, die bei den diesjährigen 11. Jazz Conceptions in Darmstadt die Kollektiv-Improvisation lehrten. Und weil alle Dozenten am Schluss der Kurswoche auch immer gemeinsam und kollektiv improvisieren, standen dann beide plötzlich gemeinsam auf der Bühne, von Essen, die New-Orleans-Ikone, und Bennink, der Apostel der Freiheit. Um weniger Differenzen wurden früher Kriege ausgefochten.
In den Räumen der Bessunger Knabenschule blieb es friedlich. Einmal nur attackierte Bennink die Klangspiele von Essens, schrie "1-2-3-4" und zertrümmerte das harmonische und offensichtlich als zu traditionell empfundene Gerüst. Das geht dann allerdings sehr schnell, zwei, drei abrupte und unvermittelte Schläge, ein Tritt gegen ein Becken und ein wilder Schrei - und Bennink ist wieder der Mittelpunkt der Bühne. Und da bleibt er dann erst einmal, spielt mit sich und seinem Schlagzeug, den Stühlen, dem Boden. Und so genau weiß man nicht, wer hier über wen die Kontrolle hat: Bennink über die Musik oder die Musik über Bennink.
Aber Bennink und von Essen waren nicht allein auf der Bühne, sie markierten nur die Extrempunkte der Crew. Insgesamt acht Dozenten bildeten ein illustres Oktett, das alte Evergreens zur Vorlage seiner Kollektivimprovisation nahm - um sie dann mit großer Lust auseinander zu nehmen, aufzulösen und zu pulverisieren.
Rudi Mahall war dabei, der Bassklarinettist mit der Vorliebe für verquere Rhythmen und wunderbar gebrochene Melodiefragmente. Dazu der Posaunist Christof Thewes und Krysztof Misiak an der Gitarre. Die Vokalartistin Gabriele Hasler duellierte sich mal mit Bennink, mal schmiegte sie sich Reimer von Essen an, während Conceptions-Initiator Jürgen Wuchner am Bass eher im Hintergrund blieb, ebenso wie der Pianist Uli Partheil.
Natürlich zersprengte sich das, was als Kollektivimprovisation gedacht war, oft in Kleingruppen, manchmal auch nur in eine Kette von - allerdings imposanten - Soli. Aber wenn sie sich mal zusammenfanden und ihre unterschiedlichen Positionen spontan miteinander verflochten, dann wurde das Potential deutlich, das in der Kollektivimprovisation seit je (und noch immer) liegt. In ihr kann sich eine ungeheure Freiheit ankündigen, und es ist dabei völlig egal, ob es die Freiheit des Free Jazz oder des New Orleans Jazz ist.
In diesen Momenten war auf Han Benninks Gesicht ein verzücktes Lächeln zu sehen. Und auf dem Reimer von Essens auch. (Tim Gorbauch)
Darmstädter Echo, 15. Juli 2002:
Mit voller Fahrt durch die Jazz-Geschichte. 11. Jazz-Conceptions: Früchte des eifrigen Probens: Workshops überzeugen
DARMSTADT. Die elften Darmstädter Jazz-Conceptions zeigen, wie kollektive Improvisation sein kann: kein chaotisches Durcheinander, sondern ein beseeltes Miteinander. Die vorher festgelegte größere stilistische Bandbreite bereicherte die Workshops. Dozenten und Teilnehmer von Berlin bis Brüssel angereist, aber auch aus Darmstadt und Umgebung waren begeistert bei der Sache. Die Resultate der Workshops an den Abschlussabenden am Freitag und Samstag in der Bessunger Knabenschule überzeugten.
Da gab es ein großorchestrales New-Orleans-Ensemble unter Leitung Reimer von Essens, eine Monk- und Mingus-Band um Wuchner und Mahall, einen Instrumentalchor mit Vokalstimmen mit Gabriele Hasler, Electric Jazz von Krzystof Misiak, Uli Partheils unaufdringliche, aber geschmackvolle Klavierbegleitung, das energiegeladene Medley des Posaunisten Christof Thewes mit Großorchester sowie Han Benninks eruptives Trommeln mit Showeinlagen auf dem Hocker, die Schlagstöcke im Mundwinkel.
Initialzünder war vielleicht der Mittwochabend im Keller des Jazzinstituts, als die Dozenten und federführend Schlagzeuger Han Bennink den Hebel auf Volle Fahrt stellten, die Geschichte des Jazz, von New Orleans bis zum Free Jazz, durchgespielt wurde, das Vokalensemble Gabriele Haslers sich als homogen und biegsam erwies, eine Gruppe um Jürgen Wuchner und Lothar Scharf sich in ein swingendes Großorchester verwandelte.
Die Früchte des eifrigen Bastelns und Probens zeigten sich an den Abschlusstagen. Reimer von Essens Beitrag bot Blues mit einem kreolischen Paradestück aus dem Barrelhouse-Repertoire. Jürgen Wuchner jonglierte mit seinem Ensemble in beseelten Stücken zwischen Entsetzen und Melancholie einer wunderschönen Transkription von Ekkehard Jost, einem gar nicht so wütenden Stück über ihn störende Nachbarskinder im Calypso-Rhythmus bis hin zu einem Zwölf-Ton-Stück. Gabriele Haslers Band changierte zwischen acht über den Raum verteilten Stimmen, mit lines (Instrumenten) und voices (Stimmen), in linearen und ungeordneteren Abschnitten. Rudi Mahall hatte sich mit Han Bennink verstärkt, setzte die Instrumente kompakt ein, suchte aber auch ruhigere Phasen mit Klarinette und Klavier, orientierte sich zuletzt an Albert Ayler, während Krzystof Misiak sicher eine der profundesten und homogensten Electric Bands des Abends bildete.
Am Abschlussabend war das Großorchester unter Leitung des Posaunisten Christof Thewes kaum zu überbieten: ein geschickt aufgebautes Teilnehmerensemble mit ungeheurem Biss, in einem dreiviertelstündigen Medley, mit wechselnden Songs und Rhythmen und vielen solistischen Beiträgen. Engagement und Spaß waren unverkennbar. Da konnte das Dozenten-Oktett zum Abschluss kaum zurückstehen. Was hier von New Orleans über Ellingtons klassischen Standard (Caravan), von Lady Be Good bis Monks Blue Monk, geboten wurde, war erstklassig. Die Spielfreude war kaum zu überbieten, die Resonanz beim Publikum überwältigend. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 26. Juni 2002:
Hardbop, ganz frisch
DARMSTADT. Lothar Scharf ist 60 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass stellte der Darmstädter Schlagzeuger eine Gruppe zusammen, die mit dem Pop-Jazz seiner Jugend vertraut ist. Damals hatte mit dem Hardbop ein Revival des Bebop begonnen, in den sich Spirituals und Blues mischten, die diese Musikform unter dem Etikett Soul-Jazz für das zum Rockn Roll abgewanderte Publikum wieder attraktiv machen sollten. Scharf versuchte später immer wieder, ähnliche Ensembles, wie es sie damals gab, auf die Beine zu stellen, doch Erfolg war ihnen durch den Sog der Musikindustrie in Richtung billiger Unterhaltung nicht beschieden.
Das neue Lothar Scharf Quintett begann seinen Ausflug in die Jazzgeschichte am Sonntag beim Jazzinstitut in Darmstadt mit dem Blues March und endete mit Moanin, dem größten Hit dieser Ära. Viele Besucher waren überrascht von der Frische der Musik, die man nur noch selten geboten bekommt. Dafür sorgten zwei langjährige Weggefährten des Trommel-Urgesteins: die Tenorsaxofonisten Frank Runhoff und Wilson de Oliveira. Ergänzt durch die Junioren Steffen Stütz am Klavier und Udo Brenner am Kontrabass, angepeitscht vom harten Groove des Schlagzeugs, präsentierte das Quintett funkig-souligen Hardbop der Extraklasse.
Wegen eines Gewitters mussten die Musiker vom Platanenhof ins Kellergewölbe ausweichen, was der Qualität aber eher förderlich war. Lothar Scharf, der sich nun an den Titel Altmeister gewöhnen muss, wirkte dynamisch und inspiriert.
Darmstädter Echo, 22. Juni 2002:
Skurriles aus der Jazz-Szene
DARMSTADT. Mit dem Jazz ist es wie mit den Bananen: Man verzehrt beide am besten an Ort und Stelle, zitiert der Musikwissenschaftler Ekkehard Jost in einem seiner Fachbücher Jean-Paul Sartre, der damit die Unersetzlichkeit eines Live-Auftritts meint. Nicht unbedingt eine Werbung für Tonträger, aber kein Geheimnis für die Besucher, die am Donnerstagabend ins Kellergewölbe unterm Jazzinstitut in Darmstadt gekommen waren, um Ekkehard Jost als Baritonsaxofonist zu erleben.
Mit einer Gruppe erlesener Protagonisten des modernen Jazz konnte er Eigenkompositionen vorstellen, die in dieser Konstellation noch nicht interpretiert wurden. Skurrile Titel wie Es ist ein Bauer in den Brunnen gefallen oder Lonely Langgöns zeigen schon ihre spitzbübische Grundstimmung.
Kontrabassist Jürgen Wuchner, Darmstädter Aushängeschild in Sachen Jazz und wie Jost Träger des Hessischen Jazzpreises, hatte dazu aus Köln den Pianisten Georg Ruby und den Saxofonisten Wollie Kaiser eingeladen. Beide gelten als profilierte Jazzmusiker: Ruby ist Mitbegründer des Kölner Jazzhauses und Kaiser wirkte bei der Kölner Saxophon Mafia mit.
