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Jazzbrief aus Darmstadt
Jazzletter from Darmstadt

August 2008


"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.

"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.


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Anmerkungen zum Jazz im "Dritten Reich"
Ausgrenzung, Verfolgung, Anpassung

Immer wieder erhalten wir Anfragen zu Komponisten und Arrangeure, deren Werke im Nationalsozialismus verboten wurden, oder zu Musikern, die im Nazi-Deutschland verfolgt wurden oder das Land gar verlassen wurden. Hier ein paar Anmerkungen zum Thema, die unsere Praktikantin Sara Barth bei der Bearbeitung einer konkreten solchen Anfrage zusammenstellte.

Musiker in Deutschland

Als 1935 der Jazz im deutschen Rundfunk untersagt und von deutschen Bühnen verbannt wurde, bedeutete dies nicht das Ende der von den Nazis als "undeutsch" verfemten Musik. (Mehr zum Thema Jazz zur Zeit des Nationalsozialismus im Jazzbrief August 2007).

Auf die Musiker, die während des Nationalsozialismus in Deutschland blieben, hier Tanzmusik machten oder gar die Positionen ihrer jüdischen Vorgänger einnahmen, wollen wir hier nicht näher eingehen. Zu den bedeutenden Tanzmusikern bzw. Orchesterleitern dieser Jahre zählten z.B. Eduard Künneke, Franz Grothe, Erhard Bauschke, der das James-Kok-Orchester nach dessen Emigration 1935 weiterleitete, Julian Fuhs und Mitja Nikischum, um nur einige zu nennen.

Das Schicksal jüdischer Musiker in Deutschland

Bereits 1933 wurden Musiker und Orchesterleiter aufgrund ihrer jüdischen Konfession im Rahmen des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Dienst entfernt. Ohne eine spezielle "Lizenzkarte" konnte niemand ins "Reichskartell der deutschen Musikerschaft" aufgenommen werden. Diese Hürde bedeutete quasi ein Auftrittsverbot und betraf insbesondere auch dem Jazz verbundene Musiker wie Harry Frommermann, Rudi Grünauer, Baskini, Alfred Beres, Ben Berlin, Dajos Bela, Rene Dumont, Norbert Faconi, Rudolf Forst, Julian Fuhs, Adolf Ginsburg, Paul Godwin, Harry Jackson, Friedrich Karck, Geza Komor, Jack Pressburg, Hans Schindler, Hermann von Stachow, Eddie Walis und Marek Weber.

Etliche Musiker flohen daraufhin in die Niederlande, so zum Beispiel Rudolf Nelson, der in Amsterdam das Kaberett "La Geute" gründete, oder der Geiger und Bandleader Paul Godwin, der mit dem Pianisten Ben Silbermann ein erfolgreiches Tanzorchester in Holland ins Leben rief. Allerdings war das Nachbarland oftmals nur eine Zwischenstation vor der Überfahrt nach Amerika, so etwa für Dajos Bela, der als Geiger und Sänger in den 1920er und 1930er Jahren ein erfolgreiches Tanzorchester in Berlin geleitet hatte, oder für Efim Schachmeister, der sich ebenfalls als Geiger und Bandleader einen Namen gemacht hatte. Beide emigrierten später nach Südamerika.

Auch die siebenköpfige Jazzband des Pianisten (später Schlagzeugers) Stefan Weintraub, die "Weintraub Syncopators" (siehe Foto), die als erste deutsche Jazzband an einem Spielfilm beteiligt gewesen war ("Der blaue Engel' von Josef von Sternberg, 1929/30), ging 1933 ins Exil, da sie überwiegend aus jüdischen Musikern bestand.

