Jazzbrief aus New York
Jazzletter from New YorkApril 2008
"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.
"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.
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April in New York (anstatt eines Tagebuchs)
Darmstädter Echo vom 15. April 2008
Diese Stadt ist ein großes Archiv
Anruf in New York: Der Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts ist Louis-Armstrong-Professor der Columbia UniversityECHO: Guten Morgen, Herr Knauer. Das Darmstädter Jazz-Institut ist so aktiv wie eh und je. Man merkt gar nicht, dass der Chef nicht da ist.
Wolfram Knauer: Ja, die Kollegen arbeiten sehr selbstständig. Und über Telefon und E-Mail kann ich ja auch mitarbeiten, so gut das geht. Die Aktivitäten in Darmstadt lassen jedenfalls nicht nach, und in der nächsten Woche ist das gesamte Institut zu Gast bei der Messe Jazzahead in Bremen. Wir sind dort Mitveranstalter des German Jazz Meeting.
ECHO: Während Sie in Harlem arbeiten, gewissermaßen an der Wiege des New Yorker Jazz.
Knauer: Die Columbia University hat vor acht Jahren das Center for Jazz Studies eingerichtet. Das ist ein interdisziplänerer Studiengang, die Studenten in meinem Seminar sind nicht nur Musikwissenschaftler. Es ist auch mal ein Journalist dabei, ein Religionswissenschaftler oder ein Philosoph. Die Gastprofessoren sollen eine andere Sicht auf den Jazz einbringen, es geht darum, dem globalen Jazzverständnis näherzukommen.
ECHO: Ein Deutscher soll den Amerikanern den Jazz erklären?
Knauer: Ich beschäftige mich in meinen Vorlesungen mit der europäischen Jazz-Szene. Es ist wohl die erste Veranstaltung dieser Art an einer amerikanischen Universität. Das Interesse ist groß, und die Diskussionen mit den Teilnehmern sehr lebhaft. Außerdem habe ich ein paar Veranstaltungen organisiert, die gut ankamen, etwa nach dem Vorbild der Darmstädter Jazz-Talks. Wir hatten ein Podiumsgespräch, in dem ich mit Gunter Hampel über die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Jazz-Szene gesprochen habe, es gab eine spannende Veranstaltung, an der unter anderem der Sänger Michael Schiefel und der Darmstädter Vibraphonist Christopher Dell teilgenommen haben. Wir haben darüber gesprochen, wie unterschiedliche biografische Prägungen die musikalische Ästhetik beeinflussen.
ECHO: Die Gastprofessur ist nach Louis Armstrong benannt. Ist das eine besondere Auszeichnung?
Knauer: Aber ja. Das ist ein wunderbarer Titel, wie ein Nobelpreis der Jazzforschung. Ich bin zudem der erste Nichtamerikaner, der diese Professur innehat.
ECHO: Lässt Ihnen die Tätigkeit auch Zeit für Forschung? Gibt es Quellen und Archive, die Sie nutzen können?
Knauer: New York selbst ist das große Archiv, weil man viele Menschen trifft, die mit dieser Musik zu tun haben. Eine der wichtigsten Aufgaben in der Stadt ist das Networking. Menschen zu treffen, zu sehen, was sie machen, und wie Aktivitäten sich vielleicht verbinden könnten. Man kommt von einem zum nächsten Gesprächspartner. Was Archive angeht, ist Deutschland ja auch sehr gut bestückt. Nicht zuletzt durch das Archiv in Darmstadt, das auch von vielen Gästen aus den USA genutzt wird.
ECHO: Werden Sie diese Kontakte auch nach Ihrer Rückkehr in Darmstadt nutzen können?
Knauer: Es gab auch zuvor schon enge Kontakte. Aber wenn man sich ein paar Mal sehen lässt, ist das doch etwas anderes. Ich bin in den USA in verschiedenen Beratergremien, unter anderem im Black Music Research Center in Chicago, oder in Herausgebergremien der Zeitschrift Jazz Perspectives oder verschiedener wissenschaftlicher Publikationen. Man kennt Darmstadt. Das Jazz-Institut gilt sogar als Vorbild für ein Jazz-Zentrum, das die Columbia University in Harlem gründen will – wie in Darmstadt soll es sowohl der Forschung dienen als auch in die Stadt hineinwirken. Ich spüre das Interesse auch an den vielen Lunchterminen. Zwei oder drei Mal in der Woche verabrede ich mich zum Mittagessen. Die New Yorker versuchen, ein bisschen Privatleben zu bewahren. Wenn sie sich beruflich treffen, dann mittags oder höchstens am frühen Abend. Wir arbeiten in Darmstadt an einem Buch über Jazz in Europa, und jetzt hatte ich Gelegenheit, mit möglichen Verlegern zu sprechen. Und neulich habe ich mit Rachel Goodman zu Mittag gegessen, der Tochter Benny Goodmans.
ECHO: Was gibt es in der New Yorker Jazz-Szene zu erleben?
Knauer: Eine Menge natürlich. Es gibt viele Clubs zwischen heruntergekommen und luxuriös, die gut besucht sind, es kommen viele Touristen. Die Szene ist lebendig, man kann viel hören, es gibt eine Menge Jam Sessions. Ich frage mich manchmal, wie die Musiker davon leben können. Dabei sind die Eintrittspreise ziemlich hoch. Mit Eintritt und einem oder zwei Minimum-Drinks ist man schnell bei fünfzig, sechzig Dollar. Und anders als in Europa geht man nur für einen Set in den Club. Beim zweiten Set muss man wieder löhnen.
ECHO: Gibt es ein Publikum für den Avantgarde-Jazz?
Knauer: Es gibt eine Avantgarde-Szene, aber die hat es ungeheuer schwer. Das betrifft sowohl das Publikum als auch die Spielorte. Die Clubs können sich die hohen Lokalmieten in Manhattan nicht leisten, mit experimentellem Jazz spielt man die Miete nicht ein. Es gibt in ganz New York gerade mal drei Spielorte, an denen regelmäßig experimentelle Musik gemacht wird. Einer davon läuft nur deshalb, weil der Saxofonist John Zorn
für die Miete aufkommt.ECHO: Sieht die Situation in Europa da nicht freundlicher aus?
Knauer: Ich denke schon, dass musikalisch derzeit mehr passiert in Europa. Vor allem aber sind die Spielmöglichkeiten besser, und auch das Interesse eines breiteren Publikums ist da.
ECHO: Was haben Sie in den verbleibenden Wochen Ihres USA-Aufenthaltes bis Mitte Mai noch vor?
Knauer: Ich werde noch etwas reisen, halte einen Vortrag in Boston, und ich will mir in Washington D.C. einige nationale Archive anschauen. Wenn ich Leute auf solche Archive verweise, ist es gut, wenn man sie selbst einmal gesehen hat. Die Library of Congress besitzt eine große Jazz-Sammlung, und am Smithsonian Institute liegt der Nachlass von Duke Ellington. Da möchte ich wenigstens einmal einen Blick darauf werfen.
(Interview: Johannes Breckner, Darmstädter Echo)