Vervollständigt wurde das Ensemble durch den in Polen geborenen Schlagzeuger Janusz Stefanski , ebenfalls kein Unbekannter in der Rhein-Main-Jazzszene. Das Quintett musizierte interaktiv und riss mit viel Spielfreude das Publikum mit.
Darmstädter Echo, 11. Juni 2002:
Jazzpreis an Wolfram Knauer
DARMSTADT/WIESBADEN. Wolfram Knauer (44), Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, erhält den Hessischen Jazzpreis 2002. Einstimmig habe sich eine unabhängige Jury für die Vergabe des mit 10 000 Euro dotierten Preises an den Musikwissenschaftler ausgesprochen, heißt es in einer Mitteilung des hessischen Kunstministeriums von gestern. Große Freude beim Preisträger, der schon in der vergangenen Woche von der Entscheidung erfahren hatte: Da ahnt man, dass man irgendwas richtig gemacht hat, sagte Knauer im Gespräch mit dieser Zeitung.
Die Jury würdige mit ihrer Entscheidung vor allem die Verdienste des promovierten Musikwissenschaftlers um den Aufbau des Jazzinstituts Darmstadt, heißt es in der Mitteilung aus Wiesbaden. Diese Institution, so die Jury, sei in Wirklichkeit eine Person, nämlich Wolfram Knauer. Mit unermüdlichem Eifer habe er aus dem Fundus von Sammlerstücken, die Jazzfans ihm überlassen hätten, eine systematisch arbeitende wissenschaftliche Einrichtung gemacht, so die Begründung. Die Jury, so Ministerin Ruth Wagner, habe auch gewürdigt, dass aus dem Archiv dank Knauer ein weltweit einzigartiges Informations- und Dokumentationszentrum geworden sei, das täglich Anfragen aus aller Welt erhalte und beantworte. Gewürdigt werde außerdem das besondere Engagement des Preisträgers als Veranstalter des Darmstädter Jazzforums, des Darmstädter Jazz Talks und der Darmstädter Jazzconceptions.
Mit dem Hessischen Jazzpreis werden seit 1991 jährlich Musiker, Ensembles oder dem Jazz verbundene Personen für ihre musikalischen Leistungen und besonderen Verdienste um die Entwicklung der hessischen Jazzszene ausgezeichnet. Zu den bisherigen Preisträgern des Hessischen Jazzpreises gehören neben anderen der Schlagzeuger Ralf-R. Hübner (2001), der Saxofonist Professor Ekkehard Jost, Saxofonist (2000), der Kontrabassist Jürgen Wuchner (1996) und Emil Mangelsdorff (1994). Der Hessische Jazzpreis wird Ende November beim Hessischen Jazzpodium in Darmstadt verliehen. Veranstalter ist der lokale Förderverein Jazz.
Frankfurter Rundschau, 11. Juni 2002:
Hessischer Jazzpreis. Auszeichnung für Knauer
Große Ehre für Wolfram Knauer. Der Musikwissenschaftler aus Darmstadt erhält den Hessischen Jazzpreis 2002. Einstimmig hat sich die Jury für die Vergabe des mit 10 000 Euro dotierten Preises ausgesprochen. Sie würdigte mit ihrer Entscheidung vor allem Knauers Verdienste um den Aufbau des Jazzinstituts Darmstadt. Mit unermüdlichem Eifer habe der 44-Jährige aus dem Fundus von Sammlerstücken eine wissenschaftliche Einrichtung gemacht.
Das Jazzinstitut Darmstadt, so die Jury, sei nicht nur in Darmstadt, Hessen, Deutschland und Europa, sondern weltweit einzigartig. Seinen guten Ruf habe sich die Institution hart erarbeitet.
Darmstädter Echo, 18. Mai 2002:
Heil im Querdenken. Jazzinstitut - Christopher Dell spielt und denkt über die Improvisation nach
DARMSTADT. Christopher Dell macht sich Gedanken zur Improvisation. "Ich brauche Schriftlichkeit, ohne Lügen kann ich nicht machen, was ich will." Die Veranstaltungsreihe, die der Darmstädter Musiker und Querdenker Christophe Dell am Darmstädter Jazzinstitut anregte, soll die Improvisation, die im Jazz kaum wegzudenken ist, in einen historisch-politischen Raum stellen. Deshalb ist es ihm so wichtig, nach einer spontanen Improvisation mit dem Bassisten Jürgen Wuchner in einem Vortrag auch auf sein im August erscheinendes Buch "Prinzip Improvisation" einzugehen. Daraus trug er wenige Seiten vor, wurde aber ständig durch Zwischenfragen aus dem Auditorium unterbrochen.
In seinem als "Experiment" oder "Lernphase" bezeichneten Exkurs, in Zitaten von Preuß, Eschenburg und Taussig, in Anleihen aus der Weimarer Republik sowie im Bezug zum aktuellen politischen Geschehen mit Blick auf das herrschende Klima in Deutschland suchte Dell Ableitungen für Vorgehensweisen der Jazzimprovisation, der Schaffung von Handlungsräumen, der Betonung der Gleichberechtigung der Spielpartner, der Offenheit, des Auslebens von Gefühlen, der Vermittlung von Authentizität. Mit dem antiken kunsttheoretischen Begriff der Mimesis, mit den Extremen der schöpferischen Nachgestaltung, der Beschäftigung mit Alltäglichem, mit der Fremdheit und mit offenen Navigationsfeldern wagte er sich schließlich auf Gebiete vor, die das Publikum provozierten. Das führte dann konsequent zu folgender These Dells: Nur da Handwerkliche befähige zur Improvisation, eine Verselbständigung des Textes führe jedoch nicht zu Problemlösungen. Selten hat eine Veranstaltung derart zum Widerspruch angeregt. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 6. Mai 2002:
Jazz: Die Berliner Saxofonistin Sandra Weckert und Band beim Jazz-Talk im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut
DARMSTADT. Die junge, in Berlin lebende Komponistin und Saxofonistin Sandra Weckert sorgt mit ihrem unangepassten Denken und den daraus resultierenden musikalischen Pfaden stets für Überraschungen. Konsequent setzt sie den Weg fort, der mit der Produktion „Way out West“ begann, die schon Furore machte mit kuriosen Titeln wie „Teletubbies – auf dass unsere Kinder noch blöder werden, als wir es schon sind“. So lag es nahe, die originelle Repräsentantin der neuen Berliner Jazzszene zu einem „Jazz Talk“ nach Darmstadt einzuladen.
In der zwanzigsten Folge der beliebten Reihe am Freitagabend im Jazzinstitut versuchte Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts, dem Phänomen Sandra Weckert einen Platz zuzuweisen, ihr Konzept in die passende Schublade einzuordnen. Keine leichte Aufgabe: Das in Mecklenburg geborene Original wehrt sich gegen Kategorisierung und Intellektualismus, weist nach, dass die Titel ihrer Kompositionen ausschließlich aus Begebenheiten ihres Alltags entstammen. Makaber zum Beispiel ein Auftritt vor betrunkenen Punks; eher komisch das Resultat der angenommenen Einladung zum Volksmusikabend in Südtirol.
Klangliche Kostproben davon liefert ihr Quintett mit Daniel Erdmann (Tenorsaxofon), Kalle Kalima (Gitarre), Jan Roder (Kontrabass) und Oliver Steidl, der auch in der Berliner Kultband „Der Rote Bereich“ hinter den Trommeln sitzt. Das amüsierte und verdutzte Publikum erfreute sich an Titeln wie „Musch Silbernagls Kastelruther Jazzspatzen“, jenseits von Dixieland, Mainstream oder Freejazz, an einem kurzweiligen, originellen Eigengebräu. Ob damit der große Durchbruch gelingen wird, bleibt jedoch zweifelhaft. Die neue, gerade erschienene CD verheißt selbstironischen Optimismus: „50 Sandra Weckert Fans can’t be wrong“. (Hans-Dieter Vötter)
Frankfurter Rundschau, 2. Mai 2002:Repression kann keinen Swing vertragen
"Schlechte Zeiten für gute Musik?": Symposien und Konzerte zum Verhältnis von freier Musik und totalitärem Staat
Natürlich ist Jazz subversiv. Seine Ausprägung von Individualität und die Verantwortung, die er jedem einzelnen Musiker abverlangt, sträuben sich gegen Vermassung und Vereinfachung. Selbst zu Eisler-Märschen konnte man noch im Stechschritt paradieren, mit Jazz dagegen ist kein Staat zu machen: Über die Wechselwirkung zwischen Musik, Staat und Gesellschaftsformen wollte jetzt die Frankkfurter Veranstaltungsreihe "Schlechte Zeiten für gute Musik?" nachdenken. Als Beispiel diente die Arbeit des 1986 im Exil gestorbenen südafrikanischen Komponisten und Bassisten Johnny Dyani.
Ein positive Überraschung war die Einheit von Theorie und Praxis. So hatte der Hamburger Musikwissenschaftler und Publizist Peter Niklas Wilson zu einem Referat über die Musik Dyanis seinen Kontrabass mitgebracht und führte die typischen Riffs gestrichen und gezupft mit jenem treibenden Swing-Feeling vor.
Und als Emil Mangelsdorff in einem Gesprächskonzert über die täglichen Repressalien erzählte, denen ein junger Mann seiner Generation ausgesetzt war, der "entartete Musik" hörte und spielte, tat er das mit einer Stimme, die der Wärme seines Altsaxophons entspricht, das sich wiederum mit seinen Quartett-Kollegen Janusz Stefanski (dr), Vitold Reek (b) und Thilo Wagner (p) eindrucksvoll verdichtete.