Die "Ghetto Swingers"

Viele andere jüdische Musiker allerdings wurden von den Nazis verhaftet und in Konzentrationslager verbracht, in denen sich dabei ein angesichts derer eigentlichen Zwecken befremdliches musikalisches Leben entwickelte. So gründeten Musiker in den Konzentrationslagern von Buchenwald und Theresienstadt auch Jazzbands. Die Band "Rhythmus" wirkte in Buchenwald dabei eher im Verborgenen; die "Ghetto Swingers" in Theresienstadt hatten dagegen eine offizielle Genehmigung. Allerdings war die Stellung des Konzentrationslagers Theresienstadt ohnehin eine besondere. Theresienstadt war ein sogenanntes "Vorzeigelager", das der Öffentlichkeit demonstrieren sollte, dass die Juden trotz ihrer Gefangenschaft Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. "The Ghetto Swingers" waren damit Teil des von der Lagerleitung genehmigten "Unterhaltungsangebots". Sie wurden auch in den Propagandafilm "Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet" von 1944 miteinbezogen, der zeigen sollte, welche angeblichen Freiheiten die Juden in den Lagern hatten. Mitglieder der "Ghetto Swingers" waren unter anderem der Klarinettist und Saxophonist Fritz Weiss, der Posaunist Fritz Taussig, der Trompeter Erich Vogel, der Gitarrist Fritz Goldschmidt und der Gitarrist Coco Schumann, der in der Band das Schlagzeug besetzte. Leiter der Band war der Pianist und Arrangeur Martin Roman, der auch einige Zeit bei den "Weintraub Syncopators" gespielt hatte. Das Repertoire bestand aus den amerikanischen Swingtiteln der Zeit.

Das Repertoire von Tanzorchestern im "Dritten Reich"

Welche Musik aber spielte man auf den öffentlichen Bühnen im Deutschen Reich? Gab es damals eigenständige Kompositionen, die sich stilistisch an den amerikanischen Jazzstil anlehnten? Es gibt Berichte von Musikern in Tanzkapellen, die ohne Furcht auf das amerikanische und englische Swing-Repertoire zurückgriffen, dabei aber die Namen der Komponisten und Textgeber von den Notenblättern entfernten und die Stücke mit Phantasie-Titeln versahen, um den Anordnungen der Reichsmusikkammer gerecht zu werden, die "nicht-deutsche" Musik verbot. Auch die Arrangements wurden geglättet, so dass nie der Eindruck aufkommen konnte, diese Musik sei zu "heiß" und damit den musikalischen Normen der Nazis nicht gerecht. Mit solchen Mitteln umgingen sie den Gängeleien und Verboten der Reichsmusikkammer.

In den Tanzorchestern von Teddy Stauffer, Eric Borchard, James Kok, Oscar Joost, Eugen Wolff oder Heinz Wehner auf der anderen Seite erklang Musik, das die braveren Nummern des anglo-amerikanischen Repertoires übernahm (oft mit deutschen Titeln versehen) oder eigene deutsche Titel im selben Stil interpretierte. Dieser orientierte sich an Vorbildern wie beispielsweise dem populären amerikanischen Casa Loma Orchestra, zeigte sich aber musikalisch und insbesondere in den Solopartien deutlich geglättet und angepasst an ein auch in den Fachzeitschriften der 1930er Jahre diskutiertes Ideal "Neuer Deutscher Tanzmusik".

[Autorin: Sara Barth]

Auswahl an weiterführender Literatur:

  • Guido Fackler: Jazz im KZ, in: Wolfram Knauer (Hg.): Jazz in Deutschland, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Bd4, Hofheim 1996 (Wolke Verlag)
  • Horst H. Lange: Jazz in Deutschland, Hildesheim 1996 (Olms Presse)
  • Bernd Polster (Hg.): Swing Heil - Jazz im Nationalsozialismus, Berlin 1989 (TRANSIT)
  • Klaus Wolbert (Hg.): That's Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1988 (Ausstellungskatalog)
  • Jürgen Wölfer: Jazz in Deutschland-Das Lexikon, Höfen 2008 (Hannibal)
  • Mike Zwerin: La tristesse de Saint Louis - Swing under the Nazis, London 1985 (Quartet Books)

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