Bert Noglik, intimer Kenner der osteuropäischen Szene, brachte in seinen Tonbeispielen Symptomatisches der polnischen Jazzentwicklung dar und zeigte, wie stark die amerikanischen Einflüssen zu Anfang waren und wie man sich immer stärker - ähnlich der Entwicklung in der Sowjetunion - auf Eigenständiges besann.
Ähnliches galt für Südafrika: Vusi Muckunu lebt nach langer Zeit im Exil (er gehörte zu den Begründern des Berliner Hauses der Kulturen der Welt) und arbeitet jetzt wieder in seinem Heimatland. Er fand die rechten Worte für den nach wie vor starken Einfluss afrikanischer Tanz- und Popmusik auf den Jazz. Neville Alexander, der jahrelang mit Nelson Mandela im Gefängnis saß, bot Beispiele für den politischen Befreiungskampf, der nie zu trennen war von Musik.
Vier lange Tage und Nächte mit Symposien und Konzerten im Gallustheater und mehreren Kirchen brachten Kopf und Bauch zusammen. Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts in Darmstadt, und der Vibraphonist Christopher Dell leiteten die meisten Diskussionen, und ihrer aufmerksamen Art (einschließlich eigener Beiträge) war es zu verdanken, dass bei dieser Mammutveranstaltung keine Sekunde Langeweile bei diesem kundigen, interessierten Publikum aufkam.
Die Konzerte belegten, dass Musik Klang, Zeit und Raum ist: Als Hans-Günther Wauer an der Orgel der Dreikönigskirche über dem Westlettner saß und Louis Moholo am Schlagzeug vor dem Altar, konnte sich auf Grund der räumlichen Distanz keine Gleichberechtigung der Impulse ergeben. Tags drauf, in der St.-Gallus-Kirche, saßen die beiden dichter zusammen, und als dann Ernst-Ludwig Petrowsky mit dem Saxophon das Kirchenschiff durchschritt, entstand eine wahrhafte Raumnahme.
Und natürlich waren Weggenossen Dyanis dabei: John Tschicai, Harry Beckett, Makaya Ntschoko und Ernst Mothle gaben in der Brotfabrik und der Paul-Gerhardt-Kirche jeweils einen Quartett-Auftritt, und das große Abschlusstableau brachte neun Musiker auf die Bühne, die (mit zwei Schlagzeugen und zwei Kontrabässen) die Konzentration auflösten in ausgelassenes, fast hypnotisches Treiben eines "African Market Place", bei dem Menschen und Musik nie zu trennen sind. (Michael Rieth)
Darmstädter Echo, 26. April 2002:Exzentrik im Gewölbe. Jazz: Ein ungewöhnliches Hörerlebnis: das Gastspiel der Berliner Avantgarde-Band „Das Rosa Rauschen“ um Felix Wahnschaffe
DARMSTADT. Als die Berliner Mauer fiel, ist auch die dortige Jazzszene von ihrem Inseldasein befreit worden. Seitdem hat sie sich zu einer fruchtbaren Begegnungsstätte der einheimischen mit zugereisten Musikern entwickelt. Zu den Berliner Eigengewächsen gehört der Komponist und Altsaxofonist Felix Wahnschaffe, der sich am Mittwochabend im Kellergewölbe unterm Jazzinstitut in Darmstadt mit seinem Projekt „Das Rosa Rauschen im Reich der Tondichtung“ vorstellte.
Wahnschaffe, Jahrgang 1965, musste seinen Namen nur geringfügig verändern, um unter dem Anglizismus „Wahnshuffle“ von sich reden zu machen. Ging in den neunziger Jahren sein Blick noch vorwiegend in die Geschichte der Jazzmusik, so verwebt Wahnschaffe heute in seinen Kompositionen Altes mit Neuem.
Unersetzlicher Partner bei der Verwirklichung dieser Ideen scheint der 1994 von Frankfurt nach Berlin gezogene Gitarrist und Schlagzeuger John Schröder, der nach seinem Gastspiel bei der Band „Der Rote Bereich“ nun wieder zur Gitarre zurückgefunden hat. Von Anfang an dabei ist auch Kontrabassist Dietmar Fuhr, während der junge Schlagzeuger Eric Schaefer frischen Wind hineinbringt.
Die Stücke, meist Eigenkompositionen von Wahnschaffe, tragen exzentrische Titel: „Zervikale Abrasion“ zum Beispiel, oder „Die Engelein singen schweinische Lieder“. Sie greifen den Zeitgeist auf und spiegeln dessen Komplexität musikalisch wider. Zwischen eingängig-schönen balladesken Themen mit harmonischem Gerüst bringen Free-Jazz-Kollektivimprovisationen oder kurze Riffs über Reggae-Rhythmen wieder Spannung und Abwechslung. Programmatisch will „Das Rosa Rauschen“ die kompositorische Strenge der Tondichtung mit dem Fließenden des Rauschens verbinden. Für den Zuhörer erschließt sich ein ungewöhnliches Hörerlebnis, qualitativ durchweg auf dem hohen Niveau vergleichbarer Experimente der Avantgarde. (hdv)
Darmstädter Echo, 33. April 2002:Jazz: Howard Levy und Michael Rießler im Jazzinstitut
DARMSTADT: „Jazz Talk“ im Darmstädter Jazzinstitut: Da strömen Jazzfreunde aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet in den Gewölbekeller, um Institutsleiter Wolfram Knauer im Gespräch mit Gästen zu lauschen. Mit dem amerikanischen Mundharmonika-Virtuosen Howard Levy und dem Ulmer Multi-Instrumentalisten Michael Rießler waren am Freitag zwei außergewöhnliche Avantgardisten nach Bessungen gekommen.
Sie verblüfften zunächst mit spannender Duo-Interaktion. Die Zuhörer waren gebannt von den Klängen, die beide Protagonisten aus ihren Instrumenten herausholten. Levy widerlegte das Vorurteil, dass die Mundharmonika nur für Blues und Rockmusik geeignet sei. Er beherrschte jeden Stil und erläuterte im Gesprächsteil der Veranstaltung, welche Techniken er dafür entwickelt hat. Bemerkenswert war auch, wie Levy am Piano sitzend seine Improvisation auf der Mundharmonika mit Boogie-Woogie unterlegte.
Hauptinstrument seines Partners Michael Rießler ist die Bassklarinette. Auch er verwendet neue Spieltechniken, wie zirkuläres Atmen und perkussive Effekte mit den Klappen. (hdv)
Darmstädter Echo, 2. März 2002:Schöne Geräusche. Jazzkonzert: Johannes Bauer mit seinem Workshop-Ensemble im Jazzinstitut
DARMSTADT. Bei den Darmstädter Jazz-Conceptions des vergangenen Jahres überraschte die Gruppe um den Posaunisten Johannes Bauer durch eine besonders originelle Präsentation ihres im Workshop erarbeiteten Konzeptes. Nun kehrte der Berliner Dozent auf Wunsch seiner damaligen Studenten zu einem erneuten Workshop zurück und musizierte am Donnerstag gemeinsam mit ihnen bei einem Abschlusskonzert im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut.
Bauer leitete jetzt ein neunköpfiges Ensemble, das eigene Kompositionen interpretierte, und griff darüber hinaus als herausragender Solist auch in das Geschehen ein. Sein Hauptanliegen ist es, freie Spielformen in sinnvoll konzentriertes Zusammenspiel zu integrieren, ohne Zugeständnisse an den hohen Stellenwert der Improvisation zu machen. Dass dabei extreme Klang- und Geräuschentwicklungen zu beherrschen sind, führte das begeistert aufspielende Kollektiv exemplarisch vor.
Vor allem die drei Vokalisten verblüfften durch neue Techniken, mit denen sie alltägliche Geräusche und Klänge stimmlich nachbildeten. Bauer fungierte dabei als Energiezentrum, das fordernd oder dämpfend Impulse setzte und die kreative Spannung aufrecht hielt. Mit Hilfe der ihm eigenen Integrationsfähigkeit ermunterte er die Teilnehmer unterschiedlichster Herkunft zu spontanem Ausdruck und verwob das Ganze zu einem vielfarbigen Klangteppich. Diese Gruppendynamik blieb nicht ohne Eindruck auf das Publikum, das sich lebhaft applaudierend für das Klangerlebnis bedankte. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 11. Februar 2002:Alternativen zum Karneval: Zwei Bands im Halbneun-Theater, ein Duo mit experimenteller Musik im Keller des Jazzinstituts
Darmstadt. Wenn die fünfte Jahreszeit sich ihrem Höhepunkt nähert, nimmt zugleich die Zahl derer zu, die von Narrhallamarsch die Nase voll haben. Alternative Veranstaltungen erfreuen sich steigender Beliebtheit, die frühzeitig Verdrossenen verschwistern sich mit den Karnevalsmuffeln und pilgern zu jenen Musentempeln, die Abwechslung von den Ritualen der verordneten Fröhlichkeit versprechen. Zu diesen gehört das Halbneun-Theater, wo am Samstag zum siebten Mal die „Blues Night“ stattfand. Als Einheizer fungierte die „El Guapo Blues Band“, eine lokale, seit 1995 bestehende Formation. Sie versteht sich als Vertreter des „Fresh Traditional Blues“, hat sich auf weniger bekannte Bluesthemen spezialisiert und versucht, ihren Enthusiasmus in das Publikum hinüberzutragen.
Hauptattraktion des Abends war allerdings die „Matchbox Bluesband“, die anschließend mit klassischem Chicago-Blues und Rhythm & Blues aufwartete. Das Offenbacher Quartett bestach durch sein ausgewogenes Repertoire und dessen dynamische Präsentation. Gitarrist Bernd „Snoopy“ Simon und Sänger Klaus „Mojo“ Kilian ernteten Sonderbeifall für ihre fantasiereichen Improvisationen.
Am Vorabend hatte eine weitere Alternativ-Veranstaltung mit dem Duo „Trirakel“ im Gewölbekeller des Jazzinstituts die Freunde experimenteller Musik angelockt. Fernab karnevalistischer Elemente führten Anka Hirsch und Claudia Helmers-Chirokov ihre spannenden Dialoge auf diversen Instrumenten vor. Im Spannungsfeld von Komposition und Improvisation bewegen sich die oberhessischen Musikerinnen auf dünnem Eis, verbinden handwerkliches Geschick mit kreativer Interaktion. Multi-Instrumentalistin Anka Hirsch wagte sich auf ihrem E-Cello mit perkussiver Technik besonders weit in neue Regionen, während Claudia Helmers-Chirokov auf Flöten und Saxofonen eher konventionell agierend für die Strukturierung der ungewöhnlichen Klänge sorgte.. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 22. Januar 2002:Schlagzeuger Favre zu Gast im Jazzinstitut
(hdv). Mit dem Schweizer Pierre Favre hatte das Jazzinstitut in der Reihe „Jazz Talk“ erstmalig einen Schlagzeuger zu Gast. Bei dieser Konstellation denkt man unwillkürlich an die „Basler Fasnacht“ und den „Morgestraich“, bei dem Hunderte von Tambouren im präzisesten Unisono die kompliziertesten Rhythmen herunterrasseln.
Favre, Jahrgang 1937, ist mit der Schweizer Trommeltradition aufgewachsen. Bereits mit siebzehn Jahren wurde er Berufsmusiker, begleitete häufig amerikanische Stars auf ihrer Europatournee und lernte die Stilrichtungen des Jazz kennen. Vom archaischen New-Orleans- bis zum Bigband-Jazz im Max-Greger-Orchester führte ihn sein musikalischer Weg, bevor die Begegnung mit den Free-Jazz-Pionieren seiner Entwicklung den entscheidenden Impuls gab. Plötzlich verwischten sich die Grenzen zwischen „richtig oder falsch“ und die neu gewonnene Freiheit verhalf ihm nun, sein Konzept zu verwirklichen. Dieses ist einerseits gekennzeichnet von der Faszination des Schlagzeugspiels und andererseits vom Versuch, das Trommeln zur Melodik hin zu emanzipieren. Dazu bedient sich der firme Meistertrommler verschiedener unkonventioneller Hilfsmittel und eines eigens für seine unverwechselbaren Klangvorstellungen zusammengestellten Schlagwerks.
Markenzeichen sind seit langem die beiden Fußtrommeln von verschiedenem Durchmesser, mit denen er seinen Grundrhythmus vorgibt. Weitere Charakteristika sind das gänzliche Fehlen der Marschtrommel („Snare Drum“), die durch eine afrikanische Sprechtrommel ersetzt ist, und die Verwendung einer riesigen Rahmentrommel, ähnlich dem „Bodhran“ der irischen Volksmusik. Unzählige Messingbecken und vier mächtige Gongs vervollständigen die „Werkstatt“, in der Favre wirkt und mit Accessoires wie Stricknadeln, Balasholz-Stäben oder einfach mit den Fingern Klangexperimente durchführt.
Fasziniert verfolgte das Publikum eine spannende Demonstration, der Favre im Gesprächsteil noch eine erotische Komponente abgewann. „A Drum is a Woman“, behauptete schon Duke Ellington. „Und die schlägt man nicht, sondern streichelt sie“, vervollständigte der Schweizer schmunzelnd, holte seine Lieblingstrommel hervor und illustrierte die These eindrucksvoll.Zurück zum Seitenanfang / Back to top of the back
Darmstädter Echo, 17. Dezember 2001:Herb Geller plaudert über „West-Coast-Jazz“ und NDR-Big-Band
(hdv). Endlich wieder ein „Jazz-Talk“ im Gewölbekeller unterm Kavaliershaus: die beliebte Reihe wurde am Freitagabend mit einer Einladung an die Jazz-Legende Herb Geller fortgesetzt. Zusammen mit dem Pianisten Buggy Braune gab Geller auf dem Altsaxofon Kostproben seines musikalischen Konzeptes ab. Daneben hatte er aber auch viel zu erzählen – kein Wunder bei einem begnadeten Musiker vom Jahrgang 1928, der mit fast allen Großen der Zunft zusammengetroffen ist.
Bevor er zum Altsaxofon griff, hatte der in Los Angeles geborene Geller Klavier und Klarinette studiert und bekam als Jugendlicher sowohl das Aussterben der klassischen Bigbands als auch das Erstrahlen des neuen Sterns Charlie Parker mit. Dieser Revolutionär fazinierte ihn aber weniger als die Säulen des damaligen Altsaxofons, das Dreigestirn Johnny Hodges, Benny Carter und Willie Smith. In der Weiterverentwicklung und Vervollkommnung dieser Richtung wurde Geller eine zentrale Figur im „West Coast Jazz“ der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Bezeichnend für den bescheidenen Künstler ist eine Randbemerkung im Gespräch mit Dr. Knauer, Interview-Partner und Leiter des Jazzinstituts, beim Anhören einer bekannten Aufnahme der Jazz-Ikone Ella Fitzgerald. „Ich glaube, da habe ich auch mitgespielt“, meinte der Kalifornier schmunzelnd, eine Tatsache herunterspielend, mit der andere hausieren gehen würden.
1962 kam er als Mitglied des berühmten Benny Goodman Orchesters, dem er drei Jahre angehörte, nach Europa und blieb zunächst in Paris „hängen“. Über Kopenhagen und Berlin verschlug es ihn schließlich nach Hamburg, wo er von der experimentierfreudigen NDR-Big-Band angeheuert wurde und dort die nächsten 30 Jahre bis zu seiner Pensionierung verbrachte.
Was bringt einen Kalifornier dazu, seine sonnige Heimat mit dem doch gemischten Klima im Norden Europas zu vertauschen? „Zum einen hatte ich damals die Wahl zwischen Richard Nixon und Helmut Schmidt, zum anderen stammt Flo, meine zweite Frau aus Deutschland und das gab den Ausschlag“, erklärt der charmante Unruheständler. „Und die hierzulande vergleichsweise sichere Position eines guten ,Brillenmusikers‘, der neben dem soliden Handwerk im Saxofonsatz seine eigentliche Begabung in kleineren Gruppen ausspielen konnte“, wäre hinzuzufügen.
Sichtlich inspiriert, mit der abgeklärten Schnörkellosigkeit und Souveränität des Alters, unterhielt Geller dann auf dem Altsaxofon mit seinem Partner Braune am Klavier das Publikum mit swingenden Variationen über Themen aus dem „Great American Songbook“.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Oktober 2001Edel sei der Jazzer, hilfreich und gut
Sozialfall oder sozial: Das Darmstädter Jazzforum sucht die gesellschaftliche Relevanz des Jazz
"Jazz und Gesellschaft": die Geschichte einer wechselvoll gespannten Beziehung zwischen Annahme und Liebesentzug. Dementsprechend ging es den Referenten beim siebten Darmstädter Jazzforum, zweijährlich veranstaltet vom Jazzinstitut Darmstadt, unter der umfassenden Überschrift nicht nur um sozialgeschichtliche Aspekte, sondern stets auch um die Beschreibung des jeweiligen Annäherungsgrades zwischen dem gesellschaftlichen Ganzen und seinem Teilsystem Jazz. Am nächsten beieinander waren sich Jazz und Gesellschaft wohl während der Swing-Ära der dreißiger und vierziger Jahre. Lewis A. Ehrenberg (Chicago) beschrieb den Swing als klangliches Symbol für die offene amerikanische Gesellschaft und angesichts des Zweiten Weltkriegs als die Musik der Antifaschisten. Viele Kritiker und Musiker hätten sich damals öffentlich politisch engagiert, und die eigentlich schwarze Jazzmusik galt nun als ästhetisches Ideal einer modernen, aufgeklärten und dem Individuum zu seinem Selbstverwirklichungsrecht verhelfenden Welt. Europäisch beeinflußter Kammerjazz des Modern Jazz Quartet, so wurde in Darmstadt diskutiert, stelle dem gemeinschaftsbildenden Big Band Swing ein anderes, nämlich auf Intimität hin zielendes, nicht minder gültiges Modernekonzept entgegen. Daß bei den Münchner Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele 1972, so läßt sich weiterdenken, das Kurt-Edelhagen-Orchester ein "Swinging Germany" spielte (Arrangements: Peter Herbolzheimer), stand demnach musikalisch für ein vom Faschismus befreites Deutschland.
Wie steht es um das Jazzpublikum der Gegenwart? So fragte Tobias Richtsteig (Hamburg) in einem Internet-Fragebogen und erhielt nur wenig mehr als vierhundert ausgefüllte Formulare. Eine Schlußfolgerung ließ indes aufhorchen: Zeitgenössischer Jazz mit seinen experimentellen Spielformen würde erst ab einem Alter von dreißig Jahren gehört. Jüngere Fans bevorzugten Mainstream. In den siebziger Jahren, bei einer noch per Hand auf den einschlägigen Festivals durchgeführten Fragebogenaktion, sei es gerade umgekehrt gewesen. Will die heutige Jazz-Jugend "keine Experimente" mehr? Wo bleiben Widerspruchsgeist, jugendliches Ungestüm, die Lust auf neue Erfahrungen? Die verbalen Vermittlungsprobleme zwischen Jazz und Gesellschaft liegen allerdings auf der Hand, wie Wolfgang Sandner, Redakteur dieser Zeitung, in seinem selbstkritischen Referat über die Jazzkritik aus praktischer Perspektive zeigte. Ohne Rückhalt durch eine Partitur muß der Jazzkritiker die "Flüchtigkeit der Improvisation" in Sprache übersetzen und würde dabei zum verbalen Impressionisten, auf den die Musikindustrie ständig Druck ausübe.
Ist der Improvisator auch der immer gute Mensch von nebenan, und wie hoch ist eigentlich heute die soziale Relevanz des Jazz? Peter Niklas Wilson (Hamburg) attestierte einerseits den "Verlust des gesellschaftlichen Kontexts", warnte andererseits jedoch vor einer werkhaften Verfestigung der Improvisation bei allzu großer gegenseitiger Umarmung von Jazz und Gesellschaft, was ersterem den Lebensnerv absterben ließe. So spiegelten die kaleidoskopartig gemischten Referate ebenjene inhaltliche Breite wider, die dem Thema "Jazz und Gesellschaft" innewohnt. Ob die Kontroverse Adorno/Joachim Ernst Behrendt in der Zeitschrift "Merkur" (Christian Broecking, Frankfurt/Berlin) oder die Geschlechterforschung im Jazz (Ursel Schlicht, New York/Kassel), alle Referenten wurden nicht müde zu zeigen, daß Jazz und die Künste für eine Gesellschaft so wichtig sind wie die Wirtschaft, "wenn nicht gar wichtiger" (Sandner).
In den hochkarätig besetzten Konzerten des Jazz-Forums wurde bis in die Arrangements und Improvisationen hinein Jazz gewissermaßen als Gesellschaft im kleinen erfahrbar, wenngleich sich eigentlich kein direkter Bezug zum sozialgeschichtlichen Tagungsthema herstellen ließ. Zufällig an Miles Davis' zehntem Todestag spielte die hr-Big-Band unter Bill Holman dessen Auftragsarrangement "Echoes of Aranjuez" nach dem Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern würde. Aber anders als in Gil Evans' legendärer Bearbeitung des langsamen Mittelsatzes für Davis benutzte Holman alle Themen der drei Sätze als Sprungbretter hinein in die ständig wechselnden Improvisationen.
Wie ein Wirbelwind fegten die Musiker durch die dichte Partitur, tauschten ständig die Rollen und wehten mit brillanter Intonation, immenser Transparenz und starkem rhythmischem Vorwärtsdrang jedes falsche Pathos aus dem elegischen Wechselnotenmotiv des Mittelsatzes vom Pult, bis das Thema im Zentrum des Arrangements in Rodrigos Originalgestalt erklang. Der spieltechnisch überaus virtuose Gastsolist Wycliffe Gordon setzte mit kolibriartiger Notenbrechung in seinen instrumentalen Kapriolen dazu einen stimmungsausgleichenden Kontrapunkt, als habe er einen gordischen Knoten in der Zunge.
Entertainment hatte sich auch das James Moody Quartet vorgenommen, innerlich jedoch mit gefletschten Zähnen. Was als humorige Brechung und Durchmarsch durch das Real Book erklang, war beste Materialerprobung: Wieviel Verfremdung hält ein "Standard" aus, wenn jeder Musiker trotzdem authentisch darüber improvisieren will? Mit wechselnden Instrumenten und einem plastisch, stromlinienförmig in den Raum gestellten Saxophonton gab Moody viele mitreißende Antworten auf die simple Frage. Oberflächlich konfliktreicher gab sich das Antonio Faraò Trio mit seinen rhythmischen Zuspitzungen und klanglichen Ballungen, während das New Jungle Orchestra den Globus drehend auf seiner abwechslungsreichen und überaus musikantischen Reise zwischen tiefschürfendem Cityblues und afrikanisch anmutenden Folklorismen die Geschichte des Jazz furios zum Klingen brachte. (Achim Heidenreich)
Deutschlandfunk, 5. Oktober 20017. Darmstädter Jazzforum "Jazz und Gesellschaft"
Sprecher: "Ich habe gegen den Jazz nicht den Einwand der Wildheit und Anarchie, sondern den der Zahmheit und des Konventionellen erhoben. Nirgends sind in ihm Dissonanzen und Effekte wie die 'dirty notes' funktionell harmoniebildend, sondern stets bloß stimulierende Zusätze zur traditionellen Harmonik. Daher die falschen Töne, bei Schönberg gibt es sie nicht." (Theodor W. Adorno)
Jahrelang hatten wir Ruhe vor dieser Diskussion um die musikalischen Qualitäten improvisierter Musik. Nun tauchen sie wieder auf, die mißverstandenen Argumente und die uninformierte Kritik eines großen deutschen Philosophen. "Jazz und Gesellschaft", das Thema des 7. Darmstädter Jazzforums, spiegelt sich gut in der Diskussion der frühen 50er Jahre, im Schlagabtausch des damals jungen Radiomoderators Joachim Ernst Berendt und des arrivierten Musiksoziologen Theodor W. Adorno. Dessen Text in der Kulturzeitschrift Merkur ging im wesentlichen an den Essentials des Jazz vorbei, doch erzeugte sein vernichtendes Urteil und die hilflose Reaktion der Jazzszene über Jahrzehnte jenen kulturpolitisch anstrengenden Legitimationsdruck, die nicht Nicht-Jazzhörer von der Qualität der improviserten Musik zu überzeugen. Akribisch deckte Christian Broecking beim Jazzforum die Hintergründe dieser Diskussion auf – vor allem den Wunsch der westdeutschen Jazzszene nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Und wie ein roten Faden zog sich diese Frage der frühen 50er Jahre durch die Tagungsbeiträge, verband die unterschiedlichen sozialgeschichtlichen Aspekte des Jazz etwa zu den Themen des Musikjournalismus oder ganz aktuell zu seinem Internetpublikum. Und auf die brillant formulierte, aber ketzerische Feststellung des Hamburger Musikwissenschaftlers Peter Niklas Wilson, ob denn die Autonomie der frei improvisierten Musik, seine Radikalität und Expressivität ein höheres ästhetisches Gut seien als eine vermittelnde Haltung, die die Bedürfnisse heutiger Zuhörer stärker respektiere. Verrat, schallte es da aus allen Ecken, und der darauffolgende Schlagabtausch erinnerte an Diskussionen um das Für und Wider der Rockmusik im Jazz der 70er Jahre.
[Einspielung 10 Sekunden Peter Brötzman, "Machine Gun"]
Kehren wir den mächtigen Klängen dieses Freejazz-Kollektivs den Rücken und wenden uns erneut jener jungen westdeutschen Jazzszene im Nachkriegsdeutschland zu, die wie andere gesellschaftliche Gruppen auch den neuen, den modernen Menschen suchte. Für die Relevanz der kulturpolitischen Diskussion der Bundesrepublik, so der Münchner Historiker Ralf-Peter Fuchs, war jedoch die Ästhetik der improvisierten Musik wenig gefragt, denn die Gesellschaft wandte sich eher traditionellen Werten zu. Ganz anders die zeitgleiche Situation in den Vereinigten Staaten, das Aufbrechen der Rassenschranken innerhalb der amerikanischen Jazzszene. Konkret beschrieb der Chicagoer Jazzforscher Lewis Erenberg die Besetzungspolitik des Benny Goodman Quartetts, später des Sextetts, und die bewußte politisch abgeleitete Überlegung im Umfeld des weißen Klarinettisten, Benny Goodman mit schwarzen Musikern wie Teddy Wilson, Lionel Hampton oder Charlie Chjristian gemeinsam auftreten zu lassen.
[Einspielung: 30 Sekunden Benny Goodman, Live-Mitschnitt aus der Carnegie Hall, 1930er Jahre]
Bleiben wir in New York und wenden uns doch glichzeitig der Jazzszene Hamburgs zu. Die Frauenforscherin Ursel Schlicht ist Wanderin zwischen diesen beiden städtischen Szenen, und ihre aktuelle Analyse beschäftigt sich mit der Minderheit innerhalb der Minderheitenmusik Jazz, mit den Frauen und ihrem Beitrag zur improvisierten Musik. Im Vergleich zu New York scheinen die Vorzüge einer hochsubventionierten Frauenförderung für die Hamburger Szene greifbar, doch stellt sich auch die oft im Jazzleben der Bundesrepublik erfahrende Frage, was geschieht mit dieser Musik, wenn einmal die Subventionen ausbleiben. Ein letzter Aspekt soll die Vielfältigkeit dieses 7. Darmstädter Jazzforums beleuchten, das durch die gesellschaftliche Perspektive einen inhaltlich sehr geschlossenen Eindruck hinterließ. Bei der Vorgängertagung zur Person des Bandleader Duke Ellington fiel dieses Verzahnen der Beiträge längst nicht so konsequent aus wie diesmal. Für seine Internetstudie zum Jazzpublikum griff Thomas Richtsteig auf frühere Arbeiten zum Thema zurück. Und im Vergleich sowie im aktuellen Lichte seiner Analysedaten läßt der Trend zu einem jüngeren Publikum durchaus hoffen. Doch ist der Jazz nicht mehr alleinige stilistische Größe im Geschmack des untersuchten Publikums. Somit läuft auch hier Adornos damaliger Vorwurf vom Resentimenthörer ins Leere. Wozu eine jazz-geschichtliche Tagung nicht alles taugt!
Enden wir mit dem Schlußwrot des Musiksoziologen in der Merkur-Debatte 1953:
Sprecher: "Ich habe kein Vorurteil gegen die Neger, als daß sie von den Weißen durch nichts sich unterscheiden als durch die Farbe." (Theodor W. Adorno)
Ach, wäre Theodor W. Adorno doch in Darmstadt dabeigewesen!
Bernd Hoffmann
Frankfurter Rundschau, 2. Oktober 2001Relaxt und selbstkritisch. Das 7. Darmstädter Jazzforum mit dem New Jungle Orchestra
Der Jazz ist eine ziemlich spezielle Musikart, aber die Reflexion darüber berührt immer wieder allgemeinmusikalische Perspektiven. So war das 7. Darmstädter Jazzforum (veranstaltet vom Jazzinstitut Darmstadt) ein zünftig akademisches Symposium auf hohem Niveau, in seinem relaxten Ablauf aber auch echtes Produkt des Institutsleiters Wolfgang Knauer. Für ihn ist die Beschäftigung mit Jazz eine unverbissene und ganz normale musikwissenschaftliche Tätigkeit.
Wolfgang Sandner hingegen (Musikredakteur der FAZ) diagnostizierte bei der Jazzkritik besondere Probleme und windige Kriterien, die er in seinem Eingangsreferat um die Pole "verbaler Impressionismus" und "wohlmeinende Apologie" gruppierte. Allzu selbstkritisch zieh er sich der letzteren, indem er einem Jazzmusiker (in einer eigenen Rezension) die satztechnischen und kontrapunktischen Finessen Haydns und Mozarts zusprach. Die apologetische Behauptung könnte auf den Versuch hindeuten, die Tonsprache des Jazz und damit die Jazzkritik selbst durch "Klassik"-Vergleiche krampfhaft zu nobilitieren. Solches Buhlen um Prestige, das bei einem frühen Fan wie J.E. Berendt noch plausibel war (er glaubte, seiner Sache optimal zu dienen, indem er den Melodiker Duke Ellington dem Melodiker Schubert gleichstellte), scheint nach 50 Jahren ungebrochener Jazzgeschichte in Deutschland überflüssig. Sandners Selbstbezichtigung wäre auch leicht mit dem Hinweis zu entkräften, dass Apologie sich allenfalls rechtfertigt, wenn sie der Begeisterung entspringt. Pure Nüchternheit überträgt sich schlecht. Und, selbstverständlich, ist's beim Jazz noch schwerer als bei sonstiger Musik, ganz nüchtern zu bleiben.
Schwerer wog Sandners Bekenntnis zu einer den kommerziellen Anmutungen gegenüber unerbittlich spröden Wahrnehmung redaktioneller Befugnisse an einer großen, unabhängigen Tageszeitung. Am Beispiel des Rummels um den deutschen Tonträgerstart der isländischen Popsängerin Björk demonstrierte er, wie ein öffentliches Ereignis, das die Medien eigentlich nur widerspiegeln sollten, von ihnen erst hergestellt wird - auf Geheiß der Firma und ihres Werbe-Bombardements, dem sich, vom Spiegel bis zur Provinzzeitung, kein publizistisches Organ entzog - außer eben der FAZ und ihren eigensinnigen Musikredakteuren, die sich Importanz nicht vom Kommerz diktieren lassen wollen. Souverän nehmen sie auch den Vorwurf hin, den Zeitgeist zu verschlafen.
Jazz und Gesellschaft hieß das Generalthema des Symposiums, und mehrere Beiträge galten empirischen Untersuchungen der Szene. Tobias Richtsteig informierte über eine von ihm lancierte Internet-Befragung deutscher Jazzinteressenten, auf die 433 Rückmeldungen kamen. Ein (mit Vorsicht interpretierbares) Ergebnis war hier die Vorliebe jüngerer Hörer für Mainstream und Traditionell Jazz, während die modernen Richtungen ein älteres Publikum anziehen, das mit dieser Musik "altert". Wolfgang Knauers Bestandsaufnahme der Jazzveranstalter im wiedervereinigten Deutschland markierte immer noch gravierende institutionelle Defizite in den neuen Bundesländern.
Weiter zurück in die Vergangenheit gingen Vorträge über die deutsche Jazzrezeption 1948 bis 1952 (Ralf-Peter Fuchs) und über die Adorno/Berendt-Kontroverse im Merkur 1953 (Christian Broecking), Stationen eines "Kulturkampfs", der (wie auch die argumentativ t(r)ickhafte Jazz-Aversion Adornos) mittlerweile antiquiert anmutet. Das Abendland ließ sich durch Exorzieren des Jazz nicht retten. Einen aktuellen Blick auf ein Randphänomen warf Peter Niklas Wilson, der über die "soziale Irrelevanz der improvisierten Musik" nachdachte und verständnisvoll-skeptisch eine Aktivität beschrieb, die (als Speerspitze musikalischer Unmittelbarkeit und Geistesgegenwart) unter Eingeweihten höchste Sympathie genießt, in einer auf Event und Perfektion gelenkten Veranstaltungskultur aber schlechte Karten hat.
Die in Deutschland und Amerika forschende Musikologin Ursel Schlicht spannte den Bogen zur feministischen Betrachtungsweise und kontrastierte Musikerinnenprofile aus Hamburg und New York, wobei sich eine institutionelle Überlegenheit der deutschen Situation abzeichnete - in den USA sind weibliche "Netzwerke" ungleich stärker auf privates Engagement und das mühsame Glück von Sponsoren-Zuwendungen angewiesen. Reinen Frauenjazz sieht Schlicht eher pragmatisch als Durchgang zu einer allgemeinen Partiziation an der "Szene", und Anmerkungen zu einer spezifisch weiblichen Jazz-Ästhetik bleiben so behutsam, dass weder vorschnelle Emphase noch Ideologieverdacht daran anknüpfen können. Der Terror in den USA schmälerte den Kongress um etliche Teilnehmer , die sich nicht zum Flug nach Deutschland entschließen mochten.
Mit glücklicher Hand programmierte das Jazzinstitut parallel zur Tagung einige Konzerte in Darmstadt, darunter einen Auftritt der erfolgreichen hr-Bigband. Große Neugier weckte Pierre Dörges New Jungle Orchestra, das einen brillanten Roundup durch die Jazzstile präsentierte. Zehn Spieler, hochvirtuos und berstend vor Vitalität: der ekstatische Schlagzeuger Martin Anderson mit seinem "Markenzeichen", den weggeschleuderten und doch immer wieder geheimnisvoll neu anwesenden Holzschlegeln; sein Drummer-Kollege Ayi Solomon aus Ghana, der auch einen schamanenhaften Tänzer und Alleinunterhalter abgibt; die enflammierten Bläser Kaspar Tranberg, Maj-Berit Gvassora, Kenneth Agerholm, Jakob Mygind und Morton Carlsen; der zu mobiler Klangwucht motivierte Thommy Anderson am Bass; die vielseitige Irene Becker an den Tasteninstrumenten; schließlich der Leader selbst, der an seiner E-Gitarre die exquisitesten Harmonien vorgibt und zudem das anarchische Getümmel mit gezielten Gesten zu atemberaubend präzisen Tutti-"Treffpunkten" diszipliniert. So vergnüglich, spannend und an Überraschungen voll kann Jazz sein. (Hans-Klaus Jungheinrich)
Darmstädter Echo, 28. August 2001:Kühle Drinks zu heißen Rhythmen. Uli Partheils Trio „Playtime“ spielt kubanische Folklore vor dem Jazzinstitut
(hdv). Zu den Jazzmusikern, die immer wieder über den Tellerrand hinausblicken, gehört der Darmstädter Pianist Uli Partheil, der mit seinem Trio „Playtime“ am späten Sonntagnachmittag während der Freiluftkonzertreihe „Jagdhof Musigg“ im Jagdhofareal vor dem Jazzinstitut auftrat.
Besonders angetan haben es ihm und seinen Mannen latein-amerikanische Einflüsse, insbesondere die kubanische Folklore. Doch nicht erst seit dem großen Erfolg des „Buena Vista Social Club“ haben sich die Musiker von „Playtime“ mit kubanischen Melodien und Rhythmen beschäftigt. Sie haben beim Studium der Jazzgeschichte entdeckt, welch wichtigen Einfluss diese Elemente schon Mitte des letzten Jahrhunderts auf den Jazz ausgeübt hatten. Damals brachte der Bebop-Pionier Dizzy Gillespie den Percussionisten Chano Pozo aus Kuba mit in die Metropole New York, wo dieser mit polyrhythmischem Spiel verblüffte, und entwickelte daraus den „Cubop“.
Diesem Spannungsmoment trug „Playtime“ Rechnung, indem Schlagzeuger Holger Nesweda durch den Perkussionisten Tom Nicholas Verstärkung erhielt. Die beiden ergänzen sich fabelhaft: während Nesweda den unbeirrbaren Grundrhythmus lieferte, konnte Nicholas auf den Bongos die Klangpalette erweitern oder seine solistische Fingerfertigkeit unter Beweis stellen. Zusammen mit dem Kontrabassisten Udo Brenner bilden sie ein homogenes Fundament. Prächtige Bedingungen für den Pianisten Partheil, um phantasievolle Improvisationen darüber zu legen. Begonnen hatte er das Konzert mit dem Standard „Autumn Leaves“ – Herbstblätter, die sich manch einer im zahlreichen Publikum in Anbetracht der tropischen Hitze schon herbeisehnte. Dennoch ließ es sich bei kühlen Drinks unter Schatten spendenden Platanen gut aushalten, als die Musiker einen Hauch von Kuba nach Bessungen brachten. Hierzu steuerten auch die Gäste Elisabeth Gleichauf (Violine) und Daniel Guggenheim (Tenorsaxofon und Querflöte) ihren Anteil bei, indem sie sich vorbildlich integrierten, ohne ihre Identität zu leugnen. Während Gleichauf ihrer Geige wohlklingende Melodiebögen entlockte, verlieh Guggenheim der Mixtur Würze, indem er seine charakteristischen Bebop-Phrasen durch den Platanenhof schallen ließ.
Mit „Take the Coltrane“, einer fetzig-jazzigen Komposition von Duke Ellington, verabschiedete sich „Playtime“ effektvoll.
Darmstädter Echo, 11. Juli 2001Notizen von den „10. Darmstädter Jazz Conceptions“
Mit über 60 Teilnehmern weisen die „10. Darmstädter Jazz Conceptions“ im Jubiläumsjahr Rekordbeteiligung auf. Dieser Ferien-Workshop hat sich zu einem festen Bestandteil der Musikszene entwickelt und bietet gleichermaßen interessierten Amateuren wie angehenden Profis eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit professionellen Musikern. Veranstaltet vom Trägerverein Bessunger Knabenschule gemeinsam mit dem Jazzinstitut Darmstadt und geleitet vom Initiator, dem hessischen Jazzpreisträger Jürgen Wuchner, werden in dieser Woche sieben Dozenten mit den Teilnehmern in Gruppenworkshops Stücke erarbeiten und allgemeine Kriterien des kollektiven Musizierens entwickeln.
Bei den Dozenten handelt es sich um arrivierte Vertreter ihrer Richtung, die jedoch zusätzlich über jene pädagogische Begabung verfügen, den Weg zum schöpferischen Gestalten aufzuzeigen. Dies gelingt bei improvisierter Musik am ehesten in der Praxis und – unter verschärften Bedingungen – bei den abendlichen Musikertreffs in Darmstädter Spielstätten.
Die Eröffnungs-Session am Montagabend im Keller unterm Achteckigen Haus hatte längst vor dem ausgeschriebenen Beginn eingesetzt, ein Zeichen für die Ungeduld der Teilnehmer, die den musikalischen Begegnungen entgegenfiebern. Zunächst übte sich ein Quintett in soulig-groovenden Themen, dann trat überraschend ein Ensemble von acht Musikern auf, das ein am selben Tag unter der Leitung des Dozenten Christopher Dell konzipiertes Werk uraufführte. Die öffentliche Wiederholung steht beim Teilnehmerkonzert am kommenden Freitag (13.) auf dem Programm.
Schließlich hielt es einen weiteren Dozenten, den Schlagzeuger Janusz Stefanski, nicht länger auf dem Platz und er übernahm die Regie auf der mittlerweile überfüllten Bühne. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten die Besucher die ungemein dichte Trommelarbeit des aus Polen stammenden Veteranen, mit der er seine jungen Spielkameraden zu solistischen Höchstleistungen anspornte. Ein spannender, viel versprechender Auftakt der „Darmstädter Jazz Conceptions“. (Hans-Dieter Vötter)
Darmstädter Echo, 11. Juli 2001Ausstellung "Jazzaspekte" in Darmstadt
Mit der Gründung des Darmstädter Jazzinstituts vor fast elf Jahren hat die Stadt eine weitsichtige Investition unternommen: Das Haus hat sich mittlerweile international als wichtiges Informations- und Dokumentationszentrum etabliert. Die Ausstellung „Jazzaspekte“, die am Montagabend in der Foyer-Galerie des Kulturamtes im Stadthaus III eröffnet wurde, soll Einblick in die Arbeit des Instituts geben. Aus der Fülle des vorhandenen Materials zeigt die Schau Fotos, die Jazzgeschichte dokumentieren, angereichert durch Kommentare der Größen des Jazz,seltene Fachliteratur und ausgewählte Exponate, die die Arbeit des Instituts dokumentieren.
Da Musik nicht ausstellbar ist, aber untrennbar dazu gehört, gab es zum Abschluss der Eröffnung einen musikalischen Programmpunkt mit einem Solo des jungen Schlagzeugers Jörg Fischer. Mit einfachen Mitteln erzeugt er ebenso originelle wie wohlstrukturiert-dynamische Klangeffekte, weit jenseits der schweißtreibenden Kraftakte, für die das Instrument gemeinhin steht. Anhaltender Beifall belohnte den bescheidenen Künstler für seine abwechslungsreiche Demonstration virtuoser Perkussionstechnik. (hdv)
Die Darmstädter Ausstellung „Jazzaspekte“ ist bis 31. August in der Foyer-Galerie des Kulturamtes im Stadthaus III (Frankfurter Straße 71) zu sehen.
Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2001Ferne Freiheit - John Tchicai mit Quartett
Ein "Veteran" des modernen Jazz zu Gast im Jazzinstitut: Man weiß nicht so recht, ob man diese Ankündigung verlockend finden soll, stellt man sich darunter (dem Duden folgend) einen altgedienten Teilnehmer an einem früheren Feldzug oder gar einen im Dienst alt gewordenen, bewährten Mann vor. Spritzigkeit verheißt das nicht, und die momentan verbreitete Begeisterung für ältere Männer an Instrumenten, aus Kuba und anderswo, hat einen auch nie so recht angesteckt.
So gestimmt betritt man das Kellergewölbe des Darmstädter Jazzinstituts und sieht sich vier Herren gemischten Alters gegenüber - einem relativ jugendlichen Gilbert Matthews am Schlagzeug, Südafrikaner aus Schweden, unter anderem Mitspieler Abdullah Ibrahims; Vitold Rek, "mittelalter" Kontrabassist aus Polen, international renommiert; und dann den beiden, denen man das Veteranentum noch am ehesten abnehmen könnte: Karl Berger und John Tchicai. Die "deutsche Jazzlegende" Karl Berger an Piano und Vibraphon, der dänische Amerikaner John Tchicai, in den sechziger Jahren maßgeblich an der "October Revolution" des Freejazz beteiligt, am Sax.
Mit dem Feldzug lag man also gar nicht so verkehrt. Eine internationale Truppe, in der unterschiedliche Personalstile zunächst kein aufeinander abgestimmtes Ganzes bildeten: Bodenständig im Positiven, am Boden klebend im Negativen spielte man sich durch die ersten Nummern. Melancholische Töne des gestrichenen Kontrabasses verbanden sich mit konventionellen Harmonien des Pianos, das Saxophon blieb ganz für sich, die Drums hielten sich vornehm zurück.
War es Ironie, war es Hommage? Das Publikum war unschlüssig, als Karl Berger am Vibraphon in Altherrenpose Akkorde suchend eine Nummer des Buena Vista Social Club anstimmte und dasQuartett diese Nummer besinnlich ausklingen ließ. Berger, ein Protagonist der sogenannten Weltmusik, könnte es ernst gemeint haben...
Auf jeden Fall war es nun soweit, dass man sich aus dem Keller heraus zu schönen Aussichten aufschwang - der Drive nahm zu, Karl Berger am Vibraphon steigerte sich von Nummer zu Nummer, was Anschlagskultur und Virtuosität anbelangt, und die Integration der Instrumente schritt voran. Tchicais recht kurzphrasiges Spiel gewann an Eleganz, Gilbert Matthews Schlagzeug profilierte sich immer mehr und Vitold Reks Bass blieb durchgehend die interessanteste Farbe des Abends, gezupft oder gestrichen bestechend durch melodischen Einfallsreichtum und rhythmische Solidität. Karibisches, Blues, Swingelemente und viel Harmonie ließen die Freejazz-Vergangenheit Tchicais in weiter Ferne liegen.
Der zweite Set blieb bodenständig im positiven Sinne - schöne Aussichten für den "Jazz im Palmengarten" in Frankfurt, der am 5. Juli eine weitere Station innerhalb der kleinen Tournee dieses Quartetts sein wird. (Ulrike Voidel)
Darmstädter Echo, 25. Juni 2001:In aller Welt zu Hause
Was John Tchicai am Freitag mit seinem Quartett im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts zeigte, könnte man als Chronologie des Jazz und seiner Entwicklung verstehen – mit so vielen wichtigen Musikern hat er schon zusammengespielt. Obwohl der als Altsaxofonist bekannt gewordene John Tchicai seit geraumer Zeit fast ausschließlich Tenorsaxofon bläst und melodische, klar konturierte Linien mit spirituellem Inhalt bevorzugt, präsentiert er in Darmstadt auch Phrasen, die unzusammenhängend erscheinen, kürzelhaft sind, eher aufrauen denn glätten.
Beginnend mit der liedhaften Komposition „Nameless Child“ seines Pianisten und Vibraphonisten Karl Bergers, zeigt Tchicai sogleich seine Ambivalenz zwischen Melodie und Struktur: Seine Hornstöße gleichen Dampfentladungen, die von Vitold Reks gestrichenem Bass sowie Gilbert Matthews eher melodischem Schlagzeug postwendend geglättet werden.
Auch das Programm nach der Pause verrät die perfekte Abstimmunginnerhalb des Quartetts, dessen Vorliebe die tanzbaren Stücke bleiben. Die Aufbruchstimmung dieser Musiker ist allenthalben zu spüren. Wie sie Rhythmen aus aller Welt aufnehmen, verrät, dass sie überall zu Hause sind. (Ulfert Goeman)
Darmstädter Echo, 9. Juni 2001:Atemberaubende Collage. Ekkehard Jost mit der "Transalpin-Express-Band" beim Jazz-Talk
(hdv). Obwohl gleich mehrere Falschmeldungen die pünktliche Ankunft des "Transalpin-Express" im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut gefährdeten, fuhr er sicher und fahrplanmäßig ein. Der Gießener Komponist und Baritonsaxophonist Ekkehard Jost bringt in seiner "Transalpin-Express-Band" seit einigen Jahren Musiker die beiderseits der Alpen zu Hause sind, in wecshelnden Besetzungen zum Musizieren zusammen.
Zusätzlich zur lustvollen Interpretation origineller Themen war man beim "Jazz Talk" gespannt auf verbale Erläuterungen zum musikalischen Konzept und Anmerkungen zur Choreographie der Präsentation. Der Gießener Professor Jost erwies sich im Gespräch mit Wolfram Knauer, dem Leiter des Jazzinstituts, als ebenso unorthodoxer Plauderer wie bei der Interaktion mit seinen fünf musikalischen Partnern.
Interessanterweise nennt Jost, der im vergangenen Jahr mit dem hessischen Jazzpreis ausgezeichnet wurde, seine Kompositionen "stilistisch unsauber". Darunter versteht er jenes Gemenge aus kontrastierenden Einflüssen, das er abhängig vom Ensemble und den Interpreten zusammenrührt. So kommt es bei einem Werk wie "Alarm" exemplarisch zu einer atemberaubenden Collage aus Trauermarsch, rasendem Bebop und italienischer Folklore.
Getränkt von kollektiven Dissonanzen wechseln die Stimmungen abrupt, lassen dazwischen den einzelnen Solisten enorme Freiheiten. Spürbares Vergnügen bereiten den Protagonisten kurze, heftige Tutti, denen als Höhepunkt eine pantominische Parodie auf entfesselte Orchesterdirgienten folgt. Jost liebt an seinen italienischen Partnern (Sebastiano Tramontana, Pusane und Pasquale Innarela, Horn) die für dieses Land sprichwörtliche Melodienseligkeit. Er hält allerdings das Prädigkat "imaginäre Folklore" für unzutreffend, ohne selbst einen besseren Begriff dafür zu formulieren.
Bei mehreren Jazzfestivals in Italien, insbesondere dem programmatischen "Contraindicazione" (Gegenanzeige) in Apulien, fanden die ersten Begegnungen statt, die zur Formation des "Transalpin-Express" führten. Da der Trompeter krankheitsbedingt den Zug verpasste, sprang der Posaunist Detlf Landeck kurzfristig für ihn ein, verblüffend durch scheinbar nahtloses Selbstverständnis, als sei er ein fester Bestandteil der Gruppe. Das Sextett wird vervollständigt durch den Österreicher Ewald Oberleitner am Kontrabass und den aus den USA stammenden Schlagzeuger Joe Bonica. Die beiden brachten mit einem ungemein spannenden Duett, im Stile eines zeitgenössischen "Big Noise from Winnetka", das fachkundige Publikum zum Staunen. -- So unterhaltsam kann Musik sein, die eigentlich unter das Etikett des oft Naserümpfen hervorrufenden "Free Jazz" gehört.
[In einer e-mail vom 16. Juni 2001 ans Jazzinstitut legt Mario Schiano, Gründer des "Controindicazioni"-Festivals, Wert auf die Feststellung, das dieses Festival tatsächlich in Rom stattfindet, nicht in Apulien -- dort gibt es zwei Festivals in Noci und Ruvo di Puglia, die eine Art Ableger des römischen Festivals sind. Wir korrigieren dieses gern.]
Ekkehard Jost und die "Transalpin Express Band" im Jazzinstitut (7. Juni 2001)![]()
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Ralph Sutton und das International Trio im Jazzinstitut (8. April 2001)

Die Mitte namens „Underkarl“. Jazzquartett aus Köln wird im Gewölbekeller stürmisch gefeiert
(hdv). Es ist eine Binsenweisheit, dass man nicht vermisst, was man nicht kennt. Für die stürmisch applaudierende Zuhörerschaft im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut bestätigte sich das eindrucksvoll. Da die Gruppe „Underkarl“ in Darmstadt noch nicht aufgetreten war, fiel das Fehlen eines Drumsets nicht auf. Noch weniger bei der Performance des zum Quartett geschrumpften Quintetts, dessen Schlagzeuger krankheitsbedingt die erste Station der Frühjahrstournee nicht wahrnehmen konnte.
Da war trotzdem alles vorhanden, was „Underkarl“, das seit 1993 bestehende Kölner Ensemble, ausmacht: Kraftvoll und verspielt, witzig und virtuos nehmen die jungen Protagonisten die Jazzgeschichte auseinander, garnieren einen Fundus bekannter Themen mit noch bekannteren aus Klassik oder Pop. Das Gebräu wird mit Esprit und Vitalität gemixt und dargeboten von Nils Wogram an der Posaune, Lömsch Lehmann (Tenorsaxofon und Klarinette), Sebastian Gramss (Kontrabass) und dem E-Gitarristen Frank Wingold, der auch den so genannten „Noisetable“ bedient. Hierbei handelt es sich um einen klassischen Plattenspieler, den er im DJ-Stil bedient und der mit rückwärts gestretchten Klängen ungewöhnliche Impulse an seine Mitspieler abgibt. Die haben sich inzwischen an Fragmenten des Bebop versucht, aber schnell Richtung und Form geändert. Während Gramss den Groove bereitstellt, üben Wogram und Lehmann den rasanten „Säbeltanz“, schauen in Bartóks „Mikrokosmos“, streuen etwas Frank Zappa darüber und enden bei Bachs „Goldberg Variationen“. Oder sie schrubben durch Les Browns Hitversion von „How high the Moon“ genauso amüsant-kreativ wie durch das träumerisch fantastische Nachtstück aus „L’histoire du Soldat“, das schon Strawinsky zum Bruch mit den etablierten Genres diente.
Die Standards aus den diversen Musikwelten dienen aber lediglich als Sprungbrett zur freien Improvisation, als Fallschirm beim musikalischen Freiflug mit unbekanntem Landungsziel. Dazu bedarf es Talenten wie dem 1972 geborenen Nils Wogram, mehrfacher Jazzpreisträger und „neue Posaunenstimme Europas“, wie es in einer Laudatio hieß, oder Lömsch Lehmann, der besonders auf der Klarinette mit Überblasakrobatik brillierte.
Ungemein vielschichtig sind die Stilrepertoires und Spielerfahrungen der vier Individuen, die sich in einer Mitte namens „Underkarl“ treffen. Die Frage, wie das Programm wohl abläuft, wenn der Schlagzeuger dabei ist, kann der Förderverein Jazz durch erneute Einladung des munteren Quintetts leicht beantworten.
Darmstädter Echo, 19. März 2001:
Nach schwerer Krankheit startet Pianist Joe Haider einen Neubeginn
(hdv). Ein Darmstädter sei er nicht, meint der polyglotte Musiker, Klubmanager und Plattenproduzent Joe Haider. Dennoch steht neben dem Geburtsjahr 1936 in seinen Papieren Darmstadt als der Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Eher zufällig, denn der Haider-Clan zog damals ohne festen Wohnsitz durch die Lande, der Vater verdiente den Unterhalt als Pianist, die wachsende Familie immer dabei.
Beim „Jazz Talk“ mit dem Tastenmann am Freitagabend im Gewölbekeller unterm Jazzinstitut hatte Moderator Wolfram Knauer wenig zu tun, um seinem Gesprächspartner jede Menge an Information zu entlocken. Manche Protagonisten können oder wollen nicht über ihre Entwicklung oder Stilistik berichten, lassen die Musik für sich sprechen. Anders Haider: Geschichten erzählen ist seine Leidenschaft, der er sich verbal oder am Piano voll hingibt.
Mit seinem neu formierten Trio hat er nach langwieriger Krankheit einen Neubeginn als aktiver Musiker gewagt und will wieder entdecken, was sich im Laufe der Jahre zunehmend verlor: die Frische, die alte Lust, die Schönheit und den Humor. Mit seinen jungen Spielkameraden Giorgos Antoniu (Kontrabass) und Daniel Aebi (Schlagzeug) ist er jetzt noch einmal voll durchgestartet und erhält plötzlich mehr Anerkennung denn je.
Joe Haider führt dies teilweise darauf zurück, dass er sich häufig durch sein Benehmen selbst im Wege stand und seine künstlerischen Möglichkeiten nie richtig ausgeschöpft hat. Mit der Komposition „Grandfather’s Garden“, dem prachtvollen Garten seines Großvaters gewidmet, weist er den Weg, der ihn weiterführt – enorm swingender Mainstream-Jazz, mal fetzig, mal bedächtig, mit der Reife des Alters vorgetragen, unaufdringlich und dennoch eindrucksvoll. „Ich habe wieder echten Bock“, sagt der schwäbische Kosmopolit, und versichert: „Es wächst neues Leben aus den Ruinen.“
Eine lebensbedrohliche Infektionskrankheit hatte ihn vollends aus der Bahn geworfen, nachdem er von einem künstlerisch extrem enttäuschenden Aufenthalt in Amerika in seine Wahlheimat Schweiz zurückgekehrt war. Zuvor hatte er die Blütezeit des Jazz in der Metropole München als Hauspianist im legendären „Jazzclub domicile“ miterlebt und als Manager mitgestaltet.
Doch die aufkommende Rockwelle zu Ungunsten des Jazz zwang ihn immer häufiger zum Ausweichen und Suchen nach Nischen. Nach Aufenthalten in Österreich und Frankreich blieb „das kräftige Mannsbild mit der sensitiven Pianistik“, wie ihn ein Rezensent kürzlich charakterisierte, in der Schweiz hängen und leitete viele Jahre die „Swiss Jazz School“ in Bern. Daneben gründete er, anfangs eher aus Trotz gegen die etablierten Plattenfirmen, sein eigenes Plattenlabel, das sich nachhaltig der Förderung weitgehend unbekannter Talente widmet.
Nun aber greift Joe Haider wieder öfter selber in die Tasten und erfreut mit seinem interaktiven Trio eine wachsende Anhängerschar. Seine kauzig vorgetragenen Anekdoten enthüllen einen originellen Menschen, der versucht, beim Verfassen seiner Memoiren auch schriftstellerisch Erfolg zu haben.